Chaim Noll, Gastautor / 16.03.2016 / 12:00 / 0 / Seite ausdrucken

Die klassischen Muster der Judenverachtung (3)

In jeder Gesellschaft gibt es Begierden und Kräfte, die stärker sind als das gesetzlich vereinbarte Rechtsgefühl, und sie haben sich in der Geschichte oft durchgesetzt. Unter „gut“ verstehen Menschen, so Spinoza in seinem Traktat über die Ethik, „das, von dem sie mit Sicherheit wissen, das es ihnen nützlich ist“. Und nützlich schien den Zeitgenossen nicht Reuchlins Anmahnung an römisches Recht und christliche Nächstenliebe, sondern die Verfolgung und Beraubung ihrer jüdischen Mitbürger. Daher wurden Legitimationsmuster entwickelt, die das Unchristliche christlich, das Schlechte „gut“ erscheinen ließen.

Die Juden waren auf Grund ihrer Minderheitssituation besonders als Opfer geeignet. Im Rechtsempfinden weiter Volkskreise – und das deutsche Volk ist hier nur ein Beispiel – galten sie über Jahrhunderte als Menschen zweiter Klasse. Als Moses Mendelssohn 1743 durch das Stadttor nach Berlin einwanderte, notierte der Zollbeamte in sein Wachbuch: „Heute passierten sechs Ochsen, sieben Schweine und ein Jude“. Die tief ins populäre Bewusstsein eingesickerte Verachtung übertraf nicht selten die der Herrschenden. Dieser populäre Judenhass geht weitgehend auf das Konto der Kirchen, die in diesen Zeiten den größten Einfluss auf Bildung und geistigen Zustand des Volkes ausübten. Die Stigmatisierung der Juden als „Mörder unseres Heilands“ rechtfertigte ihre Ausschließung aus dem Konsens der sonst gültigen Rechtlichkeit und lud zu Übergriffen ein. Daraus entstand mit der Zeit ein inoffizielles zweites Recht, ein Gewohnheitsrecht.

Das schizophrene Verhältnis christlicher Gesellschaften zu ihrer jüdischen Minderheit ist so alt wie diese Gesellschaften selbst. Die zwei Gesichter christlicher Macht, weltlich und geistlich, führten gegenüber den Juden durch Jahrhunderte zu einem Hin und Her von Anziehung und Abstoßung, Privilegierung und Verfolgung, ganz nach Belieben und tagespolitischem Bedarf. Der weltliche Herrscher sagte Rechtssicherheit zu, zugleich schürten Geistliche den Judenhass mit den stereotypen Anschuldigungen vom Christus-Mord, von Blut-Hostien und ähnlichem. Oder umgekehrt. Viele Christen waren bei Juden verschuldet, oft waren auch die Herrscher verschuldet, Könige, Fürsten, Erzbischöfe, die zwar die Juden ins Land geholt und ihnen Rechtsschutz zugesagt hatten, dann aber über die Ausschreitungen hinweg sahen oder sie stillschweigend duldeten, schon deshalb, weil sie ihren Gläubigern galten.

Die Juden standen dem Absolutheitsanspruch der Kirchen im Weg

Die theologisch vorgetragenen Legitimationsmuster der Judenverachtung müssen daher immer vor den pragmatisch-profanen Hintergründen ihrer Entstehung betrachtet werden. Früher christlicher Antijudaismus resultiert zunächst aus dem Prozess der Abspaltung der messianischen Sekte der Jesus-Anhänger vom pharisäisch-rabbinischen Judentum, den Emanzipationsbemühungen der Sezession gegenüber der „Mutterreligion“, zudem aus Rivalitäten im Imperium Romanum, in dem die Juden seit der Zeitenwende den Status einer religio licita innehatten, welchen die Christen erst viel später erlangten, zu Beginn des vierten Jahrhunderts. Drei Jahrhunderte lang waren also die jüdischen Gemeinden auf Grund ihrer alten, unter Julius Caesar und Nachfolgern erlangten Privilegien gegenüber den Christen rechtlich bevorzugt. Daraus entstand viel Unmut, der sich in frühen christlichen Äusserungen niederschlug. Später standen die Juden dem Absolutheitsanspruch der Kirche im Weg, den „allein seligmachenden“ Glauben zu vertreten („Extra ecclesiam salus non est“, wie der Kirchenvater Cyprianus formulierte) – eine Position, die zwar innerhalb der Kirche umstritten blieb, aber in praxi weitgehend Anwendung fand.

Seit Anbeginn versteht sich die Kirche als universal, während das Judentum – obwohl es sich auf andere Weise gleichfalls über die ganze Erde verbreitete – seine Gültigkeit auf ein einziges Volk beschränkt, das Volk Israel. Als dieses deklarierte sich aber zunehmend die christliche Gemeinde, mit der Begründung, die Juden als Volk Israel abgelöst zu haben. Daher wurde das fortdauernde Vorhandensein religiöser Juden als Störung und Herausforderung empfunden. Ihr beharrliches Festhalten am eigenen, älteren Glauben kränkte christlichen Religionseifer und löste immer neue, zwar im Großen und Ganzen vergebliche, dafür umso vehementere Missionierungswellen aus.

Zur Diskriminierung der unbequemen jüdischen Minderheit gehörte ihre Beschränkung auf bestimmte Berufe, darunter den des Bankiers oder Geldverleihers. „Jemanden hassen“, um nochmals Spinoza zu zitieren, „ist, sich ihn als die Ursache seiner Unlust vorstellen.“ Wer empfindet nicht Unlust bei dem Gedanken an seine Gläubiger? Und welchem Herrscher wäre nicht unbehaglich bei dem Gedanken an eine Menschengruppe, die auf Grund eigener, noch dazu älterer Gesetze nicht alles mitmachen kann und will, was die übrige Gesellschaft geschlossen unternimmt?

Die Abneigung der Juden gegen den Militärdienst als Zeichen ihrer Untreue

Besonders die Abneigung der Juden, sich an Militärdienst oder Krieg zu beteiligen, galt als Zeichen ihrer Untreue und rief Hass hervor. Im 10.Jahrhundert, als Kriegs- und Ritterwesen mehr und mehr das Antlitz christlicher Gesellschaften dominierten und sich allenthalben Männer zu geistlichen Verbänden zusammenschlossen, um mit dem Schwert in der Hand „für das Christentum“ zu kämpfen, sahen sich die europäischen Juden in der seltsamen Rolle, durch ihr Beispiel die eigentlichen christlichen Tugenden – Friedfertigkeit, Duldsamkeit, Opferbereitschaft – anzumahnen, eine Situation, die gewiss nicht zu ihrer Beliebtheit bei den christlichen Mitbürgern beitrug. Der Mainzer Jude Shimeon bar Isaak reflektierte darüber in einem Gedicht aus dieser Zeit:

Ihre Festungen stehen auf schroffen Höhn,

Sie gehn auf die Jagd unter drohendem Fels,

Wo in engem Gedränge die Schilde stehn,

Dazwischen Panzer und Helme,

Weit leuchten Embleme und Wappen.

Sie kämpfen mit blitzendem Schwert,

Reichlich verzieret mit Silber und Gold,

Die Reiter auf wiehernden Stuten,

Die Sehne des Bogens gespannt mit dem Pfeil.

Wir aber beten zum allmächtigen Gott,

Der alle Kriege beendet.

Shimeon bar Isaaks Gedicht ist eins der frühesten Bekenntnisse zum Pazifismus in Europa. Darüber hinaus eine frühe Artikulation der Verweigerung gegenüber gesellschaftlichen Ansprüchen, die ein Einzelner oder eine Gruppe aus Gesinnungsgründen ablehnt. In westlichen Gesellschaften von heute ein alltäglicher Vorgang. Ein modernes Motiv, eine Haltung gegenüber der Gesamtheit, die inzwischen allgemein anerkannt ist. Keine Frage, dass ein aufgeklärter Europäer unserer Tage den Krieg ablehnt, keine Frage, dass ein kritischer Staatsbürger nicht mehr bereit ist, unbesehen alles mitzumachen, was die Obrigkeit oder die Mehrheit von ihm verlangt. Das Motiv Verweigerung hat bei dem vor unseren Augen stattfindenden Zusammenbruch des europäischen Kommunismus eine entscheidende Rolle gespielt. Was wir „Zivilcourage“ nennen, selbständiges Entscheiden gegen den allgemeinen Druck der Gesellschaft, selbständiges Nachdenken, Sich-Befragen, Zweifeln, die Suche nach einer Alternative – all das sind alte jüdische Denk- und Verhaltensweisen.

Traditionell ist jüdisches Denken dialogisch angelegt: der Widerspruch, die alternative Möglichkeit sind diesem Denken inhärent. Diese Methode ist seit frühestem jüdischen Schrifttum belegt. Die Bibel ist ein Buch des Dialogs: zwischen Menschen und ihrem Schöpfer, zwischen Mensch und Mitmensch. Auch der Talmud ist eine Dialogsammlung, ein Buch der Antinomien, des Fragens und Bezweifelns, des Gegenüberstellens verschiedener Meinungen. Die Wahrheit entsteht aus dem gegeneinander Abwägen unterschiedlicher Positionen in Streitgespräch und Diskussion. Die Anfechtung, die Opposition gegen einen Standpunk wird mitformuliert. Ein Leitmotiv des Talmud, das sich hindurchzieht wie ein roter Faden, ist der Halbsatz „An anderer Stelle wird gesagt...“, die legitime Bezweiflung der Wahrheit des von Menschen Gesagten und das Dagegenstellen eines anderen, gleichfalls aus der Schrift zu begründenden Wortes. Die Beschränktheit unserer menschlichen Erkenntnis und Einsicht wird ab initio angenommen, auf die Fiktion einer „objektiven“ menschlichen Wahrheit wird verzichtet.

In der nächsten Folge lesen Sie: Biblische Bücher nicht als religiöse Schriften sondern als Nationalliteratur

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