Gastautor / 09.11.2017 / 15:30 / Foto: Bundesarchiv / 1 / Seite ausdrucken

Die Lehren des „Judenbengels”

Von Jesko Matthes.

Vater nannten sie den „Judenbengel“. 1917 wurde mein Vater – ja, er zeugte mich mit sportlichen 65 Jahren – zur kaiserlichen Armee eingezogen. Er diente im Regiment „Alexander“ an der Berliner Münzstraße, aber zur Grundausbildung am „Karabiner 98“ kam er nach Oranienburg. Dort lag er dann lange kaserniert. Er galt als guter Schütze. Doch dann desertierte er, ohne es zu wissen. Als er an einem Sonntag im Sommer 1918 kurz vor 22 Uhr mit einem Kameraden in die Kaserne zurückkehrte, wurden sie von der Wache sofort verhaftet und vor den Spieß geführt. Der baute sich vor ihnen auf, das Bild des Kaisers im Rücken, und drohte, sie standrechtlich erschießen zu lassen.

Zitternd gaben die beiden zu, per S-Bahn ihre Freundinnen in Berlin besucht zu haben, denn Zapfenstreich sei um 22 Uhr. Wieder donnerte der Spieß, sie seien Deserteure, die ihre Garnison verlassen hätten, der Rest des Regiments habe Stellungsbefehl erhalten und sei an die Westfront eingerückt. Wenige sollten später zurückkehren, und Vater gab zu, nie mehr in seinem Leben so viel Todesangst gehabt zu haben, auch nicht, als die Sowjetarmee ihn im April 1945 anschoss - worauf er ein zweites Mal desertierte. Seufzend, vielleicht dachte er ja an sich selbst, der auch nicht eingerückt war, ließ sich der kaiserliche Spieß auf seinen Stuhl fallen – und telefonierte mit der Schreibstube des Regiments am Alexanderplatz. Er habe da zwei Vollidioten, die den Krieg verpasst und eine kaufmännische Ausbildung hätten. Und so verwaltete mein Vater das Regiment bis zu seiner Abwicklung 1919.

Vater nannten sie wegen seines Aussehens, das nicht in die Familie passte, und das er mir vererbt hat, den „Judenbengel“. Von seinem Vater, der Sozialist war, einen Marktstand für Obst und Gemüse und eine kleine Kneipe gepachtet hatte, war er außerehelich gezeugt worden, irgendwo in einem von Berlins damals jüdischsten Bezirken, dem Scheunenviertel, dem Bötzowviertel, wo dann auch Vater wohnen durfte und für ehelich erklärt wurde. Lächelnd zeigte mir Vater die Urkunde, die er besaß, auf Mikrofilm. Das hat meinen Ariernachweis gerettet, sagte er.

Geschichte kann lebensgefährlich sein

Sehr viel später fühlte sich Vater mitschuldig an der Shoah, und er hatte als NSDAP- und NSKK-Mitglied, als „Mitläufer“ eingestuft, wohl auch ein wenig Grund dazu. In Oranienburg, wo er stationiert gewesen war, lag das KZ, von dem er wusste. Als er, der Banker und Versicherungskaufmann, im Jahre 1945 kriegsverletzt, zu den Engländern desertiert und genesen, nach Berlin zurückkehrte, musste er als Forstarbeiter und als Glaser arbeiten, denn er war ein Nazi gewesen. Kein einziger seiner jüdischen Freunde hatte überlebt, von seiner leiblichen Mutter wusste er nichts, seine Eltern waren tot – und in allen Fällen wusste er, warum. Vater gab mir, zuweilen Blick und Stimme senkend, seinen Überblick über fast 100 Jahre deutsche Geschichte: Ja, schon die Uniform des Kaisers hatte er getragen, und er trug auch seinen Namen: Wilhelm. So verrückt kann Geschichte sein, so lebensgefährlich, so irre an sich selbst kann sie Menschen machen, so sehr ist das Politische persönlich und betrifft jeden, auch den, der sich für unpolitisch hält.

Mein Vater gehörte, so sagte er in paradoxer Rede, lange zu dieser Sorte Menschen, und von seinem Jahrgang sprach er als dem der Latrine: „00“ - ins Abwasser der Geschichte gegriffen, Pech gehabt, überlebt, schuldig geworden. Dabei hatte er eine kaufmännische Ausbildung in einer Weinhandlung genossen, elegante Anzüge getragen noch vor der Uniform des Kaisers, wegen Falschspiels in einer Kneipe an der Jannowitzbrücke in Untersuchungshaft gesessen, war später Bank- und Versicherungskaufmann und freiwilliger Feuerwehrmann geworden, der Berlin nach Bombenangriffen löschte, zuletzt in der Bundesrepublik Beamter, er besaß Motorrad- und LKW-Führerschein, war verwitwet und hatte, so sagte er, sein Leben als Mann für beendet erklärt. Genau an diesem Punkt hatte er, im Wirtschaftswunderland, die süße, fast dreißig Jahre jüngere Ärztin kennen gelernt, die das Alter meines jugendlichen alten Herrn nicht glauben konnte und also meine Mutter wurde. Seltsam, je mehr er mir davon erzählte, desto öfter sprach er über Politik: den Kaiser, Ebert, Scheidemann, Liebknecht, Luxemburg, Goebbels, Hitler, Ulbricht, Reuter und Kennedy – meine Güte, er hatte sie alle sprechen hören, nicht im Radio oder Fernsehen, er war vor Ort! Als Kind war er der „Judenbengel“, als junger Mann Sozialist, natürlich ein kaisertreuer wie sein Vater, bis ihn die Spartakisten wegen seiner Uniform verprügelten, später wurde er Nationalsozialist. Das alles war schwer zu begreifen. Mein Vater fühlte sich schuldig, schuldig an der deutschen Geschichte. Das ist alles Quatsch mit Soße, Junge, pflegte er gern zu schließen, leb' dein Leben, reg' dich nicht auf, sowas passiert einem einfach.

Mutter grinste. Ihr Vater war im Widerstand gegen Hitler, sie im BDM. Also, Wilhelm, auch Frauen... begann sie, scherzend. Das muss 1980 gewesen sein, im Dunst von Mutters Zigaretten, im Nebel von Vaters Zigarren, später meinen, lösten sich die Sorgen auf, valete curae in fumo, an langen Sommerabenden im Berlin der 1980er und 1990er Jahre. Der Rauch verzog sich über den Friedenauer Balkon, wehte später hin zu den Gräbern von Marlene Dietrich und Helmut Newton, schräg gegenüber, manchmal legte ich ihnen Rosen hin, so wurde ich groß. Vater war fast 93 Jahre alt geworden, und als er starb, da erzählte er mir immer noch. Es war, als befreite er sich von einer tiefen Einsamkeit.

Die tiefe Einsamkeit des „Westens“

Meine Sorgen lösen sich nicht mehr in Rauch auf. Denn auch der „Westen“ hat, meinem Vater gleich, einen solchen Komplex der Mitschuld an der Geschichte, in dem sein eigenes Körnchen Wahrheit liegt. Ist der „Westen“, bin gar ich selbst Schuld an der Entstehung des Terrors in und aus dem Nahen Osten? Das höre ich immer wieder, zumeist von „Linken“, und es verstört mich, nicht so sehr wegen des Inhalts, sondern wegen der tiefen Einsamkeit des „Westens“, die hier so seltsam selbstsicher postuliert wird und zum Schlüsselargument offener Grenzen gemacht, zur Keimzelle meiner angeblich wachsenden Kollektivschuld an den Fehlern der Urgroßväter. Einer dieser Urgroßväter – ist mein eigener Vater.

Verstörend, wie ähnlich politische Konstellationen auch nach hundert Jahren noch aussehen können, wie alte deutsche Fehler sich wiederholen, obwohl sie so gern aussehen möchten wie ihr Gegenteil. Wollte Vater zuletzt aussehen wie sein Gegenteil? - Nein. Aber, was wollte er mir dann sagen? Welche Wurzeln hat der Terror, sind es auch deutsche? Und sind es die einer ungerechten Welt? - Auf Vaters West-Östlichen Diwan liegt es sich unbequem. Ich muss mich also belesen.

Der „Westen“ als Alleinschuldiger am Terror?

In dem moralisierenden Narrativ der „Linken“, der „Westen“ sei Schuld am Terror, herrscht selten das deutsche Element vor, viel eher und lieber das US-amerikanische. Und es fehlen konstant zwei ziemlich exakt hundert Jahre alte Elemente: Russland und die Türkei. Weder die Türkei des Laizisten Mustafa Kemal „Atatürk“ noch Russland haben sich je freiwillig aus jener großen Region an ihrer Südflanke verabschiedet, die wir den Nahen Osten nennen und den Mittleren. Atatürk ging aus „Ittihad“ hervor, der Jungtürkischen Bewegung, die maßgeblich auch den Massenmord an den Armeniern verantwortete, und die ethnische Säuberung der nationalen Türkei im Nachhall des Zusammenbruchs des Osmanischen Reichs stand auf Atatürks Programm, und sei es nur durch die Umsiedlung der Pontusgriechen im Austausch gegen nord- und ostgriechische Türken. Russland war, ähnlich wie die Türkei, nur aufgrund der Oktoberrevolution 1917 gezwungen, den separaten Frieden mit Deutschland in Brest-Litowsk abzuschließen und schon zuvor notgedrungen auf seine zaristischen Interessen am Osmanischen Reich und im Nahen und Mittleren Osten zu verzichten – aus Schwäche, nicht aus Milde; das Interesse sollte bereits unter Stalin erneut erwachen und bis Breschnew wieder massiv werden; so zyklisch lief es dann auch unter Gorbatschow bis hin zu Putin, und so läuft es auch wieder in der Türkei, unter Erdogan.

Das linke Argument vom „Imperialismus des kapitalistischen Westens“ als alleiniger Wurzel des heutigen Elends des Nahen und Mittleren Ostens ist also ebenso falsch wie eng verwandt jener Standardfolklore der Rechtsradikalen von der kapitalistisch-bolschewistischen Weltverschwörung, die natürlich vor allem eines ist: eine jüdische. Deshalb hatte Johann von Leers es so leicht, vom Nazi zum antikapitalistisch und antisemitisch denkenden, radikalen Muslim zu konvertieren. Die aus dem „Osten“, aus Russland, stammende Hetzschrift über die „Weisen von Zion“ lässt grüßen. Vater war zwei Jahre älter als von Leers, sechs Jahre älter als Adolf Eichmann, drei Jahre jünger als Joseph Goebbels.

Vater, der „Judenbengel“, war einst auf sie hereingefallen und 1932 in die NSDAP eingetreten, nahm aber einen ganz anderen Weg. Er stieg nicht aus der Geschichte aus, er stieg heraus aus der Ideologie. Er zog seine Lehren, er flüchtete aus Berlin, nun stolze Hauptstadt der DDR, nach Berlin (West), direkt aus der U-Haft, in die ihn der lächerliche Vorwurf der Spionage gebracht hatte. Er hatte Radioröhren schmuggeln wollen, also stand „EL 84, ECC 86...“ auf einem Zettel, als man ihn verhaftet hatte. Die Staatssicherheit hetzte einen Schäferhund auf ihn, der fröhlich mit ihm spielte, denn Vater war mit einer Schäferhündin aufgewachsen, die er im Winter mit ins Bett nahm, bei 8 Grad im unbeheizten Schlafzimmer im Bötzowviertel. Die Staatssicherheit verdrosch dafür den eigenen Hund und ließ Vater gegen Revers laufen. So wurde er ein Demokrat; kein überzeugter, ein gelernter, was bedeutender ist. Vierzig Jahre saß er für die Berliner CDU in der Verordnetenversammlung seines Bezirks, Schöneberg. Dann schickte er mich ins Rennen, nicht in die CDU, denn er ließ mir meine Parteilosigkeit, aber als Wahlhelfer ins Wahllokal.

Johann von Leers dagegen traf sich mit Alois Brunner, er traf sich mit dem Mufti, dem Mentor Yassir Arafats, dem Mentor der PLO, die alsbald deutsche Links- und Rechtsterroristen ausbildete, dem selben Mufti, auf den sich auch die Muslimbruderschaft berief, die sich zur Hamas radikalisierte. Das ist die deutsche Verantwortung, die deutsche Wurzel des Terrors

Hatte Vater auch das gewusst? - Vaters unpolitische Existenz zwang mich, meinen Blick zu weiten.

Balfour, Sykes und Picot

Der „Westen“, zu dem sich die Bundesrepublik seit 1949 zählen durfte, trägt eine zweite geopolitische Verantwortung, die ziemlich genau hundert Jahre alt ist, so alt wie die Oktoberrevolution, und mit einer viel älteren nationalen Feindschaft und kolonialen Bruderschaft im Geiste zu tun hat: der alten Feindschaft zwischen England und Frankreich.

Die eigentliche Verantwortung des „Westens“ für die Miseren des Nahen und Mittleren Ostens kommt vor diesen hundert Jahren ins Spiel: als sich die Niederlagen des Deutschen, des Osmanischen und des Russischen Reiches im Ersten Weltkrieg abzeichneten. Absprachen der verbliebenen europäischen global player, England und Frankreich, spielten damals die größte Rolle, und sie sind mit Namen von Diplomaten verknüpft: D as Sykes-Picot-Abkommen und die Balfour-Deklaration ordneten den Nahen und Mittleren Osten ein vielleicht letztes Mal in kolonialer Manier; sie erweisen sich dennoch bis heute als nachhaltiger konfliktträchtig sogar als der Versailler Vertrag. Versailles: Vater hasste es immer noch, er nannte es eine wesentliche der vielen Keimzellen des Zweiten Weltkriegs. Mutter zauberte im Tabakqualm der 1980er Jahre das Buch hervor, in dem Hans Habe den Zweiten Weltkrieg als die letzte Schlacht des Ersten Weltkriegs bezeichnete. Der Zweite Weltkrieg läutete für die europäischen Sieger, außer Russland, ironischer Weise den endgültigen Verlust ihrer Kolonien ein.

Das Fatale an den Absprachen zwischen England und Frankreich war und ist, dass Grenzen fragiler Staatsgebilde auf dem Papier gezogen wurden, von denen jene umstrittenen und oft umkämpften in Israel-Palästina noch die gutwilligsten waren; hier wurde einem einzigen Volk der Diaspora der Region, den Juden, endlich ihre eigene Heimat unter englischem Mandat und Völkerbundsgarantie zugesprochen - während ansonsten Araber, Schiiten, Sunniten, Yesiden, Allawiten, Zoroastrier, Armenier und Kurden, um nur die wichtigsten Glaubensrichtungen und Völker zu nennen, bis heute gezwungen sind, als Mehr- oder Minderheiten in künstlichen Gebilden ohne jedes UN-Mandat zusammen zu leben, Gebilden, von denen viele auf Herkunft, historisch begründbare Ansprüche, ethnische und religiöse Grenzen keinerlei Rücksicht nehmen – während die UN nicht müde werden, ausgerechnet Israel in einer Vielzahl von Resolutionen die Schuld an dieser Misere in die Schuhe zu schieben.

Zur Radikalisierung trugen und tragen bis heute allerdings alle genannten europäischen Parteien bei, die sich künstliche Staatsgebilde einverleiben wollen wie die Sowjetunion das Afghanistan der 1980er Jahre, sie am Leben erhalten, sie „befreien“ und mit vor Ort völlig unzulänglichen westlichen Demokratiekonzepten in künstlichen Grenzen zusammenhalten wie die US-geführten Allianzen im späteren Afghanistan oder im Irak - oder das heutige Russland mit dem Konzept der alten, neuen Knute Assads in Syrien, Erdogan, der Kurden auch in Syrien zuweilen bombardieren lässt. Den Krieg zu gewinnen scheint dabei auf irrationale Weise leicht. Den Nachkrieg zu gewinnen, das ist nahezu unmöglich. Den Nachkrieg zu verlieren und erneut dem Terror der Bürgergkriegsparteien oder dem der Terrorstaaten Platz zu schaffen, das ist - neben Johann von Leers und seinen mal panarabisch-nationalistischen, mal rechts- und mal links-islamistischen Konsorten - die zweite Keimzelle des Terrors. Aus der Keimzelle zu flüchten, das erscheint schon fast legitim, selbst wenn man ein Milizionär ist oder ein Terrorist. Das ist die Verantwortung auch des „Westens“, der allerdings seine Grenzen hätte dicht halten müssen gegenüber Milizionären und Terroristen.

Sack, Asche und – Nationalstaaten?

Damit ist nichts gelöst, zugleich viel und wenig gesagt – das gebe ich zu. Seltsam ist es allerdings, nur im „Westen“ deshalb in Sack und Asche zu gehen, Russland alle Grausamkeiten gegen Tschetschenen, Georgier, Ukrainer, der Türkei alle Grausamkeiten gegen Kurden, dem Irak einen Kleinkrieg gegen das autonome Kurdistan durchgehen zu lassen, sie alle im Stich zu lassen.

Vater zog zweimal unfreiwillig und kurz in einen derart grenzenlosen Krieg und überlebte, indem er desertierte. Der Nationalstaat ist also ein gefährlich' Ding, Grenzen schützen nicht vor allem, vor Nationalismus schützen sie nicht. Auch innere Konflikte kann der Nationalstaat erleiden und zu zerfallen drohen wie Großbritannien im Falle Schottlands oder Nordirlands, Spanien im Falle des Baskenlands und Kataloniens oder Frankreich im Falle Korsikas. Vielleicht. Alle diese Konflikte kannte schon Vater. Er wusste, wer Franco war, wer Napoleon. Regionale Autonomie kann also eine gute Antwort auf diese Konflikte sein, die auch dem angeblich so einigen „Europa der Regionen“ und dem postnationalen Taumel seiner vereinten Nationalstaaten also keineswegs fremd sind. Der freie Fall, der dem nationalen Taumel folgt, war Vater wohl bekannt. Mutter nannte ihn eine Warnung an die Vielvölkerstaaten, die unter der Knute eines Nationalstaats regiert werden. Die Hegemonien nannten sie beide nicht „Imperialismus“, sie nannten sie: Unvernunft.

Elende, nützliche Erfahrungen

Wenn unvernünftige Staaten zerfallen, dann ist der Preis Elend und Blut. Wer aber trauerte ernsthaft dem Deutschen Reich in den Grenzen von 1938 oder der Sowjetunion in den Grenzen von 1991 nach? Gewiss: Es gibt diese Leute. Sollen sie ihn lieben, den Frieden der Geheimdienste gegen das eigene Volk, den Frieden der Gefängnisse, der Konzentrationslager, des Gulags, der Schießbefehle - Vater liebte ihn nicht, nicht mehr. Sein mildest mögliches Urteil über diese Art „Frieden“, den er kennen gelernt und nun endgültig satt hatte, lautete, dass er von anderen bestimmt ist, die ständig Opfer einfordern; ideelle täglich jede Menge, persönliche auch, im schlimmsten Fall kostete dieser „Frieden“ das Leben von Hunderttausenden, von Millionen. Vater hatte das begriffen, weil er, der „Judenbengel“, es erst begrüßt, dann erlitten hatte und zuletzt mit viel Glück überlebt und hinter sich gelassen. Daher mochte er nur ein einziges Europa, das der Regionen, das der Autonomien und Subsidiaritäten; als CDU-Mann dachte er in diesen Kategorien, und wie so häufig brachte Mutter es auf den Punkt: Die Subsidiarität ist die Voraussetzung der Solidarität, nicht die Gleichmacherei.

Warum der „Westen“ und der „Osten“ nach diesen Erfahrungen meinen, sie müssten den Nationalstaat und die Autonomien in ihren vernünftigen, sich selbst bescheidenden Grenzen verteufeln, warum sie meinen, dass Vielvölkerstaaten keinesfalls scheitern dürfen, auch nicht zum Nutzen einer friedlicheren, selbstbestimmten Zukunft sich neu organisieren, regionalisieren und dann auf friedliche Weise kooperieren lernen, so wie Europa das nach 1945 und nach 1989 unter Schmerzen erlebt hat und noch erlebt – das entzieht sich vollends meinem Verstand.

Meister aus Deutschland?

Ich freue mich gerade deshalb über funktionierendes Multikulturelles: darüber, dass Deutschland seine Dänen und Sorben, Sinti und Roma, wenige überlebende und einige zugewanderte Juden hat, auch ehemalige „Gastarbeiter“ aus der Türkei, Italien, Vietnam und Mosambik, und dass es sie „integriert“, teils so sehr, dass sie sich zuweilen mehr oder minder gern als Deutsche bezeichnen, deutsch sprechen, mit deutschem Pass reisen, ohne dass jemand ihnen ihre Nationalität diktieren oder gar absprechen wollte. - Doch Vorsicht: Vater hatte das nach den Massenmorden, Kriegstoten und zivilen Opfern des 20. Jahrhunderts begriffen. Anderswo - und bei Leuten von anderswoher - können wir diese bittere Erfahrung der erlebten Geschichte weder voraussetzen noch, und das ist die bitterste Erkenntnis, sie jedermann ersparen. Wenn man sich anderswo radikalisiert hat oder hier, als der berühmte Einzeltäter, wem ist man dann gefolgt, von Leers, Goebbels, Eichmann oder... meinem Vater?

Mit dieser deutschen Erfahrung, die nicht plötzlich aussehen kann wie ihr Gegenteil, eine der betretenen Bescheidenheit also viel eher ist und sein kann als die einer moralisierenden Arroganz, einer sanften Hegemonie oder einer mürrischen Indifferenz, an der irgendjemand genesen könnte, sollte sich Deutschland nach innen wie außen rückbesinnen auf ein inzwischen bewährtes Prinzip Europas:  die Subsidiarität der Regionen und deren Interessenausgleich.

Sich gegen die Folgen der Fehlentscheidungen von vor hundert Jahren zu stemmen, als Vater siebzehn Jahre alt war und eingezogen wurde, nur, um diese Fehlentscheidungen gleichzeitig zu zementieren, ist nicht das neue Lied, das gesungen werden müsste, um auch 2017 den Katalanen, Korsen oder Kurden und sogar den Deutschen - jenen, die schon länger hier leben - beides zu bieten: Selbstbestimmung und Sicherheit.

Multiethnisch, supranational, multikulturell kann man vielleicht erst werden, wenn man ein „Judenbengel“ war und ein Nazi, wenn man überlebt hat und davon erzählen kann – wenn man die Ideologien des Hasses deshalb hinter sich gelassen hat. Autonom, einer, der seine Geschichte erzählt - das muss man zuerst werden. Das ist die Lehre des „Judenbengels“.

Das ist alles Quatsch mit Soße, Junge. Leb' dein Leben. Reg' dich nicht auf, sowas passiert einem einfach.

Jesko Matthes ist Arzt und lebt in Deutsch Evern

Leserpost (1)
Nadja Schomo / 09.11.2017

Irgendwie bedauerlich, dass “Subsidiarität”  klingt wie ein kompliziertes Theorem der Soziologie. “Hilf dir selbst, so hilft dir Gott” wäre eine vorläufige, immerhin ziemlich bekannte Faustregel.

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