Chaim Noll, Gastautor / 24.05.2017 / 14:30 / Foto: Cornova / 5 / Seite ausdrucken

Der “Trump-Flüsterer” und die Stereotype des Judenhasses (1)

Jared Kushner ist mir ziemlich fern, auch das Milieu, in dem er aufgewachsen ist, das Land, in dem er lebt, ich weiß fast nichts von ihm, außer, dass er im Immobilienhandel – einem mir unbegreiflichen Geschäft – reich geworden ist und heute Schwiegersohn eines Mannes, der kürzlich, zum Ärger vieler, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde. Was ich mit Kushner gemeinsam habe, ist der Umstand, dass ich Jude bin wie er, noch dazu einer, der sein Jude-Sein nicht bedauert und nicht verbergen will.

Und aus diesem Grund, weil ich Jude bin wie Kushner, kann ich nicht ohne leichtes Grausen lesen, wie deutsche Medien den Schwiegersohn und Berater des ihnen unliebsamen amerikanischen Präsidenten darstellen. „Der Einflüsterer“ nannte ihn Die Zeit bereits am 22.November 2016 (als er noch gar keinen Posten im Weißen Haus hatte), die Süddeutsche Zeitung, in phantasieloser Abwandlung, „Der Trump-Flüsterer“. Für den Spiegel ist er „der Schatten“. Zugleich wird Präsident Trump als gefährlich und unberechenbar dargestellt, womit das Bild perfekt wäre. Der als „Einflüsterer“ oder „Schatten“ hinter einer gefährlichen, unberechenbaren Macht stehende Jude ist ein geradezu klassisches Stereotyp des Judenhasses.

Das gilt keineswegs nur für die Vergangenheit. Die Juden als schattenhafte Drahtzieher internationaler Intrigen, als wahre, wenn auch geschickt verborgene Ursache des Übels, das über ahnungslose Völker kommt – wir finden dieses Bild auch heute weit verbreitet, zum Beispiel im tagespolitischen Schrifttum islamischer Länder, in Zeitungen, Zeitschriften, pseudo-religiösen Traktaten oder in den zahllosen arabischen Übersetzungen der „Protokolle der Weisen von Zion“. In ihrer lesenswerten Studie „Kritik des islamischen Antisemitismus“ zitiert die Antijudaismus-Expertin Ulrike Marz unter anderem aus einer Propaganda-Schrift der Revolutionären Garden des Iran: „The Jews, as always, have been the forerunners and planners of conspiracies (…) Many Muslims have been murdered by the hidden hand of the Jews, with similar regimes imposed by them on Islamic countries, and conspiracies have conspired against the dear Islam.“

Zeit, Süddeutsche und Spiegel begnügen sich vorerst damit, eine Aura des Unheimlichen um Jared Kushner zu weben, den „Einflüsterer“ im Weißen Haus. Sie verdächtigen ihn, arbeiten mit Vermutungen, anonymen Quellen, unbewiesenen Behauptungen. Gelegentlich stößt sich ein Leser dieser Medien daran, wie kürzlich im Leserforum von Spiegel Online: „Namenlose Kronzeugen, anonyme Quellen, Konditionalsätze, könnte, hätte, sollte, würde, falls, wenn, angeblich – wirklich sehr seriös!“ Und manchmal, seltener, fällt sogar den SchreiberInnen das Substanzlose ihrer Nachrede auf, wie der Autorin der Zeit, die an einer Stelle ihres „Einflüsterer“-Pamphlets eingestehen muss: „Dass dies auf Betreiben Kushners geschah, lässt sich nicht belegen.“

Belege sind auch nicht das Entscheidende beim Schüren einer Stimmung. Eindrucksvolle Bilder sind gefragt wie das vom Schattenmann und seinem unheimlichen Wirken. Judenhetze beginnt mit der Dämonisierung der zukünftigen Opfer. Diese erste Phase des judenfeindlichen Konstrukts haben die deutschen Leitmedien in ihrer Darstellung Jared Kushners erreicht. Ich hoffe für Deutschland, dass es diesmal dabei bleibt.

Als zweiter Beitrag dieser losen Reihe ist erschienen: Stereotype des Judenhasses (2): Jetzt ist Trumps Anwalt Michael Cohen dran.

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Leserpost (5)
Werner Arning / 25.05.2017

Kushner wird schon allein deshalb zur Unperson, der man grundsätzlich misstraut, weil er mit Trump zusammenarbeitet und obendrein noch sein Schwiegersohn ist. Trump kann tun und lassen was er will, es wird kein gutes Haar daran gelassen. Selbst politisch Desinteressierte müsste die Einseitigkeit der Berichterstattung in deutschen Medien langsam abstoßen. Dass Kushner auch noch Jude ist, mag manchen Antisemiten zusätzlich zu motivieren, ihn verdächtig zu finden.

JF Lupus / 25.05.2017

Würde über Moslems so berichtet wie über Juden, der Aufstand der “Anständigen” wäre sicher und die Rufe “Nazi” unüberhörbar. Aber es sind ja nur die Juden… Ich habe nichts zu tun mit den Greueltaten des Hitlerregimes und fühle deshalb weder Schuld nich Verantwortung. Dass gegen Juden gehetzt werden darf, während über eine mörderische Ideologie nicht einmal die Wahrheit gesagt werden darf, das ist unfassbar.

Lutz Herzer / 25.05.2017

Einen Präsidenten, der Waffen im Wert von über 100 Mrd. Dollar an letztlich unberechenbare Despoten, nicht allzu weit von von Israel entfernt, verkauft, den halte auch ich für nicht ganz ungefährlich. Und dem smarten Herrn Kushner sollte jemand mit Einfluss auf ihn den Rat geben, öfter mal eine Bildbreite Abstand zu seinem Schwiegervater zu halten. Der amerikanische Wähler hat keine Family-Soap geordert, sondern wurde von einem allnächtlich wiederkehrenden Gespenst namens Hillary in die Fänge eines Mannes getrieben, der sich nun um die Lösung seiner Probleme kümmern soll. Wenn das alles nicht in absehbarer Zeit gelingt, könnte Herr Kushner vielleicht noch wünschen, man hätte ihn nie gesehen. Das Gemunkel in deutschen Medien in der Vergangenheit dürfte dann wohl das geringere Problem sein. In den USA gärt schon lange ein Antisemitismus vor sich hin, der keineswegs dem Fehlen einer Importsteuer auf deutsche Produkte zuzuschreiben ist.

Michael Fasse / 24.05.2017

Sehr geehrter Herr Pöhling! Die religiös geprägte Sichtweise aus der aktuellen Weltpolitik herauszuhalten, ist zum einen nicht möglich, weil der Mensch nunmal ein religiöses Wesen ist und zum anderen würde es das Verständnis für die Ursachen des Antisemitismus unmöglich machen. Was glauben Sie denn, was die Wurzel des Antisemitismus ist? Es ist, um es mal sehr allgemein auszudrücken, nichts anderes als die Religion. Israel ist Gottes auserwähltes Volk. Es hat einen von allen anderen Völkern zu unterscheidenden Status. Es ist nicht besser als andere Völker aber es wurde aus allen Völkern herausgehoben, um den göttlichen Heilsweg zu tragen…. Und schwupp, sind wir mitten drin in der Religion. Der Wahnsinn des Antisemitismus und sein unerklärlicher Umfang lässt sich nicht menschlich, psychologisch oder politisch erklären. Hier sind tiefere (geistliche) Ursachen am Werk, die mit Gott und mit dem Transzendenten zu tun haben. Ich bin absolut dafür, das Geistliche (Religion) vom Weltlichen (Politik) zu trennen, so wie Martin Luther es ausführlich in seiner Zwei-Reiche-Lehre erklärte. Um es platt zu erklären: Die Welt kann nicht mit Religion regiert werden. Und die Gewissen dürfen nicht mit weltlichem Zwang regiert werden. Aber zum Verständnis des Antisemitismus brauchen Sie die “Religion”. Und die endgültige Beendigung des Antisemitismus wird in einer unbekannten Zukunft dem wiederkehrenden Gründer der christlichen Religion vorbehalten sein. Bis dahin bin ich mit Ihnen sehr dafür, alle rechtsstaatlichen Hebel in Bewegung zu setzen, die Auswüchse des Antisemitismus zu bekämpfen. Mehr können Menschen nicht tun.

Ralf Pöhling / 24.05.2017

Das alte und unausrottbare Klischee: Staaten und international einflussreiche Organisationen betreiben Geopolitik. Es sei denn, es sind Juden beteiligt. Dann ist es keine Geopolitik mehr, sondern eine Verschwörung… Es ist dringend geboten, religiös geprägte Sichtweisen aus der aktuellen Weltpolitik herauszuhalten, sonst bekommen wir keine rechtsstaatliche, sondern eine religiöse Lösung für die aktuellen Probleme. Und was das bedeutet, zeigt der Blick in die Geschichtsbücher.

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