Marcus Ermler, Gastautor / 01.07.2017 / 12:55 / Foto: Huhu Uet / 4 / Seite ausdrucken

Die Linken und der Antisemitismus: Letzte Ausfahrt Lutherstadt

Von Marcus Ermler.

Erinnert sich noch jemand an die unselige Demonstration gegen Israel im Juli 2014 in Essen? Die Teilnehmer haben lautstark antisemitische Parolen wie „Kindermörder Israel“, muslimische Gottesformeln wie „Allahu akbar“ und faschistische Reminiszenzen wie „Adolf Hitler“ gerufen. Beschämend daran war vor allem die Tatsache, dass die Jugendorganisation Solid der nordrhein-westfälischen Linkspartei die Aktion organisiert hatte. Danach sahen weder die sonst so wortgewaltigen Politikerinnen der NRW-Linkspartei wie Sahra Wagenknecht oder Ulla Jelpke noch die NRW-Linksjugend eine Veranlassung, sich von den judenfeindlichen Entgleisungen in Wort und Tat zu distanzieren oder wenigstens um Entschuldigung zu bitten.

Ebenso engagiert sind Mitglieder und Funktionäre der Linkspartei bei BDS-Aktionen, etwa 2011 in Bremen, wobei hier gern für den Kampf gegen vermeintliche israelische Apartheid tatsächlicher linkssozialistischer Geschichtsrevisionismus eingesetzt wird. Es gibt viele andere Beispiele. So weigerten sich Sahra Wagenknecht und Christine Buchholz demonstrativ, nach der Rede des damaligen israelischen Staatspräsidenten Schimon Peres zum 65. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Bundestag aufzustehen, obwohl es parlamentarischer Brauch ist. Der "antifaschistische Kampf" der Linkspartei gegen Antisemitismus gleicht einer Luftnummer, das Verhalten der "Genossen" zeigt ein anderes Bild. Es ist geprägt von Einseitigkeit, Heuchelei, Doppelmoral - und falschen Einschätzungen.

Jede antisemitische Äußerung eines AfD-Hinterbänklers wird zur drohenden nationalsozialistischen Machtergreifung aufgeblasen. Prompt ruft die Linke zu einer der inzwischen üblichen Demos "gegen Rechts" auf. Zudem soll der Übeltäter gesellschaftlich geächtet werden. Judenfeindliche Ausfälle in den eigenen Reihen werden nachsichtig ignoriert, bewußt verharmlost oder sogar in "Kritik an Israel" umgedeutet. Das gilt erst recht für den Antisemitismus von Muslimen, als deren Fürsprecher sich die Linkspartei gern sieht. Mag in Hinterhofmoscheen die "zionistische Weltverschwörung" herbeifantasiert werden, mag Juden dort das Sternzeichen "Schwein" mit Aszendenten "Affen" bescheinigt werden und mag das „Holocaust-Phänomen“ als angebliche Erfindung der Siegermächte des zweiten Weltkriegs "entlarvt" werden, so ist all dies nach Ansicht führender Vertreter der SED-Nachfolgepartei mindestens als kulturelle Bereicherung unseres sonst so spießbürgerlichen Lebens zu sehen. Und wenn Islam-Gläubige dafür sorgen, dass „Jude“ auf Schulhöfen ein beliebtes Schimpfwort geworden ist und jüdische Schüler drangsaliert werden, dann behaupten Linke wahlweise, die deutsche Gesellschaft habe bei der Integration versagt, oder - noch absurder - es handele sich um berechtigte Proteste gegen Israels Umgang mit Palästinensern.

Eine unbotmässige Parallele

Vor diesem Hintergrund bitte ich Sie, sich die folgende Stellungnahme einmal in Ruhe durchzulesen:

Angesichts des Jubiläums „1400 Jahre Islam“ im Jahr 2017 sind diverse Veranstaltungen von Seiten muslimischer Verbände geplant, die eine kritische Auseinandersetzung vermissen lassen. Mohammed hat zwar den Koran geschrieben und damit die Dschāhiliyya, d.h. die Epoche der Unwissenheit, beendet, dennoch sollte nicht vergessen werden, dass er in seiner Schrift aggressive Hetze betrieben hat. So hat er Menschen mit jüdischem Glauben als Affen und Schweine bezeichnet. Darauf aufbauend hat er das Verfluchen und Auslöschen von Juden gefordert. Alles im Namen des Islams, „um Gott zu ehren“. Zudem hat sich auch Adolf Hitler auf Mohammed berufen und das umgesetzt, was der mehrere 100 Jahre vorher gefordert hat.

Aus der Sicht der Linksjugend ist und bleibt es eine Zumutung für diejenigen, denen Mohammeds Hetzschriften bekannt sind, dass Menschen nach Mohammed benannt sind. Aus diesem Grund fordert die Linksjugend einen neuen Namen für alle Menschen, auf die das zutrifft. Dafür könnten zum Beispiel Opfer von Islamisten zur Benennung in Frage kommen.

Und? Sind Sie verblüfft? Das hätten Sie der Linksjugend sicher nicht zugetraut, oder? Solch eine eindeutige Stellungnahme gegen den Judenhass im Koran beziehungsweise des Propheten Mohammed! Sehen Sie - wie ich - schon die Lichterketten gegen Islamhass und Islamophobie der Linksjugend, die unterstützt von den Katrin Göring-Eckardts, Claudia Roths, Aiman Mazyeks und Aydan Özoğuz dieser Welt von allen No-go-Areas Deutschlands bis zum Karl-Liebknecht-Haus der Linkspartei in Berlin reichen? Doch leider muss ich die Gutgläubigen unter Ihnen enttäuschen, die möglicherweise gerade Stift und Papier im freiheitlichen Kampf gegen den linksgrünen Islamototalitarismus fallen lassen wollten, um sich mit der Linksjugend zu verbrüdern. Dies ist eine leider nur fiktive Stellungnahme, von mir entworfen.

Das Original sieht so aus:

Linksjugend fordert die Umbenennung der Lutherstraßen

Angesichts des 500. Reformationsjubiläums im Jahr 2017 sind diverse Veranstaltungen von Seiten evangelischer Kirchen geplant, die eine kritische Auseinandersetzung vermissen lassen. Martin Luther hat zwar die Bibel übersetzt und die Reformation ausgelöst, dennoch sollte nicht vergessen werden, dass er in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ aggressive Hetze betrieben hat. So hat er Menschen mit jüdischem Glauben als Plage, Pestilenz (schwere Seuche) und Unglück bezeichnet. Darauf aufbauend hat er das Anzünden und Zerstören von deren Synagogen, Schulen und Häusern gefordert. Alles im Namen des Christentums, „um Gott zu ehren“. Zudem hat sich auch Adolf Hitler auf Martin Luther berufen und das umgesetzt, was der mehrere 100 Jahre vorher gefordert hat.

Aus der Sicht der Linksjugend ist und bleibt es eine Zumutung für diejenigen, denen Luthers Hetzschriften bekannt sind, dass Straßen nach Martin Luther benannt sind. Aus diesem Grund fordert die Linksjugend einen neuen Straßennamen für alle Straßen, auf die das im Land Bremen zutrifft. Dafür könnten zum Beispiel Opfer der Nazis aus Bremen und Bremerhaven zur Benennung in Frage kommen.

Fiktional-sozialistische Träumerei

Was mir als Wissenschaftler sofort sauer aufstößt, ist die gerade in linken Kreisen äußerst beliebte Methode, Vergangenheit und historische Persönlichkeiten nach heutigen Maßstäben von Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Fremdenfeindlichkeit, Menschenrechten und dergleichen zu beurteilen, ohne die Zeit, in der diese Menschen gelebt haben, und den historischen Kontext in irgendeiner Weise zu reflektieren. Ja, Luther war von einer antijudaistischen Theologie angetrieben. Ja, Luthers Schriften enthalten daher auch Textpassagen, bei denen man augenblicklich an dunkle Kapitel deutscher Geschichte denken muss. Und ja, auch die Nazis haben sich Luther beziehungsweise seiner Schriften hinreichend bedient. Aber, so ernüchternd es klingen mag, Luther war ein Kind seiner Zeit.

Luther, der aufgrund der vom ihm angestoßenen Reformation gern als Leuchtturm deutscher Geschichte verklärt wird, hat aber, wie das mit Türmen so ist, eben auch große Schattenseiten! Da aber das Ziel dieser Stellungnahme natürlich nicht allein Luther ist, sondern auch die heutige evangelische Kirche und die in ihr versammelten Gläubigen, bleibt noch die Frage zu beantworten, wie es Protestanten heute mit dem Hass gegen Juden halten? Die Fernsehdokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa“ zeigt, dass es ihn auch heute noch gibt. Allerdings: Dass Protestanten heute weltweit durch Mord und Terror den in Luthers Schriften formulierten antijudaistischen Aussagen Folge leisten, mag nur derjenige glauben, der noch alte SED-Schulbücher hat.

Was man sich dann aber unweigerlich fragt: Wenn es der Linksjugend offenkundig gelingt, die dunklen Flecke in Martin Luthers Leben zielsicher zu identifizieren, warum zeigen sie bei anderen Religionsführern oder historischen Persönlichkeiten nicht dieselbe Genauigkeit? Wie vorhin gezeigt, lässt sich recht einfach aus ihrem Text eine Stellungnahme gegen den Propheten Mohammed erarbeiten, die ebenso heikle Stellen des Koran und der muslimischen Theologie in Bezug auf Antisemitismus und Judenhass aufdeckt und problematisiert. Jedoch hat die Sache einen kleinen sozialistischen Haken: Da das Proletariat nicht mehr als Verbündeter zur Weltrevolution taugt, hat man sich auf die Menschen der sogenannten Dritten Welt versteift, hierbei insbesondere und gerade auf die Muslime, mit deren Hilfe das kommunistische Utopia bald Realität werden soll.

Und jede Kritik am Begründer des Islam könnte diese Menschen leider der kommunistischen Revolution abspenstig machen bzw. sie hinterfragen lassen, warum sie eigentlich nur als revolutionäre Verhandlungsmasse und damit Objekte (und nicht als Subjekte) in der edlen linken Zukunft dienen. Aber unabhängig von dieser fiktional-sozialistischen Träumerei finde ich es wissenschaftlich gesehen genauso fragwürdig, 1400 Jahre alte Suren herauszupicken und sie nach heutigen Maßstäben zu beurteilen. Zielführend ist doch die Frage: Wie halten es die Muslime heute mit diesen Suren, leben sie tatsächlich den darin formulierten Hass gegen Juden aus? Zur Beantwortung dieser Frage muss man sich nur die erwähnte TV-Sendung und/oder eine aktuelle Untersuchung der Universität Oslo anschauen. Das Ergebnis ist erschreckend, bestätigt aber andererseits die anfangs geschilderten Beobachtungen.

Ferner scheint es neuerdings ohnehin in Mode zu kommen, Straßen, Kasernen, Gebäude oder was dem linken Furor sonst noch in den Sinn kommt, im Orwellschen Sinne und bester maoistischer Tradition von Kritik und Selbstkritik von historisch kontaminierten Namen zu reinigen. Das Böse soll jetzt endlich gut werden: Die Namen von Wehrmachtsoffizieren, Kaufleuten aus der wilhelminischen Kolonialzeit oder eben sonst verdächtigen Personen der deutschen Geschichte sind zu tilgen. Wichtig dabei ist der Ariernachweis: Die von den "Säuberungen" Betroffenen müssen zweifelsfrei "Biodeutsche" sein. Da will die Linksjugend natürlich federführend vorangehen. Und so liegt es nahe, demnächst vielleicht sogar zu verlangen, dass Menschen ihre "belasteten" Namen wechseln. Linker Logik folgend ist ja jeder Mohammed auf dieser Welt dafür in Haftung zu nehmen, was der Prophet Mohammed vor 1400 Jahren geschrieben und getan hat. Und angesichts der Verbrechen, die weltweit im Namen des Islam und seines Propheten begangen worden sind und werden, ist das doch eine Forderung, der sich die Linksjugend dankbar anschließen würde, oder?

Zum Schluß eine kleine Hausaufgabe: Ersetzen Sie im Originaltext der Linksjugend Martin Luther durch Karl Marx und passen Sie die weiteren Sätze entsprechend an. Hinweis: In bezug auf Hitler könnte ein Zusammenhang mit dem Marxisten Stalin hergestellt werden. Für die Strebsamen unter Ihnen gibt es Extrapunkte, wenn Sie weitere schillernde Persönlichkeiten der Weltgeschichte finden, die ebenso in den Platzhalter  "Martin Luther" eingesetzt werden können. Viel Erfolg!

Dr. Dr. Marcus Ermler, geboren 1983, beschäftigt sich in seiner Forschung mit Logik, Graphentheorie und Topologie. In seiner Freizeit blickt er kritisch auf Junk Science, die politische Linke und religiösen Fundamentalismus.

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Leserpost (4)
Rupert Reiger / 02.07.2017

Verbleibt zu bemerken, dass man vom Geschreibsel Luthers gegen die Juden nichts in der Schule lernt. Ich musste über 60 Jahre alt werden, bis ich es zum ersten Mal gelesen hab. Desweiteren vermisse ich auch von den Katholiken klare Aussagen zum Antisemitismus. Aus letzteren bin ich ausgetreten ... vorgestern. Im Kant’schen Sinne brauch ich inzwischen keinen Pfaffen mehr um selbst zu lesen.

Andreas Rochow / 02.07.2017

Es gibt viele Gedanken in diesem Text, die einen zustimmenden und bekräftigenden Kommentar verdienten. Mir ist aber in erster Linie daran gelegen, über mein Befremden zum diesjährigen Luther-Personenkult zu schreiben, und das trotz meiner Sozialisierung in einer evangelischen Familie. Der im staatskirchlichen Schulterschluss kampagnenhaft als “Lutherjahr” gefeierte Personenkult ähnelt einer Heiligsprechung seiner Persönlichkeit, die deren Abgründen in keiner Weise gerecht wird. Geradezu grotesk muss dabei erscheinen, dass sich selbst die römisch-katholische Kirche, gegen die sich Luthers Thesen richteten, an diesem Jubel heue lautstark beteiligt. Dass der Antijudaismus Luthers in diesem Zusammenhang immer wieder relativiert und mit dem Hinweis auf “seine Zeit” verharmlost wird, soll kein antisemitisches Bekenntnis sein? Diese Milde gegenüber einem bekennenden Antisemiten wie Martin Luther ist neu und beunruhigend, zumal in einem Jahr, da die Universität Greifswald dem Druck linker Aktivisten folgend den Namen des Schriftstellers, Historikers und Freiheitskämpfers Ernst Moritz Arndt ablegen musste. Die nötige Auseinandersetzung mit Luthers Persönlichkeit und Werk würde in der Umbenennung von Straßen, Plätzen und Kirchen einen neuen Tiefpunkt finden.

Viktor Wallenstein / 01.07.2017

Sehr guter Beitrag… “das Linke = das Gute” entpuppt sich immer mehr als Mythos. Vor allem diese “Antifa” erweist sich immer mehr als “Kettenhunde” der “Neu"faschisten.

Hubert Bauer / 01.07.2017

Sahra Wagenknecht und Christine Buchholz sind zwar im Bundestag nicht aufgestanden, als der damaligen israelische Staatspräsident Schimon Peres zum 65. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Bundestag gesprochen hat. Dafür sind alle Politiker aufgestanden, als der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas im EU-Parlament die Israelis als Brunnenvergifter bezeichnet hat. Nein, nicht um den Saal zu verlassen, sondern um ihm zu applaudieren.

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