Gideon Böss / 31.01.2013 / 18:40 / 0

Dirndl-Fantasien und Sexismus (Teil II)

Die „Aufschrei“-Debatte geht weiter. Ich hatte in meinem letzten Artikel darauf hingewiesen, dass Zwangsverheiratung in der Liste der #Aufschreier nicht vorkommt. Nun machte ich eine interessante Beobachtung: Die Leser, die Brüderles Verhalten unentschuldbar finden und mit einer „keinen Fußbreit dem Sexismus“-Rhetorik auftreten, reagierten auf meinen Hinweis aggressiv. Ganz so, als ob ihnen dieses Thema nicht in ihren antisexistischen Kram passt.

Es wäre ja typisch, dass nun wieder die Moslems zu den Tätern gemacht werden, hieß es da etwa, oder dass ich Zwangsverheiratung doch nur erwähne, um dem Kampf gegen den wahren Sexismus zu schaden. Mir wurden auch vorgeworfen, vom eigentlichen Thema (Brüderle?) ablenken zu wollen. Dass ich die Versklavung von Frauen einfach schlimmer finde als einen anzüglichen Witz an der Bar tief in der Nacht, konnten sich diese Sexismus-Kritiker offenbar nicht vorstellen.
Diese Reaktionen verraten einiges über ihre Urheber: Ihnen sind die Opfer von Zwangsverheiratungen egal, denn diese heißen nicht Susi und Lena, sondern Fatima und Gülcan.

Es ist Rassismus pur, an muslimischen Frauen andere Maßstäbe anzulegen, aber genau das machen diese angeblichen Sexismus-Kritiker. Im Grunde sagen sie: Muslimische Frauen können ja wohl etwas mehr ertragen und sollen sich nicht so anstellen. Verräterisch ist auch der Vorwurf, ich würde Moslems unbedingt als Täter darstellen wollen. Moslems sind in dieser Angelegenheit auch genauso Opfer, oder sind muslimische Frauen keine Moslems? (Meine lieben Anti-Sexisten, ich sage euch als akademisch geprüfter Geschlechterforscher, dass ihr euren eigenen Sexismus noch einmal kritisch hinterfragen müsst. Ihr habt da ein echtes Problem, euer Blick auf den Islam ist der eines wahhabitischen Klerikers, ihr reproduziert patriarchale Herrschaftsstrukturen.)

Es bleibt dabei: Wenn sich dieser „Aufschrei“ in einem Gutelaune-Feminismus erschöpft, der alternden Männern ihre Chauvisprüche austreiben will, aber die Konfrontation mit jungen (muslimischen) Männern meidet, kann man sich das alles auch gleich sparen. Aber darauf läuft es momentan hinaus, ich habe Dutzende Artikel in SZ, FAZ, taz, Spiegel Online und Zeit zum Thema alltäglicher Sexismus in Deutschland gelesen und nicht einer erwähnte das Verbrechen der Zwangsverheiratung…Vielleicht haben wir in Deutschland weniger ein Sexismusproblem als ein Rassismusproblem? Und wer sind dabei die Opfer: muslimische Frauen.

Gideon Böss schreibt für DIE WELT den Blog “Böss in Berlin” und twittert unter twitter.com/GideonBoess

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