Gunnar Heinsohn / 08.11.2016 / 06:25 / Foto: Tomaschoff / 7 / Seite ausdrucken

Ein Vorschlag zur Güte aus Sachsen

Der vielsprachige Badener und gelernte Sachse Matthias Theodor Vogt mit Geburt in Rom und Studium in München, Paris und Berlin fühlt in seinen Analysen wie nur wenige den Puls gesamtdeutscher Befindlichkeiten. Seine aktuelle Studie will herausfinden, wie die Deutschen zu Grundkonsensen, Verbindungen, Zusammenhalt, ja Loyalität zurückfinden können. „Ankommen in der deutschen Lebenswelt“ ist eine Schrift, nach deren Lektüre man den Kulturhistoriker Vogt ermutigen möchte, sich um das Amt des Bundespräsidenten zu bewerben. Da es immer noch keinen Kandidaten gibt, sollte man den 57-jährigen Direktor des Görlitzer Instituts für kulturelle Infrastruktur Sachsen unerschrocken ins Auge fassen.

Die Bundesrepublik lebt, wie jede Demokratie, aus der Bejahung ihres Systems durch jeden Einzelnen und seinen Willen, aktiv an der Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse mitzuarbeiten statt sie lediglich zu erdulden. Da aktuell in Berlin-Marzahn jedoch 37 Prozent und auf Usedom sogar über 40 Prozent der Wähler ohne Migrationshintergrund die fürs Gedeihen des Systems notwendige Zustimmung aufgekündigt haben, wird ein neuer Weg für die Konsensstiftung wichtiger als je zuvor seit der Wiedervereinigung.

Die Studie setzt da an, wo im letzten Jahr die Parteien des demokratischen Spektrums – Union, SPD, Grüne, FDP und verfassungstreue Teile der Ost-Linken – aber auch Gewerkschaften und die beiden Großkirchen daran scheitern, eine nicht-eifernde Analyse der Entfremdung jener 70 Prozent der Bevölkerung vorzunehmen, die in Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohnern zuhause sind. Was immer sie auch umtreibt, sie wollen weder Menschen in Gaskammern schicken, noch in Nachbarstaaten die Einwohner massakrieren, um dort für ihren eigenen Nachwuchs Lebensraum zu gewinnen. Sie sind mithin gerade keine hitleristischen „Umvolker“. Sie mit solchen gleichzusetzen, schafft lediglich eine irrwitzige Verharmlosung der Vergangenheit und eine nachhaltige Vergiftung der Gegenwart.

Sie gehören aber auch nicht zu anonymen großstädtischem „Wachstumskernen“, die permanent in der globalökonomischen Konkurrenz bestehen müssen, weshalb sie für das nähere Umfeld keine Empathie mehr aufbringen. Wer die Mehrheit im Land nur mit gestrigen Etiketten zukleistert, verfehlt die Gründe der Wahlerfolge einer Marine Le Pen im parisfernen Roussillon genauso wie den Aufstieg der AfD auf den schönen Ostseeinseln.

„Schlafes Bruder“ als Beispiel für die Entfremdung der talkenden Klasse vom Volk

Um ihnen analytisch nahezukommen, startet Vogt mit der Frage „Was ist rechts?“. Sie benötigt eine unaufgeregte Antwort, die nicht nur diesen „Rechten“ gerecht wird, sondern auch ihre politischen Widersacher animieren soll, sie als Konkurrenten anzunehmen und nicht als unversöhnliche Feinde mit Rufmord zu überziehen.

Eine erste Antwort auf seine Rechts-Frage findet Vogt in der Ursituation des Rechts-Links-Schemas zu Versailles am 11. September 1789. Als die verfassungsgebende Versammlung sich entscheiden muss, ob der König ein Veto erhalten soll, gehen die einen nach ‚links‘. Für sie wird die horizontale Ordnung der totalen Gleichheit entscheidend. Die anderen aber gehen nach ‚rechts‘. Für sie ist auch die vertikale Ordnung wichtig, mit der die sinnstiftende Beziehung des Menschen zum Raum abgesteckt wird. Einerseits geht es um die – in Versailles noch durch den König vermittelte – Beziehung ‚nach oben‘, um eine Letztbegründung gesellschaftlicher Ordnung. Ebenso aber und viel mehr geht es um die Beziehung des Menschen ‚nach unten‘, zu seinem „terroir“, wobei der Terminus für die Erde unterm Weinstock mit Absicht gewählt ist.

In einem nur auf Verfassungspatriotismus fußenden Staat spielt die (vertikale) Beziehung des Menschen zum Raum keine wesentliche Rolle mehr. Das ergibt jene gefühlte Lücke, die die Dresdner „Spaziergänger“ und so viele andere lautstark beklagen, aber nicht recht zu fassen wissen. Am Beispiel der falschen Markteinschätzung von gleich 24 Verlagen, die Robert Schneiders Debütroman „Schlafes Bruder“ abgelehnt hatten, der in der Zwischenzeit aber in 36 Sprachen vorliegt, arbeitet Vogt die Entfremdung des medialen Mainstream von einem gewichtigen Teil der Leserschaft heraus (S. 94). Am Beispiel des baden-württembergischen Wahlprogramms der Grünen, die es 2016 verstehen, gerade in den urbanen Zentren das gedachte Dorf zu vermitteln, verweist Vogt auf Ansätze auch in der Politik, dem Vertikalen wieder seine Rolle als notwendigem Pendant zum Horizontalen zu geben.

Die zentrale Sorge der zornigen Sachsen rechtfertige sich – so Vogt – mit einem statischen und deshalb unhaltbaren Geschichtsbild. Es verleite sie zu der Hoffnung, ihre Heimat dauerhaft abschirmen zu können. Richtig sind natürlich die Hinweise, dass alle Sachsen ursprünglich Immigranten oder deren Nachkommen sind (S. 24). Da die Übernahme slawischer Gebiete seinerzeit aber als extreme Operation erfolgt, ist damit aber auch gesagt, dass jetzt wieder eine Problemlage eintritt, die ganz Außergewöhnliches verlangt, deren Erfolg gleichwohl niemand garantieren kann. Sachsen hätten sich also diesmal nicht nur in die Lage ihrer eigenen migratorischen und dabei hart „umvolkenden“ Vorfahren zu versetzen, sondern uno actu ihrerseits die Position von unfreiwillig Überfremdeten einzunehmen.

Die gefühlte Ohnmacht lokaler Verantwortungsträger

Vogts Handlungsvorschlag „Innovation und Integration“ (S. 325) will für das Entwickeln einer solchen Einfühlung zunächst herausarbeiten, wohin ein Immigrant eigentlich eingebürgert wird. Er erinnert (S. 350 ff.) dafür an den selten diskutierten und nie wieder rückgängig gemachten Eingriff in den breit-föderalen Aufbau Deutschlands durch den Nationalsozialismus. Er setzt dagegen die Autonomie Schweizer Kantone, die gerade tiefgreifende Änderungen dadurch abfedert, dass sie auf das enge Umfeld heruntergebrochen werden. Was dann den Bürgern einsichtig und anschließend durch eben sie selbst gesetzlich gebilligt wird (S. 50), hat am ehesten Chancen einer nachhaltigen Umsetzung. Was sie allerdings verwerfen, darf anschließend niemand gegen sie erzwingen. Die schematische Proporzverteilung von Zugewanderten durch oberste Instanzen hingegen verschüttet solche Potentiale womöglich unwiederbringlich. Vogts Studie illustriert das mit einer langen Reihe von Interviews in Wirtschaft, Politik und Kultur, die eine gefühlte Ohnmacht lokaler Verantwortungsträger offenbart bei gleichzeitig hoher, aber eben unzureichend genutzter Bereitschaft, aktiv an der Gestaltung der Verhältnisse mitzuarbeiten (S. 277-324 und 427-502).

In der Spannung zwischen der unumgänglichen Zurückhaltung des Staates bei sinnstiftenden Großerzählungen und der Anforderung, Grundüberzeugungen vieler Bürger einem „aggiornamento“ zu unterziehen, schlägt Vogt eine neuartige Kulturpolitik vor. Er vergleicht das mit dem Zweiten Vaticanum, durch das ein geliebter Papst einen rückwärtsgewandten, aber auch verehrten Kanon für die Bedingungen der Gegenwart umschreiben lässt. Vogt verweist als weiteres Beispiel auf die Lutherdekade, für die die Bundesregierung zehn Jahre lang erhebliche Summen bereitstellte, mit der mehr oder minder jedermann für sein Lieblingsprojekt unter der Bedingung Geld erhielt, dass auf irgendeine Weise „Luther“ im Titel erschien. Bei analogen Projekten zur Integration könnten jetzige Widerständler aus dem passiven Erleiden ferngesteuerter Politik überwechseln in selbstbestimmte Vorhaben.

In praktisch allen Gemeinden Sachsens lassen sich ungeachtet aktueller Verstörungen schon jetzt Belege für „Innovation und Integration“ finden. Wenn man etwa Schüler, historisch Interessierte oder auch Heimatvereine über einen bewusstseins- und diskursprägenden Zeitraum hinweg danach forschen ließe, käme ein imponierendes Bündel an Einfällen zusammen. Am Ende solchen Bemühens sieht Vogt eine Landesausstellung, die ein neues‚ von unten operierendes und dezentrales Format aufwiese. „Innovation und Integration – 1.200 Jahre sächsische Erfolgsgeschichte“ solle sie heißen.

Sie könnte gleichzeitig zum Kern für ein interaktives Landesmuseum werden. Es wäre eine Mischung zwischen Lebendiges Museum on-line (digitale und bürgernahe Variante des Deutschen Historischen Museums) und den zahlreichen Wikipedia-Formierungen, in denen Bürger über ihre Vorfahren oder ihre konkreten Räume entsprechende Leistungen längst dokumentieren. Über die Jahrhunderte hinweg hat man Integrationsstrategien entworfen, praktiziert und Neuerungen aus ihnen gewonnen. Ohne kontinuierliche Immigration, aber auch Emigration und Remigration wäre der Erfolg der Sachsen in Architektur, Automobilindustrie, Bergbau, Kameratechnik und Computerherstellung, aber auch in Dichtung, Komposition und darstellender Kunst unmöglich gewesen. Der ‚Leipziger‘ Johann Sebastian Bach stammt aus Ungarn.

Schuld trägt die Geringschätzung kultureller Parameter

Die Kosten für die professionelle Seite eines solchen Instituts wären mit einem Dutzend Historikern und ebenso vielen Doktoranden sowie den erforderlichen Informatikern erschwinglich. Angehängt an die erfahrene und hochvernetzte Universitätsbibliothek Leipzig entsprächen sie den Millionen, die der Freistaat jährlich für seine Außen-Kampagne „So geht Sachsen“ vergeudet. Die Frage, warum Dresden nicht erst einmal Geld für eine Binnen-Kampagne gibt, über die Sachsens Bürger alle Facetten ihrer Vergangenheit annehmen können, hat bei Vogt eine klare Antwort: Schuld trägt die Geringschätzung kultureller Parameter durch einen vorrangig technisch-effektiv betriebenen Staatsaufbau, der die gewordenen Prägungen der Menschen als zu amputierende Störung registriert. Wer Heimatverbundenheit belächelt oder gar dämonisiert, darf sich über die Entfremdung wachsender Bevölkerungsanteile nicht wundern. Vogt plädiert deshalb nachdrücklich dafür, die Chancen von Kunst und Kultur auch für die Menschen auszuschöpfen, die bereits in Deutschland leben, damit sie die Parameter des Grundgesetzes als Pfund erkennen, mit dem auch im Kleinen gewuchert werden kann.

Er erinnert dafür daran, dass die Strukturen der bürgerlichen Theater und Museen, die sich Deutschland seit dem Schillerjahr 1859 gegeben hat, für die „imagined community“ (B. Anderson) bzw. für ein ‚gedachtes Dorf‘ Deutschland vorgesehen waren. Sie könnten nur dann daran wieder anknüpfen, wenn die jetzige Kulturpolitik mit Vorspieltheater und Hinguckausstellung über interaktive und partizipatorische Formen erneuert werde, damit ein neues Gleichgewicht zwischen Professionalität und Bürgerengagement entstehen könne. Es sei keineswegs abwegig, sondern – so Vogt – aus den bereits gewonnenen Erfahrungen realistisch, „Vorstellungswelten“ in den Köpfen nachhaltig zu verändern.

Vorstellungswelten sind Vogts Zentralbegriff für Kulturpolitik (S. 71), die er mit Albertis Leitstrahl-Theorie kombiniert (S. 72). Entsprechend imaginiert die UNESCO-Präambel Zäune des Friedens, die es in den „minds of men“ zu errichten gelte. Eben solcher Zäune des Geistes bedürfe die Bundesrepublik im Inneren, um den Zuwachs von außen bewältigen zu können.

Gäbe es eine vornehmere Aufgabe für einen Präsidenten? Bundes- und Landesregierungen mit ihrem systemisch notwendigen Parteienhader sind, wie das vergangene Jahr gezeigt hat, damit heillos überfordert. Auch der gegenwärtige Präsident, der sich lediglich einem politisch korrekten Parteiendurchschnitt anschließt, bleibt weit unter seinen Möglichkeiten.

Die Bundesrepublik bedarf der „fences of peace“ aber auch im Außenverhältnis. West und Nord, Süd und Ost. Sie kann nur im Einklang mit ihren nahen Nachbarn und der übrigen Welt Richtung Frieden und Wohlfahrt steuern. Angesichts der Debakel bisheriger Entwicklungspolitik wünscht Vogt sich eine erste „Eine-Welt-Universität“, in der die Grundstrukturen für erfolgreiches Wirtschaften genauso ernst genommen werden wie sinnstiftende Erfordernisse des Zusammenlebens jenseits davon (S. 393 ff.). Es ist in der Tat erstaunlich, dass die föderalen Wissenschaftsstrukturen Deutschlands, Österreichs, der Schweiz oder auch Luxemburgs eine solche Einrichtung fürs Ganze bisher nicht hervorgebracht haben. Wie wäre es mit einer gemeinsamen Schirmherrschaft der deutschsprachigen Staatspräsidenten für eine solche Welt-Universität?

Im globalen Kontext wird die „deutsche Lebenswelt“ ungeachtet aller Exporte allerdings immer unauffälliger und damit auch wirkungsloser. Nicht einmal 0,1 Prozent der Erdoberfläche und gerade mal ein – besonders vergreistes – Prozent der Menschheit begrenzt seine Handlungsmöglichkeiten. Warum da nicht wenigstens zu einem intellektuellen Vorhaben finden? Vogts Vorschlag wäre zukunftsorientiert und, gewiss, idealistisch, aber durchaus machbar. Man wünschte, dass er sich dabei auch ganz persönlich beweisen dürfte

Ankommen in der deutschen Lebenswelt. Migranten-Enkulturation und regionale Resilienz in der Einen Welt. Europäisches Journal für Minderheitenfragen Vol. 9 No. 1-2 2016, Berliner Wissenschafts-Verlag 2016. ISSN Print: 1865-1089, ISBN (E-Book) 978-3-8305-2975-0, ISSN Online: 1865-1097, ISBN: 978-3-8305-3716-8. EUR 78,10.

Matthias Theodor Vogt, Erik Fritzsche, Christoph Meißelbach mit Beiträgen von Siegfried Deinege, Werner J. Patzelt, Anton Sterbling und zahlreichen Verantwortungsträgern in Wirtschaft, Politik und Kultur. Geleitwort von Rita Süssmuth und Nachwort von Olaf Zimmermann.

Foto: Tomaschoff
Leserpost (7)
Hans Jürgen Haubt / 08.11.2016

Ich schätze die Beiträge und Analysen von Gunnar Heinsohn. Sie scheinen mir ausreichend statistisch, systemtheoretisch und kulturanthropologisch belegt und begründet. Heinsohn vermeidet es, angesichts der Komplexität der gesellschaftlichen Problemlagen einfache Lösungsvorschläge anzubieten. Er bleibt skeptisch, was die Problemlösungsfähigkeiten unserer politischen Klasse betrifft, die meist mit sich selbst beschäftigt ist und seit Jahren schon das gesellschaftliche Gesamtwohl aus den Augen verloren hat bei der Vermehrung ihres eigenen Wohlstands (z.B. Einnahmen durch Lobbyarbeit) und der Durchsetzung partikulärer Interessen. Stattdessen wird die Lösung aller gesellschaftlichen Probleme in einer sehr fragwürdigen wissenschaftlich begründeten Umerziehung der Mehrheit unserer Bevölkerung zu unkritischer Anpassung und multikultureller Toleranz einer aus dem Ruder gelaufenen Einwanderungspolitik versucht. Dabei wird außer Acht gelassen, dass zum Erhalt einer stabilen Gesellschaft die Befriedigung wichtiger physiologischer Grundbedürfnisse der Bürger (wie Nahrung, ausreichend und bezahlenbarer Wohnraum, Sicherung des Lebensunterhalts durch Arbeit), Sicherheitsbedürfnisse (Gewährleistung und Durchsetzung von Recht und Ordnung durch staatliche Behörden) und ausreichende, befriedigende Sozialbeziehungen von vorrangiger Bedeutung gegenüber geistigen, ideologischen und religiösen Werten und Einstellungen sind (siehe Modell der Maslow’schen Bedürfnishierarchie). Das ist eigentlich die originäre Aufgabe der Politik, die Befriedigung wichtiger Grundbedürfnisse sicherzustellen. Die Systemtheorie und -analyse weist darauf hin, dass es wichtig ist,, auf die tragenden Elemente bzw. Fundamente und Säulen eines Systems wie der Gesellschaft zu achten. Das sind die meisten Bürger mit ihren Familien, die durch Arbeit, Steuern und Versicherungsbeiträge erheblich zum Laufen der Gesellschaft beitragen. Wenn diese Bevölkerungsgrupppe nicht gepflegt und gehegt - sondern vernachlässigt, benachteiligt (Rentenkürzungen, Gefährdung der Ersparnisse und Rücklagen, Aufweichung und Umgehung von Tarifverträgen)  und obendrein noch beschimpft wird, wenn sie nicht mit dieser Politik einverstanden ist, braucht man sich nicht zu wundern, wenn in Bevölkerungskreisen nach politischen Alternativen gesucht wird. Leider bieten die in der Opposition befindlichen Parteien im Bundestag und in dem meisten Landesregierungen keine überzeugende Alternative an, sondern tragen die aus meiner Sicht falsche Regierungspolitik noch mit, anstatt die Regierung zu kontrollieren und Missstände aufzudecken/aufzuzeigen.    

Jürgen Althoff / 08.11.2016

Und wie soll das in Sachsen oder anderswo beim Umgang mit besitzerfgreifenden integrationsunwilligen Kulturfremden helfen?

L. Diehn / 08.11.2016

Vogt formuliert sehr klug und geht auf die Lebenswirklichkeiten von Städtern und Bewohnern des ländlichen Raumes - m. E. zutreffend - ein. Auch das Empfinden der Einflusslosigkeit und Machtlosigkeit lokaler Verantwortungsträger ist m. E. richtig beschrieben; Bund und Länder haben über Jahrzehnte über finanzielle Mittel massiven Einfluss auf Kommunen genommen und fiskalische und persönliche Abhängigkeiten geschaffen. Das wird sich nicht zurück drehen lassen. Richtig erkennt Vogt auch, dass wichtige Themen der Zeit in der politisch interessierten Bevölkerung vordiskutiert werden müssen. Unter Kohl war die CDU durchaus noch in der Lage, Willensbildung von “unten nach oben” zu betreiben, in der SPD war es vermutlich ähnlich. Diese Zeiten sind jedoch vorbei, Merkel als CDU-Vorsitzende hält sich an keine Vorgaben mehr. Und da liegt eine Schwäche von Vogt: Es ist nicht Aufgabe der Politik, die Bevölkerung in eine gewünschte Richtung zu erziehen, sondern vielmehr Räume und Plattformen zu schaffen, welche die künftigen wichtigen Richtungsentscheidungen der Politik und Gesellschaft vorbereiten helfen. Vogt verweist auf die Schweiz: Auch politisch unerwünschte lokale Entscheidungen sind bindend. Das scheint mir in Deutschland wenig erwünscht, wir neigen zu zwanghafter Vereinheitlichung, warum auch immer. Begrüssenswert erscheint mir gleichwohl der Vorschlag, die Binnenkultur zu fördern und über die eigenen Wurzeln nachzudenken. Gerade die Sachsen haben einen gewissen “Landesstolz” und sind an Ihrer Identität, Kultur und Geschichte interessiert, oder wie Vogt sagt: heimatverbunden. Als Süddeutscher war ich in den ersten Jahren in Sachsen immer wieder verblüfft, wie sehr Menschen aller Berufe und Schichten an Theater,  Kunst und anderen kulturellen Ereignissen sind, das kannte ich so von zuhause nur aus dem Bildungsbürgertum. Ich bezweifle aber, dass oktroyierende Kulturveranstaltungen gut ankämen, die Sachsen haben die DDR noch in guter Erinnerung und bemerken sofort, wenn ihnen etwas aufgeprägt werden soll. Es gibt schon einiges an Kino- und Fernsehfilmen sowie Theaterstücken zum Thema “Aufnahme von Fremden”, die Einflussnahme in eine bestimmte Richtung ist in der Kultur jetzt schon durchaus wahrnehmbar. Es geht aber nie um eine Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern um eine gewünschte Richtung. Volksbelehrung ist aber ärgerlich und löst einen Abwehrreflex aus. Funktionieren kann m. E. nur die eigene Auseinandersetzung, nicht die vorzelebrierte.

Kay-Uwe Klepzig / 08.11.2016

Vielen lieben Dank für den Hinweis auf diesen potentiell großen Versöhner. Selten habe ich mein Empfinden und meine Gedanken zum Thema Liebe zum Eigenen und Integration so wunderbar ausgedrückt gefunden. Allein, ich fürchte, die Zahl der Verständigen im Promillebereich. Was wissenschaftlich wahrscheinlich sogar erklärbar ist - und mich dennoch sehr traurig macht. Beste Grüße in meine Heimat,

Karla Kuhn / 08.11.2016

Herr Vogt ist ein Idealist. Wenn es viele Idealisten gäbe, könnte es vielleicht klappen aber solange Politiker nur des Machterhaltes wegen an ihrer ausgesprochen ungerechten Politik festhalten, die Zuwanderer nicht bereit sind, die Werte des Gastlandes anzuerkennen und viele Gutmenschen nur aus Eigennutz im Mainstream mitschwimmen, wird sich gar nichts ändern.  Die Schere zwischen arm und reich wird immer größer und immer offensichtlicher, da werden die einen mit Klauen und Zähnen ihr Hab und Gut verteidigen und die anderen müssen sehen, wie sie tag-täglich um die Runden kommen. Wie soll da Empathie für die Flüchtlinge entstehen, zumal derjenige, der die herrschende Ungerechtigkeit anprangert sofort als Pack, Nazi, rechtes Gesindel, etc.pp. abgestempelt wird. Wobei das Wort NAZI die   verheerenden Gräueltaten der Nazis dadurch entwertet. Aber soweit denken die Beschimpfer nicht,sie wollen nur unbedingt im Reigen mitmischen, obwohl so manchem sogar dazu die Intelligenz fehlt. Herrn Vogts Vorschlag ist gut gemeint aber die Menschen sind, jedenfalls zur Zeit, nicht reif dafür.

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