Cigdem Toprak, Gastautor / 20.08.2012 / 14:45 / 0 / Seite ausdrucken

Eine nette Geste

Cigdem Toprak

Unser Bundespräsident Joachim Gauck grüßt zum ersten Mal die muslimische Gemeinschaft in Deutschland zum Fastenbrechen. Eigentlich eine nette Geste, die einen positiven Beitrag zur Integration leisten könnte. Warum könnte ich mich aber eben durch diese Geste diskriminiert fühlen?

Der deutsche Bundespräsident freut sich, weil das islamische Fest zum Fastenbrechen begonnen hat und zwar “mit allen, die dieses Fest feiern und die dabei mit ihrer Familie zusammenkommen, mit ihren Nachbarn und Freunden”.

Aber was ist mit jenen, die weder an Ramadan fasten, noch das Fastenfest feiern? Die wichtigere Frage ist allerdings: Wieso wird die Religionszugehörigkeit in Deutschland so in den Vordergrund gerückt? Gerade wenn es das Thema Integration betrifft? Immer wieder wird der Unterschied zwischen der Mehrheits-und der Minderheitsgesellschaft entlang religiöser Zugehörigkeiten gezogen und betont.

Dabei sagt doch Gauck: “Wir Menschen sind verschieden: Wir glauben unterschiedlich, wir leben unterschiedlich, wir haben unterschiedliche Bräuche und Riten. Aber wir können miteinander auskommen, wir können einander respektieren, einander schätzen und voneinander lernen. Daran glaube ich und dafür will ich mich auch nach besten Kräften in meinem Amt einsetzen.”

Genau. Wir sind verschieden. Es existiert nicht eine muslimische Gemeinschaft in Deutschland. Diese ist vielmehr aufgespalten in unterschiedliche Konfessionen mit differenzierten Auffassungen des Islams. Darüberhinaus spielt die Religion bei jedem “Moslem” eine andere Rolle, und bei manchem: eben überhaupt keine. Säkulare oder nicht-praktizierende werden oft totgeschwiegen.

Gauck hat nichts Schlimmes verbrochen, sein Gruß zum Ende des Ramadans ist nach wie vor eine nette Geste. Mehr aber leider auch nicht. Denn wenn “Integration” funktionieren soll, und wenn wir Vielfalt in Deutschland akzeptieren und blühen sehen wollen, dann sollten wir zuallerst anerkennen, dass Vielfalt nicht bedeutet, Menschen in noch kleinere Gruppen einzuordnen. Vielmehr bedeutet Vielfalt eine Herausforderung an jeden von uns im Alltag, aufrichtiges Interesse für die Kultur eines jeden zu zeigen. Das kann sehr anstrengend sein, denn sie bedarf harter Arbeit. Aber wenn wir schon in Schulen anknüpfen, und unsere nächste Generation in interkultureller Kompetenz trainieren, allen Kindern die Möglichkeit geben, ihre Traditionen, Sitten und Bräuche vorzustellen, werden wir bewusster und aufgeschlossener in unserer bereits vielfältigen deutschen Gesellschaft leben können. Das, was die deutsche Politik die letzten fünfzig Jahre verpasst hat, können wir aufholen. Auch Migranten haben eine Geschichte, die sie erzählen wollen. So müssen wir alle lernen, dass jedes Individuum eine andere Geschichte zu erzählen hat. Aber Religion ist nicht alles. Religion kann ein sehr wichtiger Teil der Kultur eines Menschen sein, aber Kultur ist mehr als nur Religion, vor allem ist sie nichts Fixes, sondern dynamisch und stets im Wandel.

Deshalb sollten wir uns nicht auf “den Islam” fokussieren, den es auch so ja nicht gibt. Bei jedem “Moslem” spielt die Religion eine andere Rolle, bei manchem spielt sie keine Rolle. Religion ist nur ein Bestandteil einer Kultur. Wir sollten uns für die ganze Kultur der Menschen interessieren. Traditionen, Bräuche und Auffassungen von Religion, die so unterschiedlich sind, so heterogen, so vielfältig wie der deutsche Alltag.

Nun, wenn Gaucks Gruß eine nette Geste darstellen soll, wieso könnte ich mich aber dadurch diskriminiert fühlen?

Weil ich mir auch ein Grußwort des Präsidenten zu Newroz wünsche, weil in Deutschland um die 500 000 oder mehr Kurden leben. Und was ist mit einem Grußwort an Hizir, einem wichtigen Feiertag der in Deutschland lebenden 700 000 Aleviten? Es gibt unzählige wichtige Feiertage von Armeniern, Jesiden und Juden, die auch die Anerkennung unseres Bundespräsidenten verdienen. Wie kann er all dem nachkommen, dafür müssten täglich Pressemitteilungen verfasst werden? Kann er nicht. Muss auch er auch nicht. Der Integration Willen. Wegen der Vielfalt bedarf es keiner netten Geste des Präsidenten.

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