Rainer Bonhorst / 06.12.2016 / 06:29 / Foto: Parpan05 / 4 / Seite ausdrucken

Die Berufsmächtigen, ratlos im Erdbeben

Alle Macht geht vom Volk aus? Naja. Es hat sich als praktisch erwiesen, dass das Volk seine Macht auf Zeit an allerlei Berufsmächtige delegiert. Die hören das Wort Macht nicht so gerne, sondern sprechen lieber vom Gestalten. Aber einigen dieser gestaltenden Gestalten strömt der Wille zur Macht geradezu aus den Poren.

Das gilt fast mehr noch in der Wirtschaft. In Großkonzernen kann so mancher Boss, von der Droge Macht benebelt, seinen Laden nahezu ungebremst ins Unglück treiben. Ganz so leicht haben es die Mächtigen in der Politik nicht. In Amerika, wo es direkter zugeht als bei uns, funktioniert Politik nach dem Motto: Schmeißt die Kerle raus. Präsidenten werden mit großem Vergnügen ausgewechselt. Und ab und zu schmeißt man einen Außenseiter rein, nur damit den üblichen Berufsmächtigen die Spucke wegbleibt. Trump ist nicht der erste.

Bei uns in Deutschland, mit unseren vielfach verschränkten Koalitionsgebilden, sind so direkte Raus- und Reinwürfe seltener. Im direkteren England und Frankreich sind sie einfacher. In Italien ist es noch vertrackter als bei uns. Aber auch in den Koalitionsländern gibt es Mittel und Wege, den Berufsmächtigen einzuheizen, wenn sie sich in ihrer Machtherrlichkeit allzu weit von ihrem Auftraggeber, dem Publikum, entfernen. Und wenn sie zu hoch pokern wie jetzt Renzi. Cameron hätte ihm da einen Tipp geben können.

Nach der Renzi-Pleite in Italien pfeifen die Brüsseler noch lauter

In Deutschland trägt die Peitsche, mit der verärgerte Auftraggeber drohen, den Namen AfD. In Frankreich räumt ein Scheinriese freiwillig das Feld, ehe er weggeräumt wird. In England haben die Euro-Skeptiker mit ihrer Brexit-Entscheidung den amtierenden Obermächtigen in die Wüste geschickt. Und gleichzeitig die abgehobenen Damen und Herren in Brüssel das Fürchten gelehrt. Die pfeifen zwar im Wald, aber das kennt man ja.

Und jetzt, nach der Renzi-Pleite in Italien, pfeifen die Brüsseler noch lauter. Wackelt der Euro? Wackelt die EU? Wackelt mit Blick auf den Gottseibeiuns in Washington die Welt? Bange Fragen, die das optimistische Angstpfeifen kaum überdeckt. Aber das kommt davon, wenn die Mächtigen ihr Volk, von dem sie ihre Macht geliehen haben, zu weit hinter sich (sie meinen natürlich: unter sich) zurücklassen.

Der Auftrag, der hinter den Warnschüssen aus dem Volk steht: Macht es bitte etwas mehr so wie wir es wollen. Viel genauer lautet dieser Auftrag nicht. Das ist ein bisschen vage und regt viele der Mächtigen dazu an, ihr Volk für inkompetent zu halten. Da mag politisch sogar was dran sein. Die meisten Leute haben was anderes zu tun als Politik: Häuser bauen, Schnitzel verkaufen, Musik machen, Artikel schreiben. Wozu überträgt man denn den Profis die Macht? Es ist ein Gegengeschäft. Ihr macht das für uns und wir lassen euch, aber macht es ordentlich. Wenn jeder Berufstätige nebenher noch Politik „gestalten“ könnte, bräuchte man die Profis nicht. Man könnte fröhlich nach der Anarcho-Devise handeln: Keine Macht für niemanden.

In dem Gegengeschäft steht nicht, dass die Beauftragten die Wünsche der Auftraggeber einfach ignorieren dürfen. Wenn ein Schreiner ein Bett liefert, obwohl ein Tisch bestellt war, kriegt er Ärger. Warum sollte das in der Politik so sehr anders sein? Dabei wären die Auftraggeber der Politik ja schon zufrieden, wenn man ein bisschen mehr auf sie hören würde.

Sie sind ratlos, hilflos, ideenlos, während die Bude wackelt

Warum funktioniert das zur Zeit nicht richtig? Viele Gründe. Der wichtigste ist natürlich, dass Politik weder Tisch noch Bett ist, sondern ein etwas weniger klar umrissenes Gebilde. Aber da sind auch einige Dinge, die man nicht einfach hinnehmen muss: Den Hochmut der Beauftragten, alles besser zu wissen, habe ich schon erwähnt. Die besserwisserischsten Besserwisser sitzen bekanntlich in Brüssel, weil sie vom Volkszorn, also von den Gefahren der Demokratie, nur sehr indirekt betroffen sind.

Aber es gibt noch einen zweiten Grund, warum so wenig geschieht: Eine traurige Form der Merkelschen Alternativlosigkeit. Den Profis, vor allem den Brüsselern, fällt einfach nichts ein, was man vernünftigerweise volksnäher tun könnte. Sie sind überfordert, angesichts der vielen Dinge, die auf sie einstürzen. Sie sitzen da und können nicht anders. (Und manche fühlen sich dabei wie der dicke Mönch von damals.) Sie sind ratlos, hilflos, ideenlos, während die Bude wackelt; sie halten sich am Schreibtisch fest und hoffen, dass ihnen das Dach nicht auf den Kopf fällt.

Und sie greifen nach jedem bisschen Trost. Österreich zum Beispiel. Da ist die Präsidentenwahl „noch mal gut gegangen“. Das kann man feiern. Und darüber kann man verdrängen, dass die Epizentren des nahenden Erdbebens in Italien und demnächst vielleicht auch in Frankreich liegen.

Tja, mächtig zu sein, ist auch nicht mehr, was es mal war.

Leserpost (4)
Dr. med. Jesko Matthes / 06.12.2016

Wer sich erst nach Renzis Verfassungsdebakel fragt, ob der Euro wackelt, der kann die letzten gut 8 Jahre nicht auf diesem Planeten gelebt haben. Es ist mit dem Euro etwa so wie mit George Bush und seinem Irak-Krieg: Sich nach einem vorschnellen Anfangserfolg auf Deck hinzustellen und “mission accomplished” zu sagen, genügt nicht. Zu dem Thema gibt es sehr wenig Lückenpresse, wenn man bereit ist, den Wirtschafts- und Finanzteil irgendeiner größeren deutschen Tageszeitung zu lesen. Lückenjournalismus im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt es reichlich, die Probleme des Euro sind dort ein Randthema und immer noch irgendwie AfD-kontaminiert, man berichtet also lieber nicht, denn dann müsste man Ross und Reiter nennen: Lückenpolitik gibt es in Sachen Euro jede Menge, und die, entgegen “meinem Auftrag” als Wähler und Laie, von lauter Vollprofis! Der gesamte Erfolg Europas hängt am Euro. “Erst kommt das Fressen, dann die Moral”, also der innere soziale Friede, die Lenkung der Arbeitsmigration, die Vermögen, Renten, Versicherungen der Europäer, die Einkommen der Staaten durch Steuern und Abgaben, die Kaufkraft der Bürger, ihre Arbeitsplätze, die Exportfähigkeit, die Sicherung der Außengrenzen genauso wie die Bewältigung der Flüchtlingsströme, die Landesverteidigung, das Ansehen und der Einfluss Europas in der Welt. Wer die Eurokrise beiseite diskutiert, künstlich verlängert und sich um grundlegende Reformen drückt, weil es Deutschland darin noch am besten geht, der gefährdet den Bestand Europas genauso wie die “Populisten”. Deshalb nervt es mich so, wenn Frau Merkel von der Digitalisierung und Globalisierung spricht, während sie und andere weiter munter dabei sind, die Probleme des Euro links liegen zu lassen. Dann klappt’s auch nicht mit den Nachbarn. Und schon gar nicht mit der Globalisierung.

Martin Lederer / 06.12.2016

Normalerweise ist fast alles im Geschäftsleben ein Gegengeschäft: Ich bezahle jemanden. Der ist hoffentlich Profi und macht es für mich. Aber NIRGENDS, NIRGENDS ist das ein Blanko-Scheck: Wenn die Baufirma schlecht ist, entziehe ich ihr den Auftrag und lasse es eine andere Baufirma machen. Wenn ein Steuerberater schlecht ist, suche ich mir sofort einen Neuen. Wenn ein Fernsehsender schlecht ist, zahle ich nicht mehr für ihn. Normalerweise gilt das auch für die Politiker auf allen Ebenen: Sie bekommen Gehalt dafür, dass sie ihre Arbeit machen. Die Realität ist komplett anders. Politiker betrachten den jeweiligen Staatsanteil, den sie verwalten als ihr Eigentum.

Florian Bode / 06.12.2016

Die “Berufsmächtigen” sind Sachwalter auf Zeit der Interessen des Volkes, das sie gewählt hat. In Brüssel ist die Lage da schon schräg, weil die Kommision eben nicht gewählt wurde. Die Interessen ausländischer Regierungen oder von z. B. Konzernen haben hier keine Rolle zu spielen. Genausowenig wie religiöse oder quasireligiöse Dogmensysteme. So einfach wäre das.

Karla Kuhn / 06.12.2016

Genauso ist es. Solange Frau Alternativlos am Ruder ist, wird sich auch nichts ändern, es sei denn, das Volk wird schlagartig wach. “Und sie greifen nach jedem bisschen Trost. Österreich zum Beispiel. Da ist die Präsidentenwahl „noch mal gut gegangen“. Das kann man feiern. “ Was gibt es da zu feiern ? Van Bellen hat 51,7% und hat Hofer 48,3% der Stimmen erhalten, der Unterschied ist so gering, daß die Feierei lächerlich ist. Außerdem sind die Politiker nicht an der (geliehenen) Macht um nach einem Strohhalm zu greifen, sonder so zu regieren, daß solche Zustände, wie sie zur Zeit herrschen, gar nicht erst entstehen können. Offensichtlich sind sie dazu nicht in der Lage. Und darum ist so eine Regierung gescheitert.

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