Monika Maron, Gastautor / 31.01.2010 / 15:59 / 0 / Seite ausdrucken

Einladung zum geistigen Selbstmord

Von Monika Maron

Es ist verrückt: Die Süddeutsche Zeitung behauptet, wer die Toleranz verteidigt, ist intolerant und vergleicht den schreibenden Henryk Broder mit einem bombenzündenden Terroristen. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung verteidigt pathetisch das Kopftuch gegen die Meinungsfreiheit, und in der taz wird Necla Kelek und mit ihr der gesamte Feminismus in die Nähe der Nazis gerückt. Was ist eigentlich los? Warum gilt die Aufklärung plötzlich als fundamentalistisch? Warum werden die westlichen Werte am liebsten in Anführungszeichen gesetzt? Warum wird vom christlichen Fundamentalismus gesprochen, als hätten wir ihn nicht, Gott sei Dank, überwunden, sondern müssten heute noch unter ihm leiden? Warum haftet dem Wort säkular neuerdings etwas Zweifelhaftes an? Was bewegt unsere aufgeklärten, toleranten Zeitgenossen in den Redaktionen, die gesetzlichen Garantien für unsere individuelle Freiheit infrage zu stellen und selbst als erste die Meinungsfreiheit, nämlich die der Islamkritiker, zu attackieren, indem sie diese zu „Hasspredigern“ und „heiligen Kriegern“ erklären, denen eigentlich das Wort entzogen gehörte? Wer sind sie, daß sie säkularen oder gläubigen Muslimen das Recht absprechen, sich mit ihrer Kultur, ihrer Religion auseinanderzusetzen? Wie kommen sie überhaupt dazu, Menschen in deren eigenen Konflikten zu entmündigen und statt ihrer das Wort zu ergreifen?

Das Muster ist nicht neu. Die Gründung der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc hielt Günter Gaus, und nicht nur er, für verantwortungslos und den Weltfrieden gefährdend. Als ich 1988, eineinhalb Jahre vor dem Fall der Mauer, nach Hamburg kam und da vor einer Gruppe linker Frauen den Zustand der DDR zu erklären versuchte, sagte ich, man müsse bedenken, daß in diesem Land seit fünfundfünfzig Jahren niemals Demokratie geherrscht habe. Die Antwort war empörtes Geschrei, ob ich denn etwa glaubte, bei ihnen gäbe es Demokratie oder im Westen sei irgendetwas besser.

Als ich kurz nach dem Fall der Mauer im Hamburger Institut für Sozialforschung die deutsche Einheit für wünschenswert erklärte, erntete ich Hohngelächter und empörte Blicke. Der Gegner war ich, nicht ein diktatorischer Staat, dessen Untergang zu wünschen ich allen Grund hatte, der aber als Folie für manche westdeutsche Utopien offenbar taugte, der darum vor mir in Schutz genommen werden musste, vor mir und - das vor allem - vor dem eigenen verhassten Staat, der als Zeichen der Gleichmacherei von Ost und West auch nur mit drei Buchstaben als BRD bezeichnet wurde.

Die Verbündeten der westdeutschen Linken wurden auch im Prozeß der Vereinigung nicht die ostdeutschen Regimekritiker. In keiner Partei sind die Bürgerrechtler so unsichtbar geworden wie bei den Grünen. Rechtsanwälte, von denen man es nicht erwartet hätte, drängten sich, um die gestürzten Machthaber und ihre Helfer vor der westdeutschen Siegerjustiz zu retten. Sogar das Wort Besserwessi haben die Westdeutschen in ihrem Selbstmisstrauen erfunden; damals sprach der Osten noch nicht im Diminutiv-Politkauderwelsch.

Auf der ostdeutschen Unsicherheit haben damals viele ihre Suppe gekocht: die Gewerkschaften, die um ihre Tarife fürchteten, jede Partei, die gerade nicht regierte und darum nichts zu verantworten hatte. Die politische Auseinandersetzung des Westens wurde ausgeweitet auf das östliche Territorium, wobei die ungelösten Konflikte der Ostdeutschen untereinander gleich mit übernommen wurden und ab da als Ost-West-Konflikte galten, als wären die Ostdeutschen während der vierzig Jahre Diktatur eine homogene Masse gewesen.

Damals ging es nicht um Religion und eine fremde Kultur, aber auch damals ging es darum, die Deutungshoheit in einem Konflikt, an dem man nur mittelbar beteiligt war, an sich zu reißen und an den eigenen Interessen auszurichten. Im Fall der deutschen Vereinigung waren die Motive noch offenbar: die einen wollten wenigstens den Schatten ihrer Utopie bewahren, andere feierten die Misserfolge der politischen Gegner als eigene Siege, manche wollten auch nur ungestört ihre Geschäfte betreiben.

Im Fall des Islam und seiner Kritiker fällt die Diagnose schwerer.

Am klarsten erkennbar ist das Interesse all derer, die einen größeren Einfluß der Kirchen wünschen, denen der Säkularismus, egal ob in islamischen oder christlichen Ländern, nicht erstrebenswert ist, und die darum in Necla Kelek und anderen säkularen Muslimen Gegner der eigenen Vorstellungen und Ziele sehen. Man könnte fast fürchten, für sie sei die Scharia, gemessen an einem drohenden Atheismus, das kleinere Übel.

Ich kann nicht glauben, daß alle Feuilletonisten unserer großen Zeitungen zu Agenten der Kirchen geworden sind. Wie aber erkläre ich mir den Satz von Thomas Steinfeld in der Süddeutschen Zeitung: „Wer die Grundbegriffe der Demokratie behandelt, als wären sie Glaubensartikel – Gebote, zu denen man sich bekennen muß-, der ist von der Gesinnung ihrer Gegner schon durchdrungen.“?

Nun sind in Westeuropa die Grundbegriffe der Demokratie keine Gebote, sondern Gesetze, zu denen man sich nicht bekennen, aber die man befolgen muß, wenn man hier lebt. Dazu gehören die Meinungsfreiheit, auch Religionsfreiheit, die Selbstbestimmung des Individuums, eine weitgehende Trennung von Kirche und Staat und die Gleichstellung der Frau. Nichts anderes fordern die gescholtenen Kritiker des Islam. Sie verteidigen, was ihnen in einer, in unserer, freiheitlichen Gesellschaft kostbar ist. Wer sie attackiert, hält ihren Anspruch anscheinend für unangemessen.

Es geht in der Debatte also gar nicht um den Islam und seine Kritiker, sondern es geht um uns, um unser Vertrauen in die Demokratie und in unser Recht, auf Gesetzen und einer Lebensform zu bestehen,  die in jahrhundertelangen Kämpfen gegen staatliche und klerikale Despotien erobert wurden. Und das sollten wir, folgen wir Thomas Steinfeld und seinen Mitstreitern, zur Disposition stellen, weil für den „der auf Toleranz beharrt, die Toleranz nicht aufhören (kann), wenn ein anderer nicht tolerant sein will“. 

Das ist die Aufforderung zum geistigen Selbstmord. Nach dieser Logik dürften wir nicht einmal protestieren, wenn in der Bundesrepublik die Scharia als gültiges Gesetz eingeführt würde. Eine intellektuelle Debatte ist kein kriegerischer Akt, beschriebene Seiten sind keine gezündeten Bomben. Und wer nicht den Mut hat, die Werte einer freiheitlichen Gesellschaft gegen intolerante Ansprüche zu verteidigen - oder wenigstens von anderen verteidigen zu lassen - verhält sich nicht wie ein Demokrat.

Wären die kämpferischen Kritiker der Islamkritiker in einer islamischen Kultur aufgewachsen, wie Necla Kelek, oder hätten sie, wie ich, den größten Teil ihres Lebens in der DDR verbracht, wären ihnen die westlichen Werte, bei all ihrer Unvollkommenheit, vielleicht wertvoller.

Erschienen im SPIEGEL vom 25.1.10

Siehe auch:
Toleranz für die Intoleranz?
http://www.zeit.de/2010/05/Islam?page=all

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