Markus Vahlefeld / 06.10.2017 / 06:29 / Foto: Angelo Faiazza / 17 / Seite ausdrucken

Die späte Rache der Linken am vereinigten Deutschland

In letzter Zeit musste ich öfter an die überaus erfolgreiche Filmkomödie „Good Bye Lenin“ von 2003 (allein in Deutschland mehr als sechs Millionen Kinobesucher) denken. Sie handelt von einer linientreuen DDR-Mutter, die kurz vor der Wende 1989 ins Koma fällt und die deutsche Wiedervereinigung verschläft. Als sie viele Monate später wieder erwacht, setzen ihre Kinder alle Hebel in Bewegung, um sie vor den dramatischen Veränderungen, die sich in Deutschland ereignet haben, zu verschonen und ihre labile Gesundheit nicht zu gefährden. Ein lustiges Versteckspiel aus Lügen und Halbwahrheiten beginnt, und der Film zieht seine Komik aus den vielen „kapitalistischen“ Alltagsbegebenheiten, die nun so uminterpretiert werden müssen, dass sie weiterhin ins Bild der untergegangenen DDR-Ideologie passen.

Ich musste also öfter an „Good Bye Lenin“ denken, denn manchmal komme ich mir genau so vor: irgendetwas Entscheidendes habe ich verschlafen! Irgendetwas habe ich nicht mitbekommen, habe eine Entwicklung verpasst, die zum Verstehen der gegenwärtigen Ereignisse jedoch Not täte.

Erst vor wenigen Tagen saß ich mit einem meiner besten Freunde zusammen, den ich nur noch selten im Jahr sehe. Wir haben eine bewegte Adoleszenz gemeinsam verbracht und zusammen das Abitur auf der Deutschen Schule in Washington gemacht. Im Gegensatz zu mir hat er dann etwas Ordentliches studiert und ist in die Wirtschaft gegangen. Inzwischen hat er sein eigenes sehr erfolgreiches Unternehmen und gehört ganz sicher zu den Privilegierten in unserem Land, was Reputation und monetäre Ausstattung angeht.

Wir saßen also zusammen in einem dieser Hipster-Restaurants von Berlin und unser Gespräch kam auch auf die Bundestagswahl. Er hatte die CDU gewählt, weil er Angela Merkel als eine ehrenwerte Person ansieht und - wörtlich - „Mitleid und Barmherzigkeit“ in der deutschen Politik für wichtig hält. Ich fand die Begründung sehr interessant. Als erfolgreicher Unternehmer weiß er natürlich, dass Mitleid und Barmherzigkeit weder politische noch wirtschaftliche Kategorien sind. Würde ein Beratungsunternehmen seiner Firma „Mitleid und Barmherzigkeit“ als Unternehmensziel verordnen, er würde es eher heute als morgen feuern. In der Politik sind „Mitleid und Barmherzigkeit“ jedoch Wahlkriterien.

Das Bedürfnis nach Mitleid und Barmherzigkeit an die Politik outgesourced

Nun ist mein Freund sehr gebildet, sehr international und sehr weltoffen, und ich werde einen Teufel tun, seine Begründung lächerlich zu finden. Ich nehme sie ernst und erkenne in ihr ein Bedürfnis nach religiöser Legitimation von Politik, wie sie in unserem Land inzwischen wieder weit verbreitet ist. Natürlich geht mein Freund Sonntags nie in die Kirche. Er hat sein Bedürfnis nach Mitleid und Barmherzigkeit an die Politik outgesourced, was ganz sicher ein Zeichen säkularisierter Gesellschaften ist. Alle Lebensbereiche werden von kleinlichen Interessen bestimmt, da soll sich Politik um das interesselose Große, Schöne und Wahre kümmern.

Was wir Deutschen inzwischen als humanitären Imperativ zur Staatsräson erhoben haben, hat Frau Merkel von den Linken abgekupfert. Denn die Linken, die waren schon immer die Guten mit dem großen Herz, und endlich dürfen die Konservativen ihren kalten Hauch des Unmenschlichen hinter sich lassen. Ist doch so?

Die Wahrheit ist, dass auch die Linken ihr großes Herz für Flüchtlinge erst vor kurzem entdeckt haben. Bei der Partei DIE LINKE dürfte das noch am offenkundigsten sein, hat doch ihre Vorgängerorganisation, als sie noch die staatlichen Mittel in der Hand hatte, dafür gesorgt, dass Flüchtlingen regelmäßig beim Verlassen der DDR in den Rücken geschossen wurde. Aber wie steht es mit der SPD und den GRÜNEN, die sich seit 2015 im Wettlauf um die schönste Flüchtlings-Poesie befinden? Ihr Herz für Flüchtlinge haben auch sie erst entdeckt, als die Flüchtlinge nicht mehr Deutsche waren, sondern aus den entferntesten Regionen der Erde kamen.

So schreibt DER SPIEGEL vom 18.9.1989 - also in Zeiten, als SPIEGEL-Journalisten noch weitgehend ohne Scheuklappen und Sprachverbote schreiben konnten - unter der Überschrift „Das Faß läuft über“: Der Flüchtlingszuzug aus der DDR verschärft die Wohnungsnot, Experten warnen vor einer „Katastrophe“ und orten einen „Nährboden für Radikale“.

Damals übrigens weigerten sich die progressiven Kräfte in Westdeutschland, Bürger aus der DDR, die nach Westdeutschland geflohen waren, als Flüchtlinge zu bezeichnen (auch von Geflüchteten und Schutzsuchenden war man noch weit entfernt). Übersiedler oder „Rübergemachte“ wurden sie genannt, und da schwang schon eine gute Portion progressive Verachtung mit.

Einige Wochen später, am 23. Oktober 1989, heißt es dann im SPIEGEL: Die Ressentiments gegen Übersiedler erhalten beinahe täglich Nahrung durch neue Reizbilder in den Medien. Wenn die Ankömmlinge im Westfernsehen aufgekratzt Deutschland-Fähnchen schwenken, ihre DDR-Kennzeichen am Wartburg bis aufs bloße "D" durchstreichen und die neuerworbenen Bundespässe voller Nationalstolz in die Kamera halten, graust es vielen Grünen, die sich auf ihre internationalistische Gesinnung viel zugute halten. "Die Zonis küssen ja den BRD-Boden wie der Papst", beobachtete entgeistert ein Mitglied der Hamburger Grün-Alternativen Liste

Und DER SPIEGEL schreibt weiter: Schwierigkeiten im Umgang mit den SED-Flüchtlingen haben westdeutsche Linke auch deshalb, weil der Massenansturm Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot weiter verschärft. Heimische Zukurzgekommene fühlen sich durch die Neubürger zusätzlich benachteiligt.

Der nordrhein-westfälische Arbeitsminister Hermann Heinemann (SPD) sah sich letzte Woche genötigt, vor einer "Verhätschelung" der DDR-Übersiedler zu warnen: Hiesige Arbeitslose müßten "mit Bitterkeit" registrieren, daß den Zuwanderern Arbeitsplätze "auf dem goldenen Tablett" serviert würden.

Vielen Gewerkschaftern sind die DDR-Übersiedler zudem als Streber mißliebig, die im Verdacht stehen, jede Arbeit anzunehmen, zu fast jedem Preis. In Berliner Szene-Kneipen wird schon über die "neuen Arschkriecher" gewettert, in Hamburg besprühten Unbekannte Hauswände mit der Parole: "Kritische Mitbürger aus der DDR willkommen, Anpasser und Lohndrücker Nein Danke". Daß nach einer Umfrage über 60 Prozent der Zuwanderer CDU wählen würden, paßt vielen Linken ins Bild.

In West-Berlin, wo das Gerangel um Arbeitsplätze und Wohnungen besonders heftig ist, haben grüne Politiker bereits eine Zuzugsbegrenzung für DDR-Übersiedler ins Gespräch gebracht. (…)

Einzelnen SPD-Politikern kommt die Massenflucht mittlerweile ebenfalls ungelegen. Mit Hinweis darauf, daß die DDR nicht ausbluten dürfe, forderte der West-Berliner Abgeordnete Ehrhart Körting, die Übersiedlung per Gesetz zu erschweren, etwa durch eine Abschaffung der Rentenberechtigung. Wer die DDR verändern wolle, müsse sicherstellen, argumentiert Körting, daß die kritischen Bürger auch dortblieben.

Mitleid und Barmherzigkeit sind auch bei den Linken eher Erscheinungsformen neueren Datums

Der humanitäre Imperativ und die Einforderung von Mitleid und Barmherzigkeit sind auch bei den Linken eher Erscheinungsformen neueren Datums. Sahen sie die deutschen Flüchtlinge Ende der 80er Jahre noch als Bedrohung an und ähnelten in der Argumentation durchaus denjenigen, die sie heute als Wutbürger beschimpfen, so können die Linken inzwischen die Arme nicht weit genug für alle Menschen fremder Provenienz aufreißen, um Willkommen zu schreien. Die Vorstellung, ein Martin Schulz („was die Flüchtlinge bringen, ist wertvoller als Gold“) oder eine Katrin Göring-Eckardt („die Flüchtlinge machen unser Land besser“) hätten sich mit gleicher Verve für DDR-Flüchtlinge ins Zeug gelegt, wie sie es jetzt für die Hunderttausenden Iraker, Afghanen und Marokkaner tun, ist zumindest eine lustige, wenn auch abwegige.

Und dann war es da wieder, dieses Gefühl wie aus „Good Bye Lenin“, dass ich irgendetwas verschlafen habe: die Einführung der unbedingten Flüchtlingsliebe und des humanitären Imperativs bei den Linken. Ich hatte sie schlicht verpennt. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: die Linken lieben gar nicht die Flüchtlinge, sie hassen sie einfach ein bisschen weniger, als sie die Deutschen hassen.

Der humanitäre Imperativ wirkt daher so verlogen wie vorgeschoben, um die Lust der heutigen Linken an der mutwilligen Zerstörung der deutschen Gesellschaft zu kaschieren. Was wie gottgegebene Moral und Barmherzigkeit aussieht, erscheint als die späte Rache der Linken für die erlittene Schmach, die deutsche Einheit nicht aufgehalten haben zu können. Derartige schlafende Rachegelüste sind weitaus wirkmächtiger als Humanismus und Menschenliebe.

Mehr von Markus Vahlefeld: Mal eben kurz die Welt retten - Die Deutschen zwischen Größenwahn und Selbstverleugnung, Mai 2017. Erhältlich auf markus-vahlefeld.de, im Buchhandel oder, wenn es sein muss, auf amazon.

Foto: Angelo Faiazza CC-BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost (17)
Ernst-Fr. Siebert / 06.10.2017

Eine Frage: Hat Ihr Freund Kinder? Ich habe auch einen solchen Freund, Jahreseinkommen weit über 100.000 Euro, ein gebildeter, intelligenter Mann, der sieht das auch so, wie der Ihre. Er hat keine Kinder.

Ernst Eichengrün / 06.10.2017

Was Markus Vahlfeld schreibt, ist durchaus richtig. Doch in einem wesentlchen Punkt verallgemeonert er zu sehr: Er schreibt “den Linken” pauschal eine Ablehnung der deutschen Einheit zu. Das trifft zwar für einen Teil der SPD zu,vor allem aber auch für viele sich Linksfühlende in den Medien, aber eben nicht für alle.  Da gab es viele, denen die deutsche Einheit ein zentrales Anliegen war. Ernst Eichengrün

Clemens Hofmeister / 06.10.2017

Wenn allen alles kostenlos zur Verfügung steht ist es sicher Pflicht, alles allen zur Verfügung zustellen. Dass “alle” und “alles” bereits nach dem Beistrich etwas anderes bedeuten sollte dabei nicht übersehen werden. Denn damit wird auch “Pflicht” seiner ursprünglichen bedeutung entkleidet. Das übliche Problem im Sozialismus, das diesen sowohl wissenschaftlich als auch moralisch unhaltbar macht. In der Praxis hat noch kein Sozialismus seine ersten 12 Jahre überlebt. Weder der mi, noch der ohne “N”.

gernot ellinghaus / 06.10.2017

auf den punkt gebracht, bravo !

I.Brockmann / 06.10.2017

Lieber Herr Vahlefeld, Sie haben den Nagel mal wieder auf den Kopf getroffen.

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