Rainer Bonhorst / 08.03.2017 / 06:00 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 3 / Seite ausdrucken

Ein europäischer Menschenbasar

Der Brexit, ob er nun hart, mittel oder weich ausfällt, wird demnächst auch zu einem Basar werden, auf dem um die Ware Mensch gefeilscht wird. Zu viele Europäer, vor allem Polen, auf der Insel haben den älteren und ärmeren Teil der Briten veranlasst, sich aus der Wanderbewegung der Europäischen Union zu verabschieden. Jetzt, wo das im Prinzip geschafft ist, geht es um die viereinhalb Millionen Menschen diesseits und jenseits des Kanals, die möglicherweise von Zwangsheimkehr oder zumindest von neuen bürokratischen Ärgernissen betroffen sind.

Es gibt zwei einfache Antworten auf dieses Problem. Einerseits: Da sowohl Großbritannien als auch die kontinentale EU als sichere Herkunftsländer gelten können, wäre eine millionenfache Heimkehr keine unerträgliche humanitäre Katastrophe. Sie würde sogar die Verkehrswirtschaft beider Seiten ankurbeln, da eine solche Heimkehrsaison sicher zu höheren Preisen stattfände.

Andererseits: Man könnte auch einfach sagen: Wer schon da ist, kann auch bleiben. Basta. Das wäre kurzfristig schlecht für die Reisebranche, aber gut für die Wirtschaft beider Seiten. Denn was wäre England ohne seine polnischen Handwerker und Spanien ohne seine englischen Rentner und Edelgauner? Und was brächte es, die Rentner aus der südlichen Sonne zurück in den Inselregen zu holen? Und die Deutschen von der locker entspannten Insel zurück in die deutsche Ordentlichkeit?

Das britische Oberhaus hat kürzlich den Brexit-Elan der Premierministerin ein wenig gedämpft, als es Theresa Mays europäisches Scheidungspapier genau um diese Idee ergänzte: Wer schon da ist, soll bleiben dürfen. Eine solche Zusage aber lehnt die konservative Regierungschefin strikt ab. Warum? Weil es auch keine solche Zusage auf der Seite der Kontinentaleuropäer gibt. In England kann die Sache nun zwischen Unterhaus und Oberhaus noch ein bisschen hin- und hergeschoben, bis sich nach den parlamentarischen Sitten das Unterhaus durchsetzt mit seinem „No“ zu einer vorauseilenden Bleibegarantie für die EU-Bürger in Britannien.

Der anstehende Menschenhandel

Bei dem nun anstehenden Menschenhandel hat Theresa May gar keine schlechten Karten. Denn sie hat auf ihrer Insel mehr Europäer, die sie in diesem Spiel als Schachfiguren einsetzen kann, als der Kontinent. 3,3 Millionen EU-Kontinentale leben und arbeiten in Großbritannien. 1,2 Millionen Briten hat es auf den Kontinent verschlagen. Knapp 300 000 Deutsche sind auf der Insel, gut 100 000 Briten halten sich in Deutschland auf. Die spezielle Polenphobie der Brexit-Briten erklärt sich dadurch, dass die Insel fast 900 000 Polen beherbergt, also dreimal so viele wie deutsche und doppelt so viele wie Übersiedler vom benachbarten Irland.

Ihre Zukunft ist nun in der Schwebe, wie so vieles andere auch seit der Brexit-Entscheidung. Natürlich können die Betroffenen proaktiv tätig werden. Der schlaueste Trick für Briten auf dem Kontinent ist die Suche nach irischen Vorfahren, was ihnen den direkten Zugriff auf einen irischen Pass und damit auf einen Verbleib in der EU sichert. Es soll auch, wie man liest, immer mehr Briten geben, die sich um kontinentale Staatsbürgerschaften bemühen, ob nun deutsch oder spanisch. Da bedarf es sicher einiger Überwindung. Schließlich sind in der alten englischen Comedy-Serie „Fawlty Towers“ die deutschen Hotelgäste sofort mit Hitler-Imitationen beglückt worden, und die Dämlichkeit des Kellners Manuel wurde mit dem einfachen Hinweis erklärt: „Er kommt aus Barcelona.“

Nicht jeder wird also diesen Schritt in eine kontinentale Staatsbürgerschaft wagen wollen. Die Kontinentalen auf der Insel wiederum könnten sich vergleichsweise mühelos um die britische Staatsbürgerschaft bemühen, so lange England noch in der EU ist. Aber nicht jeder mag die Staatsbürgerschaft eines Landes annehmen, dessen Mehrheit klar gemacht hat, dass man nicht willkommen ist.

Der Basar ist jedenfalls eröffnet. Das Handelsgut Mensch wird in den großen Topf der Brexit-Verhandlungen geworfen. Dabei wird sicher auf beiden Seiten eine ökonomische und politische Kosten-Nutzen-Rechnung aufgemacht. Am Ende wird man sehen, ob es eine Karawane in beide Richtungen geben wird oder ob das gilt, was die Lords im Oberhaus empfehlen: Lasst den Quatsch.   

Foto: Bildarchiv Pieterman
Leserpost (3)
Günter Schaumburg / 08.03.2017

900 000 Polen in Grobritannien, sicherlich noch einmal so viele, eher mehr, in Deutschland und Schweden. Akademiker, Techniker, Facharbeiter, die man in Polen dringend bräuchte. Mit dieser EU-Politik wird Polen, andere Länder aber auch, niemals ein Wohlstandsland für alle. Allem Anschein nach ist dies aber beabsichtigt, ein sogenannter Kollateralschaden ‘durchdachter’ Politik der EU-Architekten, die sich einen Platz im Lexikon sichern wollten. So muss die EU heute Probleme lösen, die wir ohne sie nicht hätten. Einer großen Zahl von polnischen Menschen geht es heute schlechter als zu kommunistischen Zeiten!  

Hans Meier / 08.03.2017

Dieser Menschenhandel ist eigentlich die Fortsetzung der Sklaverei, mit anderen Mitteln. Die jungen Männer, lassen sich auf Schlepper ein, denen sie Unsummen bezahlen müssen, die ihre Verwandtschaft per Western-Union aufbringt. Es zirkulieren also zig Milliarden US-Dollar und beflügeln unsere am Ertrag beteiligten Politiker, eine sehr seltsame Haltung einzunehmen. Sie sind zwar technisch in der Lage alle Gummiboote schon beim Ablegen zu sehen und zu stoppen, aber dann würde der Reibach aufhören. Wie hatte schon Sankt Augustin gesagt, was los wäre, wenn man „das Recht weglassen würde“?

Sepp Kneip / 08.03.2017

Herr Bonhorst, die Briten haben sich für den Brexit entschieden. Nicht die Regierung, sondern die Mehrheit der Bürger. Warum eigentlich? Aus Jux und Dollerei? Wohl sicher nicht. Die EU hat sich in eine Richtung entwickelt, die vielen nicht gefallen kann. Konsequenzen daraus haben bisher nur die Briten gezogen, da sie festgestellt haben, dass es einfach niemanden gibt, der die verkrusteten Strukturen dieses Gebildes aufbrechen kann oder will. Statt Lehren aus dem Austrittsbegehren der Briten zu ziehen und sich Gedanken über Reformen zu machen, brach ein gewaltiger Shitstorm über die Briten herein. Sicherlich kein geeignetes Argument, die Briten zum Bleiben zu bewegen. Das Juncker’sche Sammelsurium von Reformvorschlägen bietet sicher auch keinen Anreiz, der EU nicht den Rücken zu kehren. Ich glaube auch nicht, dass das Oberhaus empfohlen hat, “den Quatsch zu lassen”. Ich glaube eher, dass die Lords eine Brücke bauen wollten, über die sowohl die Briten als auch die Eu wieder zueinander finden könnten. Dann muss sich aber auch die EU bewegen - aber nicht nur in kleinen Schritten.

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