Lutz Neumann, Gastautor / 04.06.2016 / 06:15 / Foto: Milliped / 5 / Seite ausdrucken

Populismus auf katholisch (2): Heucheln und das Wort „Islam“ vermeiden

Von Lutz Neumann

Als Bestimmungsfaktor für die Außenpolitik nicht nur Deutschlands, sondern aller Länder („weil kein Land Druck ausübt“) macht der Kölner Kardinal Woelki die internationale Rohstoffpolitik und die Struktur der Erdölmärkte aus („damit das schöne Öl für unsere tollen Autos weiter fließt“). Selbst wenn er nicht so überbordend alle Länder, sondern nur die Außenpolitik Deutschlands in Bezug auf die Treibstoffversorgung von KfZ einbeziehen würde, ist diese Aussage schlicht nicht haltbar. Purer Populismus.

Sind Erdölimporte aus diesen Ländern so unersetzlich, dass die deutsche Gesellschaft dort etwa mit Absicht Fluchtursachen schafft? Die deutsche Außenhandelsstatistik überführt den Kardinal ein weiteres Mal der Desinformation. Die Top 3 der Öl-Herkunftsländer sind Russland, Norwegen und Großbritannien. Wo sind die russischen, norwegischen und britischen Flüchtlinge des Kardinals? Die gibt es nicht. Und das in 2016 steigende Flüchtlingskontingent der Tschetschenen aus Russland ist wohl kaum der deutschen Rohstoffpolitik geschuldet. Auf den mittleren Rängen sind mit Lieferanteilen im einstelligen Prozentbereich zwar auch Nigeria, Ägypten, Libyen und Irak zu finden. Diese wären jedoch mit minimalen Preiseffekten für die KfZ-Halter und sicherlich ohne Einschränkung der Mobilität auf den Straßen Deutschlands als Lieferländer ersetzbar.

Zudem gehören diese Länder nicht zu den Hauptherkunftsländern für Flüchtlinge und Asylsuchende. „Unter den ersten zehn Flüchtlingsherkunftsländern hat nur der Irak eine nennenswerte Ölproduktion.“ Somit passt einzig der Irak zum Begründungsschema des Kardinals von Erdöl- und Flüchtlingsexporteur. Aber dieser Fall ist nicht stichhaltig. Denn die Auslöser der derzeitigen Flüchtlingsströme aus dem Irak sind eher dem Regime des Islamischen Staates zuzurechnen, als den Landesteilen, die regulär Erdöl für den Weltmarkt fördern. Wie sähe „Druck ausüben“ aus Sicht des Kardinals bei irrelevanten Marktanteilen denn aus?

Mit ihrer Verhütungspolitik schafft die katholische Kirche Fluchtursachen

Der Kardinal propagiert (Schein-)Lösungen, die kein eigenes verantwortliches Handeln erfordern. Ohne weiteres stünde es in seinem Ermessen als Kirchenführer, eine der zentralen Fluchtursachen zu verringern. Denn zu den Fluchtursachen gehört ein hohes Bevölkerungswachstum und damit verbundene Armut und Migrationsdruck. Laut Vereinte Nationen wird sich in den 48 am wenigsten entwickelten Ländern der Welt die Bevölkerungszahl in den nächsten drei Jahrzenten verdoppeln. Viele Entwicklungsländer bemühen sich, als Mittel der Armutsbekämpfung die hohen Geburtenraten zu senken.

Wo immer auf der Welt die katholische Kirche gesellschaftlichen Einfluss hat, bekämpft sie auf Grund ihrer Sexuallehre die Nutzung von Kondomen und künstlichen Verhütungsmitteln. Mit dem Einsatz von Verhütungsmitteln könnten sich Millionen von Frauen in katholischen Familien besser schützen und ihr Leben und das ihrer Familien planen. Mehr noch, durch das Unterlaufen von Entwicklungsprogrammen zum Einsatz von Kondomen und der damit verbundenen Verbreitung von HIV/Aids lasten Millionen an Toten und Vollwaisen auf dem Gewissen der Kirchenführer. Die Kirche des Kardinals verstärkt den Teufelskreis aus Bevölkerungswachstum, Krankheit, Hunger, Armut und Fluchtursachen. Aber eine Anklage seiner Kirche meinte er wahrscheinlich nicht mit dem Satz: „Viele dieser Menschen fliehen auch vor unmenschlichen Lebensbedingungen, die wir mit geschaffen haben.“

Stattdessen übt der Kardinal auch pauschalisierende, wohlfeile Kapitalismuskritik, für die er keine Belege hat oder unhaltbare Belege anbringt. So nennt der Kardinal die Produktionsbedingungen von T-Shirts als Fluchtursache. Beim Blick auf die amtlichen Statistiken vor dem Anschwellen der Flüchtlingsströme, im Jahr 2013, wird ersichtlich, dass nicht nur bei T-Shirts, sondern bei sämtlichen Textil- und Bekleidungsimporten nach Deutschland Syrien, Irak, Afghanistan und afrikanischen Länder keine Relevanz hatten. Eine wirtschaftlich nennenswerte T-Shirt-Produktion ist dort nicht bekannt.

T-Shirts als plump herbeiphantasierte Fluchtursache

Mit großem Abstand wird die Rangliste der Herkunftsländer für Textilien nach Deutschland von der VR China angeführt. Nur in ideologischer Verblendung und Ausblendung der Realität kann der Kardinal suggerieren, dass die Ansiedlung und Modernisierung der Textilindustrie zur Verelendung und Armut in China beigetragen hat. Im Gegenteil. Enorme Wohlstandsgewinne durch Produktion und Weiterverarbeitung im Textilbereich zeigen auch Länder wie Vietnam. Wer ist sonst noch auf der Herkunftsliste? Sieben textilproduzierenden EU-Länder von Italien bis Tschechien. Diese dürften außer Acht zu lassen sein. Es sei denn, der Kardinal phantasiert hier zukünftig in der EU Fluchtursachen durch T-Shirt-Produktion herbei.

Was nicht heißen soll, dass in Lieferketten in der Textilindustrie ein hoher Wettbewerbsdruck herrscht, und dass in Verbindung mit krimineller Energie in Ländern wie Bangladesch auch Fabrikgebäude über der Arbeiterschaft einstürzen und zu Toten und Verletzten führen können. Die Nachrichten, die uns aus Bangladesch erreichen, deuten jedoch weniger aus eine Steigerung der Fluchtursachen durch schlechte Arbeitsverhältnisse als vielmehr auf eine immer stärker werdende religiöse Fundamentalisierung hin. Atheistische Akademiker und Journalisten werden regelmäßig ermordet. Islamische Todeslisten für säkulare Blogger werden mit der Machete abgearbeitet. Hierzu kein Wort von dem Kirchenführer. Aber es wäre auch zu viel der Erwartung an authentischer Humanität des Kirchenführers.

Denn durch die konsequente Vermeidung des Wortes „Islam“ in seinen Analysen des Zeitgeschehens schweigt er übrigens auch die christlichen Opfer aus, die eigentlich sein Anliegen sein müssten. Sein Kollege, der katholische Bischof der syrischen Stadt Aleppo, Antoine Audo, wies vor wenigen Wochen darauf hin, dass mittlerweile zwei Drittel der syrischen Christen geflohen sind. Die christliche Bevölkerung in Syrien sank von 1.500.000 auf 500.000. Diese syrischen Christen sind nicht vor der T-Shirt-Produktion geflohen, sondern sie werden in der Realität – außerhalb der Mauern des Kölner Bischofsitzes – hauptsächlich vom Islamischen Staat und anderen Extremisten verfolgt. Es bleibt festzustellen, dass es der Politikberatungsansatz des Kardinals offenbar ist, sie nach Deutschland und die Nachbarländer umsiedeln, und diese Weltregion an die Islamisten fallen zu lassen.

Kardinal Woelki steht offenbar über den Fakten. Bekanntlich stellt er sich auch über die deutschen Gesetze. Im Kirchenasyl, über das der Kardinal und seine Kollegen selbstdefiniert frei zu befinden meinen, sieht er eine Art Nothilfe gegen inhumane Abschiebungen. Wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière zum Kirchenasyl jedoch festgestellt hat, müssen es die demokratischen Institutionen sein, die „staatliche Regeln über Aufenthalt und Aufenthaltsbeendigung“ aufstellen. Und nicht ein katholischer Kardinal oder die muslimische Scharia-Polizei können entscheiden, wann sie welche Ausländer dem Zugriff des Rechtsstaates entziehen und staatliche Entscheide über eine Aufenthaltsbeendigung unterlaufen. Im rechtswidrigen Kirchenasyl befinden sich derzeit mutmaßlich 450 - 500 Personen.

Den ersten Teil der Serie finden Sie hier.

Morgen im 3. Teil: Die Kirche als Regierungs-Handlanger

Lutz Neumann lebt und arbeitet in Köln, er ist seit 25 Jahren SPD-Mitglied

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Leserpost (5)
Gabriele Klein / 04.06.2016

... Ihre Ansicht zur Verhütungspolitik der Kirche ist mir zu einfach gestrickt. Sie verkennt die Achtung vor dem Leben die sowohl in der jüdischen als auch in der katholischen Kirche der sogenannten Verhütungspolitik Pate steht und die mir durchaus verständlich ist vor bestimmtem Hintergrund: Das menschliche Leben z.B. eines Kindes hat Vorrang vor sexuellen Vergnügungen um ihrer selbst willen die nicht notwendig sind, die Sie aber in Ihrer Argumentation als selbstverständlich und lebensnotwendig einfach unterstellen und zu Unrecht einfordern.  Ich meine es war Herr Klee der festhielt, dass es ganz genau diese konservative Haltung der Katholiken war die sie im 3 Reich nein sagen lies zu Zwangssterilisation Euthanasiemorden etc. (sicher, das Argument kann man machen, dass auch die katholische Kirche im 3. Reich versagte, allerdings sollte man gewisse Unterschiede z.B. zwischen Protestanten und Katholiken in Ihrer Reaktion auf das Hitlerregime schon sehen. Der Nazismus, die Euthanasiemorde und Sterilisationen gediehen auf protestantischem Boden.  Dann, mit Ihrer Argumentation haben übrigens   ehemalige Schergen des Hitlerregimes die Zwangssterilisation in Indien vorangetrieben, als Hitler weg war und sie somit ein neues Betätigungsfeld benötigten….. Gleichfalls betätigten sich, in diesem Sinne gewisse protestantische Kreise um so das Bevölkerungswachstum in den Griff zu bekommen. Vom Nebeneffekt der perfekten Verhütung, nämlich des problemlosen Mißbrauchs der Frauen durch Männer mit Hilfe der sogenannten “Geburtenkontrolle” schrieben dann meines Wissens Behinderte aus der Gruppe um Udo Sierk, Bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, ich bin kein Gegner von Verhütungsmitteln halte sie jedoch nicht, wie Sie, für die Antwort oder Lösung der Probleme sogenannter armer Länder.  Die Aussage einer Ärztin die zufällig im Zug neben mir saß und im Entwicklungsdienst arbeitete scheint mir da plausibler: Die Ursache der Armut bzw. auch Grund d. Flucht ist, dass es in diesen Ländern anscheinend zu geht wie im “Tierstall”. Frauen werden vergewaltigt, Kinder daraus geboren die im Dreck und wegen fehlender Hygiene dann sterben.  Zusammenfassend: Am Anfang der Zivilisation und dem daraus resultierenden Wohlstand steht nicht das Verhütungsmittel sondern der Verzicht, Sublimierung und das zurücktreten unmittelbarer Befriedigung vor der Verantwortung. Dies vor allem in sexueller Hinsicht, das lehrte bereits Freud und um nichts anderes geht es im Grunde auch der katholischen Kirche.

Eduard Grabherr / 04.06.2016

Sehr geehrter Herr Neumann, als Katholik (Kirchgänger) habe ich mir in etwa Ähnliches wie Sie über die Auslassungen von Kardinal Woelki gedacht und ihm einen entsprechenden Brief geschrieben. Ich konnte mir nur vorstellen, dass der Kardinal diese Naivität aus dem Umgang mit Sozis und Grünen erworben hat. Ihr guter Artikel hat aber meines Erachtens doch einen massiven Schönheitsfehler. Hängen die Flüchtlingsursachen wirklich mit der Verhütungsmoral der katholischen Kirche zusammen, wenn, wie gerade Sie betonen, die Top Flüchtlingsländer Syrien, Afghanistan und Kosovo sind? Jeder halbwegs gebildete Mitteleuropäer könnte wissen, dass dort der Einfluss der römisch-katholischen Kirche nicht gerade überbordend ist.  Sie könnten ja mal Kardinal Woelki fragen, was er von Empfängnisverhütung hält. Er wird sie sicherlich auf die sog. “Königsteiner Erklärung” der deutschen Bischöfe hinweisen, Warum bleiben Sie nicht bei ihrer argumentativen Linie, sondern können sich es einfach nicht verkneifen bei dieser Gelegenheit noch eine versteckte Generalaversion gegen die kath. Kirche loszuwerden.  Im Übrigen seien sie getrost. Ich habe Sorge, dass hierzulande für die christlichen Kirchen ohnehin schon das Sterbeglöcklein läutet. Und der Islam steht “Gewehr bei Fuss”. Und Agnostiker und Atheisten warten nur darauf sich ihm in die Arme zu werfen. Siehe dazu das lesenswerte Buch von . Houellebecq- Soumsission . In der Hoffnung, dass ich nicht recht behalte, grüßt Sie freundlich aus dem “schwarzen Oberschwaben” Achse des Guten Leser Eduard Grabherr  

Patsy Stone / 04.06.2016

So sehr ich Ihnen in der Analyse recht gebe, möchte ich doch darauf hinweisen, dass “Überbevölkerung” als Wurzel allen Übels auszumachen, ebenfalls eine nicht stichhaltige Behauptung ist. Vielmehr muss die gesellschaftliche Stellung der Frau und Familienpolitik in despotischen Schreckensregimes dabei in den Blick genommen werden, die hoffentlich Sie genauso wie katholische Kirche anprangern. Kinder umzubringen, Menschen Gewalt anzutun und ihrer Grundrechte zu berauben, wie im von Ihnen als Beispiel angeführten China, kann ja nicht ernsthaft als Lösungsansatz gemeint sein.

Wolfgang Richter / 04.06.2016

Der Herr Woelki hat sich was die katholische Kirchenhaltung zur Empfängnisverhütung angeht unbewußt auf eine Stufe mit dem in der Flüchtlingsfrage nicht ganz unbeteiligten Herrn Erdowahn gestellt, der jüngst in etwa äußerte, daß Empfängnisverhütung und Islam nicht zusammen passen, also jedes Kind für die Stärkung der entsprechenden Religionsgruppe (und damit zur massenhaften Missionierung der übrigen Welt) ein gutes Kind sei. Kardinal Woelki steht offenbar nicht nur über den Fakten, ihm ist auch jedes Mittel recht, wie zuletzt seine Aktion Flüchtlingsboot, populistisch im Sinne der aktuellen Flüchtlingsunpolitik den uns Regierenden beizuspringen.

Magdalena Schubert / 04.06.2016

Ja, die Kirchen sitzen auf einem hohen moralischen Ross und Bischöfe und Kardinäle, die in ihren Residenzen von Luxus umgeben sind, geißeln mit wohlfeilen Worten die angeblichen Sünden und Verbrechen unseres Landes. Es ist unfassbar, wie abgehoben sie sind, wie sie sich mit den Medien und Parteien verbünden und gleichsam deren linksgrüne Ideologie sanktionieren, ihr den göttlichen Segen erteilen. Standen sie in der Geschichte denn jemals auf der richtigen Seite? Meines Wissens nach nicht. Auf meinen Kirchenaustritt und mein detailliertes Schreiben an die Bischöfe in Bayern haben sie mit keiner Zeile reagiert. Mit solchen Petitessen (einem verlorenen Mitglied) geben sie sich wohl gar nicht mehr ab. Sie haben vermutlich das Große Ganze im Blick: die Verbrüderung mit dem Islam - auf dass alle Menschen nur noch einen einzigen Gott anbeten und in einer Weltreligion vereinigt sind. Allmachtsphantasien…

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