Maxeiner & Miersch / 08.12.2012 / 17:59 / 0 / Seite ausdrucken

Hummel in rot

Überführt man ein Mitglied der gebildeten Stände der heimlichen Lektüre der Bild-Zeitung, so kann man ziemlich sicher sein, dass die Entschuldigung lautet: „Ich schaue da nur wegen der Bundesliga-Ergebnisse rein“. Wir kennen das auch noch von früher, als das Magazin Playboy eine der wenigen Möglichkeiten war, ein Nacktfotomagazin zu erwerben, ohne an der Kasse rot zu werden. Und zwar wegen der hervorragenden Interviews mit ausgesucht klugen Menschen, die als schwerintellektuelle Zugabe zwischen die Bildstrecken gestreut waren.

Wer Sündiges verkaufen will, sollte sein Produkt grundsätzlich mit einer eingebauten Entschuldigung ausrüsten, das gilt auch heute noch. Allerdings haben sich die Vorstellungen von Sünde ziemlich geändert. Wegen Nackedeis hebt heute niemand mehr die Augenbraue. Dafür werden Autofahrer scheel angesehen, wenn sie mit einem dieser riesigen SUV-Allradlimousinen unterwegs sind - besonders von nachhaltig gesinnten Menschen mit Fahrradanhänger.  Allerdings ist die Verlockung am Steuer einer automobilen Trutzburg zu sitzen für viele trotzdem unwiderstehlich, selbst für ausgewiesene Mitglieder des Bionade-Bürgertums. Wer nachfragt, wie dies mit dem grünen Gewissen vereinbart werden kann, erhält mit ziemlicher Sicherheit folgende Auskunft:  „Ich habe das Auto angeschafft als unser Baby kam. Seitdem geht mir Sicherheit über alles“. Beim Kauf eines Familienpanzers handelt es sich somit um den selbstlosen Einsatz für künftige Generationen.

Nun sind auch wir von solchen Anfechtungen nicht frei, beispielsweise lieben wir diese bunten LED-Lichter, die Haus und Heim seit neustem auf energetisch vorbildlichem Niveau verkitschen. Seit es diese sparsamen Leuchtkörper auch bei Discountern auf dem Wühltisch gibt, wird in Deutschland damit so ziemlich alles und jeder beleuchtet, sogar Mierschs Hündin Hummel. Ihr Halsband blinkt neuerdings beim abendlichen Spaziergang rot, selbstverständlich aus Sicherheitsgründen. Rätselhaft, wie Hummel bisher ohne LED-Halsband überleben konnten.

Bei Maxeiners zuhause strahlt jetzt das Wort „Imbiss“ über dem Herd. Die Leuchtschrift „open“ an der Haustüre musste er allerdings entfernen, weil lasterhafte Zeitgenossen das Heim mit einem zweifelhaften Massagesalon verwechselten. Es gibt sie also noch, die gute alte Sünde.

Erschienen in DIE WELT am 07.12.2012

Leserpost (0)

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir nur innerhalb der ersten zwei Tage nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Maxeiner & Miersch / 24.11.2014 / 22:19 / 4

Cash fürs Gucken

Die kulturelle Innovation des Jahres kommt aus Hamburg und wurde von einem Veganer erdacht, der seinen Mitmenschen das Fleischessen abgewöhnen möchte. Dafür hat er einen…/ mehr

Maxeiner & Miersch / 16.11.2014 / 10:00 / 6

Kuscheln im Schoße des Staates

Einst waren sie groß und mächtig: Energiekonzerne wie RWE, Eon und Vattenfall verdienten Milliarden, ihre Aktien galten als sichere Bank. Dann kam die Energiewende. Atomkraftwerke…/ mehr

Maxeiner & Miersch / 08.11.2014 / 19:43 / 8

Orientalische Nostalgie

Der Früher-war-alles-besser-Mythos gedeiht in Deutschland in allen Schichten. Viele glauben, Omas Welt sei sicherer, gesünder und gemütlicher gewesen. Die Grünen und die AfD leben von…/ mehr

Maxeiner & Miersch / 05.11.2014 / 14:00 / 0

Buchpremiere “Alles grün und gut?”

Einladung zur Buchpremiere und Podiumsdiskussion am 6. November im taz.Café in Berlin »ALLES GRÜN UND GUT? Eine Bilanz des ökologischen Denkens« (384 Seiten, erschienen am…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com