Henryk M. Broder / 11.01.2018 / 12:00 / 19 / Seite ausdrucken

Die Schiffbrüchigen

Wenn das alte deutsche Sprichwort „Gut Ding will Weile haben“ zutrifft, dann wird die nächste Regierung die beste sein, die Deutschland je hatte. Das ist freilich eine sehr optimistische Annahme, möglich ist auch, dass keine neue Regierung gebildet wird und die „geschäftsführende“ im Amt bleibt, bis irgendein Wunder geschieht.

Als das Ergebnis der Wahlen vom 24. September feststand – die regierende Große Koalition aus CDU/CSU und SPD verlor 14 Prozentpunkte, beide Parteien erzielten jeweils das schlechteste Wahlergebnis in der Geschichte der Bundesrepublik – setzte umgehend der Katzenjammer ein, als wäre eine Party zu Ende gegangen, deren Teilnehmer gerne weitergefeiert hätten.

Der Kanzlerkandidat der SPD, Martin Schulz, sprach von einem „schweren und bitteren Tag für die deutsche Sozialdemokratie“ und versicherte, es werde keine Fortsetzung der Großen Koalition mit der Union geben, jedenfalls nicht mit ihm und nicht mit Angela Merkel.

Alle führenden Politiker von CDU, CSU und SPD traten den Gang nach Canossa an. Sie hätten „den Schuss“ gehört, beteuerten sie, ein „Weiter so!“ könne und werde es nicht geben. Dann passierte wochenlang nichts. Erst nach der Landtagswahl in Niedersachsen begannen die „Sondierungen“ für eine Jamaika-Koalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen.

Vier Wochen lang wurde „sondiert“, bis die FDP die Gespräche für gescheitert erklärte. Und so kam die Große Koalition wieder ins Spiel, mit Angela Merkel und Martin Schulz, der noch im Wahlkampf der Kanzlerin vorgeworfen hatte, sie plane „einen Anschlag auf die Demokratie“.

Bei den „Sondierungsgesprächen“, die derzeit zwischen CDU und SPD geführt werden, geht es freilich nicht darum, die Demokratie zu retten oder eine Regierung zu bilden.

„Wenn das schiefgeht, ist meine politische Karriere zu Ende“, soll Schulz im kleinen Kreis gesagt haben. Gleiches gilt für Angela Merkel und Horst Seehofer. Sie kämpfen um ihr politisches Überleben. Die Angst vor Neuwahlen ist das Einzige, was sie verbindet.

Sie müssen irgendeinen „Kompromiss“ finden, der ihnen ein Weiterregieren ermöglichen soll. Wie Schiffbrüchige, die sich gegenseitig abgeschossen haben und nun zusammen in einem Rettungsboot ausharren, bis irgendein Ufer am Horizont erscheint. 

Zuerst erschienen in der Züricher Weltwoche

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Leserpost (19)
Erich Schmidt / 11.01.2018

Die einzige Politikerin die das, worum es wirklich geht einmal herzerfrischend deutlich ausgesprochen hat, war Heide Simonis aus Schleswig-Holstein. Das war im Jahre 2005 und der Satz lautete: “Und was wird dann aus mir?”

Jürgen Liebich / 11.01.2018

Wie wird sich Söder verhalten, dem die ganze Linie absolut nicht in den Kram passen kann? Wartet er ab, bis er in München tatsächlich inthronisiert worden ist? Er jedenfalls ist für mich die Schlüsselfigur. Also der Einzige, der diesen Irrsinn, aus welcher Motivation heraus auch immer, noch stoppen kann. Tut er es wirklich, sind die Protagonisten der drei Parteien am Ende. Tut er es nicht, und es geht irgendwie dann doch weiter, stehen uns ganz schlimme Zeiten bevor.

Ines Schumann / 11.01.2018

Sehr geehrter Herr Broder, dann hoffe ich mal, dass bei diesem Hickhack kein Wunder geschieht und wir von einer erneuen Koalition verschont bleiben. Ich persönlich habe auch gar nichts dagegen, wenn die politischen und überhaupt jedwede Karrieren dieser drei Personen enden, selbstverständlich auf gaaanz weichen finanziellen Kissen. Dieses “Sondierungs”-Theater erinnert mich an die jährlich zu Silvester über die Bildschirme flimmernde Ausstrahlung des Klassikers “Dinner for One”: “The same procedure as every jear, James”, jedes mal nach Wahlen findet ein gegenseitiges Aufeinanderzeigen der Schuldigen statt, aber am Ende haben trotzdem immer alle gewonnen und alles geht so weiter wie vorher. Bislang war man ja da auch immer unter sich geblieben, nur die Vollziehenden haben im Ringelreihen die Plätze gewechselt. Jetzt hat die böse AfD alles etwas durcheinandergewirbelt, weil der Wähler eben zu doof war, die “Etablierten” zu wählen. Dann hätte alles sooo schön weitergehen können wie bisher…. Die Titanic ist am Ende auch untergegangen, Rettung kam zu spät. Für die Menschen damals leider, für die an ihren Posten heute Klebenden hoffentlich.  

Dr Christian Rapp / 11.01.2018

Das Beste, was D jetzt passieren kann, sind weitere Sondierungsgespräche. Dann sind unsere Politiker beschäftigt und machen kein dummes Zeug und treiben nicht jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf. Was sind wir zu beneiden, dass wir uns solche Politiker leisten können.

Detlef Wilke / 11.01.2018

Lieber Herr Broder, lieber Herr Maxeiner, lieber Herr Grimm, ich möchte hier, nicht im Namen, aber sicherlich im Sinne der überwältigenden Mehrheit der Achse-Leser, meinen Dank und meine Anerkennung dafür aussprechen, welchen hervorragenden und unendlich verdienstvollen Beitrag Sie jeden Tag, 7 Tage die Woche, für unsere politische, kulturelle und wirtschaftliche mentale Aufrechterhaltung und hoffentlich dann auch gerade noch rechtzeitige materielle Restauration leisten. Zu den Schiffbrüchigen in Ihrem heutigen Beitrag möchte ich nur anmerken, daß es mir völlig wurscht ist, ob die derzeitige sogenannte politische Elite untergeht. Die damit einhergehende Umweltbelastung wird die Natur schon verkraften. Mich interessiert vielmehr das Schicksal der Passagiere, und da möchte ich auf eine Anmerkung in ZIELVERFÜHRUNGEN verweisen: Die Passagiere der absaufenden Titanic werden gerade mit Lutschpastillen gegen Seekrankheit versorgt und finden das auch noch toll.

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