Frank A. Meyer, Gastautor / 05.12.2009 / 21:52 / 0 / Seite ausdrucken

Ein Minarett ist ein Zeichen, kein Minarett ist auch ein Zeichen

Von Frank A. Meyer

Die deutsche Tageszeitung «Die Welt» publizierte am Samstag ein grosses farbiges Foto. Zu sehen waren zwei Mädchen im Alter zwischen acht und zehn Jahren. Beide trugen ein weisses Kopftuch bis über Schultern und Brust, darunter den schwarzen Mantel. Sie spielten oder sangen oder tanzten. Die Verhüllung versteckte, was sie in ihrer kindlichen Freude gerade taten. Auf jeden Fall zeigte uns das Bild zwei züchtige Mädchen - züchtig im Sinne des Islam, der im Iran herrscht.

Er herrscht unerbittlich: Die Meldung zu diesem Bild besagte, dass das Regime der Mullahs die «Re-Ideologisierung der Gesellschaft» jetzt vorantreibe, und zwar «auch in den Grundschulen».

Ein Foto von zwei fröhlichen Mädchen - ein Bild von trauriger islamischer Wirklichkeit.

Ist es denkbar, dass solche Bilder Schweizer Bürgerinnen und Bürger zu vielen Tausenden bewogen haben, der Minarett-Initiative zuzustimmen? Und dass sie sich dabei möglicherweise dachten: «Ein Minarett ist ein Zeichen, kein Minarett ist auch ein Zeichen»?

Täglich wird der Westen mit Bildern der Unterdrückung und des Schreckens aus der islamischen Welt konfrontiert. Noch zahlreicher sind die Nachrichten von despotischer Machtausübung der Mullahs und Imame. Die westlichen Medien berichten seit Jahren ohne Unterlass in Schrift, Bild und Ton vom erniedrigenden Umgang mit den Frauen, von deren Rechtlosigkeit, von seelischer und körperlicher Peinigung. All das prägt unser Bild von der Weltreligion Islam.

Ist es denkbar, dass der bedrückende Nachrichtenstrom aus der islamischen Wirklichkeit Schweizer Bürgerinnen und Bürger zu vielen Tausenden bewogen hat, der Minarett-Initiative zuzustimmen? Um ein Zeichen zu setzen?

Und dann sind da noch die Bilder aus unserem Alltag: beispielsweise zwei von Kopf bis Fuss verhüllte Frauen bei dreissig Grad Hitze, in zwei Meter Abstand hinter einem von Selbstbewusstsein strotzenden Mann im T-Shirt! Wir nehmen das Bild hin, in Zürich, in Genf, in München, in Berlin, in Paris, in Madrid, in London, widerspruchslos, ohne Protest. Wir sind höfliche westliche Menschen: tolerant - und zornig.

Ist es denkbar, dass solche Alltagsbilder Schweizer Bürgerinnen und Bürger zu vielen Tausenden bewogen haben, der Minarett-Initiative zuzustimmen? Um ihrem Zorn ein Zeichen zu setzen?

Ein Zeichen gegen den Volksentscheid wiederum will das «Manifest von Prominenten aus Kultur und Politik» setzen. Zu den Unterzeichnern gehören von mir hochgeschätzte Persönlichkeiten wie alt Bundesrätin Ruth Dreifuss, aber auch mein inniger Freund, der Schriftsteller Adolf Muschg. Das «Manifest» erblickt im Ja zur Minarett-Initiative «eine latente Infektion». Das sprachlich fragwürdige Bild entlehnen die Manifest-Unterzeichner ostentativ beim Auschwitz-Überlebenden Primo Levi. Sie rücken damit die Befürworter der Minarett-Initiative in die Ecke von Fremdenhass und Rassenhass.

Die Manifest-Unterzeichner schreiben: «Die Xenophobie und seit einiger Zeit die Islamophobie können zu extremen Handlungen führen, die an Unmenschlichkeit den Schreckenstaten des vergangenen Jahrhunderts gleichkommen können.» Die Befürworter der Minarett-Initiative werden also in Zusammenhang gebracht mit den nazistischen Antisemiten - mit den Holocaust-Tätern.

Die Assoziation ist masslos. Sie macht sprachlos. Fassungslos.

Darf man überhaupt noch fragen, ob die Nachfolger der Holocaust-Täter nicht vielleicht eher im Iran zu suchen sind, wo Präsident Ahmadinedschad nicht müde wird, mit der Vernichtung Israels zu drohen? Darf man ferner überhaupt noch darauf hinweisen, dass der Islam schlicht Totalitarismus und Männerherrschaft im 21. Jahrhundert bedeutet?

Darf man solche Fragen überhaupt noch stellen, ohne der Fatwa des «Manifestes von Prominenten aus Kultur und Politik» anheimzufallen?

Sicher, es gibt unterschiedliche Strömungen im Islam. Ist Islamkritik aber schon deshalb falsch, weil sie von einem einzigen Islam ausgeht?

Im Feuilleton der «Neuen Zürcher Zeitung» vom vergangenen Donnerstag schrieb Hamed Abdel-Samad, Historiker und Politikwissenschafter an der Universität München, über seinen Glauben: «Die Unantastbarkeit der Religion stand den Reformern immer im Weg und liess ihre Bemühungen im Sande verlaufen. Kommt hinzu, dass sie wie die religiösen Fundamentalisten selbst vom Text des Korans besessen sind.»

Und weiter:
«Es ist Zeit für Häretiker, die Allmacht des Korans zu bestreiten und eine neue Geisteshaltung einzuführen. Diesen Prozess nenne ich nicht Reform, sondern geregelte Insolvenz. Erst wenn sich muslimische Kultur innerlich von diesem Buch löst, kann sie einen Neuanfang wagen.»

Abdel-Samad sagt auch:
«Islamkritik sollte von den Europäern ohne Rücksicht auf fundamentalistische Bedrohungen und ohne politisch korrekte Denkfaulheit vorangetrieben werden. Diese Kritik darf hart sein, sollte jedoch ohne Polemik und Ressentiment daherkommen. Und wenn den Muslimen diese Kritik von aussen unerträglich erscheint, sollten sie das Heft in die Hand nehmen und diese Kritik selbst üben.»

Hamed Abdel-Samad spricht von einem einzigen Islam, kritisiert den einen Islam, fordert auf zu harter Kritik an diesem einen Islam. Der Politikwissenschafter und Historiker weiss ganz genau, wovon er schreibt und redet.

Ja, es stimmt, Kritik und Ablehnung des Islam, wie sie sich im törichten Volksbegehren gegen Minarette ausdrückten, sind polemisch und von Ressentiments inspiriert. Das allerdings hat seine tieferen Gründe: zum Beispiel im kritiklosen «Multikulti» von Linksliberalen, Linken und Grünen; zum Beispiel im «Tiersmondisme» so vieler sentimental übersteigerter Drittwelt-Versteher; zum Beispiel im schlechten Gewissen des Westens als Erbe des Kolonialismus.

Wir dürfen gegen den gesellschaftlichen Herrschaftsanspruch der katholischen Kirche sein. Wir dürfen die Pius-Brüder Klerikalfaschisten nennen. Wir dürfen die bigotten Evangelikalen bekämpfen.

Wir dürfen die säkulare Gesellschaft verteidigen gegen die Rückeroberung durch die christliche Religion.

Und gegen den Islam sollen wir nichts sagen dürfen?

Es ist Zeit für das offene Wort. Es ist Zeit für Politik. Denn wo keine Politik ist, ist Kirchturmpolitik.

C: SonntagsBlick, 6.12.09

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