Michael Wolffsohn, Gastautor / 07.11.2014 / 14:26 / 5 / Seite ausdrucken

Die große Symbolik des 9. November

Michael Wolffsohn

Deutschlands historische Stunde - der Mauerfall am 9 .November 1989. Doch bietet das Datum geschichtlich viel mehr, auch bittere tragische Stunden. War das Ende der deutsch-deutschen Trennung also auch ausgleichende Gerechtigkeit? Oder gar eine Fügung einer höheren Macht?

War der Mauerfall am 9. November 1989 „Gottes Werk“? Wie bitte? Soll das eine echte Frage sein? Ich bin Historiker. Für mich zählen daher nur „Fakten, Fakten, Fakten“. Und doch… Der bedeutende katholische Theologe Eugen Biser, der dieses Jahr verstarb, hat schon kurz nach jener historischen Novembernacht auf die tiefe, geradezu kosmisch metaphysische Dimension jener welthistorischen Novembernacht hingewiesen. Für ihn war der Mauerfall, war der 9. November 1989, „Gottes Werk“ und Zeichen von „Gottes Wirken“. Das moralische Gleichgewicht Deutschlands sei jedermann sichtbar an diesem Tag - von wem auch immer, für ihn war es Gott - wiederhergestellt worden.

Die Teilung Deutschlands, so schrecklich sie war und einseitig zulasten der Ostdeutschen (und Osteuropäer) ging, entsprach im übergeordneten Sinn durchaus Vorstellungen einer göttlichen oder auch nicht göttlichen, weltlichen Gerechtigkeit. Deutschlands Teilung, so sahen es durchaus auch Nichtgläubige wie Günter Grass und andere, sei die sozusagen geschichtlich gerechtfertigte Strafe „für Auschwitz“ gewesen.

Weder die Berufung auf Gott noch die Geschichte oder andere abstrakte Prinzipien sind Fakten. Doch jenseits der Fakten spürt jeder die ganz besonderen Schwingungen des Mauerfalls. Historisch, faktisch, lässt sich die eine ebenso wie die andere Behauptung, eher eine Art Gefühl, natürlich nicht beweisen.

Die Symbolik des Datums führt in die tiefsten Schichten deutscher Geschichte. Jeder weiß es: am 9. November 1918 fegte die Revolution am Ende des Ersten Weltkriegs das Deutsche Kaiserreich hinweg und Kaiser Wilhelm II weg aus Deutschland. Am fünften Jahrestag der „Novemberschmach“, am 9. November 1923, hatte Adolf Hitler versucht, sich in München an Deutschlands Machtspitze zu putschen. Das misslang. Es gelang zehn Jahre später. Weitere fünf Jahre danach, am 9. November 1938, inszenierten Hitler und seine Mitverbrecher ein Riesen-Pogrom, eine Riesenverfolgung, (groß)deutscher Juden: die „Reichskristallnacht“. Sie war der Anfang der „Endlösung“ der Judenfrage. Am Ende waren 6 Millionen europäische Juden im Namen Deutschlands ermordet.

Und dann – der 9. November 1989. Kaum ein historisches Datum, mit Sicherheit keines der deutschen Geschichte, birgt so viel Schatten und Licht zugleich. Auch Tod und Auferstehung; Schuld und Sühne, Schande und Glorie, „Wunden und Wunder“, sagte kürzlich der israelisch-deutsche Rabbiner Tovia Ben-Chorin. Er meinte damit Berlin. Berlin als einstige Zentrale des nazi-deutschen Völkermordes einerseits und andererseits das heutige Berlin: bunt, leicht, locker, etwas meschugge, und trotz ethnisch-religiöser Konflikte eine Stadt der Völkerharmonie.

Der gedankliche Bogen reicht von Biser zu Ben-Chorin, vom tiefgläubigen Christen zum tiefgläubigen Juden, von Mensch zu Mensch, von Volk zu Volk. Wie jeder Bogen ist auch dieser bedeutungsschwanger. Jeder Bogen reicht von A zu B. In der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament, verbindet der Regenbogen Himmel und Erde, Gott und zuerst den Nichtjuden Noah, Gott und erst dann Abraham als ersten Juden.

Der Bogen verbindet vor allem eben Gott und den Menschen an sich. Der „ Bogen, den ich in die Wolken setze”, wurde Noah von Gott als ein Zeichen gegeben, dass Er die Erde nicht noch einmal durch eine Flut vernichten würde (Genesis = 1. Buch Moses 9, 13-16). Die Botschaft des Biser- und Ben-Chorin-Bogen besagt, dass „die Erde nicht noch einmal durch eine Flut“ vernichtet würde. Zumindest durch keine deutsche.Man muss nicht gläubig sein, nicht Gott als Schöpfer und Lenker der Welt voraussetzen; man muss kein Christ oder Jude sein, um in diesem tiefmoralischen, urmoralischen Sinne den 9. November 1989 als bleibendes Zeichen des deutschen und deutsch-jüdischen Seelenfriedens, ja, des Friedens zwischen Deutschland und den Völkern der Welt zu verstehen.

Die Bibel ist kein Buch der Geschichte. Sie verpackt Ur-Botschaften des menschlichen Seins in Geschichten. Durch Geschichten versucht sie den Sinn der Menschheitsgeschichte allgemeingültig und zeitlos zu erklären. Der 9. November ist ein Tag der „Wunden und Wunder“, der Wunden und Wunder des deutschen, nein, des menschlichen Seins. Deutschland ist wirklich „auferstanden aus Ruinen“ – nicht zuletzt aus den selbstverschuldeten Ruinen eigener Unmoral.

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Leserpost (5)
Johann Prossliner / 08.11.2014

Etwas derart Salbungsvolles habe ich von Herrn Wolffsohn nicht erwartet. Der Kalender wird genau wie die Evolution des Lebens vom Zufall gesteuert, und von keinem “Wirken Gottes”. Spinoza oder Montesquieu: “Wenn die Dreiecke denken könnten, würden sie sich ihre Götter dreieckig vorstellen ...” Und wer von den übrigen Menschen denken kann, für den ich allemal klar: Der Mensch hat Gott gemacht, nach seinem Bilde, nicht umgekehrt.

Gerald Matthey / 08.11.2014

Nein , dieses historische Datum ist für unser Land schon sehr wichtig ! Die Menschen in Deutschland spüren sicherlich die Schwere der Schuld am Holocaust . Die gückliche Wiedervereinigung vor 25 Jahren (vor allem gewaltfrei ! ) macht mich als Deutschen dankbar und demütig . Ich erkenne die Gnade Gottes für unser Land.

Karl Weber / 08.11.2014

Wie ein anderer, kluger Leser hier schon mal schrieb, die Politiker springen über die Stöckchen, gerne auch an Jahrestagen, die Deutschen Bürger nicht. Sie gucken lieber Fußball, und das ist auch richtig so.

Elias Regal / 07.11.2014

Der Beitrag Herrn Wolffsohn zu den neunten November Tagen ist etwas für den gebildeten Leser. Dieser Beitrag hebt sich vorzüglich von dem ab, was überwiegend hier in Achgut regelmäßig zu immer den gleichen Dingen, aus immer der gleichen Perspektive erscheint, -es gebietet die Rücksicht, weder Ross noch Reiter zu benennen-, dass ich die bescheidene Frage an den Autor richte, ob er seine analytische, geschichtliche Reflektion wirklich hier zur Diskussion stellen wollte? Auf das Feedback bin ich neugierig. Na, ja, “Den lieb ich, der Unmögliches begehrt”.

Martin Marhoff / 07.11.2014

Mal aufrichtig und ehrlich, den meisten Menschen (auch den Deutschen), geht solch ein “historisches” Datum doch am Ar… vorbei!

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