Christian Ortner / 25.11.2016 / 10:57 / Foto: Frantisek Dostal / 2 / Seite ausdrucken

Die Lustangst vor der Revolution der hässlichen Menschen

Von Christian Ortner.

Es ist jetzt etwas über ein Jahr her, dass sich eine „Profil“-Redakteurin todesmutig nach Wien-Favoriten begeben und berichtet hat, was sie dort bei einer Veranstaltung der FPÖ zu Gesicht bekommen hat: „Es sind die hässlichsten Menschen Wiens, ungestalte, unförmige Leiber, strohige, stumpfe Haare, ohne Schnitt, ungepflegt, Glitzer-T-Shirts, die spannen, Trainingshosen, Leggins. Pickelhaut. Schlechte Zähne, ausgeleierte Schuhe. Die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten sind ein schönerer Menschenschlag. Und jünger. Und irgendwie schwant ihnen das, den abgearbeiteten älteren Österreichern. Und sie werden sehr böse und würden die Flüchtlinge gern übers Meer zurückjagen.“

Es war dies ein Text, der durchaus repräsentativ ist für die Haltung, mit der große Teile der politischen wie medialen Klasse in der westlichen Welt einem erheblichen Teil der Wählerschaft, also letztlich des Souveräns, gegenüberstehen, egal, ob in Wien-Favoriten, dem Rust Belt der USA oder den abgehausten Bezirken von Marseille.

Eine Haltung des Unverständnisses, der Überheblichkeit und der Anmaßung, die sich seit dem Triumph Trumps und den möglichen Wahlsiegen von Hofer oder Strache hierzulande oder von Marine Le Pen in Frankreich mit immer mehr Lustangst vor der Revolution der hässlichen Menschen mit Leggins und Pickelhaut mischt. Eine Haltung, die in erheblichen Teilen der vier mehr oder weniger sozialdemokratischen Parteien dieses Landes (SPÖ, ÖVP, Grüne, Neos), aber auch vieler Meinungsmacher und der Wiener Twitterblase im Speziellen dominiert; genauso wie bei deren Pendants in Berlin, Washington oder Paris.

Es ist dies aber auch eine Haltung, die wesentlich zum Aufstieg der neuen Nationalisten beigetragen hat und weiter beiträgt. Wer den „abgearbeiteten älteren Österreichern“ damit kommt, dass „die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten ein schönerer Menschenschlag“ seien, wird sich nicht wundern dürfen, dass die „abgearbeiteten älteren Österreicher“ darob eher unrund werden. Und in der Anonymität der Wahlzelle Rache üben.

Eine ironische Wendung der Geschichte

Dass die Verachtung für die „abgearbeiteten älteren Österreicher“ gerade im urbanen, sich intellektuell gerierenden linksliberalen Milieu besonders gedeiht, ist eine ironische Wendung der Geschichte. Immerhin hat die Sozialdemokratie den Arbeiter ja einmal zu ihrem Idol erklärt und die Unterschichten politisch zu ertüchtigen versucht. Ihr Ziel war einstens, die Lebensverhältnisse derer mit „den schlechten Zähnen, den ausgeleierten Schuhen“ zu verbessern, anstatt sie zu verspotten.

Dass heute der FPÖ-Kandidat Norbert Hofer mit etwa 50 Prozent der Stimmen rechnen kann, während der Sozialist Rudolf Hundstorfer im ersten Wahlgang auf gerade elf Prozent kam, dürfte nicht zuletzt dieser Entfremdung der Partei von den Unterschichten geschuldet sein.

Gerade in Wien ist diese Entfremdung gut zu beobachten. Wenn nicht mehr die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Unterschichten, sondern das Beachten der Regeln des Genderns in der Hoheitsverwaltung und die Errichtung von Begegnungszonen auf Einkaufsstraßen die städtische Agenda prägen, ist nicht sehr verwunderlich, dass die Zustimmung zur Sozialdemokratie immer überschaubarer wird.

"Die Sozialdemokratie verliert jene, die sie zu vertreten meinte“, formulierte jüngst der Schweizer Publizist Rudolf Strahm, „sie bedient sich heute einer elitären akademischen Sprache, welche die Medienleute vielleicht anspricht. Die meisten Menschen aber verstehen sie nicht [. . .] Die intellektuelle Elite befriedigt sich mit herablassenden Analysen und überheblichen Urteilen über die sogenannten Populisten, Nationalisten, Abschotter, Ausländerfeinde. Dabei bemerken die Intellektuellen gar nicht, dass sie so die anderen verletzen und erzürnen.“

Die anderen – das sind eben die mit den „schlechten Zähnen und ausgeleierten Schuhen“. Und die revoltieren nun. Man kann das irgendwie verstehen.

Zuerst erschienen in der Wiener Tageszeitung Die Presse

Foto: Frantisek Dostal CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
Leserpost (2)
Ulrich Moskopp / 26.11.2016

“Die intellektuelle Elite befriedigt sich mit herablassenden Analysen und überheblichen Urteilen über die sogenannten Populisten, Nationalisten, Abschotter, Ausländerfeinde. Dabei bemerken die Intellektuellen gar nicht, dass sie so die anderen verletzen und erzürnen.“- Das ist leider genau so und ein furchtbares Paradoxon, das sich durch die Geschichte zieht, wie ein roter Faden und in immer neuen Gewändern in Erscheinung tritt. Der Zylinder ist in den Turnschuh gerutscht. Ein politisches links ist mittlerweile ein rechts geworden. In Milde, beharrlich für das Gute einstehen und auch dazu stehen in der Öffentlichkeit, das ist die Kunst der Stunde. Bei all dem nicht in dem selben Hass gefangen sein, den die, die schnell mit dem Wort “Hassprediger” pauschal den politischen Gegner zerstören wollen, und nicht in den Zorn-Irrgarten geraten , der in den Kommentaren von P.I. alles noch schlimmer macht - das ist die schwere Aufgabe. Darum ist ein Seite, wie die “Achse des Guten” so notwendig. Ich empfehle zur Orientierung an einer wahren Utopie und einen wunderbaren Gesellschaftsentwurf den katholischen Katechismus. Der versucht wirklich allumfassend zu sein.

Aaron Gal / 26.11.2016

Entschuldigung, aber diese Analyse ist bestensfalls halbrichtig. Der sog. Populismus ist genausowenig ein Aufbegehren jener mit schlechten Zähnen und ausgetretenen Schuhen, wie der Kommunismus ein Aufbegehren jener war, die hungern und frieren mussten. Die mit den schlechten Zähnen könnten sich gar nicht so artikulieren, dass sie Gehör fänden. Da würden schriftliche Statements oder ein entsprechendes Parteiprogramm schon an Rechtschreibung und Grammatik scheitern. Populismus in den USA, Deutschland, Frankreich, Österreich und Holland ist auch kein inhaltlicher Gegenpol zu linksliberalen Gesellschaftsentwürfen, ganz im Gegenteil. Die linksliberale Mitte der Gesellschaft ist zu einer selbsternannten höheren Kaste verkommen, welche hochnäsig einfache Lebensrealitäten leugnet. Man erkennt sich gegenseitig am schichtenspezifischen Code der vorgedachten Phrasen und man hält sich einvernehmlich an die Leitlinien sozial vereinbarter Erwartung. Diese gesellschaftliche Mitte ist mit Blick von oben noch widerwärtiger als von unten. Populismus ist ein Gegenstück zur Political Correctness, nicht des Bildungsbürgertums. Als Populist in diesem Sinne gibt man sich nicht länger zufrieden mit dem Politiker -Typus, welcher uns von jenen Betonköpfen verordnet wurde, die den Marsch durch die Institutionen geschafft haben. Populismus ist ein Stil modernen Zuschnitts, man spricht Klartext und twittert das Wesentliche. Nicht weil die Schuhe ausgetreten sind, sondern weil man die Lichterketten, die Labereien um ihrer selbst willen und das ewige Zeichensetzen nicht einmal mehr als unbeteiligter Zuschauer erträgt. Populismus ist ein Affront gegen etablierte Mittelmäßigkeit. Das macht ihn so erfolgreich.

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