Fred Viebahn / 02.02.2012 / 05:49 / 0 / Seite ausdrucken

Drei echte Neunziger

Mit eigenem zunehmendem Alter werden natürlich auch Verwandte, Freunde und Bekannte entsprechend älter—oder sterben einem weg. Diese schlichte Wahrheit zu äußern mag vielleicht respektlos klingen, aber ich meine es nicht anders als die Tatsache, die es ist—davor den Kopf in den Sand zu stecken ändert nichts daran, daß beim heutigen Stand der Wissenschaft am Ende keine Flucht mehr gelingt.

Im kommenden Frühjahr blüht mir ein Jubiläum, das zumindest in der lohnarbeitenden Bevölkerung als Rentenalter und oft auch als Tor zur Freiheit von werktäglicher Tretmühle zelebriert wird. Zwar bin ich der deutschen Rentenversicherung bereits vor Jahrzehnten entfleucht, dafür erhalte ich nun Kontenaufstellungen und Renteneinschätzungen von der amerikanischen Sozialversicherung (“social security”), in die jeder, der in den USA arbeitet, Mitgliedssteuern zahlen muß. Außerdem bedrängen mich seit Monaten private Versicherungsfirmen mit Angeboten, mich über sie in die staatliche Medicare einzuklinken, die allen Amerikanern ab dem fünfundsechzigsten Lebensjahr Kranken- und Altenpflegekosten erschwinglich machen soll—vor allem denjenigen, die im sogenannten Ruhestand nicht mehr über einen Arbeitgeber abgesichert sind oder sich Privatpatientenluxus leisten können.

Noch fällt es mir ziemlich leicht, den Kopf in den Sand zu stecken. Die Universität, bei der meine Frau ihren Lehrstuhl innehat, sichert ihre Angestellten für amerikanische Verhältnisse ausgezeichnet ab, und Fakultätsmitglieder unterliegen keiner Verpflichtung, zu einem bestimmten Zeitpunkt in Pension zu gehen. So ließ sich ein 1917 geborener, in seinem literaturtheoretischen Fachbereich angesehener Kollege meiner Frau erst vor zwei Jahren emeritieren, um sich dann gleich, im Alter von dreiundneunzig (!), bei einer anderen Uni zu verdingen.

Als ich noch ein Hosenmatz war, was mir fast wie gestern vorkommt, war an die heutige Inflation von Hundertjährigen nicht zu denken. Im Kaukasus sollten sich angeblich Hundertzwanziger mit Kefir statt Blut in den Adern noch Schnäpse in die gepökelten Wampen gießen und starken Tobak durch die geräucherten Lungen ziehen, wie die Regenbogenpresse jubilierte, doch zwischen Rhein und Weser waren selbst Neunziger Raritäten und wurden wie Weltwunder bestaunt, zu deren Geburtstagsbesichtigung sich die Lokalhonoratioren die Klinke in die Hand gaben. In meinem oberbergischen Sechshundertseelennest welkten zwar einige Witwen recht wackelig und verschrumpelt durchs achte Lebensjahrzehnt, aber von den in zwei Weltkriegen gewaltsam dezimierten maskulinen Soldatengenerationen hatte sich kaum ein Octogenarier halten können, geschweige denn ein Tattergreis im zehnten Jahrzehnt. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich nur an einen, der es fast schaffte; er hing immer aus dem Fenster, wenn ich mit meinem Opa an seinem Haus vorbeiging. Er und mein Opa grüßten einander kurz, bevor mir Opa zutuschelte: “Neunundachtzig ist er, der alte Nazi!”, und anfing, im Takt zu seinem selbstgeschnitzten Spazierstock die Internationale zu singen, denn Opa war Kommunist gewesen; nach dem Krieg hatte er allerdings das in den Hitlerjahren verschollene Marx-Portrait mit Bebel ersetzt.

Damals war mein Großvater zehnmal so alt wie ich und knapp so alt, wie ich es heute bin; heute wäre er nur noch fast doppelt so alt wie ich, nah an den kaukasischen Hundertzwanzig—welch mathematische Perspektive mit ganz eigener Relativitätstheorie! In meiner Erinnerung erscheint er mir jedenfalls viel älter, als ich mich in diesem frischflott neuen Jahr Zwanzigzwölf fühle, und auf Fotos aus der Zeit kommt er mir etwa doppelt so greis vor wie das Gesicht, das mir noch eben im warmen Licht meines gutmütigen Spiegels Grimassen schnitt: Grüß dich, Dorian Gray!

Im Jahr meiner Geburt lebten die drei Männer, von denen hier eigentlich die Rede sein soll, bereits ein Vierteljahrhundert. Sie gehören zur Generation meines Vaters, doch überlebten ihn um drei Jahrzehnte. Das haben sie miteinander gemeinsam, sowie persönliche Nähe zu mir, der ihnen hier nun über die Schwelle traditionellen Seniorenalters hinweg auf die methusalemische Pelle rückt. Drei echte Neunziger, die nie falsche Fuffziger waren.

***

Günter (heute: Guy) Stern, geboren am 14. Januar 1922 in Hildesheim, emigrierte 1937 mithilfe eines amerikanischen Onkels in die USA. Alle Versuche, seiner Familie ebenfalls das Entkommen aus Nazideutschland zu ermöglichen, scheiterten; nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs brachen die Kontakte ab, und Guy Stern fand erst nach dem Krieg heraus, daß Eltern, Bruder und Schwester ins Warschauer Ghetto deportiert und dort ermordet worden waren.

Sein Romanistik- und Germanistikstudium unterbrach er 1942, als er in die U.S. Army eingezogen wurde. Drei Tage nach D-Day, im Juni 1944, sprang er mit dem Fallschirm in der Normandie ab; als Mitglied der sogenannten Ritchie-Boys, einer Spezialeinheit für militärische Aufklärung und Propaganda, die sich großenteils aus deutschsprachigen jüdischen Einwanderern rekrutierte, profilierte sich der Oberfeldwebel bald als besonders geschickter und sprachgewandter Vernehmer, der mit psychologischen Tricks selbst deutschen Kriegsgefangenen, die sich sträubten oder nicht selber inkriminieren wollten, kriegswichtige Geheimnisse zu entlocken vermochte. Dafür erhielt er den Bronze Star verliehen. Christian Bauer drehte darüber 2004 einen sehr sehenswerten Dokumentarfilm, den es leider in Deutschland nicht mehr zu kaufen gibt—erhältlich nur noch in der amerikanischen Fassung in den USA. Das Buch zum Film gibt es jedoch noch. (Auf dem Cover ist Guy Stern der junge Soldat links.)

Nach dem Krieg setzte er sein Studium fort, promovierte 1953 an der Columbia University in New York in Germanistik und unterrichtete fünfzig Jahre lang an amerikanischen Universitäten, während er gleichzeitig wissenschaftliche Arbeiten vor allem über Literatur im Exil veröffentlichte und sich als Mitgründer der Disziplin Exilforschung an amerikanischen Hochschulen verdient machte. Vor neun Jahren, kaum hatte er sich mit 81 als Universitätslehrer an der Wayne State University in Detroit emeritieren lassen, wurde er Direktor des “International Institute of the Righteous” im Holocaust Memorial Center in Farmington Hills, Michigan, eines Instituts, das sich der Erinnerung an jene “Gerechten” widmet, die sich für die Rettung von Mitmenschen eingesetzt haben, oft unter Einsatz ihres eigenen Lebens.

Ich habe Guy Stern leider nie persönlich getroffen, obwohl ich in den vergangenen sieben Jahren, seit wir beide im Vorstand des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland (vormals deutscher PEN im Exil) sitzen, hin und wieder mit ihm telefonierte und recht häufig korrespondierte. Er klingt immer sanft, bleibt freundlich, auch, wenn ihm was gegen den Strich geht, und er ist es, der bei Meinungsverschiedenheiten, wie sie in jedem Gremium unausweichlich sind, mit seiner Stimme der Vernunft überzeugt. Ich habe mich manches Mal gefragt, wie ich reagiert hätte, wäre meine Familie von einem Verbrecherregime ausgelöscht worden, das von einer Volksmehrheit unterstützt wurde, einem Volk, das sich nach den von ihm begangenen oder zumindest geduldeten Gräueln ohne großen Generationensprung dem Saus und Braus der Nachkriegsjahre hingab. Bei wem hätte ich mich rächen können? Hätte mich die Ohnmacht gegenüber der Rechtlosigkeit so verbittert, daß mein eigenes Schicksal zur Hölle in meinem Kopf verkommen wäre? Oder hätte ich die Charaktergröße eines Günter Stern besessen, die inneren Dämonen bezwungen und mir trotz allem ein gutes, ein glückliches Leben errungen?

***

Ray Dove, mein Schwiegervater, wurde am 17. August 1921 in der ländlichen Kleinstadt Rockmart, Georgia als jüngster von dreizehn Geschwistern geboren. Als er zwei Jahre alt war, packten seine Eltern den ganzen Troß zusammen und zogen mit der sogenannten “Great Migration” aus dem Ku Klux Klan-dominierten Süden in den industriellen Norden, wo die junge Autoindustrie nach Arbeitern verlangte. In Akron, Ohio, ein paar Meilen südlich von Cleveland und dem Eriesee, hatte sich die Reifenproduktion zu konzentrieren begonnen; Goodyear, Goodrich, Firestone und General Tire bauten dort riesige Fabriken.

Für die schwarzen Amerikaner, die sich in Akron ansiedelten, gab es genügend Beschäftigung, wenn auch zunächst nur als Hilfsarbeiter. An Aufstiegschancen oder Gleichbehandlung mit Weißen war damals selbst im Norden nicht zu denken. Aber einen wichtigen Unterschied gab es zum Süden: In Ohio war de facto Rassentrennung nicht, oder zumindest viel weniger, gesetzlich zementiert, vor allem in öffentlichen Schulen.

Ray Doves Vater, seine älteren Brüder, Onkels und Vettern arbeiteten fast alle in den körperlich anstrengendsten und gefährlichsten Jobs. Vor allem seinen älteren Schwestern fiel jedoch bald auf, daß sich das jüngste Küken im Nest zuhause und in der Schule durch ungewöhnliche Intelligenz auszeichnete, und sie beschlossen, ihm nach Abschluß der High School zu helfen, sich nicht als kleines Rädchen im Getriebe der Fabrikhallen verschleißen zu müssen, sondern ihm die Matrikulation an der Universität zu ermöglichen. Ray hatte sich früh für chemische Prozesse interessiert, und an der University of Akron gab es, gerade wegen der nahen Reifenindustrie, eine entsprechende Fachabteilung. So kam es, daß Ray das unter Schwarzen Unerhörte schaffte: ein wissenschaftliches Studium.

Mittlerweise hatten die USA, nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor, im Zweiten Weltkrieg Partei ergriffen und schickten ihre jungen Männer an die Fronten gegen die Achsenmächte. So wurde auch Ray Dove mitten im Studium eingezogen und nach Europa verschifft. Methodisch, wie er ist, brachte er sich Grundkenntnisse der Feindessprachen Deutsch und Italienisch bei. Italienisch sollte ihm gelegen kommen, denn er kämpfte in Süditalien und gehörte dort schließlich als Sergeant zu den Besatzungstruppen; das Kriegsende feierte er in Neapel. Aber Gelegenheit, sein Deutsch anzuwenden, hatte er nicht. Dafür sollten zwei Jahrzehnte später die deutschen Bücher auf seinen Studierzimmerregalen seine älteste Tochter so neugierig machen, daß sie sich in der Schule nicht für Spanisch oder Französisch, sondern für Deutsch als fremdsprachliches Pflichtwahlfach entschied. Was letztendlich dazu führte, daß ich in diesem Moment, da ich dies schreibe, aufblicke und aus meinem Arbeitszimmerfenster auf die Blue Ridge Mountains von Virginia schaue.

Nach der Rückkehr von Europa und der Abmusterung heiratete Ray Dove 1946 seine Braut Elvira, die Mutter meiner Frau. Gleichzeitig schloß er die erste Phase seines Chemiestudiums als einer der Besten seines Jahrgangs mit dem Bachelor ab und bewarb sich in der heimischen Reifenmanufaktur um Laborstellen—doch trotz Mangel an qualifizierten Chemikern stellte ihn keiner der Gummigiganten an. Es war einfach unvorstellbar für sie, daß ein Schwarzer eine Position bekleiden könnte, in der er nicht nur auf gleicher Ebene mit weißen Chemikern fungierte, sondern in der er weißen Laborassistenten und Arbeitern Anweisungen geben würde. Das gab es einfach nicht, einen schwarzen Wissenschaftler in der rassenreinen Reifenindustrie. Und wo sollte er sein Mittagessen einnehmen? Doch nicht etwa in der Kantine für Angestellte, die Schwarze bislang höchstens als Putzkräfte betreten durften?

Es ist heute unfaßlich, aber Ray, der für die amerikanische Demokratie gegen faschistische Diktaturen sein Leben aufs Spiel setzte und nun eine Familie zu ernähren hatte, akzeptierte ein Angebot von Goodyear, bei dem er sich wenigstens nicht die Hände schwielig zu machen brauchte: Er wurde Fahrstuhlführer. Gelegentlich drückte er nun Knöpfe und bediente Hebel für seine ehemaligen weißen Kommilitonen, die in der Uni zwar schlechter abgeschnitten hatten als er, aber dank ihrer Hautfarbe im Labor ein Mehrfaches verdienten.

Acht Stunden täglich verdingte er sich bei Goodyear, doch in den Abendstunden assistierte er über die nächsten Jahre im Chemielabor der University of Akron, während er sich auf etwas noch Unerhörteres vorbereitete: den Magister der Wissenschaft, Master of Science. Sechs Jahre später sollte seine ghandische Geduld endlich belohnt werden. Als bei Goodyear etwa zur selben Zeit, da Ray Dove den Magisterhut aufgesetzt bekam und anfing, seine Doktorarbeit zu schreiben, ein neuer, für progressivere Ideen aufgeschlossener Boß ans Ruder trat, übte ein langjähriger Verfechter des jungen wissenschaftlichen Talents moralischen Druck aufs Management der Firma aus—der Direktor der High School, auf der Ray Dove dreizehn Jahre vorher seinen High School-Abschluß gemacht hatte. Die Kampagne des katholischen Integrationspioniers war erfolgreich; der neue Firmenchef entschied, dem diplomierten Schwarzen eine Chance zu geben—ein Beschluß, den er nicht zu bereuen brauchte.

1953, ein Jahr nach der Geburt meiner Frau, betrat ihr Vater endlich das Labor des damals größten Reifenherstellers der Welt als Gleicher unter Gleichen und ging an die Arbeit, die er studiert und um die er gerungen hatte. Die Mauer, die schwarze Amerikaner nicht nur draußen vor gehalten, sondern auch weniger fest Entschlossene als Ray Dove entmutigt hatte, sich überhaupt um Fortbildung zu mühen, war ein für allemal durchbrochen. Und die schwarze Mittelklasse, bisher hauptsächlich aus jenen Ärzten und Anwälten und Pastören und Beerdigungsunternehmern rekrutiert, die sich ausschließlich um andere Afroamerikaner kümmerten, wurde plötzlich um jemanden reicher, der in weiße Berufsgefilde eingedrungen und nicht darin umgekommen war. Als mein Schwiegervater 1986 in Pension ging, verließ er das Hauptquartier von Goodyear als Chef einer Forschungsabteilung, und im Aufzug drückte sich schon längst jeder selbst seine Knöpfe.

Heutzutage, ein weiteres Vierteljahrhundert später, kann Ray Dove stolz auf seine vier Kinder blicken, die alle studiert und was aus sich gemacht haben. Seit Jahren pflegt und bekocht er seine schwer zuckerkranke siebenundachtzigjährige Frau, meine Schwiegermutter; sie in einem Altersheim unterzubringen, kommt für ihn nach fünfundsechzigjähriger Ehe nicht in Frage. Auf dem Beistelltisch neben seinem Sessel türmen sich immer noch wissenschaftliche Bücher, deren Titel für mich schwindelerregend klingen. Und ich weiß, daß, wenn ich ihm diesen Artikel schicke, er seine Deutsch-Englisch-Lexika vom Regal holen und versuchen wird, mich gemeinsam mit dem Google-Translator seines Computers zu übersetzen. Da mache ich mich besser darauf gefaßt, daß mir von seinen methodischen Nachfragen bald der Kopf brummen wird.

***

Herbert Bräuning, geboren am 11. April 1921 in Kassel, aufgewachsen in Düsseldorf, kenne ich seit Jahrzehnten; wann genau ich ihm erstmals, flüchtig vielleicht, persönlich begegnete, weiß ich nicht mehr; war es noch in den Siebziger-Gründerjahren des Verbandes deutscher Schriftsteller, als ich seiner Frau Ursula, der ersten Geschäftsführerin des VS, bei Delegiertentreffen mit jugendlichem Überschwang das Leben schwer machte? Glücklicherweise trug sie mir nichts nach; nachdem ich 1974 überraschend als bei weitem jüngstes Mitglied in den Bundesvorstand gewählt wurde (damals übte ich mich, abgehärtet von meinen Wahlkampfsiegen für Jusovorstände, in Palastrevolutionen), war sie es, die es deichselte, daß ich die deutschen Schriftsteller bei einer Kulturkonferenz des Auswärtigen Amtes und des U.S. State Department auf Long Island vertrat—womit sie den Stein ins Rollen brachte, dem ich mein Leben in Amerika und meine Arbeitszimmeraussicht auf die Blue Ridge Mountains verdanke.

Damals wußte ich noch nicht, daß Ursel und Herbert Bräuning in den Fünfzigern mehrere Jahre Haft in einem Stasi-Gefängnis überlebt hatten. Das, und die Einzelheiten ihres Widerstands gegen die Sowjetsozialisten unter Ulbricht, erfuhr ich erst viel später, als sie meine Frau und mich mehrmals in den USA besuchten.

Unmittelbar vor Kriegsende beging Herbert Bräuning, seit dem Abitur an mehreren Fronten im Einsatz, Fahnenflucht, schlug sich unentdeckt nachhause durch und entkam so der standrechtlichen Erschießung als auch alliierter Kriegsgefangenschaft. Er studierte Germanistik, Romanistik und Theaterwissenschaften in Leipzig; anfangs wie so viele junge Idealisten angetan von dem Weltverbesserungsgehudel und dem antifaschistischen Fahnenschwenken der stalinistischen Heuchelkommunisten unter Ulbricht, gehörte er zum kritisch-solidarischen Kreis um den Literaturwissenschaftler Hans Mayer. Mit Mayers Hilfe fand er nach dem Studium Arbeit als Verlagslektor und Übersetzer in Ostberlin, wo er seine sieben Jahre jüngere Frau Ursel kennenlernte.

Langsam aber sicher dämmerte es dem jungen Ehepaar in seiner Wohnung am Prenzlauer Berg, daß die “Deutsche Demokratische Republik” hinter der Fassade von Fortschrittsgefasel und Brüderschaftsgeschwätz das genaue Gegenteil ihres Namensschildes darstellte; bevor sie jedoch in ihrer idealistischen Naivität begriffen, daß eine totalitäre Diktatur Meinungsfreiheit als abscheuliches Greuel betrachtet und daß die Gangster, die diesen Staat usurpiert hatten, hinter den Kulissen bereits ihre perfide Bespitzelungskrake fütterten, gerieten sie in die Fänge der Stasi. Herbert, mittlerweile auch als Journalist tätig, hatte einen mild-kritischen Zeitungsartikel veröffentlicht, und los ging es mit der staatssicherheitlichen Observierung. 1956 wurde Herbert Bräuning wegen “Boykotthetze” zu drei Jahren Knast verurteilt, Ursula Bräuning zu zweieinhalb, die sie in Hohenschönhausen absaßen, teilweise in Dunkelhaft. Wie so viele Opfer des Denunziationsapparats erfuhren sie erst nach dem Zusammenbruch des “Arbeiter- und Bauernstaates”, als sie Einsicht in die Akten erhielten, welch heimtückische Schurken aus ihrem Kreis sie damals verpfiffen hatten.

Nach der Entlassung zogen sie nach West-Berlin, dann Hamburg und München. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete Herbert Bräuning als Zeitschriftenredakteur, verdiente sich ein Zubrot als erfolgreicher Übersetzer aus dem Französischen (darunter einer Neuübersetzung von Alexandre Dumas’ “Die drei Musketiere”, die inzwischen sogar in einer Kindle-Ausgabe erhältlich ist). Im Rentenalter veröffentlichte er zudem einige Krimis, während Ursel, nachdem sie beim VS ausgeschieden war, sich um den Aufbau des Autorenversorgungswerkes der Verwertungsgesellschaft WORT verdient machte.

Letztes Jahr, einen Tag nach Herberts neunzigstem Geburtstag, feierten die Bräunings diamantene Hochzeit. Seit acht Jahren ist Herbert Bräuning erblindet, kann weder lesen noch schreiben—ein Schicksal, das auch seinen Lehrer Hans Mayer (1907-2001) im Alter ereilte. Aber hören kann er noch recht gut, und so liest ihm Ursel jeden Tag mehrere Stunden lang vor. Neben Literatur rezitiert sie mit ihrer unverkennbaren Berliner Görenstimme alles, was mitdenkenden Bürgern im kulturellen und politischen Tagesgeschehen das Blut wallen und die Haare zu Berge stehen läßt—bei ihr seit eh und je hennarote Haare über modisch flotter Kleidung, wie sie vor gar nicht allzu langer Zeit keine Dreiundachtzigjährige zu tragen gewagt hätte, schon gar nicht im bayrischen Germering, wo die beiden seit vierzig Jahren wohnen. Wenn Ursula Bräuning wie noch kürzlich im Publikum einer vom Bayrischen Fernsehen aufgezeichneten Sendung sitzt, leuchtet ihr Hennahaar im Scheinwerferlicht so unverwechselbar, daß Freunde am heimischen Kamin auf den Bildschirm zeigen: “Schau, da ist die Ursel!” Und Herbert, wenn er davon hört, auch wenn er es nicht mehr selber sehen kann, freut sich des Lebens, denn die Bilder sind ihm alle noch im Kopf, und das innere Auge genießt Kompositionen der Erinnerung.

***

Drei Schicksale, die für sich sprechen und Mut machen zum Leben. Neunzig, ein einst fast unmöglich scheinendes Alter, droht mir angesichts dieser Vorbilder weniger, als daß es mir zublinzelt. Good luck, scheinen mir Guy und Ray und Herbert im Chor zuzurufen; das Echo ihrer Stimmen hallt mir durch den Kopf, während ich unter meinem Kinn den Sturzhelm festschnalle und auf den Anlasser meines Kraftrads drücke. Eine milde Lenzsonne strahlt an diesem ersten Februartag, der zwölfhunderter Boxermotor, vom Winterschlaf geweckt, schüttelt sich, brummt in sanftem Bariton vor sich hin, ich drehe am Gasgriff, da heult die Maschine tatendurstig auf. Kopf hoch—die Zukunft hat noch nicht einmal angefangen!

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