Peter Grimm / 22.06.2016 / 06:05 / Foto: Nandaro / 3 / Seite ausdrucken

Die Erde ist eine Scheibe - bitte etwas mehr Achtsamkeit

„Die Erde ist eine Scheibe“, der Satz klingt, wie der ältere Bruder ähnlicher Sätze aus dem ideologischen Propagandareservoir vergangener Tage wie:  „Der Sozialismus siegt!“ oder „Die Lehre von Karl Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist.“ Das konnte man in der DDR noch ständig auf Transparenten lesen und hielt es für offenkundigen Unsinn, von dem sich kaum Notiz zu nehmen lohnte. Jetzt haben sich solche Sätze doch erledigt für alle Zeit, oder?

Auf Menschen, die Erlösung in ideologischen Weltsichten nach Karl Marx versprechen, trifft man ja gelegentlich, doch kaum jemand scheint sich noch mit missionarischem Eifer für die flache Welt einzusetzen. Aber selbst die Scheibenerde hat noch nicht alle Anhänger verloren.

Fangen mit den Harmloseren an, denen in den USA. Mag sich unsere Gesellschaft auch noch so sehr polarisieren, sich über doofe Amerikaner lustig zu machen ist hierzulande noch ein konfliktfreies Gemeinschaftserlebnis und in Zeiten eines Präsidentschaftskandidaten Donald Trump mag man sich das ja vielleicht öfter mal gönnen.

Die Erde ist flach, das sieht jeder Kreationist sofort

Bei unseren amerikanischen Freunden kämpft nun die „Flat Earth Society“ ums flache Weltbild. Die Zahl ihrer Anhänger ist nicht genau zu beziffern und die Theorien, mit denen sie erklären, warum die Erde trotz allen gegenteiligen Wissens in Wahrheit eine Scheibe sein sollte, sind nur mäßig unterhaltsam.

Zu Jahresanfang konnte sich die Flacherdebewegung aber über prominenten Zuwachs freuen. Also die Prominenz muss ich den Medien glauben, denn manche Bereiche der Popkultur sind mir so fremd wie einem Scheibenweltler die Astronomie.  Der Rapper Bobby Ray Junior, besser bekannt als B.o.B. twitterte seinen Followern im Januar, dass er jetzt wisse, die Erde sei flach.Der Sänger und Produzent von Chart-Hits wie "Nothing on You", "Magic" und "Airplanes" begründet seine neue Weltsicht nachvollziehbar mit: „Sieht man doch.“

Die Organisatoren der „Flat Earth Society“ verbinden mit der Scheibe natürlich ein etwas höheres Weltbild, mit dem sie prima in unsere Klischeebilder passen: Es sind Kreationisten, die nicht nur die Schöpfungsgeschichte der Bibel wörtlich nehmen, sondern aus der Heiligen Schrift auch herauszulesen meinen, dass die Erde flach sein müsse. Welch schöne personifizierte Karikaturen der doofen Amerikaner, nicht wahr?  Da können wir hier jetzt kurz überlegen lächeln und uns an unserer europäischen Aufgeklärtheit freuen.

Doch verlassen wir jetzt die amerikanischen Flachweltbewohner und betreten lieber vermintes Glaubensgelände. Es soll ja nicht zu harmonisch werden. Der Großmufti Abd al-Aziz ibn Baz war, was sein Titel erahnen lässt, ein wichtiger Mann. Der 1910 geborene Geistliche gehörte in Saudi-Arabien seit 1967 zum engsten Führungskreis der Salafiya, die jene radikale Islamideologie verbreitet, die inzwischen als Salafismus auch hierzulande in aller Munde ist. Ibn Baz hat also auch für uns durchaus folgenreich gewirkt. Der Großmufti gilt als eine Schlüsselfigur bei der konsequenten Islamisierung des saudi-arabischen Königreichs. 1994 hat der saudische König Fahd ihn zum Minister für religiöse Studien ernannt und zum Vorsitzenden des Ständigen Komitees für Rechtsfragen. So konnte Ibn Baz an der Durchsetzung eines der wichtigsten Ziele der Salafisten arbeiten: der konsequenten Anwendung der Scharia als geltendes Recht.

Der Großmufti Abd al-Aziz ibn Baz hat ebenfalls was an der Scheibe

Der 1999 verstorbene Großmufti hat bleibende Spuren hinterlassen. Seine Schüler sitzen heute an den Schaltstellen jener islamistischen Organisationen und Institutionen in den Golfstaaten, die mit  viel Geld und Protektion aus Herrscherhäusern weltweit Gruppen, Verbände und Einzelkämpfer unterstützen, die sich – mal mit und mal ohne Gewalt – hauptberuflich der Islamisierung der Welt widmen. Insofern lohnt sich ein kleiner Blick in die Weltsicht des Großmufti. Dass er geschrieben habe, die Erde sei flach, weil der Koran das eindeutig sagt, wurde später vom saudischen Königshaus dementiert. Dass er allerdings selbstverständliche Erkenntnisse der Naturwissenschaft im Widerspruch zur „wahren Religion“ sieht, hat er dafür an anderer Stelle deutlich bekannt. Sollte die Erde vielleicht auch keine Scheibe sein, dass sie im Zentrum des Universums steht, wollte der Inspirator der Glaubenskämpfer nicht in Frage gestellt wissen: "Wer behauptet, dass die Erde rotiert, aber die Sonne nicht, wird zum Gottlosen und Verführten. Er muss eine Frist bekommen, um sich zu besinnen (und seine Meinung zu ändern). Falls er Buße tut und wieder vernünftig wird, wird ihm verziehen. Falls er aber seine Meinung nicht ändert (nicht zugibt, dass die Sonne rotiert), wird als ein Gottloser hingerichtet. Sein Eigentum wird vom muslimischen Staat übernommen."

Auch die Form der Sonne ist vom Großmufti etwas anders beschrieben worden, als es die Ungläubigen in ihrem weltlichen Schulwissen annehmen: "Die Sonne ist nicht kugelförmig, sondern kuppelförmig. Sie ist eine Kuppel, die auf Säulen steht. Sie wird von Engeln getragen." Und die Engel tragen die Sonne nach Gottes Willen um die Erde. Das ist insofern praktisch, als sie damit sowohl eine flache als auch eine runde Erde mit Sonnenauf- und -untergängen versorgen können.

Die Lehrpläne weltlicher Schulen stellten für den Großmufti eine ernste Gefahr dar: "Viele Erdkundelehrer behaupten, die Sonne stehe still und sie rotiere nicht. Dies ist eine Lüge und Irreführung. Diese Leute belügen die Menschen. Sie verstoßen gegen den Koran, die Überlieferung und die Äußerungen der muslimischen Vorfahren ... . Falls die Erde sich tatsächlich bewegt (rotiert), würde dies bedeuten, dass man sein Ziel (durch Bewegung) nie erreichen würde. Diejenigen, die ihre Schülern so etwas lehren, prägen damit atheistische Menschen."

Bandar Al-Khaybari erklärt warum es keine Erdrotation geben kann

Ibn Baz musste Rückschläge hinnehmen. Die Passagen zur Verteidigung des geozentrischen Weltbildes fielen zu Beginn der achtziger Jahre der königlichen Zensur zum Opfer. Doch dass selbiges Weltbild bei den Hütern der heiligen Stätten in Mekka und Medina weiterhin gelehrt wird, bewies im letzten Jahr Bandar Al-Khaybari. Der einflussreiche Prediger erlangte mit einem Youtube-Video  kurzzeitige internationale Berühmtheit, als er den Gläubigen in Mekka nachvollziehbar erklärte, warum es gar keine Erdrotation geben kann. In Richtung der Erddrehung könnte ja kein Flugzeug sein Ziel erreichen.

Wenn krude Gedanken dieser und anderer Art wie dereinst allenfalls im traditionellen Verbreitungsgebiet der Prediger aus Mekka Anklang fänden, könnten wir – wie bei den doofen Amerikanern - wieder überlegen lächeln und uns an unserer europäischen Aufgeklärtheit erfreuen.  Sollte uns wirklich beeindrucken, dass „als ein Gottloser hingerichtet“ werden soll, wer seine Meinung nicht ändert, wie dieser Doyen der Salafisten einst schrieb?

Natürlich muss Freiheit auch für jeden Unsinn gelten. Jeder darf behaupten, die Erde sei eine Scheibe, Engel tragen die Sonne um die Erde und im Paradies warten 72 Jungfrauen. Aber dass die Jünger von Geistlichen wie Ibn Baz oder Al-Khaybari oder die Anhänger von Imamen, die in deutschen Moscheen das Schlagen von Frauen und das Töten von Juden anempfehlen, besonderen Respekt verdienen, will sich mir nicht erschließen. Dass ich als Einheimischer mit den Zuwanderern, die von diesen Lehren geprägt sind, das Zusammenleben „täglich neu aushandeln soll“, wie es mir unsere Integrationsbeauftragte empfiehlt, finde ich eine Zumutung.

Nicht nur für mich und meinesgleichen, sondern vor allem für die Flüchtlinge, die tatsächlich Schutz vor den brutalen Einfältigen aus ihrer Heimat suchen und ihn hier nur unzureichend finden, weil wir mit den Verfolgten die Verfolger gleich mit eingeladen haben. Was heißt da dann aushandeln? Wenn wir in unserem Bild bleiben, sollte Kompromiss dann sein: Wir gestehen zu, dass die Erde eine Scheibe sein könnte und Ihr bringt diejenigen nicht um, die das bestreiten? Die neue Welt verspricht spannend zu werden.

Dieser Text wurde zur Erölffnung der sehenswerten  Ausstellung „Die Erde ist eine Scheibe“ in der Galerie bild plus in Berlin-Friedrichshagen geschrieben und vorgetragen. Verschiedene Künstler haben die aus ihrer Sicht passenden Werke zu diesem Motto beigesteuert. Ich wurde gefragt, meine Gedanken zu dem Satz zu einem Text zu formulieren, einem Text zur Eröffnung, auch wenn er sich auf keines der gezeigten Werke bezieht.

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Leserpost (3)
Marcel Seiler / 22.06.2016

Es berührt die Frage der Gleichwertigkeit der Kulturen. Theoretisch/ästhetisch ist eine solche Gleichwertigkeit ja sehr schön. Aber unser westlicher Wohlstand beruht eben auf den empirischen Naturwissenschaften sowie auf unserer Gesellschaftsordnung, die Marktwirtschaft und Demokratie verbindet, nicht auf der Naturwissenschaft der Bibel oder des Korans und nicht auf den tribalen gesellschaftlichen Regelungen des Islam. Allein dadurch, dass die Muslime bei uns einwandern, erkennen sie implizit an, dass unsere Gesellschaftsordnung besser ist als ihre - sonst würden sie ja zu Hause bleiben. Erst wenn die islamischen Gesellschaften Einwanderer aus aller Welt anziehen, sollten wir anfangen, uns überhaupt Gedanken über die mögliche Gleichwertigkeit oder Überlegenheit von deren wissenschaftlichem oder kulturellem System zu machen. Im Moment sollten wir damit gar nicht anfangen: The proof of the pudding is in the eating, sagen die Engländer. Und die einwandernden Muslime wollen eben unseren Pudding essen, nicht den ihren.

Martin Osterloh / 22.06.2016

Nur eine kleine Anmerkung: Die Sonne rotiert tatsächlich.

Carl Schurz / 22.06.2016

Natürlich rotiert die Sonne. Als glühende Gaskugel am Äquator schneller als an den Polen. Pro Umdrehung gut 26Tage. Sie bewegt sich auch noch durch das Weltall. :-)

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