Ulrich Sahm, Gastautor / 10.08.2015 / 12:24 / 6 / Seite ausdrucken

Die Wahrheit des SPIEGEL. Oder: Keine Angst vor der Ente von der Alster

Von Ulrich W. Sahm

Der aktuelle Spiegel von heute erzählt im Vorspann zu einem Interview mit Israels Verteidigungsminister Mosche Yaalon: „In seinem Büro hängt die Montage eines Bildes von Auschwitz mit Fliegern der israelischen Luftwaffe, versehen mit dem Versprechen: „Nie wieder“.“ Wenn man als Nicht-Abonnent auf den Text klickt, um weiterzulesen, erscheint eine schwarzer Bildschirm mit der Nachricht: „Der Spiegel, Keine Angst vor der Wahrheit“.

Ohne Angst vor der Wahrheit, schickten wir eine Anfrage an den Sprecher des Ministers Yaalon, ob da tatsächlich eine „Montage“, also eine Fälschung, hänge. Die Antwort: „Das Bild im Büro von Minister Yaalon ist ein Original.“ Freundlicherweise verwies der Sprecher auf die englische Version des Interviews im Spiegel. Dort steht wahrgemäß: „In seinem Büro hat er ein Bild israelischer Kampfjets, wie sie über Auschwitz fliegen mit dem Versprechen ´nie wieder´“. Dem deutschen Leser wurde also eine Fotomontage aufgetischt, die keine ist.

In einem Kommentar nutzte einer der beiden Interviewer, Holger Stark, das Motiv der Fotomontage sogar für einen Nachschlag: „Das Bild in Ya’alons Büro wird hängen bleiben. Aber echte Kampfjets werden nicht aufsteigen.“

Während der Spiegel und andere Medien Yaalon frei zitierten: „Israel droht Iran mit Luftschlägen“, sagte der Minister völlig Anderes. Zur Frage der Reporter, ob der Minister Luftangriffe auf die (iranischen) Nuklearanlagen befürworten würde, falls die israelischen Militärs ihn über eine Verletzung des Abkommens und eine Reaktivierung des Atomprogramms informieren, erklärte Yaalon: „In diesem Fall müssten wir das diskutieren (deutsche Version: wir müssen darüber sprechen). Am Ende ist klar (deutsche Version: Am Ende ist es ganz einfach). So oder so sollten Irans militärische Nuklear-Ambitionen gestoppt werden. Wir können unter keinen Umständen ein Iran mit Atomwaffen tolerieren. Wir bevorzugen, dies durch ein Abkommen oder Sanktionen zu erreichen. Aber am Ende sollte Israel fähig sein, sich zu verteidigen.“

Ob „sprechen“ eine exakte Übersetzung für „discuss“ ist oder ob „clear“ gleichbedeutend ist mit „ganz einfach“, ist fraglich. Yaalons Antwort ist sehr diplomatisch formuliert. Daraus eine „Drohung“ mit „Luftschlägen gegen Iran“ zu machen, ist gleichwohl eine freie Erfindung. Wenn Yaalon selber sagt, das müsse erst mal „diskutiert“ werden, unter den Militärs oder in der Regierung, bezieht er keine Position und „droht“ auch niemandem. Dass ein Iran mit Atomwaffen nicht akzeptabel sei, haben auch Obama und die Großmächte gesagt, als sie die Sanktionen verhängten und mit Teheran Verhandlungen zu dem in Wien geschlossenen Deal begonnen hatten. Würde der Spiegel so weit gehen, deshalb Angela Merkel in den Mund zu legen, Luftschläge gegen Iran zu befürworten, wie die Spiegel-Redakteure das hier bei Yaalon tun?

Und dann folgt noch der klassische Satz: „Aber am Ende sollte Israel fähig sein, sich zu verteidigen.“ Das ist eine Binsenwahrheit. Wo ist da die Drohung?
Holger Stark schreibt in seinem Kommentar noch: „Drohungen haben die Israelis immer wieder ausgestoßen, sie wirkten meist wie der Versuch, Entspannungsdiplomatie mit Kriegsrhetorik zu begegnen, um eine politische Annäherung zu verhindern.“ Tatsächlich ist der Spiegel seit Jahren bemüht, israelische Luftangriffe und sogar Angriffe mit Atomwaffen herbei zu spekulieren. Dabei wird ein „Flächenbrand“ im Mittleren Osten vorhergesagt, als ob zwischen Afghanistan, Irak, Syrien, Jemen und Ägypten ein paradiesischer Friede herrsche. Andererseits haben verantwortliche Israelis niemals eine „Drohung“, also eine offene Kriegserklärung gegen Iran, ausgesprochen.

Keine Angst vor der Wahrheit: Die Drohung kommt auch diesmal weder aus Tel Aviv noch aus Jerusalem, sondern ist schlicht und einfach eine Ente von der Alster.

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Leserpost (6)
Mike van Dyke / 11.08.2015

Dafür haben die üblichen Verdächtigen Ulrich Sahm schon immer gehasst. Dass sie ihre Wahrheiten nicht ungestört und mit letzter Tinte verbreiten konnten. Dass diese Wahrheiten die allerletzte Tinte sind, das wissen wir schon lange. Gut so, Herr Sahm.

Thomas Schlosser / 10.08.2015

Wenn man sich die Auflagen-Entwicklung des ehemaligen ‘Sturmgeschützes der Demokratie’ so anschaut, dann bleibt einem der tröstliche Gedanke: Ganz so blöd, wie die Macher des SPIEGEL ihre Leser zu halten scheinen, sind diese dann doch nicht. Immer mehr Abonnenten und immer mehr Gelegenheitskäufer wenden sich von einer Publikation ab, die sich darauf verlegt hat, die Realitäten, sei es in Nahost, oder hierzulande, konstant auszublenden bzw. diese grob verfälschend darzustellen. Stattdessen wenden sich immer mehr politisch Interessierte den Medien zu, die via Internet die Dinge beschreiben und kommentieren, wie sie wirklich sind. Von daher sollte man heilfroh sein, dass es Blogs wie die Achse gibt, ich, für meinen Teil, bin es jedenfalls…..

Dieter Schilling / 10.08.2015

Ich habe es vor ca.2 Jahren schon mal in einem Leserbrief zu dem Thema so ausgedrückt: Wäre ich der Angehörige eines Volkes, dem vor gut 70 Jahren die Totalausrottung gedroht hatte, würde ich heute jede (und wenn ich jede sage meine ich auch jede) Maßnahme gutheißen, die einem Angreifer mit dieser Absicht für alle Zeiten das Schwert aus der Hand schlägt!

Matthias Strickling / 10.08.2015

Umgekehrt wird schon eher ein Schuh daraus. Iran und auch die Anrainerstaaten haben Israel unzählige Male bedroht zu vernichten samt Bevölkerung.

Stephan Reisfeld / 10.08.2015

Bildzeitung für Abiturienten eben. Was will man erwarten?

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