Marko Martin (Archiv) / 12.10.2010 / 15:11 / 0 / Seite ausdrucken

Die Besserwisser

Die eher durchwachsenen medialen Reaktionen auf die Vergabe des Literaturnobelpreises an Mario Vargas Llosa zeigen vor allem eines: Es funktioniert noch immer. Um eine politisch-intellektuelle Position zu verteufeln, genügt es nach wie vor, sie als „neoliberal“ zu kennzeichen. Anschließend – die Mechanik folgt eigenen Gesetzen – muss der Delinquent entweder der Komplizenschaft mit einem imaginären, bösartig marktliberalen Mainstream überführt werden („Es kann kein Zufall sein, dass gerade jetzt…“) oder es wird im Gegenteil dessen völlige Isolation inmitten der Volksgemeinschaft behauptet: „Mag halb Lateinamerika auf der Suche nach Alternativen sein: Für Vargas Llosa bleibt Marktliberalismus das einzige Allheilmittel.“

Nun kommen allerdings solch altväterlich scheltenden Urteile nicht etwa aus der kubanischen Regierungsagentur mit dem sprechenden Namen „Granma“, sondern aus der deutschsprachigen Presse, wo man von TAZ bis NZZ einigermaßen fassungslos zu sein scheint, und der Lateinamerika-Korrespondent der SZ (der es wahrlich besser wissen müßte), sogar von Vargas Llosas „Rechtsruck“ orakelt. Auch Akademiepräsident Klaus Staeck („DIE WELT“ vom Freitag) hatte sich ähnlich geäußert.

Wie wäre es also, wenn man sich - und wäre es auch nur ein einziges Mal – damit beschäftigt, womit der Nobelpreisträger seinen „Marktliberalismus“ begründet? Legalisierte kleine und größere Straßenmärkte statt staatlich-autoritärer Verbote: Eines seiner Programme aus dem Präsidentschaftswahlkampf von 1990, der eben nicht auf Wohltaten für die Reichen, die natürlichen Verbündeten der Staatsbürokratie, zugeschnitten war, sondern auf ökonomische Teilhabe der Ärmsten setzte. Vargas Llosas Ideen ähnelten damit den Vorstellungen seines peruanischen Landsmannes, des Ökonomenen Hernando de Soto, der dem zwischen rechter Feudal-Praxis, linker Gleichheits-Rhetorik und rechtslinker Staatswillkür zerissenem Lateinamerika eine Art Graswurzel-Kapitalismus empfiehlt. Vereinfachter Zugang zu Krediten, Legalisierung des ungeheuer produktiven „dritten Sektors“, Grundbücher, Besitztitel und Bau- und Erbschaftsrecht auch für die Hütten in den Elendsvierteln, transparente Kartellgesetzgebung und vieles mehr.

Denn umgekehrt wird ein Schuh daraus: Nicht der nach wie vor sozialkritische Romancier hat die Linke verraten, sondern die Linke – und leider ja: auch die moderate Linke – hat sich von ihrem einst so flexiblen Instrumentarium der permanenten Machtkritik verabschiedet. Weshalb sonst würde sie auch einem Staatsgedanken huldigen, wo doch der traditionelle Staat lateinamerikanischer Provenienz nichts mit dem europäischen Ideal der neutral hegenden und umverteilenden Instanz zu tun hat, sondern ein ebenso ineffizienter wie ruchloser „Menschenfresser“ ist (O-Ton von Vargas Llosas Nobelpreiskollegen Octavio Paz).

Das kleine, aber feine Costa Rica und das prosperiernde Chile führen dagegen seit Jahren vor, dass es vor allem dem vielzitierten „Volk“ nützt, wenn der Etatismus gestutzt und die – freilich sozial flankierten - Kräfte des Marktes aktiviert werden. Statt sich also weiterhin im Meinungssuff gütlich zu tun, könnte man es vielleicht einmal mit Empirie versuchen. Denn selbst darin ist der große Fabulierer Vargas Llosa um Längen besser.

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