Chaim Noll, Gastautor / 18.03.2016 / 14:30 / 0 / Seite ausdrucken

Die klassischen Muster der Judenverachtung (5)

Die Verwerfung der Juden im Koran hinderte einige islamische Herrscher nicht daran, eine judenfreundliche Haltung zu zeigen, doch die heute viel zitierten Beispiele islamisch-jüdischer Kooperation (etwa im Khalifat von Cordoba) bleiben historische Ausnahme. Die „Normalität“ islamischer Judenverachtung ist einer der Gründe, warum die zahlreichen Judenverfolgungen in muslimischen Ländern nicht einmal historiographischer Aufzeichnung für wert befunden wurden. Der Mangel an historischer Überlieferung judenfeindlicher Aktionen wird von heutigen Islam-Anhängern allen Ernstes als Beweis dafür angeführt, Juden wären in islamischen Staaten besser behandelt worden als in christlichen. In Wahrheit stellt bereits das Eingeständnis, die Wahrnehmung und Benennung, erst recht die Kritik des Phänomens Judenhass eine Kulturleistung christlich geprägter Gesellschaften dar, die der Islam bisher nicht erbracht hat.

Einer der Gründe für die Entstehung des Islam war das öffentliche Zerwürfnis zwischen Christen und Juden. Mohamed sah darin eine wichtige Legitimation für seine neue Lehre, indem er den gegenseitig bezeigten Hass der vorherigen „Schriftbesitzer“ als Zeichen ihrer Unglaubwürdigkeit ins Feld führte. Was die beiden Inhaber des Buches gegeneinander aufbringe, seien Eifersucht, Neid und andere niedrige Motive, heißt es im Koran an mehreren Stellen, nicht die „Liebe zum Anderen“, die Gott gebietet, folglich hätten beide „das Buch“ nicht verstanden und die göttliche Lehre nicht erfüllt. Abgesehen von der Frage, wie es der Koran selbst mit der „Liebe zum Anderen“ hält, ist die Kritik als solche zutreffend und wird, solange sich Christen und Juden als Feinde verstehen, immer wieder erhoben und von Dritten ausgenutzt werden.

Christlicher Judenhass half auch die antijüdische Ausprägung der beiden Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts legitimieren, Kommunismus und Nationalsozialismus, die beide aus christlichen Gesellschaften hervorgingen. Ähnlich wie der Islam brachten diese beiden Bewegungen die innere Ambivalenz zum Verstummen, die das christliche Verhältnis zu den Juden gekennzeichnet hatte, und machten den Antijudaismus zu einer im Rahmen der betreffenden Gesellschaften unbestrittenen, selbstverständlichen Haltung. Die Nazis begründeten ihn mit einer Rassentheorie, nach der Juden minderwertig wären, die Kommunisten mit der marxistischen Gesellschaftslehre, nach der Judentum in der kommenden Ordnung obsolet sei. Beide Totalitarismen gehen von der Schädlichkeit und Gefährlichkeit der Juden für das angestrebte neue Gemeinwesen aus.

Judenhass im Gewande der "Wissenschaftlichkeit"

In beiden Fällen handelt es sich um Versuche, alten judenfeindlichen Stereotypen durch moderne „Wissenschaftlichkeit“ eine neue Glaubwürdigkeit, sogar „objektive Wahrheit“ zu verleihen und sie gewaltsam durchzusetzen. Während sich das deutsche NS-Regime anschickte, das Judentum durch physische Beseitigung seiner einzelnen Vertreter aus der Welt zu schaffen, versuchten es die sozialistischen Staaten durch Abbruch seiner natürlichen Kontinuität, Verhinderung seiner Ausübung und allmähliches Aussterbenlassen – zwei Methoden der Eliminierung des Jüdischen, die trotz aller Anstrengung scheitern und zum baldigen Zusammenbruch der Staaten, die sich darin versuchten, beitragen sollten.

Beide Totalitarismen sahen im Judentum eine Bedrohung, weil die totale Unterordnung des Einzelnen unter ihre jeweilige Erziehungsdiktatur durch jüdisches Denken in Frage gestellt wird. Diese Infragestellung bedeutet nicht unbedingt offene Auflehnung, aber – was vielleicht noch gefährlicher ist – eine mit totalitären Systemen unvereinbare, in ihrer Wirkung widerständige Denkstruktur. Wenn die Marxistin Rosa Luxemburg für den Sozialismus die „Freiheit der Andersdenkenden“ forderte, zeigte sich darin – auch wenn sie selbst sich dessen nicht bewusst sein mochte – traditionell jüdisches Denken, schriftlich überliefert seit den mosaischen Büchern, in denen immer wieder die Anerkennung und respektvolle Behandlung des „Fremden“ und „Anderen“ geboten wird, im jüdischen Alltagsleben belegt durch den Jahrtausende alten Shabat-Segen, der den „Fremden“ ausdrücklich einbezieht.

Der Shabat ist eins der frühesten menschlichen Symbole für das, was wir „Freiheit“ nennen, die erste aus der Geschichte bekannte Zuerkennung eines arbeitsfreien Tages. Die Einbeziehung des Fremden in diesen Segen war die Formel seiner – in einer Welt der Sklavenhalterei revolutionären – rechtlichen Gleichstellung. Was dazumal einer „Freiheit für Andersdenkende“ entsprochen hätte, die Freiheit für andere Religionen, wird gleichfalls früh im biblischen Buch Micha 4,5 gefordert und fortan in der jüdischen Gesellschaft gewährt – ein solches „Toleranzedikt“ ist aus so früher Zeit von keinem anderen Volk bekannt. Diese frühen Denkstrukturen, denen das Judentum durch das Auf und Ab seiner Geschichte verpflichtet blieb, machen die geforderte totale Unterwerfung des Einzelnen unter die Gesellschaftstheorien des Sozialismus oder Nationalsozialismus unmöglich.

Antijudaismus gehört auch zum Inventar modernen bürgerlichen Denkens

Antijudaismus gehört auch zum Inventar modernen bürgerlichen Denkens. Das überlieferte Zerrbild des Juden findet sich als Grundmuster neuer, vorgeblich „wissenschaftlicher“ Untersuchungen zum Thema, wie sie mit dem Aufkommen des bürgerlichen Antisemitismus entstehen. So betrachtete etwa der deutsche Volkswirtschaftler Werner Sombart in zwei Aufsätzen, die 1910 in der Zeitschrift „Die Neue Rundschau“ erschienen, „die Durchdringung des modernen Wirtschaftslebens mit jüdischem Geiste“, worauf sich später seine bekannte Untersuchung Die Juden und das Wirtschaftsleben stützte. Wie Wilhelm Marr, der Gründer der „Liga der Antisemiten“, kam Sombart aus der politischen Linken, sein Impetus aus der Kritik am Kapitalismus, dessen negative Seiten er weitgehend mit jüdischen Einflüssen verbindet. Er vertritt die These, Juden hätten durch die Jahrhunderte mit Vorliebe Schund produziert und betrügerisch unter die Leute gebracht, sich überhaupt amoralischer Geschäftspraktiken bedient und dadurch die Moral der kapitalistischen Wirtschaft unterhöhlt. Daher könne der Antisemitismus als verständliche Ablehnung jüdischer Amoral durch gesund empfindendes Bürgertum gesehen werden.

Von da bis zu Hitlers Rassentheorie war es nur noch ein Schritt: die Theoretiker des Nationalsozialismus mussten diesem Ansatz lediglich hinzufügen, dass Amoral, Betrug und Gesinnungslosigkeit „rassisch“ im jüdischen Volk verankert wären. Auch Sombart hatte diesen Aspekt erwogen, schreckte dann aber vor den Konsequenzen zurück und bediente sich für seine Beweisführung der „statistischen Methode“. Sein Aufsatz erschien in einer Zeitschrift, die dem Verleger Samuel Fischer, einem Juden, gehörte – es sei erwähnt, um die Toleranz zu zeigen, mit der deutsche Juden andere Meinungen gelten ließen, selbst solche, die ihnen schadeten. Sombarts Thesen belegen die erschreckende Popularität judenfeindlicher Stereotype im deutschen Geistesleben der letzten Jahrzehnte vor dem Nationalisozialismus.

Insgesamt gehen die modernen Spielarten des Antijudaismus in ihren Forderungen, erst recht in ihren gewalttätigen Umsetzungen, über christlichen Judenhass hinaus. Indem sie sich des im Christentum immer bestehenden Zusammenhangs zwischen jüdischer und christlicher Bibel entledigten und überhaupt aller biblischen Werte, nahmen sie, ganz im Sinne ihrer totalitären Weltbilder, eine totale Abschaffung des Jüdischen in Angriff, die nie auf der Tagesordnung christlicher Gesellschaften stand. Im Gegenteil: christliche Judengegner hatten meist betont, dass es die Juden geben müsse, sei es als „Monument“ biblischer Historizität, wie sie der Historiker Ferdinand Gregorovius für das Rom der Päpste belegt, sei es als negatives Beispiel für die „Verstocktheit“ gegenüber dem wahren Glauben. Erst moderne Gesellschaften entwickelten Konzepte zur totalen Abschaffung des Jüdischen und, darin eingeschlossen, des originär Biblischen. Konsequenterweise richtete sich ihr Eliminierungswunsch dann auch gegen die Christen als Vertreter des biblischen Konzepts, so dass sich, nach zweitausend Jahren Judenverfolgung in christlich beherrschten Gesellschaften, nun plötzlich Christen an der Seite der Juden wiederfanden: in der Rolle von Verfolgten und Opfern.

Offenbar hat dieser Vorgang die Solidarität zwischen Christen und Juden neu belebt. Der Schock-Effekt, eine heilsame Nebenwirkung des Schrecklichen, blieb noch einige Zeit im Obskuren, sozusagen verdunkelt von der Nachwirkung des Schreckens selbst. Doch heute, einige Jahrzehnte nach Europas Katastrophe, lässt sich eine neue Topographie erkennen. Das Christentum ist nicht mehr weltliche Macht und monopolisierte Staatsreligion, sondern wieder – um es mit Reuchlin zu sagen – „Sekte“ geworden, juristisch gleichgestellt mit der jüdischen. Die modernen Totalitarismen, Nationalsozialismus und Kommunismus, haben Christen von Neuem in die Lage gebracht, in der Juden über Jahrhunderte waren: sich um ihr Überleben sorgen zu müssen, Lebensformen zu entwickeln, wie dieses Überleben auch unter widrigen Umständen zu behaupten ist. Diese Erfahrung hat ihnen geholfen, das Christentum zu seinen eigenen Ursprüngen zurückzuführen und mit seiner jüdischen Herkunft zu verbinden, die in den langen Jahrhunderten kirchlicher Teilhabe an der Staatsmacht dem allgemeinen christlichen Bewusstsein entfallen war.

Auf der anderen Seite haben die Juden ihre vor rund zweitausend Jahren eingebüßte Staatlichkeit wiedererlangt, sehen sich also mit Problemen konfrontiert, die während der letzten zwei Jahrtausende Christen vorbehalten blieben: Sicherung und Verteidigung ihres Landes, Kriegführung, internationale Politik, Umgang mit auf ihrem Staatsgebiet lebenden Minderheiten. Beider, Christen wie Juden, Situation im existenziellen Kontext hat die Einseitigkeit eingebüßt – die Christen fixiert auf die Macht, die Juden fixiert auf die Ohnmacht –, die sie noch vor wenigen Jahrzehnten kennzeichnete. Ein so tiefgreifender Rollenwechsel bringt auf beiden Seiten verfestigte Sichtweisen und Strukturen in Bewegung. Er macht geneigt zum Verständnis, offen für den Dialog. Insofern bietet diese Zeit, mit dem Erbe, das wir zu tragen haben und den Herausforderungen, die vor uns liegen, die historische Gelegenheit zu einem Neubeginn.

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