Jennifer Nathalie Pyka / 07.11.2016 / 12:00 / Foto: Tim Maxeiner / 15 / Seite ausdrucken

Die Amerikaner sind und bleiben ein großartiges Volk

Das erkennt man schon daran, dass sie die letzten Monate überstanden haben, ohne kollektiv ihre Fernsehgeräte aus dem Fenster zu werfen, die Heugabeln herauszuholen oder anderweitig aktiv zu werden. Umfragen zufolge empfinden zwar 52 Prozent der Amerikaner die diesjährigen Präsidentschaftswahlen als eine signifikante bis gravierende Stressursache. Dementsprechend haben also 48 Prozent der Amerikaner einen fähigen Yogatrainer – oder sie sind einfach so gelassen.

Angesichts der Umstände ist das jedenfalls überaus bewundernswert. Zumindest will man sich lieber nicht ausmalen, wozu die Deutschen fähig wären, wenn ARD und ZDF mitten im Wahlkampf in Dauerschleife gehackte Merkel-Emails vorlesen und zwischendurch noch weibliche Belästigungsopfer von Joachim Sauer und Sigmar Gabriel (respektive Martin Schulz) interviewen würden, die den Tränen nahe schildern, wann sie wo wie lange von ihren Peinigern angefasst wurden. Eine Spaltung zwischen Gestressten und Entspannten wäre dann wohl noch der best case. Oder eher der am wenigsten denkbare Aggregatzustand.

Die Amerikaner sind aber auch deshalb ein großartiges Volk, weil ihnen die mentale Enge abgeht, die in Teilen des europäischen Kontinents zur Grundausstattung gehört. Entwickelt jemand eine neue App oder ein neues Produkt, wird es gleich neugierig probiert, während die Deutschen lieber erstmal bei Stiftung Warentest nachschlagen. Wenn ein Künstler sich aufmacht, die Welt zu erobern, dann stößt er nicht auf Normen, sondern auf Freiheit, die es ihm überhaupt erst erlaubt, sich gänzlich zu entfalten. Darum hat Amerika Frank Sinatra, Elvis Presley und Michael Jackson hervorgebracht, während Deutschland auf Heino und Helene Fischer stolz ist.

Und darum gibt es in den USA auch Figuren wie Donald Trump, die etwas zustande bringen, obwohl – oder weil – sie polarisieren. Das mag befremdlich wirken, ist aber insofern von Vorteil, als die Freiheit der Freaks und der Außenseiter immer auch die eigene Freiheit ist. Ohne diese Freiheit wäre 1980 aus einem Schauspieler vermutlich niemals ein brillanter US-Präsident geworden.

Donald Trump ist kein Ronald Reagan, sondern dessen Gegenteil 

Dementsprechend wäre es wirklich schön, Ähnliches über den Schauspieler, Freak und Außenseiter Donald Trump zu behaupten und ihm die Daumen zu drücken. Aber Donald Trump ist eben kein Ronald Reagan, sondern dessen Gegenteil. Er ist eigentlich auch kein Republikaner, er sieht höchstens so aus. Dass er die durchaus sympathische republikanische Idee – small government at home, leadership abroad – einstweilen versenkt hat, ist nur eine von vielen Sünden. Dass er zudem der Traumkandidat aller Antiamerikanisten ist und sich wie ein verhinderter Feldmarschall auf Kaffeefahrt dem Autokraten Vladimir Putin anbiedert, macht ihn nicht gerade sympathischer, sondern zu einer weltpolitischen Katastrophe auf zwei Beinen.

Donald Trump – das muss man ihm lassen – hat allerdings nicht nur die GOP ramponiert, sondern auch den deutschen Weltanschauungskompass durcheinandergebracht. Oder eher zurechtgerückt - Ansichtssache. Denn wann immer in den USA gewählt wird, sind vor allem die Deutschen gefragt. Dabei waren die Rollen früher klar verteilt und die Fronten überschaubar. Alle vier Jahre wieder beklagte man zunächst ausgiebig die „Spaltung“ in den USA. Dann fragte man sich, ob die Amerikaner eigentlich wirklich wissen, was sie da tun und ankreuzen. 

Auch die wohlig warme Furcht vor einem republikanisch verursachten Weltuntergang durch frei flottierende Waffenlobbyisten und Kriegstreiberei durfte niemals fehlen. Schließlich votierten die Deutschen dann mehrheitlich und zuverlässig für den Demokraten, weil der von Berlin aus betrachtet das „helle Amerika“ repräsentierte. Barack Obama wiederum, den 92 Prozent der Deutschen 2012 gewählt hätten, bekam noch mehr Zuneigung zuteil. Ihn hielt man nicht nur für den leuchtenden Messias, sondern für geradezu herrlich unamerikanisch, weil er das mit der Kriegstreiberei so brav unterließ und Guantanamo zumachen wollte.

Im Zweifel antiamerikanisch 

Nun allerdings ist es ein wenig komplizierter. Die Deutschen im Allgemeinen, Linke im Besonderen sind nicht mehr ganz überwiegend für die Demokratin Hillary Clinton, sondern erwärmen sich mehr und mehr für ihren Konkurrenten. Der wiederum findet zwar sicher keine nordkoreanischen Mehrheiten wie Obama. Vielmehr sieht man in ihm den Prototyp des Amerikaners, auf den das Volk der Dichter und Denker herabschauen kann, ohne eine Leiter zu benutzen: von jeglichem Anstand befreit, pöbelnd, unzivilisiert, gewaltvernarrt.  Den Typ Ami also, dem man es ohnehin nur schwer verzeihen kann, Oma und Opa 1945 beim fröhlichen Völkermord gestört zu haben. Mit Donald Trump gibt es endlich einen Mann, der alles bestätigt, was man schon immer über „die Amis“ gewusst haben will.

Allerdings hat der Kostümrepublikaner genug Isolationismus im Gepäck, um die Herzen der Deutschen, allen gerümpften Nasen zum Trotz, höher schlagen zu lassen. Mag er auch noch so ungehobelt auftreten - die Rolle des Kriegstreibers wird dieses Jahr nicht ihm, sondern der Demokratin Clinton zuteil. Anstatt für sie Partei zu ergreifen, titulierte etwa Oskar Lafontaine sie als „Kandidatin der Wall Street und des militärisch-industriellen Komplexes“. Eine Adelung, die sonst nur Leuten zuteil kommt, die Bush heißen oder für niedrigere Steuern eintreten. Sind Ultralinke wie Lafontaine also heimlich den „Anonymen Republikanern“ beigetreten? Keineswegs. Sie müssen einfach nur sich selbst treu bleiben. Und das heißt: im Zweifel antiamerikanisch.

Nordkorea, Vladimir Putin, Ku-Klux-Klan und Jakob Augstein

Ohnehin hat sich Donald Trump im Zuge dieses Wahlkampfs einen äußerst bunten Fanclub zugelegt. Ihm gehören nicht nur die nordkoreanische Steinzeitdiktatur, Vladimir Putin und der Ku-Klux-Klan an, sondern auch Jakob Augstein von Spiegel Online und Offline. Noch im Februar verfrachtete der Salonlinke den GOP-Kandidaten in die Rubrik „Ungeheuer und nackte Kanonen“. Nun hat sich Augstein die Sache anders überlegt. Jetzt ist nicht mehr Putins bester Mann Trump das Ungeheuer, sondern Hillary Clinton. Denn die würde gerne etwas gegen das russisch-syrische Schlachten in Aleppo unternehmen und eine Flugverbotszone einrichten.

Und dazu kann jemand wie Jakob Augstein, der sich erst neulich weniger über tote Kinder in Syrien, sondern vielmehr über deren Bilder in westlichen Medien beschwerte und dabei von seinem „Recht auf Wegsehen“ Gebrauch machte, natürlich nicht schweigen. Eine Flugverbotszone wäre „in Wahrheit ein Akt des Krieges“, meint der Hobby-Clausewitz. Denn dann steige „das Risiko eines militärischen Konflikts mit Russland“, und das heißt: Weltkrieg ante portas. Weltfrieden hingegen gäbe es dann schon eher mit einem Präsidenten Trump. „Was Krieg und Frieden angeht ist seine Weste sauber“ – so das Lob, das Jakob Augstein eigens für den verhinderten Friedensaktivisten Trump aus der Mottenkiste des Vulgärpazifismus gekramt hat.

Nun sind Anhänger der Augstein’schen Denkschule  freilich nicht dumm. Sie haben zweifellos ein Talent für wohlklingende Antworten – vor allem aber für Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat. Denn auch in Syrien stellt sich nicht die Frage, ob man für oder gegen einen Krieg ist, ob die USA einen solchen beginnen oder nicht. Die Frage ist vielmehr, was zu tun ist, wenn Kräfte wie Assad, Putin und die Mullahs bereits einen Krieg führen, der zudem Konsequenzen für den Westen hat. Will man den Despoten geben was sie wollen und warten, bis Syrien zum Friedhof geworden ist, der IS sich als Mitglied der Vereinten Nationen vorstellt und der russische Panzer auf dem eigenen Parkplatz steht? Oder will man ihnen Grenzen aufzeigen, ihnen etwas entgegensetzen, das sie ein wenig mehr beeindruckt als ein runder Tisch?

Die Querfront, wie sie singt und lacht

Doch all das muss einen Feelgood-Pazifisten wie Augstein, der eine Kolumne über den Syrien-Krieg ganz ohne das Wort „Assad“ zustande bringt, keineswegs weiter irritieren. Nicht nur in seiner Vorstellung „eskalieren“ Kriege ohnehin immer erst dann, wenn die Amerikaner eingreifen. Alles darunter – Taliban, ISIS, Saddam Hussein, Gaddafi  – läuft unter Schulhofschlägerei mit guter Friedensprognose.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich nicht nur viel zitierte „weiße Wutbürger“ mit nationalistischer Ader hinter Trump scharen, sondern auch aufrechte Linke wie Augstein und Lafontaine wohl viel dafür tun würden, um Ehrenmitglied in der „Donald Trump Stiftung für Friedhofsfrieden“ zu werden. Zwar sind es nicht acht Jahre Interventionismus, sondern acht Jahre Obama’sches Heraushalten, das die Welt zwischen Kiew, Damaskus, Teheran, südchinesischem Meer und Nordkorea unfriedlicher machte. Aber für Antiamerikanisten zählt ohnehin nie das, was die USA tun oder unterlassen. Ehre gebührt bei ihnen nur dem Ressentiment gegen die USA an sich und dem, wofür das Land steht. Und wenn man dann noch das Wörtchen „Weltkrieg“ spazieren führen darf, macht das Ressentiment gleich noch viel mehr Spaß. Dann spielt es freilich auch keine Rolle mehr, dass nicht Jakob Augstein als Erster den drohenden Weltkrieg unter Clinton vorhersah, sondern dass es der Kreml ist, der sich schon länger darin übt, diese Botschaft im Rahmen seines Pro-Trump-Wahlkampfs unter die Leute zu bringen. Ein bisschen russische Propaganda kann schließlich nicht schaden, wenn es gegen den „großen Satan“ geht.

Insofern drängt sich ein furchtbarer Verdacht auf: Vielleicht sind die Anhänger Donald Trumps gar nicht so dunkelrechts, wie deutsche Leitartikel-Macher immer meinten. Womöglich sind sie auch ein bisschen bis sehr links. Auf alle Fälle bilden sie aber eine hübsch anzusehende Querfront gegen den freien Westen, die ganz nebenbei noch den Job Vladimir Putins pro bono erledigt. Und wenn ihr Idol Donald Trump es nicht ins Weiße Haus schafft und der Dritte Weltkrieg ebenfalls ausfällt? Dann werden sie sicher ein anderes Betätigungsfeld finden, das ebenso vielversprechend ist. Bald wird auch in Europa gewählt - und Jakob Augstein feilt sicher schon an seinem Empfehlungsschreiben: im Zweifel für Marine Le Pen. 

Foto: Tim Maxeiner
Leserpost (15)
Ingo Müller / 08.11.2016

Frau Pyka, ein guter Journalist macht sich keine Sache zu eigen, auch wenn es vermeindlich eine gute Sache ist, sondern berichtet neutral und faktenorientiert darüber. Ihr Artikel ist reinster politischer Aktivismus ala Hayali und Reschke, Clinton-Wahlkampf vom Feinsten, Spitze im Weglassen von Tatsachen und verdrehen der Realität und voller militärischer Schlagkraft gegen Russland. Sie sehen wohl zu viele amerkanische Kriegsfilme oder die Superberichte auf ntv und N24, über die militärische Supermacht USA. Russland ist allerdings kein afrikanischer dritte Weltstaat, gegen den die Amis in diesen Berichten immer so glanzvoll siegen, mit ihrer doch so überlgenen Technik.  

Jacek Berger / 08.11.2016

Hallo Frau Pyka, wie wäre es mit einem Wechsel zu den öffentlich-rechtlichen? Denn Sie scheinen mit denen identische Meinung über Donald Tramp und US-Wahl zu sein. Sie dämonisieren den Trump und malen ein 3 Weltkrieg Szenario, obwohl er in der Politik ein ungeschriebenes Blatt ist. Wie wollen ihn dann mit Reagan vergleichen, der 8 Jahre Präsident war? Außerdem ist es bekannt, dass die Frau Clinton durchaus korrupt ist. Jetzt , als Politikerin - die E-Mail Affäre und auch zu Zeiten der Präsidentschaft ihres Mannes Bill - die Immobilien Affäre. Sie schwärmen für Barack Obama und verhöhnen Marie Le Pen. Wobei der Obama wird von vielen ,als einer der schlechtesten Präsidenten der Nachkriegszeit gesehen. Ich schließe mich dem an. Er ist für die Entstehung des Islamisches Staates und der Invasion der “Flüchtlinge” auf Europa mit verantwortlich und das Einzige, was ihm in den letzten 4 Jahre wirklich gelungen ist, das war die Verbesserung seines Handicaps. Unter Hollande erlebt Frankreich eine noch nie dagewesene Terrorwelle und gerade Frau Le Pen versprach gegen diese Zustände drastisch vorzugehen. Bravo! Der Klaus Kleber und Marietta Slomka hätten es nicht besser gemacht.

Matthias Friedemann / 08.11.2016

“Er ist eigentlich auch kein Republikaner, er sieht höchstens so aus” ist ein schöner Satz. Donald Trump macht sicherlich vielen dadurch Freude, dass er das übliche selbstgerechte, hyperpolitisch-korrekte juste milieu in helle Aufruhr versetzt. Und damit hat er durchaus eine Berechtigung. Als Präsident einer Weltmacht aber wäre er als eine Art Nero der Neuzeit ein Risiko in alle möglichen Richtungen. Interessant, dass sich in Deutschland aber etliche eine politische Menagerie à la Augstein-Steinmeier-Trump-Putin vorstellen können.

Hans Kappler / 08.11.2016

@Ulrich Heider: Volle Zustimmung!

Roland Müller / 07.11.2016

Warum Marine le Pen nicht wählen? Chaotischer als bei Hollande und seinen zerstrittenen Salonsozialisten kann es doch gar nicht mehr werden.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können wir meist nur während der ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung eines Artikels annehmen.

Verwandte Themen
Jennifer Nathalie Pyka / 19.01.2017 / 09:06 / 23

Die Leiden des Björn Höcke

Nachdem der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke in einer Rede gegen die deutsche Erinnerungspolitik mobil machte und seine Anhänger auf einen „langen, entbehrungsreichen Weg zum absoluten…/ mehr

Jennifer Nathalie Pyka / 16.09.2016 / 08:17 / 18

Donald Trump: Der Siebener im Lotto für die Feinde des Westens

Donald John Trump aus Queens ist ein fleißiger Mann. Mit Immobilien, Hotels, Misswahlen und vielen anderen hübschen Dingen hat er sich nicht nur einen Namen,…/ mehr

Jennifer Nathalie Pyka / 23.08.2016 / 06:00 / 15

Löschen bis die Feuerwehr kommt – ein sehr deutscher Brand

Die Löschpolitik des US-Unternehmens Facebook war schon bizarr und undurchsichtig, bevor deutsche Politiker ins „no hate speech!“-Fieber verfielen. Doch seit Heiko Maas den Kampf gegen…/ mehr

Jennifer Nathalie Pyka / 01.08.2016 / 06:15 / 10

Auf in den totalen Frieden

Die Bestürzung war groß, als im Januar 2015 mehrere Terroristen erst ein Blutbad in der Pariser „Charlie Hebdo“ Redaktion veranstalteten, nur um anschließend noch vier…/ mehr

Meine Favoriten.

Wenn Ihnen ein Artikel gefällt, können Sie ihn als Favoriten speichern.
Ihre persönliche Auswahl finden Sie Hier
Favoriten

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com