Walter Krämer / 31.10.2015 / 11:36 / 2 / Seite ausdrucken

Die Wurst, die WHO und das Risiko

Die Unstatistik des Monats Oktober ist die Zahl 18. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt, dass pro 50 g täglichen Konsums von verarbeitetem Fleisch (wie etwa Wurst) sich das Darmkrebsrisiko um 18% erhöht. Wurst wird damit in die gleiche Kategorie der krebserregenden Stoffe wie Asbest oder Zigaretten eingestuft. Diese Meldung führte in Deutschland zu einer wahren Wursthysterie. Es gibt wohl keine Zeitung und keinen Radio- oder Fernsehsender, die nicht über dieses Ergebnis berichtet hätten. So warnte die Bild-Zeitung am 27. Oktober „Wurst und Schinken als krebserregend eingestuft!“ und die Zeit fragte am 26. Oktober „Rauchen kann töten, Wurst essen auch?“.

Was bedeuten diese 18%? Heißt das, dass von je 100 Menschen, die 50 g Wurst täglich zu sich nehmen, 18 mehr an Darmkrebs erkranken? Nein! Denn bei dieser Angabe handelt es sich um ein relatives Risiko. Um die Meldung der WHO richtig einordnen zu können, benötigt man jedoch das absolute Risiko an Darmkrebs zu erkranken, welches bei ungefähr 5% liegt (daran zu sterben: zwischen 2,5 und 3%). Im Klartext bedeutet „18% mehr“ also, dass sich das absolute Risiko von etwa 5% auf 6% erhöht. Das hört sich schon etwas weniger dramatisch an. Jedoch haben nur wenige Medien (darunter beispielsweise die FAZ am 28. Oktober in ihrem Beitrag „Es geht nicht nur um die Wurst“) auf den Unterschied zwischen dem relativen und absoluten Darmkrebsrisiko eines übermäßigen Wurstkonsums verwiesen und damit nicht zu der derzeitigen Wursthysterie beigetragen. Relative Risiken sind ein bewährtes Mittel, die Gefahr zu übertreiben und Menschen Angst zu machen.

Was bedeutet es, dass Wurst in die gleiche Kategorie wie Asbest und Rauchen eingestuft wurde? Es bedeutet, dass man vergleichbare Beweise für die krebsauslösende Wirkung hat, nicht aber, dass das Krebsrisiko gleich hoch sei. Nicht alle Medien stellen dies richtig dar. Die Münchner Abendzeitung etwa erklärt ihren Lesern fälschlicherweise, dass Wurst genauso krebserregend sei wie Asbest, Alkohol und Zigaretten.

Gesundheitsrisiken in Nahrungsmitteln sind Turbogeneratoren von Schlagzeilen. Dabei findet jedoch häufig keine sachliche Berichterstattung statt. Eine solche hätte das absolute Darmkrebsrisiko klargestellt und die krebsauslösende Wirkung von Wurst im Vergleich zu anderen Risikofaktoren korrekt eingeordnet.

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de.

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Leserpost (2)
Gunter Frank / 31.10.2015

Sehr geehrter Herr Krämer, wie immer ein profunder Hinweis von Ihnen. Vielleicht noch ergänzend, wenn in einer Studie, die protzigen relativen Zahlen zu minimalen absoluten Unterschieden implodieren, dann bedeutet das immer eines: diese minimalen Unterschiede sind durch Zahlenmanipulation zu Stande gekommen, damit man daraus die großen Effekte relativ vortäuschen kann. Kurz: es ist alles Lug und Trug. WHO: 800 Studien? Da lachen ja die Hühner, es sind höchsten ein paar dutzend brauchbare mit ganz anderen Ergebnissen. Ich fürchte nur, dass sich in der med. Wissenschaft keiner mehr für die korrekte Interpretation von Statistik interessiert. Es werden bevormundende Weltanschauungen durchgesetzt und dabei die Wissenschaft abgeschafft durch die Wissenschaft. Vielleicht kennen Sie folgenden entlarvenden Artikel aus dem Fach Public Health. Geniessen Sie die entlarvenden Aussagen zum Thema “ethical impact”. Kraushaar,  L.,  Krämer, A.,” Are we losing the battle against cardiometabolic disease? The case for a paradigm shift in primary prevention”, BMC Public Health 2009, 9:64 Ihr Gunter Frank

Christian Schulz / 31.10.2015

Immer wieder lustig, was so an Krebsrisiken gemeldet wird. Vor knapp zwri Jahren war zu lesen: Burkert: Wir konnten zeigen, dass Vegetarier in Österreich an bestimmten Krankheiten wie Asthma, Krebs und psychischen Erkrankungen häufiger leiden als Fleischesser. Wir können aber nicht sagen, was hier Ursache und was Wirkung ist. Das muss man sich genauer anschauen. http://www.welt.de/gesundheit/article125270740/Vegetarier-leiden-haeufiger-an-Krebs-und-Asthma.html

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