Walter Krämer / 26.04.2016 / 14:00 / 4 / Seite ausdrucken

Die Unstatistik des Monats: Altersarmut – eine Null zu viel

Die Unstatistik des Monats April ist eine Meldung des WDR, der für 50 Prozent der deutschen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einen Ruhestand in Altersarmut prognostiziert hat („Fast jedem Zweiten droht eine Armutsrente“).  Kein Wunder, dass eine solche Zahl zu Deutschlands Rente die Republik in Aufregung stürzt. Nur ist sie falsch, und 5 Prozent ist eine wahrscheinlichere Prognose.

Das Vorgehen des WDR scheint zunächst plausibel. Er ließ sich die augenblickliche Verteilung des Arbeitseinkommens auflisten, nahm an, dass diese auch in Zukunft so bestehen bleibt, und errechnete dann die Rentenansprüche für das bereits jetzt festgelegte niedrigere Rentenniveau im Jahr 2030. Nach dieser Rechnung liegen in der Tat 50 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer an oder unter der Grundsicherungsgrenze.

Wo liegen die Fehler? Der erste Denkfehler ist ein Klassiker in der Statistik: Aus Daten eines heutigen Querschnitts kann man nicht auf die Dynamik eines zukünftigen Erwerbslebens schließen. Das folgende krass überzeichnete Beispiel macht das klar: Wenn alle Menschen die erste Hälfte ihres Lebens in Ausbildung mit einem sehr geringen Gehalt verbringen und dann anschließend in der zweiten Lebenshälfte ein so hohes Einkommen hätten, so dass sie auf das ganze Leben bezogen genau das heutige Durchschnittseinkommen erzielten, dann würde die WDR-Methode Altersarmut für die Hälfte der Bevölkerung prognostizieren. Richtig berechnet würde in diesem Beispiel jedoch kein einziger Mensch altersarm werden.

Der zweite Fehler ist ein Klassiker in der Sozialpolitik: Grundsicherung wird nicht auf das individuelle Arbeitseinkommen bezogen, sondern auf das Gesamteinkommen eines Haushalts. Und das liegt in der Regel deutlich über dem Arbeitseinkommen einer einzelnen Person. Laut der WDR-Methode erschiene in einer Ehe mit einem viel und einem wenig verdienenden Partner eine Person altersarm. Nach richtig angewendetem Recht wäre der Haushalt jedoch keineswegs altersarm.

Auch wenn die WDR-Rechnung das Problem der Altersarmut in grotesker Weise überschätzt, ist erhöhte Aufmerksamkeit geboten. Berechnungen des wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium aus dem Jahr 2013 kommen im pessimistischsten Szenario auf einen Anstieg der Grundsicherungsempfänger von derzeit 3 Prozent auf 5,4 Prozent also fast eine Verdoppelung. Dennoch: eine Null weniger als beim WDR.

Mit der „Unstatistik des Monats“ hinterfragen der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer und RWI-Vizepräsident Thomas Bauer jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. In diesem Monat haben die Gastautoren Axel Börsch-Supan und Tabea Bucher-Koenen die „Unstatistik“ verfasst. Alle „Unstatistiken“ finden Sie im Internet unter www.unstatistik.de.

Leserpost (4)
Rolf Permeier / 27.04.2016

Bei Wohlstandsmessungen (und der Diagnose Armut) immer diese Frage stellen: Gehts um absolute Armut, oder um relative? Das ist sehr, sehr wichtig, um die relativen Scharlatane aus der Diskussion rauszufiltern.

Karla Kuhn / 26.04.2016

Ich glaube, dass diejenigen, die jetzt von Altersarmut betroffen sind, sich nicht um eine Null mehr oder weniger scheren. Sie müssen sehen, wie sie Monat für Monat um die Runden kommen. Auf welche Zahlen beziehen sich die 5,4% der Zukunft? Ich weiß nicht genau wie viel es Rentner in Deutschland gibt, ca. 20 Millionen ? Davon muß man aber erst mal die sehr gut versorgten Pensionäre abziehen. Und wenn man von den übrigen Rentnern die 5,4% ausrechnet, sind es für ein Land wie Deutschland noch immer viel zu viel arme Menschen. Das ist die eigentliche Schande. Der Mindestlohn von 8,50 (Brutto !!) hilft ganz sicher nicht, die Altersarmut zu reduzieren. Im Gegenteil, sie wird drastisch ansteigen.  Bestimmt mehr als 5,4%.

Fritz Nowak / 26.04.2016

Es kommt wohl auch drauf an wie man mit Geld umgeht.Meine Oma bekam auch nur Grundsicherung und hatte trotzdem immer genügend Geld für neue Sofas,TV etc. Nein es gab kein Vermögen(1980 vor dem Kommunismus geflohen).  

Torsten Ermel / 26.04.2016

Hinsichtlich des zweiten Fehlers ist vielleicht anzumerken, dass umgekehrt auch ein Schuh daraus wird: Die heutige Altersarmut ist zu gering angegeben, eben weil nicht die einzelne Person, sondern der Haushalt betrachtet wird. Die Ehefrau mit Minirente gilt nicht als arm, weil sie von ihrem Mann unterhalten wird. Die Zahl der Armen wird nicht explodieren, insofern ist die WDR-Untersuchung eine Unstatistik. Eine sinnvolle Aussage kann aber doch nur personenbezogen und nicht haushaltsbezogen sein - insofern ist der für heute angegebene Wert von 3 % viel zu gering - aber wohl politisch opportun.

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