Sophie Dannenberg / 11.01.2015 / 14:40 / 18 / Seite ausdrucken

Ein Nazi muss deutsch sein, sonst ist er keiner

Als ich klein war, wünschte ich mir eine Zeitmaschine. Im Fernsehen lief abends ein Film über den Holocaust, ich glaube, es war die gleichnamige Serie. Ich sah nur den Anfang den Films, bevor ich ins Bett musste - wie die Gestapo in ein Haus eindrang, alles zerschlug und die Familie mitnahm. Die ganze Zeit schrie ein Baby. Ich war verstört, und meine Eltern erklärten mir dann alles, sehr detailliert und nicht ganz kindgerecht, wie es damals unter Linken, die sichergehen wollten, „dass so etwas nie wieder passiert“, wohl üblich war. Jedenfalls verstand ich ein bisschen was, und ich wollte eine Zeitmaschine haben, mit ihr zurückreisen und Adolf Hitler erschießen.

Noch immer stelle ich mir das ab und zu gerne vor. Es kostet mich überhaupt nichts. Wahrscheinlich unterscheide ich mich darin nicht von den meisten anderen Nachkriegsdeutschen. Wir sind politisch nie erwachsen geworden. Wir haben nicht verstanden, dass diese Zeitmaschine nicht funktioniert. Was geschehen ist, ist geschehen. Wer hält das schon aus?

Dabei haben wir uns wirklich Mühe gegeben, mit der Reedukation und dem Wirtschaftswunder, der EU und dem Euro, aber diese eine Sache, nämlich den Nazis rückwirkend Widerstand zu leisten, die kriegen wir auch nach siebzig Jahren noch nicht hin. Gerade meine Generation hat das zwar von Kind auf gelernt. Mein Kinderladen war antiautoritär, meine DKP-nahe Lehrerin sagte: „Streu Sand ins Getriebe!“ und funkelte mich mit listigen Augen an. Und die vielen aufgeklärten Politiker, die ich dauernd in den Talkshows herumsitzen sehe, taten dann den Rest dazu, zuletzt Frau Merkel mit ihrer atemberaubend mutigen Neujahrsansprache! Da stehe ich also jetzt, so wahr mir Gott helfe, randvoll mit Zivilcourage, aber nirgends kein Nazi in Sicht.

Dann bastele ich mir halt einen. Was ist ein echter Nazi? Erstens, er braucht eine totalitäre Weltanschauung. Zweitens, er verfolgt jeden, der anders denkt als er. Drittens, er terrorisiert und mordet. Holla, denke ich, und ob da wieder Nazis unter uns sind, mitten in Europa. Ok, sie tragen keine Hakenkreuze. Und sie vergasen ihre Opfer nicht, sondern köpfen, erschießen und sprengen sie. Und, sorry, sie sind in diesem Fall keine Deutschen. Aber sie sind da, und wir könnten jetzt unseren ganzen, in über siebzig Jahren angesammelten Mut zum Widerstand einsetzen und endlich mal das richtige tun, den Feind erkennen, uns und unsere Freunde schützen und uns verdammt nochmal wehren.

Aber jetzt wird es kompliziert. Wenn ich sage, dass die Islamisten, die durch die Welt marodieren und wieder Juden und andere Andersgläubige ermorden, die neuen Nazis sind, dann bin ich nicht etwa jemand, der sich hinter die Juden stellt. Sondern ich bin selbst ein Nazi, der Ausländerfeindlichkeit schürt. Böse Falle. Also noch einmal von vorn.

Was ist ein echter Nazi? Er muss deutsch sein, sonst zählt das nicht. Antisemitismus von arabischen Jugendlichen zum Beispiel ist kein echter Antisemitismus, sondern unsere eigene Schuld, weil wir unfähig sind, die Jungs zu integrieren. Und warum sind wir unfähig? Weil wir insgeheim Nazis sind.

Weil wir also insgeheim Nazis sind, verprügeln arabische Jugendliche Juden in der U-Bahn. Antisemitismus von Islamisten zählt auch nicht, weil der Islam ja eine friedliebende Religion ist, das erzählt einem jeder Imam und jede deutsche Islamforscherin, zum Beispiel Frau Professor Angelika Neuwirth http://www.deutschlandfunk.de/rechtfertigt-der-koran-terror-gewalt-verse-werden.691.de.html?dram:article_id=308311, und jeder, der was anderes behauptet, ist ein Nazi, der Menschen aufgrund ihrer Religion verfolgen will.

Wer bleibt mir da noch übrig? Irgendjemand, der deutsch ist und politisch nicht ganz austrainiert. Er muss irgendwelche Meinungen verbreiten, die nicht von vorn bis hinten auf mögliche Missverständnisse abgeklopft worden sind, also irgendwie anders sind, also irgendwie, ganz tief in ihrem verborgenen Kern, den Politikwissenschaftler jetzt jahrelang freischaufeln müssen, den Nationalsozialismus reaktivieren könnten. Und wer eignet sich dafür? Pling! Die harmlosen Ossis in Dresden, die sprachlos durch die Straßen wandern.

Jetzt renne ich aber schnell zur nächsten Toleranzdemo und beweise der Welt, dass ich was gegen Nazis habe! Und ich schalte jedesmal das Licht am Kölner Dom aus, wenn Pegida-Brandstifter dran vorbeilaufen. Wo ich doch verpasst habe, es auszuschalten, als drei Antisemiten ein jüdisches Paar im Pariser Vorort Créteil überfielen, ausraubten, fesselten und die Frau vor den Augen den Mannes vergewaltigten. Aber das waren Antisemiten aus Schwarzafrika und dem Maghreb, böse Falle, sagt man besser nichts dagegen, und wer weiß, am Ende bin ich die Nächste.

Die letzte Toleranzdemo am vergangenen Samstag in Dresden habe ich leider nur in der Glotze gesehen. Da brachte ein junges Mädchen gegenüber der ARD ihr Motiv zum Ausdruck: „Man muss gerade jetzt ein Zeichen setzen, nach Paris, um damit eben zu zeigen, dass das, was in Paris passiert ist, nicht von der Pegida ausgenutzt werden kann.“ http://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-53625.html Ok, es scheint also so gewesen zu sein: Die Mörder von Paris sind verkappte Agenten der Pegida, die sich als Islamisten ausgeben, um uns ideologisch zu vergiften.

Ich werde mir jetzt ein politisches Poesiealbum anlegen. Und da kommen dann alle Zeugnisse meines Blümchen-Widerstandes rein. Und ein Foto von mir selbst, wo ich so richtig heldenhaft in die Kamera gucke, eine aufrechte empörte Bürgerin, die sich traut, gegen unangepasste deutsche Demonstranten zu demonstrieren, während in Europa wieder Juden ermordet werden.

Schlagt die Faschisten, wo ihr sie trefft! Aber schlagt nicht immer wieder daneben, sage ich. Es könnte passieren, dass ihr gerade jene trefft, die unser Land vor dem Faschismus schützen.

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Leserpost (18)
Pat Tachon / 14.01.2015

Vielen Dank Frau Dannenberg! Solche Essays wünsche ich mir mehr. Endlich weg von diesem Tunnelblick auf das “ÜBEL”. Ein Text wie Ihrer trägt gute Früchte, davon bin ich überzeugt. Sie beschreiben wunderbar wie ein gesundes Selbstvertrauen in die eigene Wahrnehmung,- was als Unrecht empfunden werden darf-, verbogen werden kann. Man könnte meinen, Ziel der Politik ist es nicht,  freiheitsliebende und -schützende Menschen zu regieren. Nochmals danke

Ramona Demirbas / 14.01.2015

Ja, der Artikel ist großartig. Ich habe ihn mit Genuß gelesen und freue mich sehr, dass es Menschen wie Sie gibt. Danke

Andreas Weber / 14.01.2015

Dieser argumentativ brilliante Artikel spiegelt auf höchst treffende Weise das Dilemma der nur allzu bequemen & oberflächlichen “Political Correctness” in unserem Land wieder. Der Wille zur eigenen Meinungsbildung mag zwar vorhanden sein, aber warum sich nicht die Mühsal eigener Denkarbeit ersparen wenn vermeintlich allgemeingültige Positionen schablonenhaft übernommen werden können ....

Jens Berndt / 13.01.2015

Danke. Sonnabend waren die Guten da, angeblich 35.000, owohl der Platz nur 17.000 fasst, am Montag waren nur 25.000 Dümpflinge, Nazischweine, instrumentalisierte und missbrauchte Mitläufer, eben die Mischpoke auf der Straße. Nach den am Abend veröffentlichten Zahlen 40.000. Ich war dabei. Ich bin nicht in o.g. Rubriken einzuordnen und ich habe auch keinen gesehen. Es war vertreten: Das Handwerk, die werktätige Bevölkerung, der Meister, der Ingenieur, der klassische Arbeiter, die Lehrerin, die Krankenschwester, der Uniprofessor und nicht alle aus Dresden. Viele haben einen z.T. weiten Weg auf sich genommen, aus Köln, aus München, aus Brandenburg und Thüringen, aber Nazis? Wenn schon, dann müssen die genau so ausgesehen haben wie ich…

George Renne / 13.01.2015

Wunderbar geschrieben bin sehr begeistert mehr davon müssten alle lesen vielen Dank für den Beitrag.

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