Henryk M. Broder / 21.01.2016 / 09:05 / 9

Die edlen Wilden und die entnervten Gutmenschen

Emma Lazarus, 1849 in New York als Kind jüdischer Migranten geboren, hat eines der schönsten und bewegendsten Gedichte der Neuzeit geschrieben: The New Colossos. Darin heißt es u.a.:

Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, den elenden Unrat eurer gedrängten Küsten; schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen. Hoch halt’ ich mein Licht am gold’nen Tore!

Das goldene Tor war die damals im Bau befindliche Statue of Liberty auf Liberty Island im Hafen von New York, ein Geschenk des französischen Volkes an das amerikanische Volk. Das 1883 von Emma Lazarus verfasste Gedicht war Teil einer Kampagne, um Spen-den für den Bau des massiven Sockels zu generieren, auf dem die Freiheitsstatue stehen sollte. Das Monu-ment wurde 1886 eingeweiht, aber erst 1903 hat man Emma Lazarus die Ehre erwiesen und ihr Gedicht auf einer Bronzetafel verewigt.

Mehr als ein Jahrhundert später scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Die geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen, strömen neuen Gestaden entge-gen, diesmal nicht in der Neuen, sondern in Alten Welt.  Allerdings, sie werden nicht von einem 93 Meter Symbol aus Eisen und Stein begrüßt, sondern von Hausfrauen, Studenten und Rentnern, die „Refugees Welcome!“-Plakate hochhalten.

Eine Weile sah es in der Tat danach aus, als ob Europa das Amerika des 21. Jahrhunderts werden könnte, neue Heimat für Millionen von Einwanderern, die sich ein Leben in Freiheit, Sicherheit und Wohlstand wünschen.

Die Illusion währte kurz und beruhte auf Gegenseitigkeit. Die einen glaubten, sie seien willkommen, die anderen, es kämen vor allem Ärzte, Facharbeiter und Ingenieure, die Deutschland helfen würden, sich zu verjüngen und seine Rentenprobleme zu beheben.

Inzwischen hat sich die „Willkommenskultur“, wie jede euphorische Aufwallung, weitgehend beruhigt und der Wirklichkeit Platz gemacht. Bis zu einer halben Millionen „Schutzsuchende“ sind untergetaucht; mindestens ebenso viele „leben“ in so genannten „Erstaufnahmeeinrichtungen“, dezentralen Internierungslagern, und warten darauf, registriert und „gerecht umverteilt“ zu werden, ob auf die einzelnen Bundesländer oder auf die Staaten der EU, das muss erst geklärt werden.

Derweil werden in großer Hektik neue Gesetze verabschiedet, um den „Zuzug“ der Migranten zu begrenzen, Länder wie Algerien und Marokko sollen zu „sicheren Drittstaaten“ befördert und abgelehnte Asylbewerber „schneller“ abgeschoben werden. Es ist, als würde der Kapitän eines auf Grund gelaufenen Bootes anfangen, Platzkarten zu verteilen und überzählige Passagiere über Bord zu kippen, derselbe Kapitän, der vor der Abfahrt verkündet hatte, es wäre genug Platz für alle da, man werden die Reise schaffen.

Deutschland hat sich übernommen. Schweden, Österreich, Holland und Belgien ebenso. Griechenland und Italien dienen nur als Transitstationen, und die   neuen EU-Länder im Osten wollen sich dem Diktat aus Brüssel nicht beugen. Mit einem Wort: Europa steht wieder am Abgrund. Und während eine Initiative an der Technischen Universität Darmstadt, die „das Sprachbewusstsein und die Sprachsensibilität in der Bevöl-kerung fördern“ möchte, „Gutmensch“ zum Unwort des Jahres ernennt, weil es „Toleranz und Hilfsbereitschaft pauschal als naiv, dumm und weltfremd“ diffamiere, kursieren im Netz zahllose von Gutmenschen verfasste Gebrauchsanweisungen für den Umgang mit Flüchtlingen, z.B. diese: „Einige Grundregeln zum Umgang mit den Flüchtlingen: Den Flüchtlingen ihre Würde zu lassen (als oberstes Gebot); die Kultur- und bisherige Lebensform der Flüchtlinge zu respektieren; das Überstülpen unserer Lebensgewohnheiten (z.B. morgens früh aufstehen, mittags kochen, usw.) zu vermeiden…“

Seit kurzem melden sich aber auch frustrierte Gutmenschen zu Wort, die entnervt aufgegeben haben, wie eine Hamburger Sozialarbeiterin, die unbedingt in einer Erstaufnahmestelle arbeiten wollte: „Natürlich darf man auf keinen Fall pauschal über alle Flüchtlinge urteilen, es gibt unter ihnen viele, die sehr freundlich sind, sehr dankbar, sehr integrationswillig, sehr froh hier zu sein. Aber wenn ich ehrlich bin, dann ist die Zusammenarbeit mit 90 Prozent von denen, die ich treffe, eher unangenehm und leider nicht so, wie ich mir das vorher gedacht habe.“

So hat sich „das“ auch die Kanzlerin nicht vorgestellt, als sie eine „Erstaufnahmeeinrichtung“ besuchte, wo sie mit Flüchtlingen für Selfies posierte. Der deutsche Umgang mit Angehörigen fremder Kulturen ist von Unkenntnis und Naivität geprägt. Und wenn sie merken, dass die „edlen Wilden“, deren Lebensform sie respektieren wollen, nicht ganz so „edel“ sind, wie sie gehofft haben, dass die Zugereisten auch aufdringlich, fordernd und grob sein können, wie Menschen nun einmal sind, dann lassen sie enttäuscht den Griffel fallen.

Und das ist es, was den großen Unterschied zu den USA ausmacht. Wer in die USA kommt, weiß, dass er arbeiten muss. Wer nach Deutschland kommt, weiß, dass es ein „System“ gibt, das sich um ihn kümmert. Dieses System hat sich inzwischen zu einer gigantischen Industrie entwickelt, in der Milliarden umgesetzt werden. Für die Anmietung von Unterkünften, für ärztliche Versorgung, für Erwachsenenbildung und Kinderbetreuung, für Sicherheitspersonal und um die Neujahrsansprache der Kanzlerin ins Arabische zu übersetzen.

Diese Art der Rundumversorgung entspricht durchaus den Erwartungen der Versorgten, die aus Ländern kommen, in denen staatlichen Leistungen mit Wohlverhalten vergolten werden. Lassen diese Leistungen nach oder werden sie als unzureichend empfunden, werden die Untertanen ungehalten. „Soziale Verwerfungen“ sind die Folge.

Die Amerikaner machen es anders. Wer nicht schwimmen kann, muss schwimmen lernen, egal wie kalt das Wasser ist. Ich habe vor Jahren in Virginia ein Ehepaar getroffen, das sich in Deutschland auf der Durchreise kennengelernt hatte. Sie kam aus Kroatien, er aus China. Beide wollten in die USA und schafften es, ein Visum zu bekommen. Nach ihrer Ankunft wurden sie von einer Bürgerinitiative sechs Monate lang betreut. In dieser Zeit fassten sie Fuß im Hotel- und Gaststätten-gewerbe und arbeiteten sich hoch, bis sie genug gespart hatten, um einen eigenen kleinen „Dim Sum“-Laden aufzumachen, „ein Loch in der Wand“, wie sie sagten, gerade groß genug, damit er hinten die Dim Sum zubereiten und sie die Teigtaschen vorne verkaufen konnte.

Heute haben sie drei Restaurants, und die drei Kinder besuchen private Schulen.

Wären sie in Deutschland geblieben, würden sie wohl noch immer Integrationskurse besuchen, deren Anbieter ein Interesse daran haben, die Kundschaft nicht zu verlieren. Das ist ein Luxus, den sich nur ein Sozialstaat leisten kann. Aber irgendwann stellt sich die Frage, wie lange der Staat sozial handeln kann, wenn er immer mehr Menschen versorgen muss. Wann ist der Kuchen alle?
Deutschland ist auf dem Wege in ein Einwanderungsland. Das, so heißt es, sei der Preis der Globalisierung. Der stellvertretende Vorsitzende der SPD, Ralf Stegner, hat vor kurzem gesagt: „Wir müssen aufhören, die Welt mit Scheuklappen zu betrachten. Und wir werden bereit sein müssen, unseren Wohlstand zu teilen. In einer globalisierten Welt funktioniert es nicht mehr, dass ein Teil in Reichtum und Frieden lebt, während andere Regionen in Krieg und Not versinken.“

Demnächst also werden sowohl Wohlstand wie auch Krieg und Frieden neu verteilt werden. Bei uns wird es weniger Wohlstand und weniger Frieden geben, in den bis jetzt armen Ländern dagegen mehr Wohlstand und weniger Krieg. Einer globalisierten Welt zuliebe. Das ist der neue Koloss, die Heimat der vom Sturme Getriebenen. Jetzt muss sich nur noch ein Dichter finden, der ihm ein Gedicht auf den Leib schreibt.

Zuerst erschienen in der Zürcher Weltwoche

 

Leserpost (9)
Beatrice Hamberger / 24.01.2016

Ein Satz zum Kommentar von Herrn Disch: Grenzschließung kostet ein Bruchteil dessen, was die Subventionierung der Flüchtlinge kostet!! Ansonsten scheint er selbst zu Gattung Gutmensch zu gehören und sich selbst ganz toll und schlau zu finden.

Pavel Hoffmann / 23.01.2016

Lieber Herr Broder, wie immer haben Sie die Situation richtig erfasst.  Vielleicht sollte man, um das Bild Deutschland abzurunden, die Situation einer anderen Gruppe von Immigranten den sog. Kontingentjuden erwähnen. Es waren ca. 220.000 Menschen. Die meisten von Ihnen waren tatsächlich Ärzte, Ingenieure, Lehrer und Facharbeiter. Sie haben weder Willkommen Kultur erlebt noch wurde den meisten erlaubt in eigenem Fach zu arbeiten. Deshalb leben viele von ihnen heute als Rentner aus Sozialhilfe. Erst die zweite Generation spricht oft besser Deutsch als die Biodeutschen und ist nicht nur integriert aber oft auch assimiliert was nach Meinung von Erdogan ein Verbrechen ist. Deshalb frage ich mich, warum erwartet man von den jetzigen Flüchtlingen aus rückständischen islamischen Staaten eigentlich mehr als von jüdischen Flüchtlingen aus einem europäischen Staat mit nahezu gleicher Kultur wie die unsere.

Frank Wartner / 23.01.2016

Herr Disch, einem aufmerksamen Leser bleibt nicht verborgen, dass Herr Broder sehr wohl Antworten liefert. Dies geschieht z.B. im Hinblick auf die USA und deren Einwanderungspolitik, bei der eben nicht staatliche Alimentierung, sondern die Hilfe zur Selbsthilfe als Leitgedanke dient. Auch ihr Einwand, dass die Grenzschließung einen Milliardenverlust für die deutsche Wirtschaft darstelle, kann sehr leicht mit dem Gegenargument beschattet werden, welche Verluste uns ins Haus stehen, wenn die Grenzen offen bleiben. Cui bono kann man hier nur fragen.

Anne Leppinger / 23.01.2016

Zum Kommentar von Herrn Disch: Demokratie heißt nicht nur Toleranz der eigenen Meinung zu üben. Die Diffamierungen zeugen nur vom Unvermögen sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die das eigene Denkspektrum übersteigen. Gewiss..wir brauchen dringend Lösungen. Dazu brauchen wir zu allererst eine Analyse des Zustandes. Dafür sind intellektuelle Köpfe wie Broder allemal wichtig. Köpfe die sich nicht vom Mainstream leiten lassen…

Wolfgang Richter / 22.01.2016

Sehr geehrter Herr Broder, ich kann Ihren Text nur unterstützen. Und wenn der Herr Disch nach einer Lösung fragt, so habe ich eine ganz einfach u. zügig umzusetzende: Grenzen zu sofort, vor allem bezüglich der Leute, die aus sicheren Ländern und ohne Ausweispapiere dort ankommen, d. h. auch zur Abweisung all derer, die unter Art. 16 a Abs GG fallen u. die danach hier überhaupt keinen Asylanspruch begründen können, was diese unsere Regierungshandelnden sich weigern zur Kenntnis zu nehmen, die Gutmenschen im übrigen auch, denn die entstehenden Kosten zahlt die Allgemeinheit, keiner von denen als Bürge für einen sog. Flüchtling oder dessen gesamter Familie. Über die Verwendung von finanziellen Mitteln, die mir nicht gehören, zu befinden, ist ja auch einfach. Das ist wie mit der Versicherung, die im Schadenfall mit einer überhöhten Regulierungsumme “abgezockt” wird, weil das ja auch nur eine anonyme Masse schädigt, nämlich die namenlose Schar der Versicherungnehmer- / Prämienzahler. Die 5 Milliarden, die die dt. Wirtschaft angeblich durch Grenzschließungen verlieren würde, mag sie A) nachweisen, B) setzen deren Führer soweieso von der Steuer ab, C) sind selbst wenn sich diese Summe bestätigen sollte, ein Schnäppchen im Vergleich zu den ca. 25 - 35 Milliarden, die der Steuerzahler Minimum jährlich für Unterbringen u. Versorgung an die “Zuwanderer-Versorgungs-Industrie” abführen darf, auf 10 Jahre laut Sozial- / Rentnenrechner ca. 900 Milliarden Euronen, sovern der glückliche Umstand eintreten könnte, daß in der Zeit wenigstens 10 % der Zuwanderer an einen Arbeitsplatz gelangen, durch dessen erarbeiteten Lohn sich sich u. die Familie selbast versorgen können. PS: Im übrigen stellt sich für mich die Frage der rechtlichen Beurteilung der Verausgabung von Steuergeldern für einen rechtswidrig vom Personenkreis der Verausgaber herbei geführten Zustand.

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