Roger Letsch / 16.10.2017 / 10:30 / 5 / Seite ausdrucken

Die Krokodilstränen des Börsenvereins

Eine kleine Geschichte darüber, wie man eine Situation eskaliert und seine Hände dann in Unschuld wäscht.

Das Standkonzept auf Messen ist eine heikle Sache, ich weiß, wovon ich rede. Vor vielen Jahren kam es auf einer Messe, die ich mit zu verantworten hatte, zu folgendem Fauxpas: Zwei konkurrierende lokale Radiosender hatte ich direkt nebeneinander platziert, was den Schallpegel in der Halle binnen kürzester Zeit ins Schmerzhafte drehte und lange, wiederholte, beschwichtigende Gespräche mit den Inhabern der Sender nach sich zog. Die Lektion hatte ich gelernt, nie wieder ist mir solch ein Fehler unterlaufen!

Die Veranstalter der Frankfurter Buchmesse glauben jedoch an die erzieherische Kraft ihres Mediums, glauben auch an das absolute Böse und dass man es in einer Art gemeinschaftlichem Exorzismus von den Ständen und aus den Büchern der Verlage vertreiben kann, die man als rechts gekennzeichnet hatte. Nun sind Manuscriptum, Antaios und Junge Freiheit nicht zum ersten Mal auf der Messe und es gab früher nie Ärger, aber wir haben 2017 und da ist bekanntlich alles anders. Der gesellschaftliche Konsens ist eingezogen in Köpfe und Herzen und der duldet keinen Widerspruch.

Zunächst hoffte man, die rechten Verlage von der Messe fern halten zu können, indem man sie neben ihren vermeintlichen Antipoden platzierte, also neben die "Amadeu Antoni Stiftung" oder Verlage mit möglichst queerem Programm – aber es half nichts: Die bösen Verlage wollten einfach nicht wegbleiben! Dann versuchte man es mit einem Appell des Börsenvereins, der zu „Auseinandersetzungen“ mit den rechten Verlagen aufrief. Man ging als Veranstalter sogar mit gutem Beispiel voran, indem man sich zu einer kleinen Demo (mit Pressetermin) vor dem Antaios-Stand einfand, was durchaus als ungewöhnliche Maßnahme anzusehen ist, weil man als Veranstalter eigentlich zur Neutralität verpflichtet ist, und nun der Meute mit gutem Beispiel voran ging.

Als auch das nicht dazu führte, dass die rechten Verlage ihre Bücher verbrannten und heulend die Messe verließen, sorgte man über Nacht dafür, dass deren Regale geleert, die Bücher besudelt im Müll landeten und Schmierereien auf dem Niveau von Bahnhofskloschmierereien die Stände verunzierten. Die Presse berichtete…nicht.

Erst danach kommt auch "SPIEGEL ONLINE" (SPON) ins Spiel, wo man sich bis zu diesem Zeitpunkt keinen Deut um die Vorgänge scherte. Nun aber hatte man endlich eine Headline gefunden, die perfekt ins Weltbild passt und die Ereignisse in eine genehme Richtung schieben sollte: „Dialogversuch auf der Buchmesse – Rechte rasten aus.“

"Angeblich gestohlene Bücher"

Dass zu diesem Zeitpunkt die „Linke“ schon seit Tagen nicht mehr einrasten wollte, ist nur eine nicht erwähnenswerte Petitesse. Auch wie es zu der Eskalation kam, die nun, da die Buchmesse auch für Besucher geöffnet ist, nach den Vorfällen der vorangegangenen Tage zu erwarten war, ist SPON nur ein paar dürre Worte wert. Der Artikel von Eva Thöne ist beschwichtigend und bleibt nur im Konjunktiv, wenn es um Vorfälle geht, die den Protest gegen die rechten Verlage in ein schlechtes Licht rücken könnten, wie wenn es zum Beispiel um die „angeblich gestohlenen Bücher“ geht.

Es wäre leicht gewesen, sich darüber Gewissheit zu verschaffen, wenn man beim "Spiegel" arbeitet. Und wenn der Börsenverein dann auch noch erklären lässt „Wir verurteilen jede Form der Gewalt. Sie verhindert den Austausch von politischen Positionen“ klingt das nur noch wie Hohn, hat man die Geister doch selbst gerufen, die man nun nicht mehr los wird.

Ihr wollt nicht, dass sich die Rechte „als Opfer inszeniert“? Dann hört doch einfach auf damit, euch wie Täter zu verhalten. Kauft ihre Bücher nicht – was ihr ja sowieso nicht tut, weil ihr zu wissen glaubt, was sie enthalten. Hört ihren Protagonisten nicht zu – was ihr ja sowieso nicht nötig habt, weil ihr alles besser wisst. Doch dann beschwert euch auch nicht über die Filterblasen der anderen, wenn ihr die eure nie verlasst und urteilt nicht über die Vorurteile der anderen, wenn ihr selbst bis unter die Schädeldecke voll davon seid! Und du, lieber Börsenverein, solltest überlegen, ob es wirklich eine gute Idee war, sich zum Erzieher eurer Aussteller und zur Nanny des Protestes aufzuschwingen.

Nachtrag: SPON hat die Headline mittlerweile „angepasst“. Jetzt lautet sie „Tumulte auf der Buchmesse – Dialog unmöglich“. Das ist schon näher an der Wahrheit als „Dialogversuch auf der Buchmesse – Rechte rasten aus.“

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Blog Unbesorgt.

Leserpost (5)
Dr.Sylvia Metzner / 16.10.2017

Die Deutschen können nicht mehr miteinander sachlich streiten. Immerhin war ich so verblendet zu glauben, dass mit der Dialogkultur der Wende, mit ihren Foren und Runden Tischen ein zivilisierter Umgang mit politisch anders Denkenden vorgelebt wurde, dass dieses Beispiel zukünftig deutsche Streitkultur prägen könnte, denn immerhin gab es in ihrem Gefolge die erste friedliche Revolution der Deutschen. Aber weder Politiker noch Künstler oder Journalisten halten es für nötig einen zivilisierten Umgang miteinander ernsthaft anzumahnen. Ein Machtwort der Kanzlerin vermisse ich schon lange. Will denn niemand die neue Spaltung unseres Landes überwinden, oder sind im Kampf um die Macht und die Öffentlich Rechtlichen Fressnäpfe alle Mittel recht?

Wieland Schmied / 16.10.2017

Alles paletti was Sie schreiben. Nur eines teile ich nicht, das Wort lieb in Verbindung mit diesem Verein zu gebrauchen. Auch wenn ich glaube zu wissen, wie Sie das wirklich meinen.

Wilfried Palltam / 16.10.2017

Es ist schon fast lustig zu beobachten, wie Linke und ihre selbsternannten Tugendwächter und Blockwarte immer mehr die Fassung verlieren. Besorgniserrgend empfinde ich dabei allerdings die Rolle des SPIEGEL. Es ist gar nicht so lange her, da habe ich den SPIEGEL noch regelmäßig gelesen. Das ist heute praktisch unmöglich. Als hätte in den Redaktionen (besonders bei SPON) ein Generationenwechsel stattgefunden, der das Blatt nun Stück für Stück in Richtung Agitprop für Linksradikale und ihre Dogmen verwandelt.

Ulla Smielowski / 16.10.2017

Wer kassierte denn eigentlich den Beitrag für die Stände auf den Messen…??  Bei dem Theater dem diese Verlage ausgesetzt waren, sollte es doch möglich sein, Geld zurückzufordern…  Ansonsten fällt der Börsenverein dadurch auf, dass er nicht sehr hilfreiche Vorträge und Kurse anbietet von sehr jungen Leuten, so um die 25 Jahre alt, die weder das Niveau noch die Übersicht haben, sich mit derartigem zu beschäftigen….... Vielleicht hat sich dieser Verein ja einfach überlebt und ist entbehrlich..?  Aber ich bin kein Verleger… Danke für den tollen Artikel…

Ronald Weckler / 16.10.2017

Das Verhalten des Börsenvereins und noch mehr das der selbst ernannten Antifaschisten ist so fürchterlich dicht an dem dran, was uns aus den Anfangsjahren des Dritten Reiches über den Umgang mit Büchern überliefert wurde, dass es mich graust. Diese Linken haben nichts, aber auch gar nichts aus der Geschichte gelernt. Und ich nehme an, diese Leute wissen das im Grunde auch - und schaffen es doch, sich selbst ihr faschistoides Auftreten mit Gutmenschentum zu rechtfertigen. Daraus folgt wohl, dass man Totalitarismus nicht so “aufarbeiten” kann, wie es in Deutschland seit Jahrzehnten betrieben wird.

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