Fred Viebahn / 11.09.2013 / 13:22 / 5 / Seite ausdrucken

Die Mörder vom elften Neunten: ein doppelter Jahrestag

Der 11. September ist nicht nur deshalb ein berüchtigtes Datum, weil an diesem Tag des Jahres 2001 eine Bande von Al-Kaida-Fanatikern beim Massenmordflug in die Türme des World Trade Center, bei der Kamikazebruchlandung ins Pentagon und beim Absturz in einem Feld in Pennsylvania Tausende von Menschen umbrachten. 28 Jahre zuvor, am 11. September 1973, also genau heute vor vierzig Jahren, beseitigten der chilenische Armeebefehlshaber Augusto Pinochet und seine Henkersknechte in einem äußerst gewalttätigen und blutigen Putsch die demokratisch gewählte und zu der Zeit immer noch parlamentarisch agierende Regierung des Sozialisten Salvador Allende. Pinochet und seine bis an die Zähne bewaffnete Soldateska massakrierten damals mindestens ebenso viele Zivilisten in Chile wie Osama bin Ladens Suiziddschihadisten in den USA knappe drei Jahrzehnte später; sie pferchten zudem Zehntausende jener politischen Gegner in Konzentrationslager und Foltergefängnisse, denen keine Flucht ins Ausland gelang. Allende selbst war am frühen Nachmittag im Präsidentenpalast La Moneda mitten in Santiago de Chile hoffnungslos umzingelt und von Truppen und Flugzeugen unter Feuer genommen; ob er sich dann selbst erschoß oder von den Angreifern exekutiert wurde, ist bis heute in Widersprüche verwickelt.
Die damalige internationale Empörung nicht nur auf der Linken und die weitreichende, doch letztlich ohnmächtige Solidarisierung mit den verfolgten und unterdrückten Chilenen ist heute kaum mehr vorstellbar; langsam aber sicher verhüllt sich die Erinnerung daran in den Nebeln der Geschichte. Dazu kam, daß die chilenischen Ereignisse nicht nur westliche Demokraten und Menschenrechtler, sondern auch die Kommunisten in Ost und West, also ausgesprochene Gegner der parlamentarischen Demokratie, auf die rhetorischen Barrikaden brachten, wobei ich selbst erlebte, wie in der Bundesrepublik einheimische Sowjetsympathisanten die Menschenrechtsschändungen der chilenischen Junta auszunutzen versuchten, alte Volksfrontideen aufzuwärmen. Ich war damals Juso-Vorsitzender des SPD-Stadtverbandes Castrop-Rauxel, als sich der Ortsvereinsvorsitzende der DKP—ein eigentlich recht manierlicher Mann mit DDR-Brett vorm Kopf—an mich anschlich, um eine gemeinsame Demo gegen den Umsturz in Chile zu diskutieren. Ich lehnte es ab, im Schulterschluß mit Verfechtern einer Diktatur (der “Diktatur des Proletariats”, dieser tragischen Lachnummer) und Apologeten totalitärer Freiheitsberaubung und Zensur, wie sie östlich der Elbe praktiziert wurde, gegen Diktatoren, Freiheitsräuber und Zensoren in Südamerika zu marschieren. (Im Pinochet-Chile gab’s übrigens nicht nur knallharte Zensur, es wurden sogar wie bei Goebbels Bücher verbrannt.) Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob die DKP damals einem Häufchen ihrer Elenden zum heuchlerischen Marsch blies; erinnern kann ich mich jedoch gut an die ohnmächtige Wut und deprimierende Trauer, die es mir und meinen sozialdemokratischen Genossen zunächst schwer machte, zur bundesrepublikanischen Tagesordnung zurückzufinden. Doch gemach—die Zeit läuft unaufhaltsam weiter, und so erschien bald die Ölkrise von 1973 im politischen Visier mit ihren vier autofreien Sonntagen, und Chile rückte in eine Ferne, in der man eh nichts außer Lippenbekenntnissen ausrichten konnte.
In den folgenden anderthalb Jahrzehnten ging es dort, abseits des Kalten Krieges und an der Peripherie unserer Aufmerksamkeit, allerdings mit den militärischen und paramilitärischen Schlächtereien weiter, wobei sich die Killer keineswegs nur auf Kommunisten und Linksradikale konzentrierten; aller Dissent—christ- und sozialdemokratischer, kulturkritischer und liberaler—wurde in brutalster Hitler-Stalin-Imitation unterdrückt. Erst 1990 konnte die Demokratie in Chile wiederhergestellt werden. Hier auf Einzelheiten einzugehen, würde zu weit führen; es läßt sich ja heutzutage alles leicht googlen. Nur so viel noch: Auch wenn es für einige der Mordbuben vom 11. September 1973, einschließlich Pinochet, im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte ein paar juristische Unannehmlichkeiten gab, kamen sie im großen und ganzen relativ ungeschoren davon; Pinochet, ein Mann ohne Gewissen und ohne Reue, starb schließlich am 10. Dezember 2006 in komfortablem Hausarrest. Gerechtigkeit—und vor allem ausgleichende Gerechtigkeit—ist meist nur eine Illusion, auch wenn sie ausnahmsweise mal jemanden vom Schlag Osama bin Ladens erwischt.

Leserpost (5)
Robert Machnik / 12.09.2013

Ein Beispiel für gelungene Geschichtsumschreibung: der gute Allende und der böse Faschist und Militarist. Kann mich noch erinnern, wie wir in der Zonenschule täglich von den chilenischen Freiheitskämpfern hörten, die die DDR aufnahm. Pinochet hat genau das gemacht, was die Wehrmacht 1933 hätte tun müssen: seinem Eid folgen und die Verfassung gegen kommunistische bzw. faschistische Mordbrenner verteidigen, die im Handstreich die Demokratie abschafften und eine Schreckensherrschaft ausübten.

Markus Weber / 11.09.2013

Doppelt? Sie sind gut! Am 11. September 1941 erfolgte in Washington DC der Spatenstich für den Bau des Pentagon, dessen einzige bis dahin gegen das Aufschlagen schneller und massiger Geschosse nachgerüstete Gebäudeflanke dann am 60. Jahrestag sozusagen einem Tauglichkeitstest unterzogen wurde. Ganz allle und alles im Innern haben leider nicht überlebt, aber es hatte auch sein Gutes: Die lästige Rechnungsabteilung, die noch am Vortag vermelden liess, dass aus der Portokasse der Betrag von 2’300 Milliarden Dollar fehlen würde, wurde - wie praktisch! - irgendwie mit Mann und Maus und vor allem mit den Buchhaltungsuunterlagen und dem öffentlichen medialen Interesse am Staatshaushalt dem War on Terror untergepflügt. Dann waren da noch die halbseidenen Anschläge in Bengasi von vor einem Jahr. Nichts genaues weiss man nicht. Und der heutige Tag hätte, wenn alles nach Plan gelaufen wäre, auch gut und gerne der Spatenstich oder -hieb zu Assads Niederwerfung werden können. Der US-Kongress hätte nur auf die Linie des sonst so verhassten Obama einschwenken müssen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Vermutlich, wenn er demnächst erzählt, man müsse nichts als verhandeln und Geduld haben, dann werden die Republikaner schnell Gründe finden, ihn als Weichei in Feigheit vor dem Feind dastehen zu lassen. OK, vielleicht müsste man für einen solchen Stimmungsumschwung irgendwo einen Nuklearsprengsatz hochgehen lassen und behaupten: “Nun seht euch diese dreisten Rothäute an! Nieder mit ihnen! Ihr Land gehört doch sowieso besser uns, denn was soll Gott sich dabei gedacht haben, unser Öl in ihrem Boden zu vergraben” o.s.ä. Es kommt nicht mehr darauf an. Prost Neujahr! Nastrowje!

Thomas Schlosser / 11.09.2013

Vielleicht hätte der Autor noch erwähnen sollen, in welch katastrophale wirtschaftliche Situation die sozialistischen Experimente des Castro-Freundes und Sowjet-Fans Allende Chile gebracht hatte..? Und dass sich viele seiner früheren Mitstreiter zum Zeitpunkt des Putsches bereits von ihm abgewandt hatten…? Ändert zwar nichts an dem Grauen, das dem Putsch folgte, erklärt aber, wie es dazu kommen konnte…

Peter Zangerl / 11.09.2013

“Ich lehnte es ab, im Schulterschluß mit Verfechtern einer Diktatur (der ‘Diktatur des Proletariats’, dieser tragischen Lachnummer) und Apologeten totalitärer Freiheitsberaubung und Zensur, wie sie östlich der Elbe praktiziert wurde, gegen Diktatoren, Freiheitsräuber und Zensoren in Südamerika zu marschieren.” War der damalige Juso-Vorsitzende Fred Viebahn in seiner Haltung zu Salvador Allende ähnlich bestimmt? Pinochet war ein Verbrecher, keine Frage. Aber Allende alles andere als der Heilige, zu dem ihn die Linke - und da nicht nur die DKP - stilisiert. Aber möglicherweise hat man das damals ja nicht gewusst. Was im Übrigen eine bekannte deutsche Volkskrankheit ist: das “damals nicht gwusst” haben.

Robert Bacherfeldt / 11.09.2013

Aber steckten hunter dem Pinochet-Putsch nicht auch unsere Freunde dahinter - oder ist das alles nur linksverschwörerische Lügenpropaganda?

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