Wolfram Ackner / 05.12.2016 / 06:15 / Foto: Wing-Chi Poon / 6 / Seite ausdrucken

Mord an Klaus-Michael

Klaus Michael wurde fast auf den Tag genau heute vor 27 Jahren ermordet. In einer Zeit, als die DDR nach jenen machtvollen Leipziger Montagsdemonstrationen schon aufgehört hatte, in ihrer alten Form zu existieren. Er starb in jener wilden Epoche nach dem 9. November 1989, die mit dem Beitritt der DDR zum Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990 endete.

Klaus-Michael wurde vor meinen Augen, in unserer Wohnung in der Kantstraße 5, kaltblütig und vorsätzlich getötet. Von jemandem, den er liebte und dem er vertraute. 27 unendlich lange Jahre lastet sein Tod jetzt schon auf meiner Seele; 27 Jahre, in denen ich meinen Kummer und meine Fassungslosigkeit in mich hineinfraß. Denn ich hätte diesen Mord verhindern können, wenn ich die Zeichen erkannt und richtig gedeutet hätte. Doch jetzt, da seine Mörderin ebenfalls tot ist, will ich nicht länger schweigen. Michael wurde nur 3 Jahre alt, und diese wahre Geschichte soll an ihn erinnern.

Ich bekam Klaus-Michael von einem Irokesenpunk namens Kralle geschenkt. Niemand würde sich heute nach einem Irokesenpunk umdrehen, aber zu DDR-Zeiten war ein Iro noch ein echter Aufreger. Ich hatte in jenen Tagen einen älteren Kollegen, der noch Ende der 70er Jahre von der Polizei verprügelt und zwangsweise dem Friseur zugeführt wurde, weil er Bluejeans trug und nackenlange Haare hatte. Ein anderer Kollege saß fünf Jahre im ‚Gelben Elend‘ in Bautzen, weil er im Suff öffentlich aus einer DDR-Flagge das Emblem – Hammer, Zirkel und Ährenkranz – herausgeschnitten hat. 1988 wurde ich schon mit meinen langen Haaren scheel angesehen, aber einen Iro zu tragen erforderte wirklich Mut.

Natürlich hieß Klaus-Michael, damals, als er noch Kralles Ratte war, nicht Klaus-Michael, sondern vermutlich ‚Hass‘, ‚Staatsfeind‘, ‚Scheißsystem‘, oder wie auch immer Punks ihre Ratten zu nennen pflegen. 27 Jahre sind eine Menge Zeit, um Dinge zu vergessen, wichtige wie unwichtige, und mir fällt Klaus-Michaels alter Name einfach nicht mehr ein. Ich erinnere mich nur daran, dass er sehr nach linksradikaler Punkfolklore klang … und das schrie geradezu nach einem Namenswechsel, schließlich hatte ich als Jungmetaller grade Bands wie Venom, Bathory und Death für mich entdeckt.  Und das lange bevor die dazugehörige Schubladenkennzeichnung ‚Death Metal‘ dafür gebräuchlich wurde. Wir Metaller verachteten die Punkfolklore, genauso wie wir die Hippiefolklore, die Popperfolklore, die Hiphopperfolklore und natürlich die Gruftifolklore verachteten, denn eines stand ja außer Zweifel: nur Metallerfolklore – Schwarzleder, bemalte Jeanskutten, Nietenarmbänder, umgedrehte Kreuze – war echter Jugendfasching.

Shitfucking und Bonecrushing waren als Name eher ungeeignet

Vermutlich hat nur der Umstand, dass ich damals noch bei meiner Mutter wohnte, Klaus-Michael vor einer Umbennung in ‚Satanic Slaughter Cunt‘, ‚Cruel Tormentor‘ oder ähnlichem Metalschwachsinn bewahrt, den wir damals ‚urst fetzig‘ fanden … ‚urst fetzig‘, so haben wir damals wirklich geredet. Denn da ich für die regelmäßige Pflege und Fütterung von Klaus-Michael die Arbeitskraft meiner Mutter fest eingeplant hatte – schließlich war ich den ganzen Tag mit weitaus wichtigeren Dingen wie zum Beispiel Bier trinken und Metal hören oder Biertrinken und Metal hören beschäftigt – brauchte ich natürlich auch einen Namen, der mütterliche Gefühle weckt, und Shitfucking Bonecrushing Braineater, zum Beispiel, war zu diesem Zweck eher ungeeignet.

Eigentlich war Klaus-Michael auch gar keine richtige Ratte, sondern ein Degu, eine chilenische Trugratte. Auf den ersten Blick sah er wie eine Ratte aus, die Größe des Körpers und die Farbe des Fells waren eindeutig rattig, aber da chilenische Trugratten zur Familie der Chinchillas gehören, hatte er statt einer spitzen Rattenschnauze eine süße runde Schnute und er ernährte sich im Gegensatz zu echten Ratten vegetarisch.

Und genau das war auch der Grund, warum sich Kralle von Klaus-Michael trennte, oder vielmehr trennen musste, wollte er in Punkerkreisen sein Gesicht wahren. In jeder Subkultur gibt es schließlich diese Jungs, die irgendwann, eines schönen Morgens - also meist so gegen 15 Uhr - aufwachen und sich plötzlich aus Ermangelung anderer Aufgaben für eine Art Szenepapst halten. Und dabei hat sie eigentlich nie jemand darum gebeten. Nie gab es ein Konklave. Nie stieg weißer Rauch über der Sixtinischen Kapelle auf. Nie hat jemand den Wunsch geäußert, dass sie sich ständig auf die Kanzel stellen und tausendmal den immerselben langweiligen Szenekram predigen.

Wer zur Szene gehört und wer nicht zur Szene gehört … wie man die Szene definiert und konjugiert und dekliniert und durchtariert … wie man die Feinde der Szene erkennt und wohin der Weg der Szene zu führen hat und dieser doofe Szenequark und jener doofe Szenequark und laber Rhabarber.

Sobald Klaus-Michael irgendwo eine Kippe rumliegen sah, stürzte er sich darauf

Und so gab es eben damals auch in der Leipziger Punkerszene einen jener quasireligiösen Eiferer und Klaus-Michael, diese kleine chilenische Trugratte, wurde für ‚UNTRUE‘ befunden, das härteste, vernichtendste aller Urteile – und kam dadurch in meinen Besitz. Man konnte auf den ersten Blick erkennen, dass Klaus-Michael eine Sozialisierung in Punkerkreisen genossen hatte, denn er hatte eine merkwürdige Angewohnheit – er war ein begeisterter Raucher. Sobald Klaus-Michael irgendwo eine Kippe rumliegen sah, stürzte er sich darauf und steckte sich die Fluppe in den Mund. Wenn wir einen unserer Pokerabende hatten, bepissten wir uns immer vor Lachen, wenn mein Degu zum Aschenbecher rannte, sobald einer von uns mal seine Zigarette ablegen musste, sich die brennende Kippe mopste und dann hinter eine Qualmwolke verschwand. Irgendwie warteten wir immer darauf, dass Klaus-Michael, dieses abgezockte Pokerface mit der brennenden Lunte in der Nagerschnauze, gleich mit großer Geste all seine Erdnüsse in die Tischmitte schiebt und dabei ‚ALL IN‘ piepst.

Monate voller bierseliger Wochenenden in der ‘Völkerfreundschaft’, unserer Grünauer Stammdisco, oder bei Konzerten mit Argus, der ersten ostdeutschen Thrash Metal Band, gingen ins Land … in unser Land, dass es mittlerweile nicht mehr gibt. Die ‚Deutsche Demokratische Republik‘ – oder vielmehr in die ‚Deutsche Kratsche Republik‘, wie unser Honi zur allgemeinen Belustigung immer mit seiner hohen Fiepselstimme in die Kameras nuschelte. Zum Beispiel, wenn er mal wieder sein Lieblingsgedicht rezitierte, auf das er so stolz war, weil er es sich selbst ausgedacht hatte … jawollja, ist ihm ganz allein eingefallen … wahrscheinlich in langen langen Nächten, ganz allein mit einem Blatt Papier und einem Bleistift in der Dichterhand: „Bei uns in der Deutschen Kratschen Republik pflegt man zu sagen: ‚Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf'“.

Hier irrte unser lieber Erich/der Weg zur Einsicht war beschwerlich/selbst die Genossen Ochs und Esel/flohen kurz darauf nach Wesel. Und genauso war es. Im eisernen Vorhang klaffte im Sommer '89 plötzlich ein Riesenloch, die Ungarn machten das Tor nach Österreich sperrangelweit auf. Zu Tausenden flohen unsere Leute über Österreich nach Westdeutschland. Nur kurze Zeit später die Bilder von Tausenden Flüchtlingen, die sich in Prag über hohe schmiedeeiserne Zäune auf das Gelände der Deutschen Botschaft flüchteten. Unvergessen Genschers Auftritt auf dem Balkon der Prager Botschaft.

Unvergessen für mich der verriegelte und verrammelte Sonderzug, der diese Flüchtlinge schließlich quer durch die DDR in den goldenen Westen, das vermeintlich gelobte Land, brachte, begleitet von ersten gewalttätigen Demonstrationen in Dresden. Unvergessen, wie die Tschechen das Loch im eisernen Vorhang erweiterten, in dem sie im Herbst 1989 ebenfalls ihre Grenzen nach Bayern öffneten. Unvergessen die Gerüchte jener Wochen, dass unsere Staatsführung die gesamte DDR-Grenze abriegeln will, um diese Massenflucht, diese Abstimmung mit den Füßen, zu unterbinden. Unvergessen die Flucht unserer Mutter, die sich in diesen Tagen entschied, in ihren Trabi zu steigen, und, solange dies noch möglich war, ebenfalls über Tschechien nach Ludwigshafen zu flüchten. Zu ihrem zweiten Mann Bringfried, der schon 1987 von einer Besuchsreise nicht zurückkam. Und vor allem unvergessen meine letzte Begegnung mit dem Trabi meiner Mutter.

Tja, DDR-Schnaps und Death Metal, da wird jedes Hirn weich

Heute kann man sich vieles gar nicht mehr vorstellen. Selbst bei mir, der ich damals alles bewusst mit eigenen Augen sah, sind viele Sachen nur noch vage, abstrakte Erinnerungen. Heute stehe ich auf dem Fockeberg und sehe all die neugedeckten Dächer, all die blitzenden Fassaden, den klaren Himmel, und kann mich nur noch mühsam an denselben Winteranblick von vor 20 Jahren erinnern. An die verfallenen Häuser und Dächer, an die unzähligen Rauchsäulen, die von den Schornsteinen der Dächer den Kohlenrauch in dünnen Fäden nach oben stiegen ließen. An die graue Dunstglocke über der Stadt, die an Smogtagen jedes Himmelsblau fernhielt … Industrienebel, so wurde in der "Leipziger Volkszeitung" dieser Smog euphemistisch genannt. An die knatternden, stinkenden Zweitaktmotoren, die ihre Fahrer über holpriges Kopfsteinpflaster beförderten. An die rabenschwarze, stinkende Pleiße, auf deren Oberfläche weißer Schaum tanzte.

Und an die Männer, die jeden Sonntag zu hunderten in abgewetzten Trainingshosen (die so weit heruntergezogen waren, dass man schon den Ansatz der Arschspalte erkennen konnte) mit zwei Eimern Wasser auf den Bürgersteigen standen und liebevoll ihre Trabis, Ladas und Dacias schrubbten, auf die sie zuvor von der Bestellung bis zur Zuteilung im Durchschnitt 15 Jahre warten mussten … ich glaube, Osteuropa war der einzige Erdteil, wo man für einen guten, relativ neuen Gebrauchtwagen das zwei- bis dreifache des Neupreises bezahlen musste.

Und Auto waschen gehörte als … naja, irgendwie Mann des Hauses … zu meinen Obliegenheiten, ob ich wollte oder nicht. Und dabei hatte ich immer soviel Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel Bier trinken und Metal hören oder Bier trinken und Metal hören. Aber meine Mutter war da, an diesem ihrem vorläufig letzten Sonntag in Leipzig, wie alle Frauen. Verschlossen gegen jedes rationale Denken. Regelrecht verstockt.

Dass ich erst früh um vier stinkbesoffen ins Nest gefallen bin … dass ich verkatert bin und mich in der Nacht schon dreimal übergeben musste … dass ich immer noch am ganzen Körper zittere, Hammerkopfschmerzen habe und es ja gerade mal um zwölf ist … sie kannte einfach keine Gnade. So bin ich dann mit meinen beiden Wassereimern auf die Straße getorkelt und fing an zu putzen, wienern, polieren, ehe mir nach sehr, sehr langer Zeit endlich einfiel, das der Trabi meiner Mutter weiß ist, nicht blau, und dass ich offensichtlich in meiner Verwirrung das erste Auto gewaschen hatte, das vor der Haustür stand. Tja, DDR-Schnaps und Death Metal, da wird jedes Hirn weich. Wie ihr seht, war ich ein wirklich sehr sehr merkwürdiger Junge, vermutlich bin ich das immer noch.

Und dann war Mama weg. Ist einfach losgetuckert, hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu ihren Kindern und ihrer Angst, dass es vielleicht nur noch eine Frage von Tagen ist, bis sich die DDR endgültig in einen Knast verwandelt. Und da wir groß waren, oder zumindest fühlten, sagten wir: Geh'. Jetzt fing das frohe Jugendleben an. Was für eine schöne Zeit. Freiheit pur. Jetzt hatten wir vier, meine Schwester Trixi, unser Cockerdackel Nelly, Klaus-Michael und ich, eine unglaublich coole 6-Zimmer Altbauwohnung für uns allein. Party! Nonstop!

"Katholisch-alkoholische Jugendgruppe Plagwitz"

An den geraden Tagen feierte ich mit mit meinen verpeilten Krawalltüten, an den ungeraden Tagen feierte meine Schwester mit ihren Kumpels von der römisch-katholischen Jugendgruppe Plagwitz … die wir aufgrund ihrer Trinkfestigkeit anerkennend in ‚katholisch-alkoholische Jugendgruppe Plagwitz‘ umtauften. Meine Fresse, konnten diese hirschbeuteltragenden Zottelschlumpies saufen! Das hat uns soviel Respekt eingeflößt, dass wir großzügig darüber hinwegschauten, dass sie das Kreuz immer verkehrt herum trugen.

Auf der anderen Seite vermissten wir Mama sehr. Unglaublich, wie schnell so eine riesige Wohnung komplett verdrecken kann. Und noch unglaublicher, wie schnell ein Kühlschrank, den man all die Jahre nur brechend voll kannte, einem ein schallendes: „ER, ER, ER“ zurückechot, wenn man mit vor Enttäuschung rotgeweinten Augen „HUNGER“ reinschreit. Wir hatten in all den Jahren unsere Mutter immer nur als Diktator, Spaßbremse und Vorschriftenerstellerin empfunden und sie nie als das gesehen, was sie in Wahrheit war … eine liebevolle Dienerin, die uns die Mäuler gestopft und Taschengeld zugeschoben hat, mit unendlicher Geduld unsere Launen ertrug und uns tröstete, wenn uns unsere Teenagerprobleme mal wieder die Luft zum Atmen nahm. Aber jetzt war es zu spät, wir waren auf uns allein gestellt.

Ohne Mama verwilderte ich zusehends. Ich war stolz wie Bolle auf meinen zerfetzten Grindcore-Pennerlook, welcher inzwischen die Lederkluft ersetzte, war beim internen "Höher-Schneller-Härter"-Wettbewerb der damals noch winzigen Leipziger Metalszene mittlerweile bei Napalm Death, Brutal Glöckel Terror, Terrorizer und ähnlichen Unsäglichkeiten angekommen (und schrie immer noch: „zu weich, zu langsam“) und unter meinem Einfluss entschied sich Klaus-Michael, dass es auch für ihn endlich Zeit wird, die Kinderphase hinter sich zu lassen und genau wie ich zum echten Pubertier zu werden.

Ich konnte ihn einfach nicht mehr in seinem trockengelegten Aquarium halten. Ein gewaltiger Sprung, und er hing oben, hangelte sich wie Lara Croft an der Scheibe entlang, machte irgendwann einen Klimmzug, ließ sich über den Rand einen halben Meter in die Tiefe fallen und flitzte in der Wohnung herum. Versteckte sich hinter den Schränken. Zernagte jedes Fitzelchen Holz, dass ihm unter die Winzkrallen kam. Ich ließ ihn gewähren, weil ich immer wusste, wie ich ihn wieder einfangen konnte – einfach eine Zigarette vor den Schrank legen, hinter dem grade die lauten Nagegeräusche ertönten, und er kam lammfromm vor und ließ sich greifen, solange man nicht versuchte, ihm die Zigarette aus dem Mund zu ziehen. Ich schwöre, dass ich die Wahrheit erzähle!

Ja, dichtes, buschiges Schamhaar, dass trugen wir damals noch alle

Klaus Michael und ich sahen uns tagsüber kaum noch, nur zum Schlafen kam er noch zu mir. Meistens war ich schon eingeschlafen, lag einfach schlaff und glücklich betrunken auf meiner auf dem Boden liegenden Matratze, bis ich dadurch wach wurde, dass er mir über meinen nackten Bauch trippelte und sich ein Nest baute, in das er sich zum Schlafen hineinkuschelte. In meiner langen Matte. In die Haare meiner Achselhöhle. Manchmal versuchte er sich sogar eine Höhle in mein dichtes, langes Schamhaar zu bauen. Ja, dichtes, buschiges Schamhaar, dass trugen wir damals noch alle. Dass ist nicht vergleichbar mit heute, wo ich bei Google als Suchbegriff "freaky Sex" eingeben muss, wenn ich mal wieder eine behaarte Muschi sehen will.

Ich empfand immer ein Gefühl von Wärme und Geborgenheit, wenn ich nach Hause kam und schon von Weitem auf dem Balkon unserer Wohnung meine Familie erblickte. Meine Schwester Trixi, mit der unvermeidlichen Kippe im Mund, zu ihren Füßen unser Cockerdackel Nelly und zu Nellys Füßen Klaus-Michael – ebenfalls oft genug mit der unvermeidlichen Kippe im Mund. Es war ein sehr schönes Bild, wie Nelly und Klaus-Michael, Hund und Degu, immer in trauter Zweisamkeit auf dem Balkon standen und durch die Gitterstäbe das Leben unten auf der Straße betrachteten.

Die Freundschaft zwischen dem Hund und dem Degu bekam einen ersten tiefen Riss, als sich Klaus-Michael entschloss, in die Küche zu ziehen und sich dort hinter dem Kohleofen, auf dem wir kochten, häuslich einzurichten. Denn Nellys Futternapf befand sich direkt neben dem Ofen, und noch bevor Nelly zu ihrem Futter kam, machte sich Klaus-Michael über das Fleisch her. Offenbar war ihm seine Vergangenheit als Körnerfresser richtig peinlich, so gierig, wie er sich immer auf Nellys Essen stürzte. So hockten die beiden immer zusammen am Fleischnapf. Die knurrende Nelly, die versuchte, Klaus-Michael mit der Schnauze beiseite zu schieben, und mein Degu, das unbeeindruckt einfach weiter mampfte.

Eines schönen Tages platzte Nelly der Kragen. Sie trat Klaus-Michael auf seinen langen Schwanz, damit er nicht flüchten konnte, und schleckte ihn genüsslich von oben bis unten ab, legte ihn so richtig in schleimigen Schmodder ein, wie um zu symbolisieren: „Watch out, boy, or your flesh will turn into meat.“ An dieser Stelle hätte ich eingreifen müssen, aber ich war zu sehr mit Lachen beschäftigt und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Klaus-Michael richtete sich auf seine Hinterbeine auf und nahm Nellys schwarze, feuchtglänzende Knubbelnase in seine beide Vorderpfoten. Einen Moment verharrten die beiden Tiere, es sah fast aus wie eine zärtliche, innige Umarmung – und dann schlug Klaus-Michael seine Zähne in Nellys hochempfindliche Nase. Von diesem Moment an herrschte Feindschaft zwischen beiden Tieren, ein gegenseitiges sich belauern und beargwöhnen.

Mann, haben die Vopos hingelangt, ich bin geflitzt wie ein Hase

Das Leben außerhalb unserer vier Wände drehte sich immer schneller. Am Samstag, dem 7. Oktober, dem Tag der Republik, jagten uns die Volkspolizisten mit gezückten Knüppeln durch die Innenstadt, weil bei einer nichtgenehmigten Demonstration unerhörte Sachen skandiert wurden, Sprüche wie: „Gorbi, Gorbi!“ oder der berühmte Satz der Kommunistin Rosa Luxenburg: „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden.“

Mann, haben die Vopos hingelangt, ich bin geflitzt wie ein Hase. In den folgenden zwei Tagen summte die Stadt vor lauter Gerüchten, die in den Kneipen, in den Betrieben, in den Wohnungen halblaut weitergegeben wurden. Dass sich die Staatsführung entschlossen hat, mit Waffengewalt die nächste Montagsdemonstration niederzuschlagen. Dass scharfe Munition an die Bereitschaftspolizei verteilt wurde, dass Armee-Einheiten rings um Leipzig zusammengezogen wurden. Dass die Panzer der Sowjetarmee aus ihrer Grünauer Kaserne ausrücken würden. Dass die Krankenhäuser der Stadt mit Blutkonserven und Leichensäcken beliefert wurden. Wir hatten Angst und trotzdem gingen wir am Montag hin, meine Metallbrüder und ich, zusammen mit schätzungsweise 70.000 anderen Menschen … und einem kettenrauchenden, fleischfressendem Degu, das in meiner Jackentasche saß und neugierig herauslugte.

Da hatte die Staatsmacht keine Kosten und Mühen gescheut, Tausende Polizisten und Kampftruppen-Angehörige auf die Straße zu bringen. Unzählige Wasserwerfer, Truppentransporter, gepanzerte Fahrzeuge verstopften die Straßen der Innenstadt. Seit Tagen waren die Bürger der psychologischen Kriegsführung dieses repressiven Staates ausgesetzt – und statt 2.000 Demonstranten wie am 7. Oktober standen am 9. Oktober plötzlich 70.000 Menschen auf der Straße. Zu viele, viel zu viele für die befürchtete "chinesische Lösung". Nie wieder in meinem Leben habe ich mich so stolz und so ergriffen gefühlt wie an jenem Tag, als 70.000 in Unmündigkeit und Unfreiheit gehaltene Menschen plötzlich aufstanden und "Wir sind das Volk!" rufend um den Ring zogen.

Dass wir alle an jenem Abend eine Lawine losgetreten hatten, bemerkten wir sehr schnell, denn Westreporter hatten es geschafft, heimlich zu drehen und diese Aufnahmen aus der DDR hinauszuschmuggeln, von wo die Bilder dieser legendären Leipziger Montagsdemo ihren Weg rund um den Globus antraten. Es war, als ob plötzlich ein Panzer der Angst von den Menschen abgefallen sei. Bei der nächsten Montagsdemo waren es schon 100.000 Teilnehmer, bei der übernächsten 120.000, und irgendwann im Januar stand der Bodycount bei 200.000 bis 300.000 Teilnehmern. Nur der Ton hatte sich zu meinem Leidwesen geändert. Statt "Wir sind das Volk" wurde plötzlich "Deutschland einig Vaterland" skandiert.

Die "Spiesser" nahmen uns unsere Demo aus der Hand

Das erboste mich dermaßen, dass ich ab sofort jeden Montag bei der Gegendemo der Leipziger Anarchos mitlief, einer Handvoll Leute aus dem Umkreis des Mockauer Kellers und des Conne Island, die einfach nur stumm mit ihren Plakaten gegen den Zug der Hunderttausend anliefen und dafür übel beschimpft wurden. Damals war ich blind vor Wut über all die "Spießer", die uns – als es nicht mehr gefährlich war – unsere eigene Demo aus der Hand nahmen, von unseren Idealen und unseren Gesellschaftsentwürfen nichts wissen wollten und alles auf D-Mark, D-Mark und Helmut, Helmut reduzierten. Heute bin ich heilfroh, wie es damals lief. Wenn es nach Leuten wie uns gegangen wäre, würden wir vermutlich immer noch an Runden Tischen herumsitzen und über den 3. Weg debattieren, während ringsherum alles in Trümmer fällt. Und mitten in diese weltgeschichtlich bedeutenden Ereignisse hinein schlug eine private Katastrophe zu, die mich traf und die für mich das Thema Wiedervereinigung sekundär werden ließ.

Es war ein relativ mildes Wochenende. Klaus-Michael und ich befanden uns zum Rauchen auf dem Balkon. Klaus-Michael stand an seinem Stammplatz, direkt am Geländer, und beobachtete die Leute unten auf der Straße, als sich Nelly zu uns gesellte und sich hinter ihm aufbaute, so wie sie es immer getan hatte. Wie eine große Freundin, die Wärme, Schutz und Schatten spendet. Nelly beugte ihren Kopf, rieb ihre Nase an Klaus-Michael – und mit einer plötzlichen, ruckartigen Bewegung stieß sie ihn über die Brüstung, in die Tiefe hinab. Ich konnte nur noch mit Tränen in den Augen hinterherschauen, wie er dort unten lag, ein kleiner Fleck Soljanka, mitten auf dem Bürgersteig.

Klaus-Michael, diese Zeilen sind für Dich, zu deinem 27. Todestag. Du warst das coolste Haustier, das ich jemals hatte, und so ein fleischfressendes, kettenrauchendes, aufmüpfiges Degu wie Dich wird die Welt nie wieder sehen. Eines Tages werden wir uns wieder treffen, in Walhalla, und werden eine Karo miteinander rauchen. Bis zu diesem Tag, mein Lieber, ich freue mich auf Dich. Du warst ein urst fetziges Tier!

Leserpost (6)
Sabine Ehrke / 05.12.2016

Danke für diese wunderbaren Worte…  eine gerührte Ex-Hippiefolklore in Jesuslatschen, selbstgemachten Marunkenwein schlürfend, deren Welli Jacki in der wertvollen, ausgelutschten Kokosnuss zu ‘The night they drove old Dixie down’ gezupft auf der, mit dem Aufkleber ‘Schwerter zu Flugscharen’ bestücken Klampfe schlummern durfte. Beinahe riecht es wie damals… draußen… zwischen den Bürgersteigen.

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