Vera Lengsfeld / 04.08.2017 / 15:49 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 10 / Seite ausdrucken

Die Welt von gestern

Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig hat kurz vor seinem Freitod das Buch „Die Welt von gestern“ geschrieben, das uns in beklemmender Weise den Spiegel vorhält. Wer es liest, muss feststellen, wie verzweifelt wenig aus den verhängnisvollen Fehlern, die Europa im vergangenen Jahrhundert zweimal ins Unglück gestürzt haben, gelernt wurde. Zum dritten Mal sind Politik und Medien dabei, sich als Gesellschaftsklempner zu betätigen. Das dritte Gesellschaftsexperiment ist die gewaltsame Umwandlung der historischen Vielfalt unseres Kontinents. Mit Hilfe einer Masseneinwanderung von Menschen aus vormodernen Kulturen soll offenbar eine „Superkultur“ anstelle der europäischen Kulturen entstehen.

Nach einer langen Friedensperiode ist das „Friedensprojekt“ der Eurokraten dabei, Europa in neue Kriege zu stürzern. Diesmal wird es aller Voraussicht nach kein konventioneller Krieg sein, sondern eine Art Bürgerkrieg der „Neubürger“ gegen die, die „schon länger hier leben“. Undenkbar? Schwarzseherei? Wer Stefan Zweig liest, dem wird vor Augen geführt, dass es nicht darum geht, was sich die Öffentlichkeit nicht vorstellen kann oder will, sondern darum, was sich um sie herum zusammenbraut und schließlich zum Ausbruch kommt, ob sie die Anzeichen wahrnehmen will oder nicht.

Europa war in den glücklichen Zeiten vor dem ersten Weltkrieg wirklich frei. Zweig reiste bis nach Amerika und Indien ohne Pass, ohne ein einziges Formular ausfüllen zu müssen. In New York machte er das Experiment, welche Erfolgsaussichten ein Wirtschaftsmigrant in Amerika hatte. Er besuchte nacheinander einige Arbeitsagenturen. Innerhalb kürzester Zeit wurden ihm fünf Stellen angeboten. „Niemand fragte mich nach meiner Nationalität, meiner Religion, meiner Herkunft… In einer Minute war ohne den hemmenden Eingriff von Staat, Formalitäten und Trade Unions in diesen Zeiten schon sagenhaft gewordener Freiheit der Kontrakt geschlossen.“

Die ganze alte Welt glaubte noch an die Heiligkeit der Verträge. Man kümmerte sich nicht um „aufgeblasene Popanze wie Rasse, Klasse und Herkunft“. Weitere Zitate:

„Man spürte es an allen Dingen, wie Reichtum wuchs und sich verbreitete. Wer wagte, gewann.“ Überall fand man „eine wunderbare Unbesorgtheit…zum ersten mal fühlten die Nationen gemeinsam, es war ein europäisches Gemeinschaftsgefühl im Werden. Aber „aus dem fruchtbaren Willen zur Einigung begann sich überall zugleich, als ob es bazillische Ansteckung wäre, eine Gier nach Expansion zu entwickeln“. „Wir aber, die wir noch die Welt der individuellen Freiheit gekannt, wir wissen und können bezeugen, dass Europa sich einstmals sorglos freute seines kaleidoskopischen Farbenspiels. Und wir erschaudern, wie verschattet, verdunkelt, versklavt, verkerkert unsere Welt dank ihrer selbstmörderischen Wut geworden ist.“

„Das klappernde Mühlrad der Propaganda“

Leider sagt Stefan Zweig fast nichts darüber, wo diese Wut geschürt wurde. Es waren die Gesellschaftsklempner unter den Meinungsmachern, die sich langweilten, Krieg und Umsturz herbeischrieben. Ihre Pamphlete bleiben aber weitgehend unbeachtet oder wurden als etwas abgetan, was mit der Realität nicht wirklich etwas zu tun hat. „Das klappernde Mühlrad der Propaganda“, begann sich vor dem ersten Weltkrieg zu drehen. Die Deutschen mit ihrer „freiwilligen Servilität“ waren dafür besonders empfänglich.

Im Jahrhundertsommer 1914, der „üppiger, schöner, sommerlicher“ als alle war, sahen nur Wenige, dass Europa keine neue Morgenröte erblickte, sondern den Feuerschein eines Weltbrands. Anfang August 1914 badeten internationale Gäste an den Stränden Europas. „Die einzige Störung kam von den Zeitungsjungen, die, um den Verkauf zu fördern, die drohenden Überschriften der Pariser Blätter laut ausbrüllten: „L’Autriche provoque la Russie“, „L’Allemagne prépare la mobilisation“.

Das Massenempfinden aber war Gelassenheit: „Wir dachten zwar ab und zu an den Krieg, aber nicht viel anders, als man gelegentlich an den Tod denkt - an etwas Mögliches, aber wahrscheinlich doch Fernes. Man sah in den grenznahen Badeorten schon die Militärzüge auffahren, aber glaubte, die Diplomatie würde es schon nicht zum Äußersten kommen lassen. „Immer wird ja in Stunden der Gefahr der Wille, noch einmal zu hoffen, riesengroß“. „Wenn man ruhig überlegend fragt, warum Europa 1914 in den Krieg ging, findet man keinen einzigen Grund vernünftiger Art, nicht einmal einen Anlass“.

In den allerletzten Sommertagen gab es jede Stunde eine widersprechende Nachricht. Plötzlich wehte die Angst durch Europa und fegte die Strände leer. Kurz darauf war der Krieg da. Er war den Diplomaten, die mit ihm spielten und blufften, „gegen ihre Absicht aus der ungeschickten Hand gerutscht“.

Dem ersten Schrecken folgte ein enthusiastischer Taumel. Die Massen drängten zum Krieg. Die jungen Männer, die eben noch nebeneinander Sonnenschein und Meeresrauschen genossen hatten, waren plötzlich wild darauf, aufeinander zu schießen. „Jeder Einzelne erlebte eine Steigerung seines Ichs nicht mehr isoliert, sondern als Teil einer Masse, seine sonst unbeachtete Person hatte einen Sinn bekommen.“ Es herrschte „das Verlangen, die bewussten Urtriebe, die ‚Unlust an der Kultur‘, die alten Blutinstinkte“ auszuleben."

Wer Bedenken äußerte, störte, wer warnte, wurde verhöhnt als Schwarzseher, wer den Krieg bekämpfte, wurde als Verräter gebrandmarkt. Zweig fragte sich, „ob ich wahnsinnig sei unter all den Klugen oder grauenhaft wach, inmitten ihrer Trunkenheit“. Es war in den ersten Kriegswochen unmöglich, ein ernsthaftes Gespräch zu führen. Es ist, als ob Zweig die Situation von Deutschland und Europa 2015-2017 beschriebe. Der Krieg wurde geführt und in seiner Folge entstand der Totalitarismus, zuerst als Internationalsozialismus, dann als Nationalsozialismus.

Zweig: „Die Russen, die Deutschen, die Spanier, sie alle wissen nicht mehr, wie viel Freiheit und Freude der herzlos gefräßige Popanz des ‚Staates‘ ihnen aus dem Mark der innersten Seele gezogen.“ Der multikulturelle Zentralstaat soll erledigen, was aus den Trümmern von Kriegen und Totalitarismus gerettet werden konnte. Stefan Zweigs zeitloses Werk kann als Warnung davor gelesen werden.

Stefan Zweig: Die Welt von gestern

Foto: Bildarchiv Pieterman
Leserpost (10)
Andreas Arndt / 05.08.2017

Genau dies beklemmende Gefühl stellt sich seit längerem bei mir ein. Alles strebt auf bürgerkriegsähnliche Zustände hin. In einigen Vierteln Magdeburgs fühlt man sich nicht mehr zu Hause. Deutsche ziehen aus. Dort leben fast nur noch Rumänen. Diese werden von mafiösen Strukturen zu 100ten mit Unterlagen versorgt, die Ihnen über Scheinselbständigkeit und Aufstockung zu Einkommen verhelfen. Ein junger Mann sagte in einer Diskussion zu mir, warum ich so pessimistisch sei, es ging uns doch noch nie so gut? Das dieser glückselig Zustand bei der gegenwärtigen Entwicklung nicht mehr lange erhalten werden kann, sehen die jungen Menschen in der Mehrzahl nicht.  Aber es sind Ihre Lebensträume, an deren Zerstörung derzeit leichtsinnig oder planmäßig gearbeitet wird.

Gundela Casciato / 05.08.2017

Liebe Frau Lengsfeld, schon immer haben sich Staaten durch Kriege entschuldet.  Und so wird es auch dieses Mal sein. Wir sind an einem Punkt angekommen, wo der Überschuldungsgrad der ganzen Welt astronomisch ist. Nur durch Zwangsenteignung aller Bürger könnte man diese zurück fahren. Doch kein Politiker möchte diese bittere Wahrheit dem Wahlvolk eingestehen. Auch hat man, wenn alles in Trümmern liegt, wieder etwas aufzubauen. Ganz davon abgesehen wird auch unser Rentenproblem und die Bevölkerungspyramide wieder gerade gerückt. Bitte halten Sie mich nicht für zynisch oder bösartig. Eine kriegerische Auseinandersetzung wurde von den Regierenden immer als eine Art Bereinigung bestehender Probleme angewendet.

Holger Hertling / 05.08.2017

Sehr hochverehrte Frau Lengsfeld, dank—- immer wieder dank ! Für die gnadenlos korrekte Einordnung unserer bräsigen Alltäglichkeit in die immerwiederwährenden Kreisbewegungen der Geschichte ... Ein Toast: cheers ! —hoffentlich auf die nächsten 5000 Jahre ...

Christopher Sprung / 05.08.2017

Danke, Frau Lengsfeld. Befürchte, die Ignoranten und Bevormunder-Totalitären (oft calvinistisch-protestantisch-grün, aber berufliche Elite) sind in der Überzahl, jedenfalls in den Medien, und der deutsche Michel wähnt sich durch Mutti gut behütet. Mutti aber kniet vor Erdogan und ist Washington-Falken-hörig, anstelle die Interessen unseres Landes zu bewahren. Zugleich wird Russland erneut bedroht, unsere Soldaten stehen an der Grenze und die russische Wirtschaft soll weiter geknebelt werden. Schande und zum dritten Mal gute Nacht Deutschland.

Martin Michael / 04.08.2017

Ja Danke Vera. Wir Menschen raffen eben nicht das die Hochfinanz einen Krieg braucht um sich der Insolvenz zu entziehen. Meine Bekannten reden aber lieber über den Urlaub und den nächsten Ausflug. Als Libertärer sage ich “Der Saat ist das Problem, nicht die Lösung !”

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