Die italienische Tragödie

In diesen Tagen des Lichts, wenn so viele von uns sich in Richtung Italien aufmachen, jenem Land, das uns schon nur entspannt, wenn wir daran denken, ist es vielleicht ein guter Zeitpunkt, wieder einmal festzuhalten, wie tragisch, wie grauenhaft, wie unglücklich eigentlich dessen Geschichte ist, besonders die politische.

Objektiv betrachtet handelt es sich um eine Ansammlung von Fehlentscheiden, von unnötigen Kriegen und tragischen Irrwegen. Das letzte Mal, als in Italien eine gute Politik gemacht wurde, war vermutlich die lange Herrschaft von Augustus um die Zeit von Christi Geburt, dem ersten römischen Kaiser, dem wir aber auch die endgültige Liquidation der römischen Republik verdanken, was aus demokratiepolitischer Sicht eher zu bedauern ist.

Wenn es aber unter diesen vielen Tragödien, die nachher folgten, eine grössere unter den Grossen gab, dann diese: die Einigung Italiens. Davon hat sich das Land bis heute nicht erholt. Es wäre nicht nötig gewesen, dieses bunte Land, wo so viele Kleinstaaten eigenständig oder fremdbestimmt gegeneinander lebten, wo jede Stadt einen eigenen Dialekt pflegte, den man ausserhalb kaum verstand – es wäre nicht nötig gewesen, dass im Zeitalter des Nationalismus eine kleine Elite von Politikern und Intellektuellen mithilfe des mehr französischen als italienischen Piemont die Halbinsel zu einem Nationalstaat formte oder bombte, je nach Standpunkt. Das Piemont, früher als Savoyen bekannt, hiess damals Königreich Sardinien, weil es die Insel ebenfalls verwaltete und der Herrscher in Turin den höher bewerteten Titel König seinem alten eines Herzogs vorzog.

Besonders tragisch ist die Tatsache, dass das Königreich Sardinien, also das Piemont, das unter seinem tatsächlich genialen Premierminister Graf Cavour (1810–1861) die Einigung vorangetrieben hatte, diese nur mit fremder, mit französischer Hilfe zustande brachte. Genau genommen hat Sardinien-Piemont keine einzige Schlacht selber gewonnen, meistens waren dessen Truppen nicht einmal dabei, wenn es darauf ankam, die Österreicher zu vertreiben, – oder sie kamen zu spät oder verloren: Gewonnen hat immer Frankreich, eine veritable Militärmacht, was man von der sardinischen, später der italienischen, nie sagen konnte. Peinlich war diese Armee, erbärmlich die Marine, die nie angreifen mochte, selbst wenn es kinderleicht gewesen wäre. Kurz: Was Italien gross machte, war seit den Römern nie mehr dessen militärische Leistungsfähigkeit gewesen, sondern andere, gewiss schönere und friedlichere Dinge. Zum Krieg waren die Italiener nicht mehr geboren, zur Intrige und zum Massaker aber schon.

Befreiung ohne Freiheit

Ein Massaker war die Einigung von Italien vor allen Dingen für den Süden, wie der englische Autor David Gilmour in einer hervorragenden, kompakten Geschichte Italiens zeigt. Wohl begrüssten viele zuerst die Eroberung durch Giuseppe Garibaldi, einen Norditaliener, dessen grandiosem Charisma auch der Süden erlag, bald aber wich die Freude dem Horror. Seit dem frühen Mittelalter war Süditalien meist ein einziges Königreich gewesen, die Bezeichnungen änderten sich, das Territorium kaum, die Grenze zum Kirchenstaat im Norden, also dem recht beträchtlichen Gebiet des Papstes um Rom, galt als eine der ältesten auf der Halbinsel. Fast tausend Jahre lang war Süditalien geeint, manchmal mit Sizilien, dann wieder nicht, und es wurde von der gleichen Hauptstadt aus, von Neapel aus regiert, wo ein Hof herrschte, der zu den raffinierten in Europa zählte. Die Stadt blühte und war recht reich, noch im 19. Jahrhundert war es die grösste in Italien. Pracht und Elend.

Als die Piemontesen das damalige Königreich beider Sizilien 1860 kassierten und den letzten König vertrieben – wie alle Eroberer sprachen sie von einer «Befreiung» –, war Süditalien nicht unbedingt reich zu nennen, sicher war es auch nicht gerade liberal regiert worden, doch "Afrika", wie Hasser es schon damals bezeichneten, war es nicht. Noch aus den Zeiten der Normannen etwa stammte das Rechtssystem, an dem der Süden dennoch hing, doch die Piemontesen in einer Mischung von typischer Arroganz und Ignoranz warfen alles über den Haufen, was sie antrafen. Sie führten das italienische, also piemontesische Recht ein, das wenig taugte, sie betrieben eine Wirtschaftspolitik, die den Süden ruinierte, von bürgerlichen Freiheiten wollten sie nicht viel wissen. Der erste "Vize-König", den Cavour nach Neapel schickte, hiess Luigi Carlo Farini. Seine neuen Untertanen verglich er mit Beduinen – und bewertete diese positiver. In Briefen an seinen Vorgesetzten in Turin beschrieb er die Süditaliener pauschal als "Schweine", die in einem "Höllenloch" hausten, und ihre Anwälte hielt er für "Betrüger, Rechtsbeuger, spitzfindige Advokaten und professionelle Lügner, ausgestattet mit einem Gewissen von Zuhältern".

Camillo Graf von Cavour war in Turin aufgewachsen, seine Muttersprache war Französisch, und Italienisch sprach er zeitlebens nur mit Akzent, umso mehr als seine Mutter eine reformierte Schweizerin aus Genf gewesen war; sein Vater stammte aus piemontesischem Adel, schätzte aber alles, was französisch klang, roch oder schmeckte. Offenbar erbte Cavour diese Vorliebe, auch er bewunderte alles, was nichts mit Italien zu tun hatte. War er überhaupt ein Italiener? Jedenfalls blickte er lieber nach Frankreich oder England. Von Letzteren hatte er die Liebe zum Freihandel gelernt, und kaum war Italien 1861 entstanden, führte dessen erste Regierung ebenfalls den Freihandel ein.

Der Süden verarmte – und sollte nie mehr auf die Beine kommen

Was Norditalien einen industriellen Aufschwung brachte, verdammte den Süden. Auf einen Schlag senkten die neuen Herren aus dem Norden die Zölle für alle und öffneten den süditalienischen Markt, was dessen junge Industrie nicht überlebte. Die Konkurrenz aus dem Norden und aus Europa vernichtete die wenigen Firmen, die vorher entstanden waren. Wenige Jahre später kehrte die italienische Regierung ihre Politik um, gab den Freihandel auf und zettelte stattdessen einen Handelskrieg mit Frankreich an, der im Desaster endete. Zwei Drittel der italienischen Ausfuhren nach Frankreich brachen weg, und kaum eine Region verlor dabei mehr als Süditalien, das seine landwirtschaftlichen Exportprodukte, wie Zitrusfrüchte, Oliven und Wein, die eine der wichtigen Quellen des geringen Wohlstands gewesen waren, kaum mehr absetzen konnte. Ebenso schädlich wirkte die neue Einheitswährung, die Lira, die für den Norden passte, für den Süden dagegen zu stark war – und dessen Abstieg beschleunigte. Der Süden verarmte – und seine Bewohner sollten nie mehr auf die Beine kommen. Stattdessen verliessen sie ihre wunderschöne Heimat in Scharen, weil es für sie hier keine Zukunft mehr gab.

In den beiden letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wanderten Millionen von Süditalienern und Sizilianern aus: nach Amerika, nach Argentinien, Brasilien oder nach dem französischen Algerien – und kehrten nie mehr zurück.

Die italienische Einigung erinnert in manchem an ähnliche Integrationsbemühungen einer anderen Organisation, die wir in der Gegenwart erleben. Hier wie da waren die Folgen fatal. Was nicht zusammengehörte, wurde von oben zusammengefügt – ohne dass die Betroffenen allzu viel dazu zu sagen gehabt hätten. In Süditalien wehrten sich die Menschen – und noch Jahre nach der Einigung herrschte hier ein Bürgerkrieg, woran sich kaum jemand erinnert. "Piemont ruft Italien", protestierte ein Historiker aus dem Süden, "aber führt Krieg gegen Italiener, weil es in Wahrheit nicht Italien machen will – es will Italien verschlingen." Rebellen kämpften gegen Regierungstruppen, Beamten wurden getötet und Richter massakriert, wer aus dem Norden kam, lebte gefährlich. Weil dieser Aufstand so gar nicht ins Bild des heroischen Risorgimento passte, der "Wiederauferstehung", wie die nationalistische Geschichtsschreibung die italienische Einigung verklären sollte, wurde dieser Bürgerkrieg einfach in "il brigantaggio" umbenannt, also in einen Banden- oder Räuberkrieg – als ob die meisten Rebellen gewöhnliche Kriminelle gewesen wären. Aus den Geschichtsbüchern ist er damit verschwunden.

Fünf Jahre dauerten die Unruhen an, Tausende kamen um. Bevor Cavour selber starb – wenige Monate nach der formellen Gründung des neuen Königreichs Italien im Jahr 1861 –, hatte er seinem König versprochen, dafür zu sorgen, dass die Einheit auch im "korruptesten und schwächsten Teil Italiens", das heisst in Süditalien, durchgesetzt werde. Wenn nötig mit Gewalt, meinte er, da es besser sei, einen "Bürgerkrieg" zu führen, als den "irreparablen Schaden" eines Zerfalls des jungen Einheitsstaats hinzunehmen. Cavours Nachfolger setzten sogleich um, was ihr Vorbild empfohlen hatte: Man wurde brutal.

Im August 1861 strömten die Bewohner von Pontelandolfo, einem grossen Dorf in der Nähe von Neapel, auf die Strassen, um eine Gruppe von sogenannten Briganten freudig zu begrüssen, vor lauter Euphorie töteten sie dabei einen Steuereintreiber und sangen in der Kirche ein Te Deum für ihren ehemaligen König Francesco, den die Piemontesen ins Exil verfrachtet hatten. Als eine kleine Truppe der Regierung aufkreuzte, um nach dem Rechten zu sehen, wurde diese von bewaffneten Bauern ebenfalls umgebracht. Doch die italienisch-piemontesischen Behörden, die angeblich das grässliche Königreich beider Sizilien befreit hatten, schlugen ohne Verzug zurück: Das Dorf wurde dem Boden gleichgemacht und alle männlichen Bewohner wurden an die Wand gestellt und erschossen. Insgesamt starben am Ende 400 Leute, Männer und Frauen.

Bella Italia. Wären die Italiener nicht gesegnet mit der grössten Kultur, dem besten Essen und einer der schönsten Landschaften der Welt: Sie lebten in der Hölle, die ihnen ihre Politiker jeden Tag aufs Neue einrichten.

Das Buch zum Thema: David Gilmour "Auf der Suche nach Italien: Eine Geschichte der Menschen, Städte und Regionen von der Antike bis zur Gegenwart"

Markus Somm ist Chefredakteur der Basler Zeitung (markus.somm@baz.ch) wo dieser Beitrag erschien zuerst erschien.  Der Autor

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Leserpost (4)
Cathrin Frank / 23.07.2017

Vielen Dank. Ein wirklich interessanter Artikel. Erinnert mich auch an die deutsche Geschichte der Kleinstaaten. Vielleicht könnte es zu dem Artikel noch eine Fortsetzung über die Vergangenheit anderer Kleinstaaten in Europa geben. Mfg Cathrin Frank

Brigitte Miller / 23.07.2017

FAZIT: Politiker sollte man abschaffen.

Heiko Stadler / 23.07.2017

Lieber Herr Somm, die Vereinigung von Völkern, die nicht zusammengehören, ist so “hoch komplex”, dass das einfache Leute wie Sie und ich gar nicht verstehen. Dazu braucht man schon Politiker, die mindestens 300.000 Euro pro Jahr verdienen. Die wissen, wie das geht.

Thomas Use / 23.07.2017

Sehr geehrter Herr Somm, vielen Dank für Ihren aufschlußreichen Artikel und den anhängenden Buchtipp. Mit freundlichen Grüßen Thomas Use PS: Das Fazit am Ende Ihrer Ausführungen regt mich zu einer Frage an: Trifft diese Aussage – natürlich leicht abgewandelt – nicht auch auf andere Länder zu? Zum Beispiel Deutschland?

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