Manfred Haferburg / 04.04.2018 / 12:20 / Foto: Tim Maxeiner / 19 / Seite ausdrucken

Die Besten laufen davon

Wanderungsverlust von Deutschen ist kein Grund zur Sorge“, sagt Professor Marcel Erlinhagen aus Duisburg, der auch mit dem DIW zusammenarbeitet, einem Institut, das immerhin die deutsche Politik berät.

Grund für die Meldung ist, dass sich laut Statistik die Anzahl der Auswanderer aus Deutschland von im Jahre 2015 ca. 140.000 auf im Jahr 2016 ca. 280.000 verdoppelt hat. Das habe mit einer veränderten Zählweise zu tun und wäre ein Problem der Erfassung. Allerdings räumt der Soziologe ein, dass die neue Wanderungsstatistik „den realen Zahlen näherkommt“.

Der „Wanderungsverlust“ wäre aber kein Grund zur Sorge, weil die Abwanderung von 0,2% der deutschen Bevölkerung einem „Nettoverlust“ von 135.000 Staatsbürgern entspricht und dass durch das enorme Zuwanderungsplus genauso viele Einbürgerungen erfolgen. Professor Erlinghagen: „Hinzu kommt, dass wir ein enormes Zuwanderungsplus haben, nicht nur von Geringqualifizierten, sondern auch von Fachkräften.“

Die Welt fragt trotzdem irgendwie besorgt: „Das Land hat netto 400.000 Staatsbürger in nur einem Jahr verloren. Verkraftet die Gesellschaft ein derart starkes Schrumpfen der Stammbelegschaft auf Dauer?“ Antwort: „Insgesamt schrumpft die Bevölkerung in Deutschland derzeit eben nicht – sondern wächst. Eine Unterscheidung zwischen Bevölkerung mit deutscher Staatsbürgerschaft oder ohne macht hier aus einer gesellschaftspolitischen Sicht wenig Sinn“. Wow, das saß.

Irgendwie ist unser Welt-Erklärbär mit dieser Aussage ein wenig aufs Glatteis geraten, weil sie ein bisschen wie Pfeifen im Wald klingt und direkt mit dem ständigen Gejammer über den großen „Fachkräftemangel“ kollidiert.

Es gibt aus gesellschaftspolitischer Sicht sehr wohl einen Grund zur Sorge, wenn die in die Sozialsysteme einzahlende Bevölkerung einer Großstadt wie Kassel pro Jahr auswandert und durch 200.000 kulturfremde Neubürger ersetzt wird, die bestenfalls mittelfristig von Sozial-Beziehern zu Einzahlern werden. Von der Qualifikationskohorte gibt es leider keine Statistik, aber das Märchen von den zuwandernden „Fachkräften“ glaubt der Professor wohl selbst kaum. Man muss kein Mathematik-Genie sein, um die beschriebene Entwicklung für das Sozialsystem zu extrapolieren.

Ich war ein „Wanderungsverlust“

Am schlimmsten finde ich die rotzige Art, zu konstatieren, dass „eine Unterscheidung zwischen Bevölkerung mit oder ohne deutscher Staatsbürgerschaft aus gesellschaftspolitischer Sicht keinen Unterschied mache“. Das erinnert irgendwie and die Zeit 1989 in der DDR.

Ich verbrachte im Sommer 89 einige Zeit im staatlichen Erholungsheim des MfS Hohenschönhausen und unterzog mich einer Lichttherapie, an deren Ende ich fast meinen Namen vergessen hatte. Ich war wohl einer der „Wanderungsverluste“, deren man habhaft geworden war. Hohenschönhausen war voll von uns.

Der DDR liefen ihre Besten in Scharen davon. An den Grenzen wurden sie wie Hasen abgeschossen und die Botschaft in Prag platzte aus allen Nähten. Vier Millionen waren es am Ende, die ihrem Land „in dem unsere Menschen einer glücklichen Zukunft entgegensehen“, den Rücken gekehrt hatten.

Und was fiel dem Staatsratsvorsitzenden und Ersten Sekretär des ZK der SED, dem Genossen Erich Honecker, zu dem Exodus ein? Ein rotziges: „Sie alle haben durch ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen“.

Ich bin nach Frankreich ausgewandert. Und ich habe die „Gemeinsame Erklärung 2018“ gezeichnet.

Foto: Tim Maxeiner

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost (19)
Frank Meier / 04.04.2018

Woher wissen Sie, daß die Abgewanderten ausschließlich Teil der “in die Sozialsysteme einzahlende[n] Bevölkerung” waren? Und was genau ist in Frankreich besser?

Dietrich Herrmann / 04.04.2018

Viele Grüße aus Österreich!

Helmut Driesel / 04.04.2018

Die Besten mal wieder - entweder sterben sie früh oder sie suchen beim Auftauchen von Problemen das Weite. Sehr geehrter Herr Haferburg, es war ein Problem, in der DDR die Besten zu benennen. Sogar im Nachhinein, denn es ist einfach zu schwierig, aus heutiger Sicht gerechte Kriterien für Vergleiche zu finden. Die einzige offizielle Studie über die Berufe der Aussiedler und Flüchtlinge aus der DDR kostet über 130E. Das hat sicher einen Grund, meinen Sie nicht auch? Das soll Ihre Expertise auch auf diesem Gebiet nicht in Frage stellen. Ich möchte mich nicht aufspielen hier, denn ich wäre damals sicher nur unter äußerstem Druck in den Westen gegangen. Aber die wenigen Besten, die mir gut genug bekannt waren, so dass ich sie heute guten Gewissens so nennen könnte - das waren ausnahmslos Menschen, die in politischen Fragen die Gusche gehalten haben. Das war nämlich sehr vernünftig.

Regina Horn / 04.04.2018

Es wird noch spannend. Im Interesse meiner Kinder und Enkelkinder hoffe ich, dass die derzeitigen Entscheider sich nicht etwa dazu hinreißen lassen, irgendwann aus “Alternativlosigkeit” keinen mehr rauszulassen. Sie wissen schon: “Niemand hat die Absicht…” Andererseits, wer soll denn all die versorgen, die da kommen, wenn die Besten gehen?

Rainer Nicolaisen / 04.04.2018

Ja, die Besten wandern aus (s.OECD-Statistik)- und das nicht erst seit gestern. Dieses Land verschleudert Unsummen an Geld und Zukunft- und immer mehr davon.( Mal rechnen: Kosten des Aufziehens, der Schul- und Ausbildung, dann fehlende Steuerzahlungen…). Stünde ich noch einmal am Ende meiner Ausbildung, ich wanderte heute auch aus, und zwar so weit weg wie möglich.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Manfred Haferburg / 22.06.2018 / 15:00 / 11

100 Tage GroKo: Die Top-Minister!

Die GroKo hat schon in ihren ersten 100 Tagen viel erreicht! Ein europäisches Gesetz zum Datenschutz DSGVO wurde glatt durchgewunken. Nun muss ja ein Angeordneter nicht unbedingt lesen oder gar…/ mehr

Manfred Haferburg / 13.06.2018 / 16:00 / 21

Es brennt

Ich bin schon vor vielen Jahren aus Deutschland fortgegangen. Damals, als sich Deutschland noch nicht abschaffte. Nun schaue ich auf mein Heimatland und fremdele, als wäre…/ mehr

Manfred Haferburg / 30.05.2018 / 10:00 / 23

Überholen ohne einzuholen: Smartphone „Made in Germany“

Fast alle Deutschen benutzen gedankenlos ihr Smartphone, ohne sich der Schande bewusst zu sein, dass Deutschland keine Smartphones herstellen kann, genauso wenig wie Kernkraftwerke, Bahnhöfe…/ mehr

Manfred Haferburg / 12.05.2018 / 17:00 / 11

Yussif O. abgeschoben, Yussif U. kommt wieder

Als nach der Euphorie der Willkommenskultur die ersten Rufe nach Grenzschließung laut wurden, kam Kanzlerin Merkel ein wenig die Logik abhanden, als sie meinte, dass…/ mehr

Manfred Haferburg / 07.05.2018 / 14:00 / 12

Steuer-Fracking: Nix sprudelt, es wird gepresst

Ich weiß nicht, wer den unsäglichen Spruch von den sprudelnden Steuerquellen erfunden hat, aber Schande über ihn. Sprudelnde Steuerquellen – das klingt so „oh biomio“, nach frischer…/ mehr

Manfred Haferburg / 27.04.2018 / 12:00 / 6

Die Zukunft der GroKo (3)

Das politische Koordinatensystem in Deutschland ist fundamental aus den Fugen geraten. Migrationsdruck trifft auf ein historisch entstandenes Tabu. Lechts und rinks gelten wenig in einer unversöhnlichen…/ mehr

Manfred Haferburg / 26.04.2018 / 15:30 / 6

Was wird aus der GroKo? (2)

Szenario 1: „Es bleibt alles ganz anders“Angela Merkel wird als Kanzlerin durchhalten und ihre Politik weitertreiben, auch wenn sie gelegentlich das Gegenteil davon behauptet.   Der SPD…/ mehr

Manfred Haferburg / 25.04.2018 / 15:00 / 4

Was wird aus der GroKo? (1)

Ach, wenn man doch in die nähere Zukunft blicken könnte, wenigstens ein bisschen. Aber: „Prognosen sind schwierig, zumal, wenn sie die Zukunft betreffen. Ich habe mich…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com