Günter Ederer / 10.08.2016 / 06:00 / Foto: Dantadd / 7 / Seite ausdrucken

Die Deutschen und die Türken (2): Im Fadenkreuz der Nationalisten

Die Spannungen zwischen den Kemalisten und den Militärs mit der Bundesrepublik Deutschland in den siebziger Jahren muten heute wie aus einer anderen Welt an. Die türkische Regierung war der Auffassung, dass Deutschland dem Islam zu viel Rechte einräumt.  Atatürk hatte in seiner radikalen Hinwendung zur Moderne die strikte Trennung zwischen Religion und Staat durchgesetzt. Koranschulen waren verboten, das Tragen von Kopftüchern auch. Er schuf eine Behörde, das DIYANET, das dafür verantwortlich war, dass der Glaube Privatsache blieb und zum Beispiel keine staatlichen Gelder für den Bau einer Moschee verwendet wurden. Das DIYANET war also eine Art Überwachungsbehörde um islamische Tendenzen zu unterbinden und zu kontrollieren. 

Die Regierungen in Ankara beschwerten sich damals immer wieder, dass in Deutschland Koranschulen zugelassen würden, dass die Behörden nicht wüssten, was darin vorgehe und dass Deutschland die Basis für rechte und islamische Gruppierung in der Türkei wären. Unter der Überschrift: "Religionsfreiheit" schützte die deutsche Regierung sogar Eiferer und Islamisten, wie den selbsternannten Kalifen von Köln, Metin Kaplan, der in seinen Predigten Morddrohungen gegen die laizistischen Politiker in Ankara ausstieß.

Mit der zunehmenden Ansiedlung und dem Anwachsen der türkischen Gettos wuchs auch eine türkische Volksgruppe, die viel weiter rechts stand, als die Mehrheit der Türken in der Türkei. Bis weit in die 80er Jahre gab es in Duisburg und Berlin mehr Kopftücher als in Istanbul und Izmir. Völlig unbeachtet von der deutschen Mehrheitsgesellschaft kassierten die rechtsradikalen Grauen Wölfe in Deutschland "Steuern" von ihren Landsleuten, bauten eine Infrastruktur auf, die im Schutz der deutschen Religionsfreiheit in der Türkei den Rechtsradikalismus förderte.

Immer mehr Radikale operieren unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit

Die Moscheen dienten dabei nicht nur als religiöser Mittelpunkt, sondern befriedigte auch den Wunsch, mit Seinesgleichen zusammen zu kommen, half, das Heimweh zu überwinden. Alles völlig normale Entwicklungen, die es bei den sogenannten "Expatriots" aller Rassen, Nationen und Religionen gibt. (In Tokyo trafen sich die Deutschen im "Ex" bei Bouletten und Schnitzel).

Aus den Arbeitskräften, die nur Geld verdienen wollten, war eine Ausländergruppe geworden, um die sich in Deutschland niemand so recht kümmerte. Dafür wurden sie umso mehr von dem zunehmend religiösen Staat umworben. Necmettin Erbakan, Ministerpräsident bis er vom Militär gestürzt wurde, förderte den Islamverein Milli Görüs, der einen rechtskonservativen und religiösen Einfluss auf die türkische Bevölkerung nahm und immer noch nimmt. Schon im September 2001, in der gleichen Woche, in der der Terrorakt auf New York die Welt veränderte, erzählten mir junge Mädchen in Duisburg-Marxloh, dass sie von Milli Görüs gezwungen wurden, Kopftücher zu tragen. Das hat damals keine deutsche Behörde interessiert. Unter der Überschrift:" Religionsfreiheit" wurde eine vorgebliche Liberalität mit  "scheißegal" verwechselt.

Die Selbstbezichtigungen, die deutsche Gesellschaft habe es versäumt, die Türken zu integrieren, ist Unsinn. Diejenigen, die das Leben in Deutschland als Chance sahen, hier eine Existenz aufzubauen, konnten das und haben es auch gemacht. Diejenigen, die ihre Frau zuhause bewachten, die Familie mit türkischen TV-Sendern berieselten, ihren Töchtern an der kurzen religiösen und türkisch-anatolischen Leine führten, ihren Söhnen dagegen den Stolz einbläuten, ein Türke zu sein, die waren und sind mit keinem Integrationsprogramm zu erreichen. Sie sind in ihrer anatolischen Wertewelt geblieben, ob sie nun zusätzlich einen deutschen Pass erhalten haben oder nicht.

Von unseren Politikern unbemerkt, veränderten sich die Rahmenbedingungen für die "Gastarbeiter", die längst "Anwohner" geworden waren. Das ging los mit den Reformen von Turgut Özal, der als Ministerpräsident die national geprägte, korruptionsdurchseuchte Wirtschaft liberalisierte und so den Wirtschaftsboom auslöste, den sich heute gern der Autokrat Erdogan zuschreiben lässt. Alles deutet daraufhin, dass Özal 1993 vergiftet wurde. Denn Özal versuchte gleichzeitig

nach einem Ausgleich zwischen dem strikten kemalistischen Laizismus und dem immer noch im Volk verwurzelten osmanischen Islam. Zweimal traf ich Özal. Ein Interview mit ihm wurde nie gesendet. Özal - wer? Fragen Sie mal ihren Abgeordneten, ob er weiß, wer die Türkei wirtschaftlich nach vorne gebracht hat. Die Antwort lautet wahrscheinlich: Erdogan.

Mit dem Beginn der wirtschaftlichen Öffnung unter Turgut Özal investierten viele in Deutschland erfolgreiche Türken auch wieder zuhause und legten so mit den Grundstein für den wirtschaftlichen Aufstieg nach der Jahrtausendwende, mit dem sich Erdogan heute brüstet. Wieder gab es keinen Grund, für die Mehrheit der über drei Millionen starke türkische Volksgruppe, sich in Deutschland zu integrieren.

Doppelte Staatsangehörigkeit - doppelte Loyalität

Gleichzeitig fingen naive deutsche Parteigruppierungen an, eine doppelte Staatsangehörigkeit zu fordern, weil dies, so ihr Wunschdenken, die Integration und Loyalität der Türken festige. Als Roland Koch  1999 einen Wahlkampf gegen die doppelte Staatsangehörigkeit führte, wurde er als Ausländerfeind wild beschimpft. Die Erdogan-Jubler, die heute die Großveranstaltungen der Türken in Deutschland prägen, zeigen, dass Roland Koch Recht hatte. Zwei Pässe bedeuten vor allem: Geteilte Loyalität und sich nicht entscheiden müssen, wohin man gehört.

Sie bedeuten nicht, sich für eine freiheitliche, aufgeklärte Gesellschaft, für einen säkularen Staat einzutreten, wie heute hunderttausende Türkendeutsche beweisen. Aber mit der doppelten Staatsangehörigkeit wurde die türkische Volksgruppe in die Lage versetzt, den zunehmend autokratischen Herrscher Erdogan in der Türkei in Deutschland ohne Konsequenzen für sich selbst zu unterstützen. Heute können sie die mittlerweile als faschistisch agierende AKP des Wüterich Erdogan wählen, morgen eine Partei, die genau diesen Autokraten in Deutschland unterstützt.

Waren es früher vor allem die Grünen mit ihrer "Heile-Welt-Naivität", die unter Integration verstanden, dass sich die deutsche Bevölkerung an die türkischen Eigenarten gewöhnen müsse, und die Sozialdemokraten, die in dieser millionenstarken Volksgruppe neue Wählerschichten sahen, so ist es heute vor allem die Merkel-CDU, die eine klare Sprache und deutliche Distanz gegenüber einer nationalistisch und zunehmend auch islamistischen Türkei und Türkendeutschen in der Bundesrepublik vermeidet. Der Tiefpunkt dieser charakterlosen Politik war sicher das Bild von Angela Merkel und Recep Tayyip Erdogan in Ankara 14 Tage vor einer entscheidenden Wahl in der Türkei. Da saß die Repräsentantin eines freiheitlichen Rechtsstaates als Bittstellerin neben einem Wüterich, der sein Land in eine nationalistische Diktatur überführt und macht ihn zum gleichberechtigten Partner, um ihre verheerende Flüchtlingspolitik zu korrigieren.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Demokratie auf türkisch

Leserpost (7)
Rudi Knoth / 10.08.2016

Hallo: Dieser Artikel ist recht interessant und deckt sich teilweise mit meinen Erfahrungen. Nach meinem Türkeiurlaub 1990 kamen die Türkinnen in Hamburg “türkischer”, also mit Kopftuch und teilweise “Vollumantelung”, als die in Bodrum vor. Dann noch eine kleine Anekdote.In dieser Zeit gab es einen Artikel in der Hamburger Morgenpost, daß der Linseneintopf beim Schulessen nicht mit Schweinswürsten sondern mit türkische Rindswürsten serviert wurden. Denn die muslimischen Schüler müssen auch etwas zu essen bekommen. Nun gut, diese Idee ist noch einigermassen pragmatisch.

Helge Kowalski / 10.08.2016

Sehr informative Beiträge! Danke dafür!

Robert Hintermann / 10.08.2016

Die Grauen Wölfe arbeiten unermüdlich weiter an ihrem Traum eines großtürkischen Reiches, das weit über die Grenzen der Türkei reichen soll. In Deutschland handeln sie unter dem Namen „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland“. Wie Erdogan pervertieren sie den Begriff der Demokratie. Die deutschen Geheimdienste schleusen V-Männer in die Szene rein, sind aber aufgrund der vielen Splittergruppen, unter denen die Wölfe auftreten, hilflos. Auch in diesem Fall versteht es eine radikalisierte Gruppe aufs Beste, unsere Werte von Freiheit und Toleranz auszuhöhlen. Merkel wird nicht als Heldin, sondern als Versagerin und Feigling in die Geschichte eingehen, die Gefahren nicht einzuschätzen wusste.  Wie sehr die türkische Regierung auf ihre deutschen Unterstützer setzen kann, konnte bei den Pro-Erdogan-Kundgebungen überall in Deutschland nach dem Putsch beobachtet werden.

Caroline Neufert / 10.08.2016

Nicht nur Koch, auch Frau Merkel war (wie ich ;-)) gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Was wäre, wenn Frau Merkel nicht gesagt hätte, die Syrer können nach D kommen ? Können Sie sich noch an die damalige Situation erinnern ? Ja ? Dann müssten Sie - als vernünftiger und denkender Mann - ihrem Handeln beipflichten.

Stefan Schütz / 10.08.2016

Sehr geehrter Herr Ederer, danke für diese aktuelle und großartige Serie. Aufklärung tut Not - ich lese Ihre Texte immer mit großem Erkenntnisgewinn. Schade, dass Sie nicht Berater der Bundesregierung sind… Mit freundlichem Gruß Stefan Schütz

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