Wolfgang Röhl / 31.01.2016 / 18:45 / 5 / Seite ausdrucken

Die Liebe in den Zeiten der Pegida

Ute T. trägt ein furchtbares Geheimnis mit sich herum: Sie schläft mit einem Monster. Wenn die Berliner Journalistin am Dienstag in die Redaktion kommt, ist die Stimmung dort schon am Brodeln. „Die Kollegen diskutieren lautstark – über Pediga. Wieder mal.“

Alle sind empört. „Was sind das nur für Monster?“ fragt Julia, die gestern auf einer Anti-Pegida-Demo war. „Ich verstehe das einfach nicht, diese ganze Dummheit und dieser Hass gegen Flüchtlinge.“

Ute sitzt dann immer nur stumm da. „Ich senkte den Kopf und zählte die Stunden bis Feierabend. Dann würde ich nach Hause fahren, besser gesagt: in die Wohnung eines solchen Monsters“.

Es ist nämlich so: die Ute hat über ein Online-Datingportal den Marcus kennengelernt. Marcus ist gebildet. Er ist sensibel. Er kocht ihr „Pasta mit Soja-Bolognese, schließlich bin ich Vegetarierin“. Er hört ihr zu, kuschelt gerne.

Gemeinsam gucken sie Netflix-Serien. Aber die „Tagesschau“ zusammen harmonisch Revue passieren lassen - das geht gar nicht. Denn Marcus glaubt der Tagesschau nicht! Im Gegenteil. Ute erinnert sich: „’Totale Propaganda, typisch Lügenpresse’, hatte das Monster verächtlich in Richtung Fernseher gerufen.“ Er glaubt, die AfD sei „eine durchaus wählbare Partei“. Schlimmer noch: er ist „Pegida-Sympathisant“. Das natürlich ist ein echter Deal-Breaker.

Kann eine Grünen-Wählerin und „tolerante Weltenbummlerin“ wie Ute mit so einem auf Dauer zusammenleben? Zumal sich irgendwann herausstellt, dass Marcus auch noch ein Querfrontler ist. Er hält 9/11 für das Werk von FBI und CIA. Wenn Ute Fakten und Experten zitiert, wischt er sie vom Tisch. Sie sind für ihn Teil eines korrupten Systems. „Klar, dass ein Bundesamt Unterlagen fälscht“, elsässert er.

Sie explodiert manchmal, wenn er so etwas sagt. Aber was kann sie schon groß tun? Marcus hat nun mal seine Kindheit und Jugend in Ossiland verbracht. Ute: „Demokratie, so merkte ich, ist für ihn ein vages Konzept ohne viel Bedeutung.“

Kann ihre Liebe die weltanschauliche Diskrepanz zu dem Monster überbrücken? Sie holt sich Rat bei Freundinnen, aber wirklich helfen kann niemand. Langsam wird ihr klar: für sie und das Monster kann und darf es keine gemeinsame Zukunft geben. Am Ende bleibt nichts übrig von ihrer Liebe. Sie gehen auseinander. Ute: „Ich habe ihn nicht vermisst“.

Und doch, für sie ist Hoffnung am Horizont: „Seit einigen Wochen habe ich einen neuen Freund, der sich ehrenamtlich für eine Webseite engagiert, die Helfer an Flüchtlingsprojekte vermittelt.“

Und jetzt, darf man annehmen, klappt es auch wieder mit den Kollegen.

In allen schaurigen Details nachzulesen ist diese glücklose Romanze im antifaschistischen Schminkberatungsmagazin „Brigitte“ (Heft 4/2016, ab S. 118).

 

 

 

 

Leserpost (5)
Jan Korbelik / 03.02.2016

Lieber Herr Röhl, DANKE. You have made my day (und ich bin kein Journalist) :-) Ich lache immer noch, was bleibt’ma übrig? Jan

Dirk Jäckel / 01.02.2016

Ich kenne derlei Peinlichkeiten aus der DDR. Mit einem Unterschied: Solche “Geschichten” wurden lediglich in Zeitschriften für Jugendliche “erzählt”. Bei Erwachsenen hätte man sich das selbst in der DDR nicht erdreistet.

Roland Schmiermund / 31.01.2016

Na, da hat “Gruner und Jahr” diesmal ordentlich ins Klo gegriffen. Obwohl ich mir schon vorstellen kann, dass es so eine Art “Journalistin” geben könnte, die lieber ihrer ideologischen Überzeugungen folgt. Schon grausam, das Menschen so verwahrlosen können.

Günter H. Probst / 31.01.2016

Der Lore-Roman früher war einfacher: da bekam die Krankenschwester nach Irrungen und Wirrungen den Arzt.

Volker Hiller / 31.01.2016

Herr Röhl, sie sind einfach toll. Ihnen gelingt es, mich selbst in diesen Zeiten, in denen man an dem ganzen Tollhaus Deutschland verrückt werden könnte, an die Kraft des gekonnten Sarkasmus (der dabei nie in Zynismus umschlägt) zu erinnern. Ich glaube ich habe es schon mehrfach gesagt, die Achse ist für mich unersetzlich geworden, die tägliche Dosis geistiger Medizin für den gemütskranken Leser. Viele Grüße aus Stuttgart

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