Burkhard Müller-Ullrich / 29.06.2016 / 17:06 / Foto: EveryPicture / 1 / Seite ausdrucken

„Ende der Durchsage“ - Der Politiker als Bahnhofvorsteher

Die Durchsage ist ein Erzeugnis des Lautsprechers. Wer eine Durchsage macht, greift zum Mikrofon und läßt seine Stimme so verstärken, daß es für die anderen kein Weghören mehr gibt. Eine Durchsage durchdringt alles: die Luft, den Raum, den Lärm und die fremden Gedanken. Das Durchsagen hat deshalb oft etwas Gewaltsames und Notfallmäßiges, es klingt nach Blaulicht und Alarmsirene. Durchsagen müssen knapp sein, auf Höflichkeiten darf verzichtet werden. Durchsagen erfolgen im Befehlston, auch wenn es sich bloß um eine Mitteilung handelt. Oder andersherum: eine Information im Durchsagemodus bekommt Befehlscharakter.

Außerdem funktioniert die Durchsage stets nur in einer Richtung. Ob im Stadion oder im Tram, im Einkaufzentrum oder im Bahnhof – es wird nicht erwartet, daß die Hörenden Antwort geben. Durchsagen sind keine Einladungen zum Diskutieren, sondern folgen einem herrschaftlichen Kommunikationsmodell: der Chef redet, das Gesinde schweigt.

Dieses Kommunikationsmodell ist in der Europäischen Union weit verbreitet – jedenfalls als Wunschvorstellung in Politikerköpfen. Wie herrlich ließe es sich in Brüssel doch regieren, wenn bloß dem Volk das Maul gestopft würde. Auch Alexander Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff, der deutsche Vizepräsident des sogenannten Europäischen Parlaments, scheint diese Auffassung zu teilen, obwohl doch gerade ein Parlamentarier eine gewisse Widerspruchskultur im Herzen tragen sollte.

Hat der Freiherr einen Wachtraum gehabt?

Graf Lambsdorff gab der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kürzlich ein Post-Brexit-Interview, in dem er folgendes äußerte: „Das Modell Schweiz will in Brüssel niemand mehr, Ende der Durchsage.“ Beim Lesen dieser Textpassage wirkt der Nachsatz geradezu komisch: Hat der Freiherr im Gespräch mit dem FAZ-Journalisten plötzlich einen Wachtraum gehabt und sich wie ein Tramchauffeur gefühlt, der eine Durchsage macht? Und hat er diese absurde Floskel vom „Ende der Durchsage“ mitgeträumt und quasi in Trance mitgesprochen?

„Ende der Durchsage“ bedeutet ja nicht: Ich bin fertig, jetzt seid Ihr dran. Sondern: Wehe, es wagt jemand sich zu mucksen. Bei Karl May sagt der Indianerhäuptling: „Howgh, ich habe gesprochen.“ Was bei dem Euro-Vizeparlamentschef Lambsdorff nach Kasernenhof klingt, ist in Wirklichkeit genau die Politik, die er vertritt. Es ist Politik im Offenbarungsmodus, zu der die Gemeinde nichts anderes zu sagen hat als Ja und Amen. Auch die kleine Schweiz mit ihrem widerwärtigen „Modell“ soll sich das wohl gesagt sein lassen!

Hinter der drohenden Durchsagerei des deutschen Grafen steckt allerdings die nackte und sehr verständliche Angst, das „Modell Schweiz“, das angeblich „in Brüssel niemand mehr“ will, könnte außerhalb jenes heruntergekommenen Herrscherhauses mit seinem Hofstaat, zu dem Lambsdorff gehört, mehr und mehr gewollt werden.

Erschienen  in der Basler Zeitung vom 30.06.2016

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Leserpost (1)
Martin Pescheck / 30.06.2016

Wenn an GB jetzt ein Exempel statuiert werden soll, wird das die Erosion dieser EU nur verstärken.

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