Beda M. Stadler / 26.10.2008 / 21:35 / 0 / Seite ausdrucken

Die Biologie erklärt den Geist

Die Naturwissenschaft bedroht den Dualismus von Körper und Geist
Die Biologie entwickelt sich zu einer Geisteswissenschaft. Das wird einigen auf den Geist gehen. Wie schön war es doch bis anhin, als allen klar war: Wir sind zweigeteilt in einen Körper und einen Geist. Dieser Dualismus wird immer noch von den meisten Leuten gern geglaubt. Warum sollte man daran zweifeln?…

An vorderster Front sind es Theologen die sich immer wieder Geistreiches zu Geist und Geistern ausdenken. Wer nicht Geisteswissenschaftler ist, gehört meist nicht zur Denkelite, man wird zum Experten, sprich Fachidioten, so habe ich es oft empfunden. Zum Beispiel, während der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Gentechnik herrschte akuter Mangel an Gegen-Experten. Da sich die Geisteswissenschaft vornehm zurückgehalten hat, machte man Gegen-Experten aus Menschen mit so wissenschaftsfremden Berufen wie Klavierlehrerin oder Biobauer. Wen wundert’s, in den Schulen haben heute Biologielehrer oft den Status eines Gesanglehrers.

Als die Physiker sich den Anfang des Universums mit einem Big Bang ausdachten, war dies für die meisten Dualisten kein Problem. Sie postulierten einen Geist, der schon immer da war und den Knopf drückte. Die geistige Revolution der Physiker hat somit die Menschheit anscheinend kaum erschüttert, zumindest setzte kein globales Umdenken ein. Die Zweiteilung von Körper und Geist belebt schliesslich massgeblich die Alternativ- und Wellness-Industrie. Ohne geistige Wirkung würden die Gestelle einer modernen Drogerie fast leer sein, bis auf Produkte die Weingeist enthalten. Selbst jetzt, da Physiker mit von Menschen geschaffenen Gottesteilchen und dem Risiko eines schwarzen Löchleins drohen, verblasst dies neben den Geistesblitzen einiger Geisteswissenschaftler. Professor Ratzinger, alias Papst Benedikt XVI, hat sich oft als Geisteswissenschaftler zu Wort gemeldet. Man darf daher gespannt sein, welche Art von Geist von den 3000 Exorzisten, die der Vatikan sucht, bekämpft werden soll.

Die Frage ist, ob sich die Biologie zur neuen Leitwissenschaft gemausert hat, so zusagen klammheimlich die Geisteswissenschaften links überholt hat. Angefangen hat es bei Charles Darwin, dessen zwei Hundertster Geburtstag wir nächstes Jahr feiern. In der Folge haben die Evolutionsbiologen festgestellt, der Mensch hat keinen freien Willen. Obwohl dies eine Invasion in den Bereich der Geisteswissenschaften war, kam die neue Erkenntnis dort bloss als Meinung an. Es kann ja jeder seine eigene Meinung haben! Ein befreundeter Evolutionsbiologe hat mir kürzlich mit der Feststellung zu denken gegeben: „Wer an den freien Willen glaubt, soll versuchen den Harndrang zu bezwingen.“

Im Sog der Evolutionstheorie haben die Biologen Dolly, Genmais und Konsorten geschaffen, die nun offensichtlich derart geistvolle Produkte sind, dass man sich davor fürchtet. Dabei sind dies bloss Experimente, pure Rationalität, und keine Geistesblitze der Geisteswissenschaftler wie etwa Rechtssysteme, politische oder gar religiöse Systeme vor denen man sich nicht nur fürchten, sondern unter denen man erwiesenermassen leiden kann. Alte Witze haben einen Kern Wahrheit: „Hätte man den Kommunismus im Tierversuch getestet, wäre er nie eingeführt worden.“

Für den Laien wird der Dualismus allerdings Realität bleiben, solange „Out-of-the-Body-Erfahrungen“ (der Patient sieht sich selber auf dem OP liegen) als Beweis für den Geist oder die Seele herhalten müssen. Ein Neurochirurg kann trotzdem eine Sonde am richtigen Ort in das Gehirn des Patienten stechen und genau diese Illusion, unsere Seele könne sich vom Körper trennen, erwecken. Darwins Schüler sind in letzter Zeit noch dreister geworden, weil sie experimentell nachweisen konnten, Moral ist ein Produkt der Evolution, nicht gottgegeben. Dies trifft hoffentlich nicht nur den Geist der Theologen, sondern auch jenen der Juristen. Möglich, dass bald viele Menschen die Biologie für eine Geisteswissenschaft halten werden, ausser den Biologen.

Zuerst erschienen am 19. Oktober 2008 in der NZZ am Sonntag

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