Johannes Richardt, Gastautor / 07.08.2017 / 06:20 / Foto: Ich / 7 / Seite ausdrucken

Die Luft ist rein, der Diesel Sünde

Es liegt eine erhellende Ironie im Umstand, dass der große Diesel-Gipfel mit dem diesjährigen „Earth Overshoot Day“ zusammenfiel. Während Politik und Autobosse in Berlin konferierten, gedachte die globale Öko-Community der Endlichkeit irdischer Ressourcen. Alles, was wir ab diesem Tag an Wasser, Fleisch, Eisen oder Erdöl „verbrauchen“, laufe „auf Pump bei Mutter Erde“. Aktuell sind wir bereits bei „eineinhalb Planeten pro Jahr" angekommen, so die Warnung.

Auch an dieser Stelle wurde immer wieder darauf hingewiesen, wie viel solcherlei Rechenspiele mit Panikmache und wie wenig sie mit tatsächlichen Fakten zu tun haben. Die grünen Weltuntergangpropheten vergessen regelmäßig, menschliche Kreativität und Erfindungsgabe in ihre Gleichungen mit aufzunehmen. Klar ist aber auch, dass sehr viele Menschen in diesem Land von der Richtigkeit dieser Botschaften überzeugt sind.

Die Erzählung vom gierigen und verblendeten, modernen Menschen, der seine Grenzen nicht erkennt und dabei ist, seine eigenen Lebensgrundlagen zu ruinieren, ist zentraler Bestandteil des kulturellen Inventars unserer Gesellschaft. Hätte der erhobene Zeigefinger eine Farbe, sie wäre nach wie vor grün. In der Debatte um den „Dieselskandal“ hatte dieser grüne Zeigefinger einmal mehr Hochkonjunktur.

Für grüne NGOs, Verbraucherschützer, Politiker und ihnen nahestehende Journalisten war und ist sie die große Bühne, um ihre moralische und politische Agenda voranzutreiben. „Der Fukushima-Moment“, mit den Worten des Grünen-Bundesvorsitzenden Cem Özdemir, der ihnen die Möglichkeit bietet, in einer aufgekratzten Diskussionsatmosphäre ordentlich Stimmung für die eigene Sache zu machen.

Nur wenig Produkte sind emotional so aufgeladen wie das Auto. Es ist Statussymbol, Lebensraum, an dem viele persönliche Erinnerungen hängen – Knutschen mit Freundin, Kinder von der Kita abholen, Urlaubsfahrten und dergleichen – und nicht zuletzt auch Freiheitsmaschine, die vielen Spaß und allen Mobilität bringt. Hier liegt jenes „Skandalisierungs- und Eskalationspotential“, das es nach Meinung des Geschäftsführers der umstrittenen Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, braucht, um erfolgreiche Kampagnen zu führen.

Und so ging es in der Debatte um die Tricksereien der deutschen Autohersteller von Beginn an nur vordergründig um eher banale technische oder juristische Fragen wie das Nicht-Einhalten von Emissions-Grenzwerten. Aus dem staubtrockenen, eher langweiligen und unspektakulären Sachverhalt lässt sich die Aufgeregtheit jedenfalls nicht erklären.

Horrende Zahlen angeblicher Todesopfer

Dass Stickoxide in hohen Dosen gefährlich sein können, ist unbestritten. Welche reale Gefahr von den Grenzwert-Überschreitungen ausgeht, hingegen nicht. Dennoch kursierten in der Diesel-Debatte immer wieder horrenden Zahlen angeblicher Todesopfer. Dass es sich dabei nicht um reale Tote, sondern um „statistische Tote“ handelte, die durch Rechenmodelle zustande gekommen sind, dass wir ehrlicherweise nicht genau sagen können, wie groß die Gefahr ist, wurde – Stichwort: „Skandalisierung und Eskalation“ – in den wenigsten Fällen dazu gesagt.

Den Vogel schoss der ARD-"Energieexperte" Jürgen Döschner mit einem Tweet ab, für dessen historisch völlig mißratene Wortwahl er sich im Nachhinein entschuldigte: „Deutsche Automafia vergast jedes Jahr 10.000 Unschuldige." Bedächtigere Stimmen, die etwa darauf hinwiesen, dass die Luft in deutschen Städten noch nie so sauber war wie heute, und dabei auch die Stickoxidwerte seit Jahren zurückgehen – in den letzten 25 Jahren um deutlich mehr als die Hälfte! –, wurden durch die Hysterisierung an den Rand gedrängt.

Denn letztlich saß die mächtige deutsche Autolobby nicht nur wegen tatsächlicher Verfehlungen auf der Anklagebank, sondern vor allem stellevertretend für alle jene Aspekte des modernen Lebens, aus deren Ablehnung die meinungsstarken grün-bürgerlichen Kreise dieser Republik ihre gesellschaftliche (und nicht selten auch finanzielle) Position begründen.

Angeklagt wurde „die Industrie“, die uns angeblich nur aus reiner Profitgier manipuliert und vergiftet; Massenkonsum und -mobilität, die angeblich für die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen verantwortlich sind und die technische Intelligenz und Rationalität, in der sich die angebliche Hybris und der Machbarkeitswahn des modernen Menschen ausdrücken.

Die „Dreckschleuder Diesel“, dieses vorgebliche Relikt des fossilen Zeitalters, steht sinnbildlich für die Sünden der Moderne, die uns die grünen Mahner, Abmahner, Moralisten, Bevormunder, Ablasshändler usw. in Ministerien, Verwaltungen, Redaktionsstuben, NGO-Geschäftsstellen und wo das Geschäft mit dem grünen Gewissen sonst noch betrieben wird, austreiben wollen.

Auch wenn sie das Gegenteil von sich behaupten: Diese Kräfte stehen nicht für Mobilitätsfortschritt, sondern für den gesellschaftlichen Rückwärtsgang. Gerade in einem Industrieland sollte man ihnen nicht länger die moralische Deutungshoheit überlassen.

Johannes Richardt ist Novo-Chefredakteur und Gründungsmitglied des humanistischen Think-Tanks Freiblickinstitut e.V.. Er lebt in Berlin. Dieser Beitrag erschien zuerst in Novo-Argumente hier.

Leserpost (7)
Dietrich Herrmann / 07.08.2017

Interessant ist aber auch, dass diese Grün-Ideologen nur die deutsche Autoindustrie angreifen. Was ist denn mit den Tausenden Import-Diesel-Fahrzeugen? Wann werden alle Autokonzerne bekämpft??

Roland Richter / 07.08.2017

Nun hört doch mal auf, das Thema Diesel an die Glocke zu hängen. Inzwischen weiß auch der letzte Hinterwäldler, daß das Thema nur von den wirklichen Problemen ablenken soll. Da sollten wir doch drüber stehen….

Heinrich Niklaus / 07.08.2017

Der Tagesspiegel berichtet: „Millionen mit Abmahnungen“. Öko-Verein „Deutsche Umwelthilfe“ füllt so die eigene Kasse. Und solchen Leuten bieten unsere Medien wochenlang ein Forum. Mein Fazit:  Lasst den „Grünen“ bei der Bundestagswahl die „5-Prozent-Hürde“ deutlich spüren!

Roland Müller / 07.08.2017

Ökoreligiöse Spinner aus Parteien, NGO’s, und Verbänden gemeinsam mit seelenverwandten Journalisten sind das ideale Gebräu, um schwachsinniges Zeug in die Welt zu setzen.

Wilfried Cremer / 07.08.2017

Ersatzreligion hat Konjunktur und das bedeutet, die Endlichkeit des Daseins auf unumgängliche Unzulänglichkeiten von Daseinsbedingungen zu projizieren.

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