Gastautor / 18.05.2017 / 06:21 / Foto: EPP / 14 / Seite ausdrucken

Eine gläubige Kanzlerin im Land der Ungläubigen

Von Klaus Leciejewski

"Es kommt einfach darauf an, daß man daran glaubt, was man macht." (Kurt Tucholsky)

Wir wissen, Frau Merkel stammt aus einem gläubigen Elternhaus, aus einem protestantischen, aber ob die Protestanten den richtigen Glauben haben? Mindestens wissen wir, dass sie ihn in den schrecklichen deutschen Zeiten hatten, sie segneten die Heere. Auch später hatten sie den richtigen, sie glaubten an das Neue Deutschland. Ja, ich weiß, nicht alle, wahrscheinlich sogar viele nicht, wenigstens nicht so richtig, aber öffentlich waren es nur sehr wenige, die sich verweigerten. Woran im Elternhaus von Frau Merkel geglaubt wurde, wissen wir nicht so richtig, wollen es auch gar nicht, denn heute glaubt Frau Merkel.

Zuerst glaubt sie an die Alternativlosigkeit ihrer Politik. Das ist ihr gutes Recht, auch wenn Politik im allgemeinen Verständnis aus Alternativen besteht, aber im Glauben gibt es keine Alternativen, und über Glauben kann nicht diskutiert werden. Wer will schon einem Gläubigen beweisen wollen, dass Glaube eine Chimäre ist, denn dieser Typ glaubt ja nicht. Frau Merkel aber glaubt, das heißt, sie ist mit sich im Reinen, die Ungläubigen kommen niemals mit sich ins Reine, denn sie haben keine Gewissheit, sie denken immer nur an Alternativen. Das macht sie unsicher. Frau Merkel ist sich sicher, vor allem dass sie den Euro gerettet und uns damit Europa gesichert hat. Auch über Griechenland ist sie sich sicher, denn Griechenland gehört zu uns, und deshalb muss es bei uns bleiben, koste es, was es wolle, wobei die Kosten nichts mit Frau Merkel zu tun haben, die hat bekanntermaßen ihre Pension sicher, glaubt sie. Dabei stören nur die Nichtgläubigen. Das sind zumeist bloß Professoren und die haben deswegen auch keine absolute Gewissheit, weil eine solche eben jeglicher Wissenschaft eigen ist, weshalb die nur ihre Kalkulationen haben, und bekanntermaßen haben sich schon viele Menschen verkalkuliert, nur die Gläubigen nicht, wegen ihrer Gewissheit im Glauben.

Frau Merkel muss Tucholsky nicht kennen

Frau Merkel hat sich auch reinen Gewissens über die Flüchtlinge gefreut und als Fragen aufkamen, warum Hundertausende junger Syrer, Iraker und Afghanen nicht in ihrem Land für ihre Freiheit kämpfen, sondern dies Soldaten aus fremden Ländern überlassen, zumeist Ungläubigen, da sprach sie den bedeutungsschweren Satz, dass, wenn man sich darüber nicht ehrlichen Herzens freuen dürfe, dies nicht ihr Land wäre. Allerdings erklärte sie dazu nicht, welches dann ihr Land sein würde, was indessen auch nicht erforderlich gewesen war, denn eigentlich meinte sie damit nicht ihr Land, sondern das Land der Ungläubigen. Demgegenüber glaubt man in ihrem Land vor allem indem man an Frau Merkel glaubt, weil es einfach darauf ankommt, dass man das glaubt, was man macht. Frau Merkel muss Tucholsky nicht kennen, wenn sie dementsprechend handelt, zudem würde sie diesen üblen Satiriker heute sowieso nicht in ihrer Nähe haben wollen. Die Linken benutzen ihn als Säulenheiligen, allerdings nur sein Ausspruch „Alle Soldaten sind Mörder“, und allein damit wäre er Frau Merkel schon äußerst suspekt, selbst wenn er in der DDR eifrig gedruckt wurde, während dem die ihn nachahmenden Satiriker ins Loch kamen. Heute, unter der Glaubensgewissheit von Frau Merkel, haben sie es besser, sie kommen nur vor Gericht, aber vor einem deutschen Gericht und auf hoher See … Da Frau Merkel alles Weitere kennt, glaubt sie weniger an Gerichte als an den Geldhahn. Der ist heute wirkungsvoller, auch gegen Satire. Majestätsbeleidigung hin, Majestätsbeleidigung her, der Weg zum Geld ist näher. Der unangenehme Störenfried Tucholsky muss es schon damals geahnt haben, als er schrieb: Wohl aber jener Glaube, der Berge versetzt, und der – Wunder über Wunder – sogar über Menschen etwas vermag.

Frau Merkel arbeitet für ihr Volk, daran glaubt sie ganz gewiss. Dieses Volk ist die Projektionsfläche für ihren Glauben, und zu ihrem Volk gehören alle Menschen, die sich in ihrer Obhut befinden. Die Verfassung Deutschlands ist dafür belanglos, weil diejenigen Teile ihres Volkes, für die Glaube und Staat identisch sind, sowieso nicht auf die Verfassung schwören könnten, brauchen sie auch gar nicht, sie müssen nur an Frau Merkel glauben.

Reflektionen über ihren Glauben ist gefährlich. Herr Sarrazin hat das leiblich erfahren. Denn die Reflektion tötet. Der letzte Satz ist auch nicht von mir, sondern schon wieder von diesem Ungläubigen Tucholsky. Derselbe hatte auch die Frechheit zu behaupten, dass Satire alles darf und alles muss. Das liegt jetzt zwar schon 90 Jahre zurück, wäre aber in der Glaubensrepublik von Frau Merkel immer noch eine bodenlose Unverschämtheit, selbstverständlich! Früher, ganz früher, bedeutete Zweifel am Glauben eine Beleidigung der höchsten Autorität. Heute gibt es solche höchste Autorität nicht mehr, nur noch eine Politik ohne Alternativen und darüber hat sich das Volk zu freuen, das ganze Volk!

Ich glaube nicht, vor allem nicht an die Politik von Frau Merkel. Ob ich da wohl trotzdem zu ihrem Volk gehören darf?

Klaus D. Leciejewski hat an verschiedenen deutschen Hochschulen Wirtschaft gelehrt, ist Autor mehrerer Sachbücher und Publizist. Er ist mit einer Kubanerin verheiratet und lebt einen großen Teil des Jahres auf Kuba.

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Leserpost (14)
Karla Kuhn / 18.05.2017

“Ich glaube nicht, vor allem nicht an die Politik von Frau Merkel. Ob ich da wohl trotzdem zu ihrem Volk gehören darf?” Ich glaube auch nicht an die Politik von Frau Merkel. Was verstehen Sie “zu ihrem Volk gehören ?” Frau Merkel hat doch gesagt, wenn sie sich rechtfertigen muß, sei es nicht mehr “ihr Land” , also auch nicht “ihr Volk.” Was wir sowieso nicht sind. Wir sind das deutsche Volk, von dem Frau Merkel für eine bestimmte Zeit von einer bestimmten Wählergruppe ein Mandat erhalten hat, zum “Wohle des deutschen Volkes” zu regieren. Ob es wirklich zum Wohle ist, wird sich noch rausstellen. Ich plädiere dafür, das die Regierungszeit auf zwei Mal vier Jahre begrenzt wird. So wie in Amerika.  Darüber sollte das Volk entscheiden.

Gabriele Klein / 18.05.2017

Es scheint der größte Fehler in der deutschen Geschichte, nach der Wiedervereinigung jemandem zur Kanzlerin zu küren, die ganz offensichtlich problemlos in der DDR groß wurde und somit deren Werte verinnerlicht haben muss. Ein echtes Christentum ist mit der DDR nicht kompatibel, allenfalls jene hohle “Christologie” auf die L. Baeck in seinem Werke im Zusammenhang mit der Nazizeit verweist. Somit stellt sich die Frage nach den eigentlichen Werten von Frau Dr. Merkel die ich nicht als einstige Widerstandskämpferin kennen lernen durfte . Früher glaubte ich gewissen Aussagen von ihr. Heute, nach mehr als 1 Jahrzehnt Regierungsarbeit und zahlreichen Kursänderungen je nach “Wetterlage” vermag ich nicht mehr zu erkennen wo diese Dame eigentlich steht und wohin sie will…...... Ich gewinne immer mehr den Eindruck jener Persönlichkeit die auf allen Achseln Wasser trägt…... und ich frage mich , was geworden wäre wenn Gorbachov und Reagan nicht gewesen wären….. Wäre sie dann vielleicht das tüchtige   “Lehrmädchen” nicht von Herrn Kohl sondern von Herrn Honnecker geworden? Eines jedenfalls hätte die CDU und vor allem H. Kohl wissen müssen: jemand mit diesem Hintergrund taugt eben deshalb nicht zur Regierung eines um Rechtstaatlichkeit und Demokratie bemühten Landes, es sei denn, man übernimmt den Demokratiebegriff der DDR. Vor den beiden Weltkriegen isolierte sich Deutschland von Europa und der Welt restlos und heute wiederholt sich dieses just unter der Führung von Frau Dr. Merkel die daran scheitert dass sich jene “Mauer” der DDR zwar um die BRD ohne größeren Widerstand ziehen lässt aber halt nicht so einfach um ganz “Europa” das an dieser Kanzlerin zerbricht. Zwischen der Isolation von einst und heute erkenne ich nur einen Unterschied: Damals war die Kommunikationstechnik glücklicherweise noch nicht soweit fortgeschritten dass man im Ausland die deutschen Medienergüsse groß zur Kenntnis hätte nehmen können. Heute kommt diese Kenntnis deutscher Ausführungen im Ausland allerdings erschwerend dazu und wird dafür sorgen, dass wir alle dieses Land bald nicht mehr verlassen werden können…..... auf Grund der “Mauer” im Geiste der DDR. Sie besteht nicht mehr aus Beton sondern aus Selbstbeweihräucherung , Verleumdung Ungeliebter sowie der Negierung westlicher Werte schlechthin. Anders ausgedrückt: die neue Mauer im Stile der ehemaligen DDR wähne ich nicht an den Grenzen Deutschlands sondern   in den Redaktionsstuben der ÖR und den ihr nahestehenden Zeitungen gedruckt…...

Robert Vossbender / 18.05.2017

Glänzend geschrieben. Bravo

Sabine Herrmann / 18.05.2017

Jemand muss ihr erklären, dass wir uns nicht in einem Gottesstaat befinden, sondern in einem säkularen Staat. Traurig, dass das Parlament seiner Pflicht nicht nachkommt.

Torsten Boysen / 18.05.2017

Trösten Sie sich. Ich glaube der Merkel auch nichts. Mit Merkel in den Untergang. Falls es danach noch ein Deutschland geben sollte, bin ich mal gespannt auf die Ausreden der ganzen Mitläufer.

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