Bernhard Lassahn / 21.05.2016 / 06:20 / Foto: irrational_cat / 6 / Seite ausdrucken

Die neue Studentenbewegung und ein Korb faule Eier

Was ist los an den Universitäten in den USA? Gibt es da etwa eine neue Studentenbewegung? Jedenfalls gibt es Unruhen der besonderen Art, die von so genannten „social justice warriors“ ausgelöst werden, von Kämpfern für soziale Gerechtigkeit. Sie nennen sich auch „social justice champions“. Sie haben Schlagworte wie „safe space“, „micro aggression“ und „trigger warning“ aufgebracht, sie leiden unter „buzz words“ und einer „rape culture“ und sie sehen sich als radikale Gegner von Rassisten aller Art. Wie sehen solche Kämpfe aus?

Ilja Trojanow berichtet in der ‚taz’ von einem Fall an der Yale University. Da hatte die Verwaltung kurz vor Halloween in einem Rundbrief die Studenten aufgefordert, „auf potenziell beleidigende Kostüme zu verzichten“, was sich konkret auf das „blackfacing“ bezog, bei dem sich Weiße das Gesicht schwarz anmalen. Darauf antwortete eine Dozentin, dass sie sich etwas mehr „Lockerheit“ wünschte und äußerte sich besorgt, die Colleges könnten sich zu Horten der „Zensur und Entmündigung“ entwickeln, dabei „schwenkte“ sie, wie es Ilja Trojanow poetisch umschreibt, „die Fahne der freien Meinungsäußerung“.

Die Formulierung finde ich nicht passend – es geht um Halloween, nicht um eine Diskussionsveranstaltung. Wie auch immer. Nun passierte es. Es tobte ein Shitstorm, und die besagte Dozentin – und obendrein ihr Ehemann – sahen sich „heftigsten Angriffen“ ausgesetzt. Soweit, so schlecht. Nun wird es noch schlechter. Bis zu diesem Punkt hat uns Ilja Trojanow mehr oder weniger sachlich berichtet, was auf dem Campus los ist, doch nun mischt er seine Wertung mit ein. Damit ist auch der Punkt erreicht, an dem ich mit ihm streiten möchte. Er schreibt:„Die Mail der Dozentin übersieht fraglos, dass die von ihr geforderte Freiheit meist auf Kosten der Schwächeren und Machtlosen geht.“

Fast jedes Wort ist ein faules Ei

Tick, tick, tick, tick ... Da ist so viel Falsches auf engem Raum versammelt, wie ich es sonst nur von Schriftsätzen gewisser Anwälte kenne. Fast jedes Wort ist ein faules Ei. Doch wir haben es hier mit einem renommierten Schriftsteller zu tun, der weiß, was er tut. Da gelten andere Maßstäbe als bei einem schlampigen Text, bei dem es auf die Wortwahl nicht ankommt. Trojanow ist mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, er ist fast so etwas wie eine Instanz – ich lese ihn übrigens gerne. Da lohnt sich ein zweiter Blick.

Ein zweiter Blick soll uns nicht etwa verraten, dass Ilja Trojanow ausnahmsweise einen schlechten Tag hatte (was nicht der Rede wert wäre), ich will ihm auch keine Stilfehler ankreiden, vielmehr will ich zeigen, dass seine Stilfehler auf Gedankenfehler hinweisen. Trojanow hat mit dem oben zitierten Satz eine neutrale Position verlassen und sich (fast) unmerklich auf die Seite der Social Justice Warriors geschlagen. Seine Ausdrucksweise verrät, wie diese Leute ticken.

Ich hatte erwartet, dass ein Schriftsteller wie Trojanow die rhetorischen Tricks der Kämpfer für soziale Gerechtigkeit erkennt und dass er sie aufdeckt – nicht dass er ihnen erliegt. Doch das tut er. Leider. Ich hatte erwartet, dass er uns zeigt, wie diese Leute ticken und muss enttäuscht feststellen, dass er auch so tickt. So sagt man heute gerne, – die Leute „ticken“ – als wären sie Uhren, während andererseits Uhren, die hörbar ticken, immer seltener werden.

Wir erkennen das "Ticken" in nur einem Satz

Wir erkennen das Ticken in nur einem Satz. Als ich vorhin sagte, dass darin fast jedes Wort ein faules Ei ist, war das ernst gemeint. Fast jedes Wort ist auf die ein oder andere Art falsch – fast jedes: „übersieht“, „fraglos“, „geforderte Freiheit“, „meist“, „auf Kosten gehen“, „Schwächere und Machtlose“.

Erstes faules Ei: „meist“. Beginnen wir mit „meist“. Wenn man nur flüchtig liest, fällt es womöglich nicht unangenehm auf. Es ist aber unangenehm. Dieses lästige „meist“ ist ein Fremdkörper, es kann weg. Es muss sogar weg. Es ist ein Fehler der besonderen Art. Ohne „meist“ wäre es zwar immer noch ein Satz, dem ich inhaltlich widersprechen würde, es wäre aber wenigstens ein in sich stimmiger Satz:

„Die Mail der Dozentin übersieht fraglos, dass die von ihr geforderte Freiheit (---) auf Kosten der Schwächeren und Machtlosen geht.“

So klingt es besser. So merkt man auch gleich, dass „meist“ da nicht hingehört. Trojanow hätte es problemlos streichen können. Warum hat es nicht getan? Was hat er falsch gemacht?

Die Größenverhältnisse stimmen nicht. Das Wort „meist“ verlangt nach einem Plural. Es bezeichnet eine Menge und zugleich ein Mengenverhältnis, eine Einschränkung. Es geht also nicht um etwas, das immer und überall gilt. Es geht jedoch um etwas, das nicht nur auf eine einzige Gelegenheit, sondern auf eine Vielzahl von Gelegenheiten zutrifft. Es verträgt sich nicht mit dem Singular „Freiheit“. Wäre von „Freiheiten“ (Plural) die Rede, würde „meist“ nicht stören. 

Ein entlarvendes "meist"

Irgendeine Menge brauchen wir. Vielleicht meint Trojanow nicht die Menge der Freiheiten, sondern die Menge der Gelegenheiten, bei denen das Problem auftaucht. Vielleicht will er uns sagen, dass die „geforderte Freiheit“ bei vielen Gelegenheiten – und zwar bei den „meisten“ – auf Kosten der Schwächeren und Machtlosen geht. So wäre es ebenfalls ein stimmiger Satz.

Doch er wäre nicht angebracht, weil es im Schreiben der Dozentin nicht um viele Gelegenheiten, sondern um eine einzige geht; es geht ausschließlich um Halloween, um einen Tag also, an dem sowieso ein Ausnahmezustand gilt. Was bei anderen Gelegenheiten gelten könnte, kann uns gleichgültig sein. Das muss die Dozentin nicht berücksichtigen. Sie will sich zu Halloween äußern und will keine neuen, allgemein gültigen Gesetze aufstellen. Man kann ihr nicht vorwerfen, dass die „Freiheit“, die sie für Halloween „fordert“ bei anderen Gelegenheiten – und zwar bei den meisten –, „auf Kosten“ der „Schwächeren und Machtlosen“ gehen könnte.

Man kann aber von Ilja Trojanow erwarten, dass er uns sagt, welche anderen Gelegenheiten er meint (mir selber fällt gerade keine ein) und obendrein müsste er erklären, wieso sich diese eine Gelegenheit, um die hier es geht, auf andere Fälle, die man sich außerdem noch denken könnte, auswirkt und inwieweit Verhaltensregeln, die für Halloween gedacht sind, auf viele, viele andere Fälle übertragbar sind.

Eine gut getarnte Unterstellung

Doch ich will keine scheinheiligen Fragen stellen, auf die ich sowieso keine Antworten erwarte. Ich glaube nicht, dass Ilja Trojanow sie geben kann. Doch dann soll er nicht so schreiben. Denn er unterstellt mit diesem unscheinbaren „meist“ eine Reichweite für die „Forderung“ nach Freiheit, die besagte Dozentin gar nicht geltend machen will.

Zweites faules Ei: „geforderte Freiheit“. Ich hatte wohl den richtigen Riecher: Als Ilja Trojanow davon sprach, dass diese Dozentin die „Fahne der Meinungsfreiheit schwenkte“ und ich dabei ein seltsames Gefühl hatte, lag ich offenbar richtig. Geht es überhaupt um die „Fahne der Freiheit“? Mit einer Fahne würde die „Forderung“ nach „Freiheit“ tatsächlich verallgemeinert und vergrößert. Aber will die Dozentin das? Will sie eine Fahne schwenken? Will sie überhaupt eine „Forderung“ stellen? Ilja Trojanow schreibt zwar „ ... geforderte Freiheit“, aber stimmt das? Ich meine: nein. Die Dozentin „fordert“ keine Freiheit.

Das muss sie auch nicht; denn die Freiheit, um die es geht, ist bereits da. Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass zu Halloween geschmacklose und gruselige Verkleidungen aller Art zur Schau getragen werden. Das macht man in Amerika schon lange so. Die Dozentin will also keine neue Freiheit einfordern (erst recht keine, die sich in vielen Fällen negativ auswirkt), vielmehr macht sie sich Sorgen um die Einschränkung einer bereits vorhandenen Freiheit. Deshalb spricht sie auch von „Zensur“ und von „Entmündigung“.

Keine Forderung nach Freiheit sondern Sorge um sie

Von „Forderung“ spricht Trojanow – er spricht auch von der „Fahne der Freiheit“ –, die Dozentin tut es nicht. Trojanow zitiert natürlich nicht das gesamte Schreiben und womöglich weiß er mehr, als in dem Zeitungsartikel steht. Aber die Leser erhalten keinen Hinweis darauf, dass die Dozentin eine Auffassung von Freiheit hat, die in irgendeiner Weise problematisch ist. Und so lange niemand irgendwelche problematischen Bemerkungen von ihr zum Thema Freiheit vorlegt, so lange gilt die moralische Unschuldsvermutung.

Solange mir niemand erklärt, dass die Dozentin eine neue Vorstellung von der Gültigkeit von Freiheitsrechten hat, solange gehe ich davon aus, dass sie weiterhin der alten anhängt. Ich vermute also, dass sie der Meinung ist, dass die Wahrnehmung von Freiheitsrechten grundsätzlich nicht zu Lasten anderer gehen darf. Wäre sie anderer Meinung, wäre das in der Tat bemerkenswert und müsste dann auch entsprechend bemerkt werden. Das ist aber nicht geschehen.

Wenn sie nun – wovon ich ausgehe – eine Auffassung von Freiheit hat, die allgemein akzeptiert und selbstverständlich ist, dann muss das auch nicht bemerkt werden. Weder von ihr, noch von anderen. Dann gilt ihre grundsätzliche Einstellung zum Thema Freiheit, wie man so schön sagt, „without saying“. Sie versteht sich von selbst. Das ist auch gut so. Es wäre nämlich lästig, langweilig und selbstgefällig, wenn sie Selbstverständlichkeiten ausbreiten würden.

Die Meinung von Ilja Trojanow übersehen

Drittes faules Ei: „übersieht“. Aber. Wenn das so ist, dann stimmt das „übersieht“ nicht mehr. Denn dann „übersieht“ die Dozentin nichts. Dieses „übersieht“ soll ja heißen, dass sie entweder absichtlich etwas unterschlägt oder einer Selbsttäuschung unterliegt und etwas Wichtiges nicht berücksichtigt, was sie eigentlich berücksichtigen müsste. Aber da ist nichts. Was hat sie denn übersehen? Was müsste sie denn berücksichtigen? Etwas Selbstverständliches muss man nicht erwähnen, das muss man nicht betonen, das muss man auch nicht sichtbar machen. Und wenn man es nicht tut, dann unterschlägt man nichts, dann „übersieht“ man auch nichts. Wo also liegt das Problem?

Der Vorwurf, dass jemand etwas „übersieht“ oder etwas „unsichtbar macht“, etwas „totschweigt“ oder auch nur „marginalisiert“, lässt mich sowieso jedes Mal hellhörig werden. Denn oft genug – vielleicht sogar „meist“ – wird so ein Vorwurf genutzt, um von dem abzulenken, was tatsächlich gesagt worden ist und gleichzeitig zu verlangen, dass derjenige etwas anderes hätte sagen müssen. Ich spüre da im Hintergrund eine Forderung, die in etwa so lautet: Sage gefälligst das, was ich wichtig finde. Wenn du es nicht tust, werde ich dir vorwerfen, dass du etwas Wesentliches übersiehst (nämlich meine Meinung zu dem Thema). Das, was du selber dazu sagen willst, interessiert mich sowieso nicht.

Nun. Wie kommt es zu einer derartig unterschiedlichen Bewertung von dem, was nicht übersehen werden darf und dem, was als selbstverständlich gilt und deshalb auch nicht extra erwähnt werden muss? Vielleicht so: Ich vermute, dass die Dozentin etwas anderes als Selbstverständlichkeit annimmt als Ilja Trojanow es tut. Er formuliert es auch anders. Ich hatte es eben gerade – ganz in ihrem Sinne, wie ich annehme – als nicht näher erwähnungsbedürftige Selbstverständlichkeit angesehen, dass Freiheitsrechte grundsätzlich nicht auf Kosten von anderen gehen dürfen. Trojanow spricht aber nicht von „anderen“, sondern von „Schwächeren und Machtlosen“. Warum?

Liegt hier ein Zweiklassen-Moralsystem zugrunde?

Viertes faules Ei: die „Schwächeren und Machtlosen“. Will er damit andeuten, dass es gerechtfertigt ist, etwas auf Kosten von Leuten gehen zu lassen, die nicht zu den Schwächeren und Machtlosen gehören? Rechnet er womöglich die Dozentin und ihren Ehemann zu den Starken und Mächtigen, bei denen es nicht so drauf ankommt? Legt er hier ein Zwei-Klassen-Moral-System zugrunde? Ich fürchte: ja. Und ich habe den Eindruck, dass auch die Menschenrechtsaktivisten so ticken. Genau so. Denn warum sonst werden solche Teilmengen überhaupt geschaffen?

Wenn es bei den Social Justice Warriors heißt: „black lives matter“, kann man dem entgegnen: „other than black lives matter just as well“ oder gleich: „all lives matter“ – damit hat sich die Sache erledigt, oder? Hillary Clinton betont gerne, dass Frauenrechte Menschenrechte seien. Na und?! Für alle anderen Menschen, die nicht zufällig Frauen sind, gelten die Menschenrechte genauso. Es ist ja gerade der Sinn von Menschenrechten, dass sie ohne Ansehen von Geschlecht, Rasse und Nationalität gelten, für Arme und für Reiche, für Mächtige und für Machtlose. Auch für Kranke, für Sündige und für Schuldige – übrigens auch für Erdogan.

Diese Denkfehler der Menschenrechtler spiegeln sich in der Darstellung von Ilja Trojanow wider: Er formuliert einerseits eine falsche Erweiterung, andererseits eine falsche Einschränkung. Auf der einen Seite unterstellt er (mit der Verwendung von „meist“) mehr Gültigkeit, als gemeint ist, um der Dozentin einen Strick daraus zu drehen. Andererseits beschränkt er die allgemein gültige Selbstverständlichkeit, dass man keine Freiheiten auf Kosten anderer wahrnehmen darf. Er versteht die Dozentin gleich an zwei Stellen falsch, als läge bei ihm eine andere Mengenlehre zugrunde. Einmal sieht er zu viel. Einmal sieht er zu wenig.

Wer ist denn mit den „Schwächeren“ gemeint?

Da tun sich gleich mehrere Fragen auf. Was sind das überhaupt für Untergruppen, die hier gebildet werden? Die Schwächeren und die Machtlosen einerseits, die Stärkeren und Mächtigen andererseits – oder wie? Nicht nur dass es problematisch ist, solche Gruppen zu bilden und damit die Unteilbarkeit allgemeingültiger Rechte anzugreifen. Es sind auch problematische Gruppen, die dadurch entstehen. Es sind nämlich Gruppen, die kein einheitliches Bild abgeben.

Wer ist denn mit den „Schwächeren“ gemeint? Sind es geistig, sozial oder körperlich Schwächere? Schwächere gibt es natürlich. Die Frage ist, wie wir mit ihnen umgehen. Aber: Ist unser bisheriger Umgang mit den Schwächeren aller Art verbesserungsbedürftig? Anders gefragt: Gibt es Bereiche, wo wir Schwächeren helfen müssten, es aber nicht tun? Wo? Wann? An Halloween? Bei einer Drängelei an der Kasse im Supermarkt?

Christof Stählin hat von einer Gemeinde berichtet, die schüchternen Bürgern einen Schüchternen-Ausweis ausstellt. Schüchternheit ist auch eine Art von Schwäche. Wer Inhaber eines solchen Ausweises ist, darf sich, wenn er den Ausweis vorlegt, bei Schlangen, die sich eventuell an der Kasse von Supermärkten bilden, vordrängeln. Ist es so recht? Ist das ein guter Umgang mit den Schwächeren?

Nächste Frage: Was hat es mit den Mächtigen und mit den Machtlosen auf sich? Liegt hier das Ideal der Demokratie zugrunde, nachdem alle Macht vom Volk ausgeht oder die Verschwörungstheorie, dass alle Macht in den Händen weniger Bilderberger liegt? Wenn sich Studenten als Zombies und Untote verkleiden, gehören sie dann zu den Starken und Mächtigen oder zu den Schwächeren und Machtlosen? Was wäre, wenn jemand an Halloween mit einer Obama-Maske auftritt? Wäre das Blackfacing? Oder gar Majestätsbeleidigung? Auf wessen Kosten ginge das?

"Kosten", die es gar nicht gibt

Fünftes faules Ei: „auf Kosten“. Damit sind wir bei dem nächsten faulen Ei. Gibt es diese „Kosten“ überhaupt, die durch die „geforderte Freiheit“ anderen Leuten und insbesondere den „Schwächeren und Machtlosen“ aufgebürdet werden? Wenn ja, worin bestehen sie? Wie hoch sind sie?

Ich will nicht länger um irgendeinen Brei herumreden. Ich meine, dass es diese Kosten überhaupt nicht gibt. Ich halte die Kämpfe der Social Justice Warriors für eine Art von Versicherungsbetrug. Oder – falls man sich das besser vorstellen kann – für eine Mogelei bei der Steuererklärung. Da wird ein Schaden behauptet, obwohl es keinen gibt. Es werden Kosten angesetzt, die überhaupt nicht angefallen sind. Da ist nichts. Sollen wir ernsthaft glauben, dass jemand „Kosten“ hat, wenn sich irgendein ihm fremder Student bei Halloween das Gesicht anmalt? Nehmen wir ihm allen Ernstes ab, dass er sich dadurch beleidigt fühlt?

Ich glaube denen nicht für fünf Pfennige, wie man früher sagte, als wir noch eine andere Währung hatten. Ich glaube übrigens auch den deutschen Frauen nicht, die behaupten, dass sie unter dem so genannten generischen Maskulinum leiden und ich glaube den Studentinnen nicht, wenn sie meinen, sie fühlten sich benachteiligt, wenn man das „Studentenwerk“ nicht sofort in „Studierendenwerk“ umbenennt. Wir geben solchen Forderungen nach, aber wir erwarten schon längst keine Belege mehr für die behaupteten Kosten. Gefühle reichen. Na gut: Dass man Rücksicht nimmt auf die Gefühle von anderen, das lehne ich nicht grundsätzlich ab.

Und jetzt zu den Gefühlen

Aber was sind das für Gefühle? Die Studenten, die sofort einen heftigen Scheißesturm losgetreten haben, leiden nicht. Sie haben die alte Devise „Lerne leiden ohne zu klagen“ ins Gegenteil gewendet: „Lerne klagen ohne zu leiden.“ Sie fühlen sich sogar gut. Das Gefühl, das sie haben, ist ein Machtschwips – es ist kein großartiger Machtrausch, nur ein kleiner Schwips. Wenn sie es geschafft haben, jemanden mit ihren lächerlichen Empfindlichkeiten unter Druck zu setzen und er sich ihrer Gefühls-Tyrannei beugen muss, dann ist ihnen das ein innerer Reichsparteitag, wie man früher sagte, als wir nicht nur eine andere Währung, sondern auch eine andere Regierungsform hatten. Darum geht es. Solcher Art sind die Gefühle, auf die wir Rücksicht nehmen sollen. Leute, die tatsächlich leiden und die tatsächlich nennenswerte Kosten haben ... die gehören ganz anderen Gruppen an.

Leiden musste die erwähnte Dozentin. Leiden musste auch ihr unbeteiligter Ehemann. Beide mussten nicht nur einen Scheißesturm erdulden, sie mussten auch um ihre Jobs fürchten. Zwar wurden sie verschont und es wurde ihnen nicht umgehend gekündigt, wie es gefordert wurde, aber – so steht es in dem Artikel der ‚taz’ – in anderen, vergleichbaren Fällen ging es nicht so glimpflich ab, da verloren Dozenten oder Professoren tatsächlich ihre Posten. Das lässt die Frage, wer hier eigentlich zu den Schwachen und Machtlosen gehört, in einem neuen Licht erscheinen.

In dem Text von Ilja Trojanow höre ich ein leises „selber schuld“ heraus. Warum wagt es diese Dozentin auch, etwas zu fordern und eine Fahne zu schwenken!? Warum „übersieht“ sie auch die „Kosten“ ihrer „Forderung“, unter denen die „Schwächeren und Machtlosen“ zu leiden haben – und zwar „meist“!? Da ist es doch kein Wunder, wenn sich die Kämpfer für soziale Gerechtigkeit gegen so eine Ignorantin und gegen so eine fahrlässige Verursacherin von „Kosten“ wehren!

Immer wenn ich "fraglos" lese

Sechstes faules Ei: „fraglos“. Kommen wir zum letzten Wort, das ich beanstande: „fraglos“. Ehrlich gesagt: Das überflüssige „fraglos“ hat mich überhaupt erst dazu gebracht, mir den Satz noch ein weiteres Mal anzugucken. Ohne „fraglos“ wäre der Satz auch möglich. Warum hat er es hinzugefügt? Das fand ich verdächtig. Vielleicht habe ich auch eine eingebaute Trotzbockigkeit, die dazu führt, dass ich immer dann, wenn ich irgendwo „fraglos“ lese, erst recht nachfrage.

Ich hatte geschrieben, dass manche Anwälte die Kunst beherrschen, Texte zu schreiben, die eine erstaunlich große Menge von Falschheiten auf engem Raum zusammenzufassen. Ich gebe gerne zu, dass mir Anwaltsprosa zuwider ist – aber sie hat auch etwas Faszinierendes. Ein Ausdruck, den ich von solchen Schriftsätzen gelernt habe, lautet: „unstrittig“. Der ist nicht schlecht. Damit kann man etwas beiseitelegen, über das man sich nicht streiten muss und kann dann ungehindert zu den wirklichen Streitfragen vordringen (wenn es denn wirklich unstrittig ist).

So wird auch in unserem Fall das Wort „fraglos“ eingesetzt. Aber. Das, was hier lässig beiseite gefegt werden soll, ist in Wirklichkeit strittig. Wer Fragen nicht an sich heranlassen will, versucht, eine überlegene Position einzunehmen. Die Queen darf man nicht fragen. Auch dem Kaiser Haile Selassi durfte man keine Fragen stellen (man durfte ihm auch nicht den Rücken zuwenden, wenn man sich verabschiedete). Es geht hier im wahren Sinne des Wortes um eine Macht-Frage. Wer anderen Fragen untersagt, hat die Macht. Denken wir an die Standard-Situation bei einem ‚Tatort’: Der mutmaßliche Mörder fragt stammelnd, warum er denn überhaupt verdächtigt wird und der Kommissar antwortet ruppig: „Ich bin es, der hier die Fragen stellt.“

Und ich bin es, der hier die Freiheit fordert, Fragen stellen zu dürfen. Wer dagegen behauptet, etwas sei „fraglos“, obwohl sich verschiedene Fragen auftun, der will sich vor der Diskussion drücken. Warum? Er würde nicht bestehen. Wie stünden die Social Justice Warriors da, wenn sich ihre moralische Position wirklich befragen ließe? Gute Frage.

Wer „fraglos“ schreibt, äußert sich nicht als Schriftsteller, sondern als Politiker und als Ideologe, der sein fertig zementiertes Weltbild anderen aufdrängen will. Wer „fraglos“ schreibt, will Leser bevormunden und täuschen. Meist. Noch Fragen?

Übrigens: Dieser Text enthält mehr als 50 Fragezeichen. Das habe ich absichtlich gemacht und ich habe extra übertrieben.

PS. Noch eine Bemerkung zum „blackfacing“. Es gab diese alberne Mode – lang ist es her –, da haben sich in fragwürdigen Unterhaltungsshows weiße Musik-Komiker ihr Gesicht angemalt, um schwarze Musiker zu parodieren. Ich kann nicht nachvollziehen, wieso sich heute jemand von den Peinlichkeiten von gestern gekränkt fühlt. Wenn es so wäre, dass man Blackfacing aufleben ließe und man es nachträglich aufwerten wollte, indem man beispielsweise einem Blackfacing-Komiker einen Ehrenplatz in der Rock and Roll Hall of Fame einrichtete – dann könnte man sagen, dass das eine dumme Idee ist. Aber darum geht es nicht. Es geht um Halloween. In dem Zusammenhang würde die Figur des Blackfacing-Komikers in die Galerie der Gruselgestalten der Vergangenheit eingereiht und würde nicht aufgewertet, sondern abgewertet. Was wäre daran falsch?

Als Frauenversteher hat man es schon schwer genug. Als Putinversteher auch. Aber als Negerversteher – sorry: Social-Justice-Warrior-Versteher – ist man wirklich herausgefordert.

Leserpost (6)
Renate Pilsner / 22.05.2016

Immer wenn ich etwas über organisierte Asta-Studenten lese, die was mit Gender, Diversity und Gerechtigkeit wollen, dann schaue ich mir an, wie hoch die Wahlbeteiligung der jeweiligen Uni ist. Im Groben und Ganzen kann ich sagen: Erbärmlich. Der globale Schnitt dürfte so etwa bei 15% liegen. Ob Stanford oder Osnabrück, die Studenten interessierts nicht mehr. Im Falle Osnabrücks ist die Liste der Wahlergebnisse der letzten 15 Jahre online einzusehen, wobei jedes Jahr 1% weniger hinging und heute noch jeder zehnte mitmacht. Vor allem wenn man dann noch berücksichtigt, dass die Weltasten “nur” zu 2/3 mit Weltverbesserern gefüllt sind. Unterm Strich dürfte es jeder 10. Student sein, der “progressiv” allgemein ganz nett findet, wobei der harte Kern vermutlich nochmal eine Potenz darunter liegt. Eine Stanford Petition vor einigen Wochen zum Thema “Abschaffung eurozentrischer Geschichtsvorlesungen” (sic!) hatte zum Ziel, 500 Stimmen zu sammeln, bekommen haben sie gut 300 - von über 20.000 Studenten. Lachhaft! Die meisten Studenten nehmen die Uni heute als Dienstleistungsort wahr, der gefälligst Leistung zu bieten hat. Das ganze Plenargedöns interessiert letztlich nur eine kleine Minderheit, von denen die meisten sich qua Eignungsmangel vermutlich nie hätten einschreiben dürfen. Im Grunde genommen sollten die Bundesländer/staaten die Univerfassungen so ändern, dass ein Parlament sich nur dann konstituiert, wenn die Wahlbeteiligung bei mindestens 30% liegt. Wird das unterschritten, dann geht die Asta-Gebühr an die Verwaltung für neue Bücher oder Seminare. In den meisten Fällen würden wir dann von einem Störfaktor weniger geplagt. PS: Hervorragende Sprachanalyse!

Ralf Pöhling / 22.05.2016

Brillante Analyse, Herr Lassahn. Sie sind der Virulenz sozialistischen Denkens auf der Spur. Der fragliche Satz deutet darauf hin, dass die kollektive Gehirnwäsche, trotz eigentlich neutraler Position des Autors, bereits Spuren in der Denkweise hinterlassen hat. Die Sache wird im Kern nicht mehr hinterfragt, sondern als gegeben oder sogar bewiesen hingenommen, damit als Faktum dargestellt und kritiklos weiter verbreitet. Ihre Ausführung zum “vierten Ei”, dem “Zweiklassen-Moralsystem”, ist die beste Erklärung, die ich bis jetzt für die Übervorteilung von Minderheiten gegenüber der Mehrheit gelesen habe. Bereits aus der Zugehörigkeit zu einer (naturgemäß schwächeren) Minderheit wird ein moralischer Vorteil gegenüber einer (entsprechend stärkeren) Mehrheit konstruiert. Da sich im Westen die Weißen in der Mehrheit befinden und es primär Männer in Führungspositionen sind, findet sich hier die Erklärung für den momentanen Hass auf weiße alte Männer. Es geht nicht um die politischen und gesellschaftlichen Folgen dieser Gewichtung, es geht nur darum nicht dazu zu gehören. Dass auch weiße alte Männer nicht automatisch zum Führungszirkel der westlichen Welt gehören, sondern oftmals selbst am Hungertuch nagen oder sogar auf der Parkbank nächtigen, wird aufgrund der angewandten Selektionsmerkmale Hautfarbe bzw. Geschlecht komplett ignoriert. Damit offenbart sich der tiefe Rassismus, der sich im sozialistischen Denken aktueller Prägung festgefressen hat. Man ist nicht anti-rassistisch, man ist rassistisch in umgekehrter Richtung.  Hier ist nicht der Intellekt die treibende Kraft, es ist der Instinkt.

Martin Wolff / 21.05.2016

Ich denke, das “meist” wird vor allem deshalb verwendet, weil der Autor sich nicht in den Stacheldrahtrollen der Political Correctness verheddern will. Er weiß ja: Niemals sollst du verallgemeinern! Und das “meist” hilft da ungemein. Denn in jedem anderen konkreten Fall könnte Trojanov immer sagen: hier gilt mein Satz nicht. Er will eben doch verallgemeinern, aber trotzdem unangreifbar bleiben. Und: Das Foto, welches ihr zu diesem Artikel ausgewählt habt, ist seit langem das Ekelhafteste, was ich gesehen habe! Sowas kann man immer mal gebrauchen :-)

Werner Pfetzing / 21.05.2016

Hallo, sehr geehrter Herr Lassahn! Als ehemaliger und langjähriger TAZ-Leser kann ich Sie wirklich nur bestätigen. Bevormunden wollte die TAZ ihre Leser (pardon, beinahe habe ich es vergessen) und Leserinnen schon immer. Schon die häufig in ihren Kommentaren verwendete Wortwahl “Jeder vernünftige Mensch weiß doch…” empfand ich als ziemlich anmaßend. Dabei waren die TAZ-Artikel häufig ohne jegliche Sachkenntnis. Mit freundlichen Grüssen ! Werner Pfetzing  

Gertraude Wenz / 21.05.2016

Lieber Herr Lassahn, was für ein wunderbarer Artikel! Danke! Sie nehmen einen Satz, der auf den ersten Blick “unverdächtig” erscheint, mit Brillanz auseinander. Ihre Gedankenschärfe und Ihr moralischer Impetus sind beeindruckend. Ja, viel öfter sollten wir den faulen Eiern in den Sätzen nachspüren. Die geschraubten oftmals undurchsichtigen Sätze der Politiker bieten sich da als dankbares Feld an. Erst wenn ihnen wirklich nachgespürt wird, wenn sie abgeklopft werden, kann man mögliche Schwachstellen erkennen, die man auf den ersten Blick nicht sieht. Auch im privaten Bereich gibt es beim genauen Hinhören und Hinsehen auf das, was gesagt wird, wertvolle Erkenntnisse. Sprache entlarvt!

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