Sophie Dannenberg, Gastautorin / 29.01.2014 / 11:04 / 3 / Seite ausdrucken

Eltern, die Sex haben, sind abartig

Als wir in der Pubertät waren, hatte unsere arme Biolehrerin Frau Wloch die Aufgabe, die damals fürs neunte Schuljahr obligatorische Aufklärung vorzunehmen. Frau Wloch war eine nette Frau und eine gute Lehrerin, und glücklicherweise tat sie auch nicht unverkrampft (das hätten wir sofort durchschaut), sondern stotterte angemessen herum. Aber sie wollte es gut machen und brachte schließlich ein Hörspiel mit in die Stunde. Es war ein Hörspiel über Orchi. Und Orchi war ein Orgasmus. Er wandelte durch die Gegend, suchte Liebespaare heim und raunte dabei Erklärungen ins Mikrophon. Nein, das habe ich mir jetzt wirklich nicht ausgedacht. Und Frau Wloch hat uns damit ein großes Vergnügen bereitet. Wir haben wochenlang gekreischt vor Lachen.

Aber hätten wir das Hörspiel ernst genommen, dann hätten wir ohne Zweifel Libidostörungen bis ans Ende unserer Tage. Denn Erwachsene können Kindern nicht erklären, wie Sex geht und welche Spielarten er hat. Das wird spätestens dann schwierig, wenn die Kinder ihn selbst erleben. Natürlich sollen sie über Fortpflanzung, Verhütung und Safer Sex Bescheid wissen, wenn es soweit ist. Aber niemand möchte dabei die pädagogischen Sprüche seiner Erziehungsberechtigten im Kopf haben müssen. Denn Eltern sind ohnehin peinlich. Eltern, die über Sex reden, sind noch peinlicher. Und Eltern, die Sex haben, sind abartig. Grundsätzlich sollte es Eltern spätestens dann, wenn ihre Kinder in die Pubertät kommen, verboten werden, Sex zu haben - und jemals welchen gehabt zu haben.

Gern wird im Feuilleton, um die verhängnisvolle Lustfeindlichkeit unserer Großväter zu belegen, eine Szene aus dem Film „Das weiße Band“ von Michael Haneke zitiert. In dieser Szene bindet der Vater seinem Sohn die Hände abends fest, damit dieser nicht onaniert. Wahlweise hätte der Vater dem Sohn auch das Hörspiel von Orchi vorspielen können. Das hätte richtig reingehauen.

Leute, lasst eure Kinder sexuell in Ruhe. Erklärt ihnen bitte nicht, was und in welchen Varianten zwischen Menschen alles möglich ist. Denn wenn es soweit ist, werden sie sich garantiert nicht dankbar an die Schulstunden erinnern, in denen die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ das Thema war. Sie werden nicht zueinander sagen: „Hey du, pass mal auf, wir lecken uns jetzt mal ganz tolerant, genau so, wie Herr Rhode uns das in der tollen Unterrichtseinheit ‘Sexuelle Vielfalt’ mit diesem ermutigenden Rollenspiel vorgeführt hat! Und wo ich eine Eins hatte!“ Sie werden nur an Herrn Rhode denken. Und tschüß, das war’s dann.

Sexualität hat viele Schichten. Das Obszöne, Gierige und Verbotene mischt sich organisch mit dem Zärtlichen, Lieben, Vertrauten. Das zu entdecken ist ein Abenteuer. Einem Menschen dieses Abenteuer zu nehmen, indem man ihm vorher erklärt, was er erleben wird - und ausdrücklich erleben soll! -  ist eine saudumme Schweinerei.

Erwachsene können nicht immer die Freunde und Begleiter der Kinder sein. Manchmal müssen sie auch deren Antipoden darstellen. Also quatscht euren Kindern nicht in die Betten. Und seid bloß nicht locker. Seid Spießer, seid sexuell hinterm Mond. Besser könnt ihr die Entwicklung eurer Kinder nicht fördern.

 

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Leserpost (3)
Walter Klier / 01.02.2014

Nach 40 Jahren endlich was Gescheites zu dem Thema.

Stefan Neudorfer / 31.01.2014

Danke! Endlich mal etwas vernünftiges zum Thema. PS: Weil wir Erwachsenen zu kopflastig sind und das Thema Aufklärung übertreiben, gibt es viele Kinder und Jugendliche denen wir schaden.

Michael Lorenz / 29.01.2014

Würden die Menschen, die Lehrpläne verfassen, über eine so gesunde,  klare, praxisgerechte und angenehm ehrliche Sicht der Dinge verfügen wie die Autorin dieses Artikels, verfügten sie über so eine Art Garantie dafür, niemals in eine Lehrplankommission berufen zu werden. Wie man diesen Kardinalfehler des Schulsystems heilen könnte, weiß offensichtlich niemand, weil es seit 1968 so ist und sich seitdem konstant verschlimmert.

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