Henryk M. Broder / 18.04.2017 / 06:25 / Foto: Bene16 / 0 / Seite ausdrucken

Ein Beitrag verschwindet: Fake News im Hessischen Rundfunk

Am 3. April lief im Spätprogramm der ARD innerhalb der Sendung "titel, thesen, temperamente" ("ttt") ein Beitrag über den britischen Holocaustleugner David Irving und die amerikanische Historikern Deborah Lipstadt, die Irving einen "Antisemiten" und "Holocaustleugner" genannt hatte und deswegen von ihm verklagt wurde. Der Prozess zog sich über mehrere Jahre hin und endete mit einer Niederlage für Irving. Der Beitrag in "ttt" endete mit Reflexionen über Donald Trump, den "Klimaleugner". Und wer von Trump redet, kann natürlich über Stephen Bannon nicht schweigen, obwohl auch der mit Irving so viel zu tun hat wie die "ttt"-Redaktion mit Auerbachs Keller. Bannon, hieß es in dem Beitrag, sei ein "bekennender Antisemit". 

Ich habe den "ttt"-Beitrag auf achgut verlinkt und ihm einen neuen Titel gegeben: Trottel, Taugenichtse und Transformer - Vom Holocaust zum Klimawandel. Wenn Sie nun auf den Link klicken, erfahren Sie, dass der "ttt"-Beitrag "leider nicht verfügbar" ist. Dies könne "mehrere Ursachen haben". Die gesuchten Informationen liegen "möglicherweise inzwischen an einem anderen Ort oder die Seite existiert nicht mehr". 

Wie wahr, wie wahr. Die Seite wurde nämlich von der Redaktion gelöscht. Wie es dazu gekommen ist, erfahen Sie hier:

Broder an "ttt", 3. April

In der "ttt"-Sendung vom 2.4. (http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/videos/holocaust-luege-vor-gericht-video-100.html) hieß es in dem Beitrag über einen neuen Film zum Thema Holocaustleugnung, Steve Bannon, der Berater des US-Präsidenten, sei ein "bekennender Antisemit". Seien Sie bitte so nett, mich wissen zu lassen, auf welchen Fakten diese Aussage beruht.

"ttt" an Broder, 7. April

Bzgl. ihrer Mail zu unserer "ttt" Sendung am 2.4 möchten wir Ihnen mitteilen, dass die zuständige Redakteurin zurzeit erkrankt ist und wir die Sachlage gerade prüfen. Im Laufe der nächsten Woche können Sie mit einer Antwort rechnen.

Broder an "ttt", 7. April

so, so, die redakteurin ist krank und sie prüfen die "sachlage". ich vermute, sie machen sich erst einmal mit dem holocaust und mit dem klimawandel kundig. deswegen ist keiner da, der die mail unterschreiben könnte. voller vorfreude auf ihre antwort.

HR an Broder, 13. April

Sehr geehrter Herr Broder,

zunächst noch einmal herzlichen Dank für die aufmerksame Beobachtung unserer „ttt“-Ausgabe vom 2.4.2017. Die zuständige CvD für die Sendung vom 2. April ist derzeit nicht im Sender, daher antworte ich Ihnen in meiner Funktion als Programm- Koordinatorin der Aktuellen Kultur im Fernsehen des Hessischen Rundfunks, damit sich unsere Reaktion  nicht noch weiter unerfreulich  verzögert. 
Wir sind also Ihrer Frage nachgegangen. Welche Belege haben wir tatsächlich für die in dem Beitrag über den Kinofilm „Verleugnung“ gewählte Formulierung, „bekennender Antisemit“  in Bezug auf  Stephen Bannon?

Zunächst die Gründe, die dazu geführt haben, Stephan Bannon so zu bezeichnen.

Wie allgemein bekannt ist, war Herr Bannon bis August 2016 Chefredakteur der Internet-Plattform Breitbart News, die sich als ein Forum für die „Alt-Right“-Bewegung versteht.

Zu dem Urteil, Herr Bannon würde antisemitische Ansichten vertreten, hat uns u.a. folgender Artikel in der Jüdischen Allgemeinen bewogen: http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/27131

Zitat: „Antisemitismus gehört zu »alt-right«. Die jüdische Gemeinschaft in den USA habe »seit den 30er-Jahren im Mainstream des politischen und öffentlichen Diskurses« nicht mehr so viel Antisemitismus erlebt, erklärt der Direktor der Anti-Defamation League (ADL), Jonathan Greenblatt. »Berichte von möglichen Hassverbrechen« überfluteten die ADL-Büros. Die jüdische Wochenzeitung »Forward« berichtete, ihre Journalisten hätten Hunderte antisemitische Tweets, Mails und Telefonanrufe bekommen, sogar an Privatadressen.

Sehr beunruhigt sind viele im Land von einer Personalie: Im Weißen Haus soll als Chefstratege Stephen Bannon Platz nehmen. Er war Manager der Trump-Wahlkampagne und bis vor mehreren Monaten Chef von Breitbart.com, der Plattform der Alt-right, wie Bannon in einem Interview im Sommer sagte. 

Rabbi Jonah Dov Pesner, Direktor des Religious Action Center of Reform Judaism, erklärte: »Mr. Bannon war verantwortlich für die Förderung von Ideologien, die unserer Nation widersprechen, einschließlich Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit, Rassismus und Islamophobie.“


Stephen Bannon bestätigte seine Nähe zu „Alt-Right“ u.a. in folgendem  Interview:

"We're the platform for the alt-right," Bannon told me proudly when I interviewed him at the Republican National Convention (RNC) in July.  Quelle: (Sarah Posner: How Donald Trump's New Campaign Chief Created an Online Haven for White Nationalists. In: Mother Jones. 22. August 2016)

Da sich Stephen Bannon weder von dieser noch von anderen politischen Vereinnahmungen, z. B durch rechtsextreme Gruppen, wie Stormfront , distanziert hat, hielten wir es für legitim, ihn aus dem durch ihn vertretenen Kontext,  als bekennenden Antisemiten zu bezeichnen. Da wir aber nicht auf ein direktes Zitat rekurrieren, halten wir an der Formulierung nicht weiter fest. Sicher wäre es klarer gewesen, eine gemäßigte Formulierung zu wählen. Etwa: Es sprechen Gründe dafür, die vermuten lassen, dass Stephen Bannon antisemitisch eingestellt ist. 

Als Konsequenz Ihres Schreibens haben wir den Beitrag und die begleitenden Texte aus dem Internet genommen und für die weitere Verbreitung der streitigen Formulierung gesperrt. 

Wir danken Ihnen nochmal für Ihre aufmerksame Begleitung und hoffen, dass Sie auch weiterhin ein wohlwollend kritischer „ttt“-Zuschauer bleiben.

Mit freundlichen Grüßen
Edith Lange

Nachtrag:

Das ist lupenreiner Lumpenjournalismus vom Hörensagen. Bei indigenen Antisemiten sind die deutschen Medien wesentlich zurückhaaltender und "rekurrieren" gerne auf den Begriff "Israelkritiker". Die "ttt"-Genies konnten einfach kein "direktes Zitat" von Bannon finden, das ihn als "bekennenden Antisemiten" qualifiziert hätte. Also haben sie es auf die indirekte Art gemacht, über einen Artikel in der "Jüdischen Allgemeinen", der auf dieselbe Art kompiliert wurde, und ein Zitat aus der Zeitschrift "Mother Jones", in dem Bannon bestätigt, dass Breitbart eine Plattform der "alternativen Rechten" ist. Eindeutiger könnte die Beweislage nicht sein! Also hat "ttt" eigentlich nichts falsch gemacht. Dennoch wäre es besser gewesen, "eine gemäßigte Formulierung zu wählen", zum Beispiel: "Es sprechen Gründe dafür, die vermuten lassen, dass Stephen Bannon antisemitisch eingestellt ist." 

Als ich diesen Satz las, war ich kurz versucht zu denken, "ttt" sei das "Hauptquartier äppelwoiabhängiger alternativer Vollpfosten", ich hab mich aber im letzten Moment dagegen entschieden und eine gemäßigtere Formulierung gewählt. "Es sprechen Gründe dafür, die vermuten lassen, dass die 'ttt'-Leute zu dumm zum Googeln sind." Sonst wären sie über ein Interview gestolpert, das Alan Dershowitz ausgerechnet Breitbart gegeben hat. Und Dershowitz hat noch nie ein Problem damit gehabt, einen Antisemiten einen Antisemiten zu nennen, egal unter welchem Stein er hervorgekrochen kam.

Nun ist der Beitrag aus dem Internet verschwunden und die "ttt"-Redaktion voll rehabilitiert. Dort will man sich demnächst mit fake news beschäftigen. Davon verstehen die was.

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