Günter Ederer / 09.08.2016 / 06:00 / Foto: Manfred Werner / 4 / Seite ausdrucken

Die Deutschen und die Türken (1): Alemanci-Häuser und -Traktoren

"Es gibt nichts Größeres auf der Welt, als Türke zu sein," so und ähnlich haben mich oft Türken in ihrem Heimatland oder an ihrem ausländischen Wohnort belehrt, wenn wir in politischen Diskussionen auf die unglückliche Rolle der Türkei im letzten Jahrhundert zu sprechen kamen. Es mag den Türken im Jahrhundert an vielem gefehlt haben, an Nationalstolz jedenfalls hatten sie keinen Mangel.

Als die ersten Gastarbeiter in den sechziger Jahren aus ihren armseligen meist anatolischen Dörfern nach Deutschland kamen, dann war dies für sie, wie ein Einzug in ein goldenes Land namens  "Alemanya". In Dörfern der Provinzen Yozgat und Kayseri zum Beispiel, begrüßten uns die Dorfältesten und ihre Frauen, wuschen unsere Hände mit Rosenwasser, schlachteten eines ihrer wertvollen Schafe und reichten als größte der Ehrerbietung das rohe Hirn des gerade geopferten Tieres.

Sie hatten dabei nur eine Hoffnung: wir sollten einigen Männern in Deutschland einen Arbeitsplatz beschaffen. Drei Arbeiter in Alemanya und das Dorf war gerettet, konnte einen Lastwagen kaufen, um seine landwirtschaftlichen Produkte zu einem Markt fahren zu können. Wer es nach Deutschland schaffte, konnte sich auch einen Traktor kaufen und ein Haus aus Zement und nicht mehr aus Lehm. Überall waren sie zu sehen, die Alemanci-Häuser, Alemanci-Traktoren, Alemanci-Lastwagen.

Rund 1000 Türken fertigte die Außenstelle des deutschen Arbeitsamtes in Istanbul pro Tag ab und schickte sie noch in der selben Nacht nach Deutschland, per Sonderzug oder gechartertem Condor-Jumbo. 1000 pro Nacht, das addierte sich auf über 300 000 im Jahr. Niemand fragte damals danach, ob das gut gehen könne, hunderttausende vor allem jungen Männer aus einem völlig anderen Kulturkreis, mit völlig anderen Lebensgewohnheiten und Wertvorstellungen nach Deutschland zu verfrachten.

Integration? - Kein Interesse nirgendwo

Trotzdem ist die Situation Mitte der 60er Jahre bis 1973 nicht mit der heutigen Einwanderungswelle zu vergleichen. Die Türken wurden am Bahnhof abgeholt, in ziemlich einfache Behausungen gebracht und fingen spätestens am übernächsten Tag an zu arbeiten. Sie alle kamen mit Arbeitsverträgen. Sie alle wollten schnell Geld verdienen, möglichst mit dem eigenen Auto nach Anatolien zurückfahren, um dort zu heiraten. Sie waren eine gute Partie, ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt waren enorm gestiegen. Warum also Deutsch lernen? Die Zukunft lag in der Türkei, in ihrer Heimat und deshalb gab es bis 1973 auch kaum türkische Familien und Kinder in Deutschland.

Das Gerede von der verpassten Integration hat mit der damaligen Realität nichts zu tun. Integration war kein Thema - weder bei den Deutschen, noch bei den Türken. Es gab auch keine ernsthafte Kritik an dieser Arbeiterbeschaffung. Die deutsche Wirtschaft konnte so den rasant steigenden Lohnauftrieb abbremsen, der dank des Exportbooms mit einem falschen Dollar-DM-Wechselkurs zu einer Überbeschäftigung führte. Die Gewerkschaften bekamen massenhaft neue Mitglieder, und die Masse der Deutschen arrangierte sich in dem Bewusstsein, dass sie als für höhere Tätigkeiten ausersehen waren, als für die Mühlabfuhr, dem Steinkohlebergbau und Schwerarbeiten auf dem Bau, das waren die Jobs für die Türken.

Wie aus Gastarbeitern Einwanderer wurden

Das Jahr, in dem sich alles änderte, war 1973, das Jahr der Ölkrise. Über Nacht war es vorbei mit dem Exportboom, und damit mit der Nachfrage nach billigen Arbeitskräften. Das Deutsche Arbeitsamt in Istanbul schloss seine Pforten. Und der Weltökonom, Bundeskanzler Helmut Schmidt, verkündete: Ab sofort werden deutsche Arbeiter bevorzugt eingestellt und wer von den "Gastarbeitern", und damit meinte er vor allem die Türken, das Land verlässt, darf nicht wieder einreisen. Der Kreislauf, dass die Türken, das in Deutschland verdiente Geld in der Türkei investierten und dann wieder zurückkamen, um neues Geld zu verdienen, wurde abrupt unterbrochen. Wer in Alemanya war, blieb besser hier. Mehr und mehr wurden dann die Familien nachgeholt. Die ersten Gettos im Ruhrgebiet und Berlin zeichneten sich ab. In den wirtschaftlich starken Regionen Bayern, Rhein-Main und Baden-Württemberg bildete sich eine türkische Mittelschicht, in den ehemaligen Kohle-, Stahl- und Werftstädten entstanden soziale Brennpunkte mit einer Massenarbeitslosigkeit ehemaliger "Gastarbeiter".

Aber auch für die gab es keinen Grund in die Türkei zurück zu kehren. Arbeitslos in Deutschland war immer noch besser, als arbeitslos in der Türkei. Die taumelte damals zwischen korrupten kemalistischen Politikern, zunehmend religiösen Eiferern, die von dem in Deutschland ausgebildeten Dipl.-Ing. Necmettin Erbakan (Ein Ziehvater des Autokraten Recep Tayyip Erdogan) und putschenden Militärs hin und her, mit deprimierenden Folgen für die Wirtschaft. Doch weder die Türkei noch die sich abzeichnenden türkischen Gettos waren großes ein Thema. Für ein Feature von 45-Minuten bekam ich keine Sendezeit. Das Massaker an den Alewiten von Karaman-Marasch, bei dem weit über 100 Menschen abgeschlachtet wurden, fand gerade noch einen Platz im "heute-journal".

Lesen Sie in der nächsten Folge: Im Fadenkreuz der Nationalisten - die Türken in Deutschland

Foto: Manfred Werner Tsui CC BY-SA 3.0 via Wikimedia

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Leserpost (4)
Jan Neversil / 09.08.2016

Ich kam 1991 nach aus der Schweiz nach Hamburg. Mein Kommentar “Was stimmt hier nicht mit euren Türkenghettos?” sorgte unter den Bekannten aus Künstlerkreisen für Verstimmung und Unverständniss. Dann wurde ich zehn Jahre lang Zeuge des Niedergangs eines grossen Landes zu einem Euro-Slum.  Bei meiner Rückkehr in die Schweiz sah ich meine Heimat mit neuen, dankbaren Augen. Viel Glück, Deutschland. Nichts anderes kann Dich retten.

Caroline Neufert / 09.08.2016

“Niemand fragte damals danach, ob das gut gehen könne, hunderttausende vor allem jungen Männer aus einem völlig anderen Kulturkreis, mit völlig anderen Lebensgewohnheiten und Wertvorstellungen nach Deutschland zu verfrachten.” Wie bei den Sklaven in Amerika war es ja auch nicht das Ziel. Weil Sie Yozgat erwähnten, eine kleine Geschichte. Ich war letztes Jahr dort und lernte die zweite Generation kennen. Der Vater kam wie von Ihnen beschrieben nach Deutschland, arbeitete zunächst in diversen Metallfabriken bis er dann die erste türkische Zeitung in D herausbrachte, damit viel Geld verdiente, sich ein sehr schönes Anwesen (Hotel) auf dem Berg in Yozgat, umgeben von Pinienwäldern baute und starb. Der Erstgeborene und die Tochter wollten nicht, also musste der Zweitgeborene, Ende 20, aufgewachsen in Nurnberg, perfekt “integriert” zurück ins entlegene Yozgat, um das Hotel zu betreiben. Keine Lust und keine Ahnung (was man sah), nur noch verkaufen. So habe ich selten ein so opulent aufgebautes Frühstücksbüffet mit tollem Service erlebt - ich war die einzige Gästin ;-) und hörte gern den Geschichten zu ... Ein Grund, um in die Türkei zurückzukehren bzw ganz schnell wieder nach D:-). Bin gespannt auf Ihre Fortsetzung.

Gerhard Alfred / 09.08.2016

Sehr gute Recherche, weil Herr Ederer diese Situation auch selbst durchlebt hat. Nun brachten die Gastarbeiter nicht nur ihre Arbeitskraft mit, sondern auch ihre Hoffnungen, Sorgen und Kulturen. Das deutsche Anwerbe- und Wirtschaftssystem hat die meisten Dinge nicht zu Ende gedacht, wie auch. Man hat sehr mechanistisch wie ein Lichtschalter gedacht: Licht ein, Licht aus - basta.  Die heutigen Probleme sind noch komplexer, eine starke Regressionsbewegung unter unseren Türken lässt sich ausmachen, Welten und Weltanschauungen treffen mehr denn je aufeinander, die Probleme der Türkei werden nach uns verlagert. Ich freue mich auf die Fortsetzung, die von Herrn Ederer, meine ich.

JF Lupus / 09.08.2016

Politiker wie Altkanzler Schmidt, NRW-MP Heinz Kühn und sogar Brandt haben schon früh erkannt, dass zu viele Zuwanderer aus einem inkompatiblem Kulturkreis unweigerlich zu Spannungen und kriegerischen Auseinandersetzungen führen müssen, dass man frühzeitig die Zuwanderung stoppen muss. Niemand hätte deswegen einen dieser führenden SPD-Politiker damals als Nazi oder Rechtspopulisten bezeichnet.

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