Richard Wagner / 03.11.2009 / 08:16 / 0 / Seite ausdrucken

Die Nashörner beim Tee

Nichts Genaues weiß man. Die Beteiligten haben keine Erinnerung an den Vorgang. War auch nicht so wichtig. Es ging ja nur um ein Spätaussiedlerpaar, schreibende Rumänen, die sich anschickten, den ganz großen Dialog zwischen Ost und West zu stören, den Dialog der Apparate. Man stand gewissermaßen kurz vor dem Durchbruch, nämlich vor dem gemeinsamen Pressefoto mit den Verbrechern, da erschienen zwei Leute am Horizont des Kirchentags, Katholiken, und wollten die Wahrheit aufs Tapet bringen. Welch eine Zumutung, und was für eine Regelverletzung! Ich gebe zu, es war schlechtes Benehmen. Wir störten die Nashörner beim Tee.

Man will zwar prüfen, so heißt es, aber es sei doch schon damals ein öffentliches Thema gewesen. Ja, nur sind EKD und Kirchentag über das Dementieren nicht hinausgekommen. Also, wir haben schon einmal nicht darüber diskutiert, warum sollten wir ein zweites Mal nicht darüber diskutieren?

Das wären die Eckpunkte des Echos das Herta Müllers Vorwurf an EKD, Evangelische Kirche in Siebenbürgen A.B. und Kirchentag vom Sonntag in der Paulskirche, anlässlich der Verleihung des Franz-Werfel-Menschenrechtspreises bei den Adressaten ausgelöst hat. Hier die Details:
http://www.evangelisch.de/themen/religion/verwirrung-um-herta-muellers-kirchenkritik5985

http://www.idea.de/nachrichten/detailartikel/artikel/herta-muellers-vorwuerfe-gegen-kirche-nicht-neu-1.html

Nein, es geht nicht um Klärung von Fakten. Es geht darum, dass die Urheber des Eklats diese Fakten nicht zugeben wollen, auch jetzt nicht, 20 Jahr danach. 
http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/rumaenische_botschaft/


So lange die großen Institutionen des Westens, zu denen EKD und Kirchentag gehören, nicht bereit sind, über ihre fragwürdige und zum Teil skandalöse Kooperation mit den Machthabern im Osten zu sprechen, kann nicht von der historischen Wahrheit über den Kalten Krieg die Rede sein. Es geht nicht an, den Menschen im Osten die Leviten zu lesen, so lange die Institutionen des Westens nicht bereit sind, dem Dialog mit den Verbrechern auf den Grund zu gehen.

Was haben EKD und Kirchentag nach 20 Jahren in der Sache immer noch zu verteidigen, wenn nicht ihr Schweigen über die Situation in Rumänien? Angeblich sollte dieses Schweigen zur Schonung der Schwesterkirche in Siebenbürgen dienen, einer Kirche, deren Führung sich längst in der Grauzone der Regimenähe aufhielt. Diese Kirchenführung zeigt auch heute kein Interesse an der Aufarbeitung der sie betreffenden Securitate-Akten. Gott weiß, warum!

Der Verbindungsmann der EKD zur Kirchenführung in Hermannstadt war in jenen Jahren der inzwischen verstorbene Landesbischof Joachim Heubach von Schaumburg-Lippe. Er war in der Öffentlichkeit durch zwei Themen bekannt geworden, durch seine entschiedene Ablehnung der Frauenordination und durch die ebenso konsequente Leugnung der von Ceausescu angeordneten Dorfzerstörung in Rumänien. Diese Zerstörung zu leugnen war offizielle rumänische Politik.

Das alles wurde damals berichtet, aber es ist verschüttet, und niemand denkt an diese Erfahrungen, wenn schon wieder, und wieder von den gleichen Leuten, der Dialog ins Feld geführt wird. Dem Islamversteher ging der Kommunismusversteher voraus. Sie, die Versteher, betrügen uns mit der kollektiven Amnesie. Als wäre Mephisto Demokrat geworden und Gott könnte ihn verstehen.

Bischof Christoph Klein, der seinerzeit als Bischofsvikar nachweislich an der Formulierung der Forderungen an den Kirchentag uns auszuladen beteiligt war, gratulierte unlängst Herta Müller zum Literatur-Nobelpreis. Den Kirchentag erwähnte er nicht. Kann es sein, dass er sich nicht mehr daran erinnert?

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