Gastautor / 08.10.2017 / 10:26 / Foto: Mickey Bohnacker / 6 / Seite ausdrucken

CSU: Die Geschichte der Bettvorleger

Von Erik Lommatzsch.

Fremdworte sind Glückssache. Historische Vergleiche leider auch. Unangenehm, wenn man die eigene Geschichte nur wenig kennt. Zu vernehmen ist, dass Horst Seehofer den „Druck“ auf die CDU erhöht habe, indem er vor einigen Tagen bezüglich der bevorstehenden Koalitionsverhandlungen „die schwierigsten Gespräche seit Kreuth“ ankündigte.

Mittels des „Kreuther Trennungsbeschlusses“ (benannt nach dem Ort der Abstimmung, dem idyllischen Wildbad Kreuth) war vor über 40 Jahren die Entscheidung der CSU-Landesgruppe gefallen, die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag aufzulösen. Dabei handelte sich es sozusagen um den „Bayernplan“ von 1976. Laut tönen, bis hin zur markigen Beleidigung – um sich dann doch, nahezu ergebnislos, kleinlaut wieder in die Reihe zu stellen, aus der man gerade einmal verbal ausgeschert war. Immerhin gibt so etwas Schlagzeilen.

Am 19. November 1976 hatte die Landesgruppe für die Trennung votiert, mit 30 von 50 Stimmen, immerhin mit satter Mehrheit. Indirekt war dies auch das Startsignal für eine bundesweite Ausdehnung der CSU. Der CDU-Bundesvorsitzende Helmut Kohl, der bei der Bundestagswahl noch wenige Wochen zuvor für die Union nur knapp die absolute Mehrheit verfehlt hatte, reagierte umgehend und verständlicherweise gereizt, war die Presse doch sogar noch vor ihm über diese Vorgänge informiert worden.

"Zwerge im Westentaschenformat"

Offizielle Begründung für die Trennung war vor allem der Vorwurf, die CDU unterstütze zu stark die Deutschland- und Außenpolitik (ja, das wurde damals peinlichst unterschieden) der SPD-FDP-Regierung unter Bundeskanzler Schmidt. Ansonsten handelte es sich nicht zuletzt um einen persönlichen Krieg von Franz Josef Strauß gegen Kohl. Diesem, so der CSU-Vorsitzende, „fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen… einfach alles“. Die Charakterisierungen „Zwerge im Westentaschenformat“ oder „Reclamausgaben von Politikern“ waren anderen CDU-Mitgliedern zugedacht.

Das Ende des Spuks, sofern er überhaupt als real wahrgenommen wurde, war bereits kaum zwei Wochen nach dem „Trennungsbeschluss“ in Sicht. Wohl vor allem dessen logische Konsequenz – die Etablierung der CDU in Bayern – veranlasste die CSU, ohnehin etwas zitterig bezüglich der eigenen Courage, mit der CDU über die Fortsetzung der Fraktionsgemeinschaft zu verhandeln. Das Weihnachtsmarktwürstchen konnten sich die Unionspolitiker, vielleicht abgesehen von Strauß, dann schon wieder ganz in Ruhe schmecken lassen. Ergebnis des 12. Dezember endgültig beigelegten Streits: Die CSU durfte sich gegenüber der CDU jetzt im Notfall etwas lauter äußern. In der geneigten Geschichtsschreibung kann man diese hier etwas stark zusammengefassten Beschlüsse natürlich bayernfreundlicher formulieren. Mit dem Satz „Ruhet wohl, es hat nicht sollen sein.“, beendete der damalige CSU-Landesgruppenchef und nachmalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann das Kapitel „Der Geist von Kreuth“, welches den Auftakt seiner Memoiren bildet.

Das Bundestagswahlergebnis des Kanzleramtsaspiranten Strauß, der sich für 1980 die Unions-Spitzenkandidatur ertrotzte, fiel hinter dasjenige Kohls von 1976 zurück. Strauß konnte die Bundespolitik bis an sein Lebensende nur noch von Bayern aus beeinflussen, gelegentlich geäußerte anderweitige Amtsansprüche liefen ins Leere. Bundeskanzler wurde 1982 schließlich der laut Strauß völlig voraussetzungsfreie Kohl, und zwar für die folgenden 16 Jahre.

„Druck“ ausüben mit dem Verweis auf eine solche Geschichte? Sollte darüber im Arbeitszimmer der derzeitigen, bleibenwollenden Kanzlerin herzlich gelacht worden sein, dann war der Anlass dazu in diesen –  ansonsten in jeder möglichen Bedeutung des Wortes trüben –  Tagen ein würdiger.

Erik Lommatzsch ist Historiker und lebt in Leipzig.

Foto: Mickey Bohnacker via Wikimedia Commons

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Leserpost (6)
Karla Kuhn / 08.10.2017

Herr Seehofer fährt leider einen Achterbahnkurs. Für mich ist er nicht mehr tragbar und er würde sich selber einen Gefallen tun, wenn er abtreten würde.  Warum klammern sich manche Politiker, wie auch Frau Merkel an ihre Posten obwohl das Wahlvolk deutlich gezeigt hat, daß ihnen wenig oder kein Vertrauen mehr entgegengebracht wird ?? Ich würde lieber meinen Hut nehmen, statt wie bei Honecker ihn hinterher geworfen zu bekommen. Sind Bodenhaftung und Realitätssinn so geschrumpft während der Regierungszeit ?? Ich freue mich über berühmte Schauspieler, die auf dem Höhepunkt ihrer Karriere abtreten. Sie behält man gerne in guter Erinnerung.

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