Thomas Rietzschel / 12.09.2017 / 14:46 / 8 / Seite ausdrucken

Wahlen sind der neue Sex

Eigenartiges geschieht in Deutschland. Die Bürger werden zu Geheimniskrämern. Zunehmend halten sie mit ihrer politischen Meinung hinter dem Berg. Damit, welcher Partei sie ihre Stimme am  24. September geben werden, wollen die meisten nur ungern herausrücken, nicht einmal im vertrauten Umkreis. Am Ende stünde noch der häusliche Frieden in Gefahr. Von seiner Frau, erzählte mir ein Freund dieser Tage, habe er jetzt zu hören bekommen, dass sie sich scheiden ließe, würde er AfD wählen. Soweit wird es natürlich nicht kommen. Da sei der gemeinsame Hausstand und der Hund vor, auch wenn der Mann nach wie vor entschlossen ist, für die Verteufelten zu stimmen; und sei es nur aus Zorn über den Hochmut, mit dem sich Schwarze, Grüne, Gelbe, Rote und Knallrote als die privilegierten Demokraten ansehen.

Außerdem zählt die „geheime Wahl“ laut Artikel 38 des Grundgesetzes zu den verbrieften Rechten der Bürger. Niemand muss verraten, wo er sein Kreuz auf dem Wahlzettel macht. Jeder ist frei in seiner Entscheidung. Offenbar aber fühlen sich viele nicht mehr frei genug, zu ihrem politischen Bekenntnis zu stehen, gerade so, als fürchteten sie, auf dem falschen Fuß ertappt zu werden, als unanständig zu gelten. „Eigene Wahlentscheidung so intim wie Sex“, titelte n-tv auf seiner Internetseite am 09. September 2017.

Darüber spricht man nicht

Die Nerven liegen blank. Angst lähmt die politische Auseinandersetzung in der Gesellschaft. Es wird nicht länger gestritten, nicht argumentativ um den besten Weg in die Zukunft gerungen, es wird gedroht. Das Volk spielt das Stück nach, das die Parteien auf der parlamentarischen sowie auf der Bühne des Staates geben: die Ausgrenzung der Andersdenkenden. Wer da nicht als Statist mitmachen will, geht in die innere Emigration. Die Agora, auf der die alten Griechen öffentlich für ihre politische Meinung eintraten, ist verwaist. Die Frage danach sei zur „Intimfrage“ geworden: „Darüber spricht man nicht“, zitiert n-tv den Berliner Ethnologen Wolfgang Kaschuba. Darüber werde geschwiegen wie über das Gehalt oder die sexuellen Vorlieben.

Mit Verlaub: Ein Vergleich, der schon deshalb hinkt, weil die Zahl derer, die es danach drängt, öffentliches Interesse an ihrem privaten Sexualleben zu wecken, zusehends wächst. Sei es, dass sie auf einem Pornodampfer über den Bodensee schippern, spezielle Kreuzfahrten buchen, das Wochenende in einem Swingerclub durchfeiern oder bei der Love Parade aufmarschieren. Sogar "Spiegel Online" pflegt seit längerem in der Rubrik „bento“ eine eigene Sex-Kolumne. Berichtet wird dort unter anderem, „Wie es war mit einem Vibrator zu schlafen“, oder wie eine Frau „auf der Suche nach einem ersten Dreier verarscht wurde“.

Der Citoyen regrediert zum Bourgeois

Das alles kann man machen, selbstverständlich. Schließlich leben wir in post-sexual-revolutionären Zeiten. Von einer besonderen „Intimität“ muss und kann keine Rede sein, jedenfalls nicht so, wie sie unterdessen bei den politischen Einstellungen mehrheitlich gewahrt wird. Der „Citoyen“, der Staatsbürger, der sich seit der europäischen Aufklärung für das Ganze, die Gesellschaft aller, verantwortlich fühlte, ist zum „Bourgeois“ regrediert, zum Konsumenten des Staates. Hieß es früher noch bei den Achtundsechzigern, das Private sei immer auch politisch, so ist das Politische heute zu einer Privatangelegenheit geworden, belegt mit dem Tabu der Intimität.

Wenn sich die Bürger aber derart verschanzen, wenn sie nicht mehr willens sind oder sich fürchten, offen für ihre Überzeugung einzustehen, dann stirbt der gesellschaftliche Dialog, die Triebkraft der Demokratie. Das Wahlgeheimnis ist das Papier nicht wert, auf dem es uns grundgesetzlich zugestanden wurde. Der Staat gerät außer Kontrolle. Die Parteien dürfen sich in Sicherheit wiegen. Der Wähler kann ihnen allenfalls noch eins auswischen, indem er mal dieser oder jener seine Stimme versagt. Der Block als solcher, das Establishment, gerät dadurch nicht ins Wanken.

Denn solange die Bürger glauben, voreinander geheim halten zu müssen, wie sie denken, können sich keine Lager bilden, aus denen oppositionelle Kräfte erwachsen würden. Jeder agiert isoliert in der verhängten Wahlkabine. Das Volk, der Souverän, gibt sich selbst auf. Keiner weiß mehr, wer neben ihm steht. Und wo das berechtigte Wahlgeheimnis diese politische Intimität nach sich zieht, gilt dann wieder, was Kurt Tucholsky schon 1930 erkannte: „Uffjelöst wern wa doch... rejiert wern wa doch... Die Wahl is der Rummelplatz des kleinen Mannes!“

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Leserpost (8)
Dr. Steffen Hein / 13.09.2017

Da die öffentlich-rechtlichen Medien in unglaublicher moralischer Überheblichkeit - und statutenwidrig unisono mit den Altparteien - eine einschüchternde Wahhlkampagne gegen die AfD führen, sind deren Wähler mit öffentlichen Bekenntnissen und bei Wahlumfragen besonders zurückhaltend. Ich glaube, am 24. September ist mit einer Überraschung zu rechnen.

Andreas Rochow / 12.09.2017

Die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten tragen eine wesentliche Verantwortung für das Verstummen regierungskritischer Stimmen. Ob sich das analog auf das Wahlverhalten der Zwangsgebührenzahler auswirken wird, wage ich zu bezweifeln. - Auch ich habe übrigens ähnliche Auseinandersetzungen mit meiner Frau gehabt wie Ihr Freund.  Ihr Artikel, verehrter Herr Rietzschel, hat meine Frau davon überzeugt, von der Trennungsdrohung Abstand zu nehmen.

Caroline Neufert / 12.09.2017

Ich bin nächste Woche am Bodensee - was sind das für “Pornodampfer über den Bodensee ” ? Noch nie gehört. Wenn ich genau wüsste, wie in meinem Umfeld gewählt würde, hätte ich keins;-)

Christiane Brauckhoff / 12.09.2017

Sehr geehrter Herr Rietzschel, vielen Dank für Ihren Artikel. Meine Affinität zur AfD hat zwar zu keiner Beziehungskrise mit meinem Lebensabschnittsgefährten geführt, aber von einem meiner ältesten Freunde bekam ich zu hören bzw. zu lesen: „Wenn Du die AfD wählst, sind wir geschiedene Leute!“ Sei’s drum. Ich oute mich in letzter Zeit immer öfter als schamloses AfD-Luder und habe seitdem eine ungefähre Ahnung davon, wie sich ein Exhibitionist fühlt, wenn er „blankzieht“ Ein Tabubruch kann ungeheuer erregend sein! @ Frau Schlierkamp, bei Ihren Ausführungen musste ich schmunzeln und mir kam das Lied „Kleinstadt-Idylle“ von Walter Hedemann, das ich vor einer Ewigkeit gehört hatte, wieder in den Sinn. Darin heißt es u.a. „Dem Richard seine Frau hat SPD gewählt, und das sagt die auch und schämt sich nicht einmal!“ Nun muss man nur noch SPD durch AfD ersetzen ;-)

Immo Sennewald / 12.09.2017

Die Wahlen sind vor allem der Rummelplatz der Medien, auf dem verständiges Nachdenken vom Gekreisch der politischen Stempelverkäufer, vom Getöse der Phrasenkarussells, Empörungsachterbahnen, dem Anbiedern der Figuren aus dem Parteien-Panoptikum und dem Geschwalle der Skandalverkäufer niedergedröhnt wird. Dem ist Schweigen vorzuziehen. Handeln, ohne sich polarisieren zu lassen. Taktisch gegen Einheitsmeinungen, Einheitsmedien, Einheitsparteien wählen: Einfach damit sich etwas ändern kann. Rummelplätze kommen und gehen.

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