Chaim Noll, Gastautor / 17.03.2016 / 12:00 / 0 / Seite ausdrucken

Die klassischen Muster der Judenverachtung (4)

Juden betrachten die biblischen Bücher nicht nur als religiöse Schriften wie andere Völker, sondern als Werke ihrer Nationalliteratur, in denen ihre Identität begründet ist. Dem dialogischen Charakter dieser Bücher folgend, hat das jüdische Volk billige Einseitigkeit vermieden und sich der Komplexität und Ambivalenz des menschlichen Daseins ausgesetzt, sowohl im Geistigen, wovon das talmudische Schrifttum zeugt, als auch im Verhältnis zur jeweils umgebenden Gesellschaft. Das im täglichen Studium erfahrene Wissen um die im biblischen Text vorgeführte Differenziertheit menschlicher Haltungen und die talmudische Debatte führten zu einer sonst unüblichen Kultur des Zweifels, zu einer weitgehenden Berücksichtigung des Anderen und zugleich zur Skepsis gegenüber dem Eigenen.

Dieser komplizierte Standpunkt hat dem Judentum zwar oft eine erfolgreiche Propaganda unter fremden Völkern versagt, dafür aber sein eigenes geistiges und physisches Überleben ermöglicht, trotz einer fast zweitausend Jahre währenden Verstreuung über alle Welt. Zudem hat das dialogische Prinzip die Fähigkeit zum abstrakten Denken so sehr geschärft, die geistige Flexibilität so stark trainiert, dass Juden heute in fast allen Wissenschaften, Künsten und hochqualifizierten Berufen eine führende Rolle spielen.

Das Leben des jüdischen Volkes kreist um ein Buch, dessen Rezeption – wie auch Christen wissen – ernsthafte geistige Arbeit erfordert. Die uralte Schriftorientierung ist tief ins alltägliche Leben, Empfinden, Denken der Juden eingedrungen, selbst solcher, die sich vom Judentum abgewandt haben. Religiöses Judentum, mit seinem auf Bildung und Kenntnis begründeten, ständiges Studium erfordernden Anspruch nahm den Mangel an Popularität bei den umgebenden Völkern hin, ertrug ihn sogar mit einem gewissen Selbstbewusstsein, andererseits machte es die fehlende Beliebtheit leichter, die Juden ihrer Rechte zu berauben und in eine Opferrolle zu drängen. Gerade die legendäre Überlebensfähigkeit dieses Volkes steigerte den Hass. Die Kirche spürte immer wieder den Drang weiter Volkskreise, antijüdische Argumentationsmuster zu liefern, um Aggressionen gegen die Juden zu rechtfertigen. Oft in der Geschichte war christlicher Antijudaismus nichts anderes als populärer Judenhass unter Hinzufügung pseudo-theologischer Vorwände.

Keine Preisgabe der jüdischen Identität um größerer Beliebtheit willen

Andererseits können die Juden nicht vermeiden, diese Angriffsfläche immer von neuem zu bieten, es sei um den Preis, ihre Identität als Volk aufzugeben. Ihnen vorzuwerfen, sie lieferten durch ihr Anderssein selbst den Grund zu Angriffen und Verfolgung – ein Vorwurf, den auch ängstliche oder vom Judentum abgefallene Juden erheben –, ist bereits ein judenfeindlicher Vorstoß, da er die Preisgabe der jüdischen Identität um größerer Beliebtheit willen suggeriert, eine Forderung, welche Juden, wenn sie Juden bleiben wollen, nicht erfüllen können. Diese einfache Wahrheit wollen Judengegner durch immer neue Indizien und Scheinargumente gegen die Juden vergessen machen. Im Verlauf der Jahrhunderte hat sich daher die Suche nach antijüdischen Indizien zu einer Manie innerhalb der christlichen Gesellschaften entwickelt.

Dennoch blieb der Antijudaismus in christlichen Ländern umstritten und Gegenstand innerkirchlicher Konflikte. Er war populär, doch zugleich gab es zu allen Zeiten Kreise – mitunter einflussreiche – die ihn seinem Wesen nach für unchristlich erklärten. Gerade Theologen wussten, in welchem Ausmaß, welcher elementaren Tiefe das Christentum geistig auf dem Judentum basiert, weshalb christlicher Judenhass auch immer christlicher Selbsthass und somit für das Christentum schädlich ist.

Daher finden wir oft in der Geschichte gebildete oder in der kirchlichen Hierarchie hoch stehende Priester in geistiger Nähe zum Judentum, Männer wie den am Hof der Mediceer-Päpste einflussreichen Kardinal Aegidius von Viterbo, der im römischen Ghetto bei gelehrten Juden Hebräisch-Studien trieb, jüdisches Schrifttum studierte und auf seine Kosten eine Talmud-Ausgabe drucken ließ. „Geistig sind wir alle Semiten“ (Spiritualmente siamo tutti semiti), erklärte Papst Pius XI. summarisch, in einer Zeit des überhand nehmenden Antisemitismus zur Warnung an die eigene Kirche.

Einzelne Päpste wandten sich offen gegen christlichen Judenhass

Schon lange vor ihm hatten sich einzelne Päpste offen gegen christlichen Judenhass gestellt, Martin V. im frühen fünfzehnten oder Sixtus V. im sechzehnten Jahrhundert. Pontifikale oder bischöfliche Erlasse gegen Judenhass – von denen es mehr gibt, als gemeinhin angenommen – sind weniger Akte pragmatischer Politik der betreffenden Kirchenfürsten, eher theologische Grundsatzerklärungen, die den unchristlichen Charakter der Judenverachtung anhand christlicher Schriften nachweisen. Ein interessantes Beispiel dafür ist Papst Martin V. „Bulle gegen die Anklage der Brunnenvergiftung und des Gebrauchs von Christenblut bei der Herstellung von Mazot“ vom 13.März 1422. Darin werden nicht nur die genannten Anklagen selbst zurückgewiesen, sondern mit päpstlicher Autorität erklärt, dass „ein jeglicher Christenmensch“ verpflichtet sei, mit seinen jüdischen Mitbürgern „in menschenfreundlicher Weise umzugehen“ (humana mansuetudine).

In der ambivalenten Haltung des Christentums zum Judenhass liegt ein entscheidender Unterschied zum Islam. Der Islam ist konfliktfrei judenfeindlich, da die Verwerfung der Juden ein Motiv seiner Genese war, folglich als Leitmotiv in seinem religiösen Grundlagentext verankert ist. Die elementar judenfeindlichen Stellen des Koran bieten bis heute einen Nährboden für gewalttätige Interpretation. Sie artikulieren den Hass einer geschlossenen, durch Segregation definierten Menschengruppe gegen die Nichtzugehörigen und „Anderen“. Dagegen widerspiegeln einige Stellen im Neuen Testament, die über Jahrhunderte von Predigern und Autoren als Belege frühchristlicher Judenverachtung bemüht wurden, in Wahrheit innerjüdische Debatten, da Jesus, alle seine frühen Anhänger und Gegner Juden waren.

Zudem werden die strittigen Stellen durch Aussagen des neutestamentlichen Textes aufgefangen, die in bekennerischer Weise projüdisch sind wie der berühmte Ausspruch Jesu im Johannes-Evangelium 4,22: „Das Heil kommt von den Juden“. Im innerjüdischen Debattenkontext des Neuen Testaments sind kritische oder polemische Äußerungen gegen Juden daher gänzlich anders zu bewerten als die prinzipielle Verwerfung der Juden im Koran, die von einem nichtjüdischen Prediger proklamiert wurde, weil er nur dadurch seiner Lehre überhaupt Daseinsberechtigung verleihen konnte, und die im selben Text den Aufruf zu antijüdischen Gewaltakten und Bluttaten evoziert.

In der nächsten Folge: Islamische Judenverfolgungen wurden nicht einmal aufgezeichnet

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