Henryk M. Broder / 09.06.2017 / 11:23 / 7 / Seite ausdrucken

Die Gartenparty geht weiter

Von Henryk M. Broder

Ich habe es aufgegeben, mit meinen Freunden und Bekannten über die Folgen der unkontrollierten Einwanderung zu diskutieren. Sollen sie doch glauben, dass die „Schutzsuchenden“ in kürzester Zeit zu Facharbeitern ausgebildet werden können, dass „wir“ sie brauchen, um „demografische Verluste“ auszugleichen, dass vor allem muslimische Zuwanderer „eine Chance für Deutschland“ sind, weil wir „viele menschliche Werte wie Gastfreundschaft und Toleranz“ von ihnen lernen können, wie es Finanzminister Schäuble in einem Interview zwei Tage nach dem Anschlag von Manchester gesagt hat. Mir ist alles recht.

Neulich aber habe ich ein neues Argument gegen meine Kritik an der „Willkommenskultur“ gehört: „Wo und inwiefern ist Ihre Lebensqualität durch die Zuwanderung berührt oder beschädigt worden?“, fragte mich ein Tischnachbar auf einer Gartenparty. Ich musste kurz nachdenken.

Tatsächlich habe ich noch nie ein Fußballspiel besucht, weder im Stadion noch beim Public Viewing. Ich sehe mir keine Radrennen an, nicht einmal im Fernsehen. Karnevalsumzüge finde ich fast so schrecklich wie Familienfeiern, und das letzte Open-Air-Konzert, bei dem ich dabei war, liegt 25 Jahre zurück. Es war ein Auftritt von Joe Cocker im Amphitheater von Cesarea. Meinetwegen muss es keine Fußballspiele, keine Radrennen, keine Karnevalsumzüge, keine Open-Air-Konzerte und keine Weihnachtsmärkte geben. 

Ich meide generell Massenversammlungen. Meine kulturellen und sozialen Bedürfnisse lebe ich in Buchläden und Cafes aus. Und bis jetzt hat es noch keinen Anschlag auf einen Buchladen oder ein Cafe gegeben. Insofern hatte mein Bekannter Recht. Meine Lebensqualität hat sich nicht verändert.

Ich bin auch keine Frau, und wenn ich eine wäre, käme ich nie auf die Idee, Silvester in Köln zu feiern oder nachts mit dem Fahrrad in Freiburg unterwegs zu sein. Das sind alles Geschichten, die ich nur vom Hörensagen kenne. Wie die Berichte über Vulkanausbrüche in Indonesien oder Hungersnöte in Afrika. 

Und wenn in einer Asylunterkunft in einem bayerischen Dorf ein Afghane ein fünfjähriges Kind ersticht und dessen Mutter schwer verletzt, dann ist das nicht nur weit weg, es hat auch mit meinem Leben nichts zu tun. Mir geht’s gut. Das ist die Hauptsache. Die Gartenparty kann weiter gehen.

Zuerst erschienen in der Zürcher Weltwoche

Leserpost (7)
Andreas Huber / 09.06.2017

Dieser Beitrag verdeutlicht schrecklich prägnant den inzwischen eingetretenen Zustand dieser Gesellschaft. Schrecklich traurig. Trotzdem und gerade deswegen: Danke, Henryk Broder!

Micha Schneider / 09.06.2017

Wie immer hat Broders Zynismus genau jenen Nerv getroffen, der schon lange blankliegt, ohne daß dies jemand auffiele oder – eher noch – auffallen will. Der Deutsche neigt seit jeher dazu, sich lieber in sein eigenes Kuschelreich zurückzuziehen, wenn er Gefahr wittert oder wenn ihm alles zu viel wird, was da draußen vor sich geht. Lieber Rückzug als Attacke, lieber kuschen als keifen, lieber wehrlos bleiben als Zähne zeigen und Verteidigung üben! Ich habe Sie wohl verstanden, Herr Broer, und mein Schmunzeln über Ihren Artikel ist voller Bitterkeit!

Heinz Bannasch / 09.06.2017

Naja ein paar Steuern weder Sie für die hundertausenden junger Männer die illegal hier im Land bleiben schon berappen müssen. Aber das wird ja verschleiert, so dass Sie das höchstens dann merken, wenn Sie wieder mal in ein Schlagloch gefahren sind, für welches dann kein Geld mehr vorhanden war.

Steffen Hoffmann / 09.06.2017

Es ist wenigstens ein bisschen tröstlich, dass Sie, lieber Herr Broder offenbar dieselben sinnlosen Gespräche führen müssen wie wir alle… Meinungsumfragen und Wahlergebnisse bestätigen es: Die meisten Menschen wollen es so wie es jetzt kommen wird. Und hinterher will es wieder keiner gewesen sein, wie immer.

Erhard Georg Hain / 09.06.2017

Sehr geehrter Herr Broder, vor einigen Jahren haben Sie auf eine Anfrage von mir sich pessimistisch zur weiteren Entwicklung in D bzw. EU geäußert. Ich “wollte” es damals (vor 2015) noch nicht so sehen und hoffte auf Vernunft - der Bürger. Nun stimme ich Ihnen widerspruchslos zu. Jetzt gilt es: rette sich wer kann, wenigstens für meine Kinder. MfG Hain

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