Marisa Kurz / 03.04.2017 / 19:00 / Foto: Lusitana / 14 / Seite ausdrucken

Ein grasgrüner Lamborghini mit zwei Europaflaggen

Über „Pulse of Europe“ steht jetzt viel in der Zeitung. Deshalb habe ich auf die Homepage geschaut. Dort habe ich erfahren, dass das etwas mit Europa zu tun hat, mit der EU und mit Trump. Und, dass ich verantwortlich bin. Weil ich ein verantwortungsbewusster Mensch bin, hat das mein Interesse geweckt. Also bin am vergangenen Sonntag zur „Pulse of Europe“-Demonstration an der Münchner Oper gegangen. Wenn ich mehr über „Pulse of Europe“ erfahren will, so hab ich mir gesagt, frage ich am besten die Menschen, die da mitmachen.

Als ich ankomme, frage ich eine Frau, worum es bei der Veranstaltung geht. Die Demonstration ist „für Europa“ sagt sie. Sie drückt mir einen Infoflyer in die Hand. Ob hier auch gegen irgendetwas demonstriert wird, frage ich sie. „Nein, nur für“. Der Infoflyer zeigt mir, dass ich an eine gut informierte Ansprechpartnerin geraten bin, denn da steht weiß auf blau: „Pulse of Europe ist eine zivilgesellschaftliche Initiative zum Erhalt der Europäischen Union – werteorientiert, weltoffen und nicht parteipolitisch. Wir sind nicht gegen etwas, sondern für etwas.“

Als nächstes spreche ich einen Mann an, der eine Neon-Weste trägt und aussieht, als wäre er an der Organisation beteiligt. Von ihm erfahre ich, dass es bei Pulse of Europe um Europa geht und es wichtig ist, über Europa und die EU zu sprechen. Man darf auch kritisch sein, sagt er. Auch gegenüber der Flüchtlingspolitik und dem Euro. Jeder, der etwas zu sagen hat, egal was, darf auf die Bühne gehen und es ins offene Mikrophon sprechen. Hauptsache, eine Diskussion entsteht. Ich nicke. Dann erzählt er, dass das alles so wichtig ist, damit Wahlen nicht schlecht ausgehen, so wie beim Brexit. Und dass die Wahlen in den Niederlanden gut ausgegangen sind und jetzt die Wahlen in Frankreich anstehen und hoffentlich auch nicht schlecht, sondern gut ausgehen.

Europa, EU, Trump, Brexit, gut, schlecht, für, gegen

Ich laufe weiter, vorbei an einem grasgrünen Lamborghini, der mit zwei Europaflaggen geschmückt ist. Daneben noch ein Lamborghini und ein Rolls Royce. Was die da machen, weiß ich nicht. Ich denke darüber nach, was mein Gesprächspartner eben gesagt hat. Es geht also um Europa und jeder darf kritisch sein. Was gut und was schlecht ist, das schien er genau zu wissen. Aber ich weiß nicht, was gut und schlecht ist. Aber vielleicht erfahre ich es ja noch.

Zum Glück heißt es auf dem Infoflyer  „Pulse of Europe – worum geht es?“ und darunter steht in Stichpunkten: „Europa darf nicht scheitern“, „Der Friede steht auf dem Spiel“, „Wir sind verantwortlich“, „Aufstehen und wählen gehen“, „Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit sind unantastbar“, „Die europäischen Grundfreiheiten sind nicht verhandelbar“, „Reformen sind notwendig“, „Misstrauen ernst nehmen“, „Vielfalt und Gemeinsames“, „Alle können mitmachen – und sollen es auch“.

Ich spreche ich zwei junge Männer an. Sie haben riesige Europa-Flaggen dabei. Bei „Pulse of Europe“ geht es um Europa und darum, gegen Sachen wie Trump oder den Brexit zu demonstrieren, sagen sie. Also sind die Leute hier doch gegen etwas. Geht es eigentlich um Europa oder um die EU? Um beides, sagen sie. Und was hat das mit Trump zu tun? Eigentlich nicht so viel, lautet ihre Antwort, es geht eben allgemein um den Brexit, die AfD und so, um rechtspopulistische Strömungen. Und wer steckt eigentlich genau hinter „Pulse of Europe“? Irgendein Anwalt, sagen sie. Sie haben die Demos im Fernsehen gesehen und finden einfach, dass das eine gute Sache ist.

Europa, EU, Trump, Brexit, gut, schlecht, für, gegen. Ich bin verwirrt. Ein Franzose spricht etwas ins Mikrophon, das ich akustisch nicht verstehe. Eine Sängerin singt La vie en rose und später die Europahymne. Liberté, Égalité, Fraternité tönt es immer wieder aus der Menschenmenge und es gibt Frankreich-Flaggen. Ein Mann auf der Bühne ruft ins Mikrophon: „Wir brauchen kein Wahlprogramm! Ihr seid unser Wahlprogramm! Wuuuhuuuuuuuuuuuuuuuuu!!!!“

Die Polizisten müssen doch wenigstens wissen, worum es hier geht

Ich entdecke zwei Polizisten. Die müssen doch wissen, worum es hier geht. Raten Sie mal, sagt ein Polizist und zeigt auf die Europa-Flaggen. Ja, aber worum genau? Das weiß er nicht. Ob denn jemand gegen Europa ist, frage ich ihn. Er lacht und sagt, dass er nicht zuhört, was die Menschen auf der Bühne sagen.

An einem Infostand hole ich einen blauen Zettel. Darauf stehen wieder die zehn Stichpunkte wie auf dem Infoflyer. Aber mit kurzer Erklärung. Unter dem ersten Punkt „Europa darf nicht scheitern“ steht:

„Wenn nicht alle, denen Europa wichtig ist oder die auch nur davon profitieren, aktiver werden und wählen gehen, droht die europäische Union in Kürze zu zerfallen. Die kommenden Wahlen in den Niederlanden, Frankreich und Deutschland sind von existenzieller Bedeutung. Für Europa geht es jetzt um alles!“

Sind Europa und die EU dasselbe? Zerfall? Existenzielle Bedeutung? Wahlen? Was muss ich tun? Wen soll ich wählen? Und warum? Vor mir steht eine Frau, die sich eine EU-Flagge als Kopftuch umgebunden hat. Vielleicht weiß sie, wofür ich verantwortlich bin und was ich tun soll. Jemand, der eine Europa-Flagge als Kopftuch trägt, der muss doch Bescheid wissen. Ich spreche sie an und frage, worum es bei „Pulse of Europe“geht. Es geht um Europa und um die EU, und gegen den Trend zu Nationalstaaten und gegen Demokratieverlust, sagt sie. Ich frage, ob die EU ihrer Meinung nach die Demokratie stärkt. Sie antwortet, dass die EU reformbedürftig ist und dass das jeder hier sagt. Aber dass wir trotzdem zusammenhalten müssen.

Dann finde ich jemanden vom Organisationsteam. Der freundliche Herr erzählt, wie er eine E-Mail an den Frankfurter Initiator geschrieben hat und durch ihn mit anderen Interessenten aus München in Kontakt gekommen ist. Beim Pizzaessen haben die Münchner beschlossen, „Pulse of Europe“ Demonstrationen in München zu organisieren. Gehören die Organisatoren irgendwelchen Parteien an? Nein, sagt er. Sie sind parteiunabhängig und nehmen auch von niemandem Geld (siehe dazu auch das hier). Auch wenn ihnen das schon angeboten worden sei, von der Hans-Seidl Stiftung zum Beispiel. Sie wollen keine Partei sein. Die Parteien seien verantwortlich, die EU zu reformieren und nicht „Pulse of Europe“. Ich frage ihn, was er an der EU reformieren würde. Die Bürokratie zum Beispiel, sagt er. Ich frage ihn, was er vom Euro hält. Er antwortet: „Den Euro finde ich gut. Schon weil ich mit dem Euro bezahlen kann. Erst gerade habe ich mit Euro bezahlt.“

Ich nehme mir noch ein blaues Armband mit und die beiden Lamborghinis und der Rolls Royce fahren in einer Reihe an mir vorbei.

Leserpost (14)
Jeanette Kamrowski / 04.04.2017

Man könnte denken, diese Menschen haben aus einer “Bierlaune” heraus beschlossen wir gehen jetzt mal auf die Straße. Nach dem Motto: ” Back to the street!”, ist gerade so im Trend. Wir sind für ein “UNSER” gemeinsames EUROPA, die schöne Währung und haben Sonntags Zeit. Doch denke ich so einfach ist das nicht, da keiner so Recht sein GESICHT als INITIATOR dafür in der Öffentlichkeit hergeben möchte. Warum nur? Eventuell würde es Europa auch helfen wenn die Wohlfühlbürger nicht den Teile der Europäer, die die Realität von Europa schon in voller Tragweite erreicht hat und jetzt nur mehr um Ihr Überleben kämpfen, auch noch mit Ihrer Glorifizierung kommen würden. Ein Projekt, das in den leztzen 10 Jahre alles geschehen lässt um die Menschen in unterschiedlichen Spalten einzuteilen und das als alternativlose, notwendige Gerechtigkeit verkauft, ist aus meiner Sicht nicht tragbar und belastbar. Da zwar keine Nationen (Identität) mehr gewünscht ist, dennoch nicht vor der Schaffung eines neuen Schicht-, oder Kastensystem zurück geschreckt wird, bleibt alles beim bisher Bekannten - GELD gegen SCHULD.

stefan lanz / 04.04.2017

Ich bin ratlos. Ratlos über soviel Gefühl in der Debatte und ratlos über den anscheinend immer mehr schwindenden Verstand in der Bevölkerung…

Jochen Brühl / 04.04.2017

Ob die Frau mit dem Europakopftuch eigentlich ahnt, wie dumm sie ist?  Sie demonstriert gegen den Trend zu Nationalstaaten und für Demokratie. Ein Widerspruch in sich. Bedingt doch die Demokratie einen Nationalstaat mit einem Demos - einem Staatsvolk. Und das ist Europa nicht und wird es auch nie werden. Aber wenn man in einem Land lebt, dessen Regierungschefin sagt, “das Volk, dass sind wir alle, die hier leben” kann man der Frau das auch nicht mehr übel nehmen.

Wieland Schmied / 04.04.2017

Zitat: *Ich frage ihn, was er vom Euro hält. Er antwortet: „Den Euro finde ich gut. Schon weil ich mit dem Euro bezahlen kann. Erst gerade habe ich mit Euro bezahlt.“* Na, das sagt doch mehr als der gesamte Text vorher. In der Kürze liegt die Würze. Oder - sie ist und bleibt ein Trauerspiel, diese EU, mitsamt ihrer Mit- und Trittbrettfahrer.

Jacek Berger / 04.04.2017

Wow! Bin beeindruckt. “Puls of europe” ist eine weitere Bestätigung dafür dass die Würde des Menschen unantastbar und seine Dummheit unermesslich sind.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir meist nur während der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Marisa Kurz / 12.11.2017 / 10:53 / 11

München: 98 Millionen für Flüchtlinge, Studenten in Notunterkünften

Wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, wird die Stadt München auf 98 Millionen Euro sitzenbleiben, die sie seit 2015 aus eigener Tasche für die Versorgung…/ mehr

Marisa Kurz / 09.11.2017 / 13:22 / 28

Das dritte Geschlecht – Aufstand der Spießer

Das Bundesverfassungsgericht hat beschlossen, dass es in Zukunft die Möglichkeit geben muss, im Geburtenregister ein drittes Geschlecht wie „inter“ oder „divers“ einzutragen. Die fehlende Wahlmöglichkeit…/ mehr

Marisa Kurz / 28.10.2017 / 15:36 / 12

Lummerland ist abgebrannt

Die neue Webseite „Rumours about Germany“ des Auswärtigen Amtes (AA) richtet sich an potenzielle „Flüchtlinge“ und soll mit gängigen Mythen rund um das Thema Migration…/ mehr

Marisa Kurz / 23.10.2017 / 06:15 / 35

Reflexhaftes Linksgrün-Bashing ist nicht besser als die Nazikeule

In der vergangenen Woche schockierte das Satiremagazin „Titanic“ mit einer Bildmontage, in der der österreichische Merkel-Kritiker und Politstar Sebastian Kurz als „Baby-Hitler“ bezeichnet wurde und…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com