Oliver Zimski / 02.04.2016 / 17:00 / Foto: Gemeinfrei / 9 / Seite ausdrucken

Deutschland einig Phrasenland

Der Himmel strahlend blau, sprießende Knospen und Blüten, Vogelgezwitscher, Aufatmen nach dem langen Winter, Aufbruch, Neuanfang, Hoffnungen, Vorfreude auf den Sommer – schön wär´s ...

Nichts Neues von Maas: Nach den islamistischen Anschlägen von Brüssel warnte Bundesjustizminister Heiko Maas – wie er dies übrigens nach jedem islamistischen Anschlag zu tun pflegt – davor, einen Zusammenhang zwischen „den Flüchtlingen“ und „den Terroristen“ herzustellen. Die meisten Attentäter seien „bei uns in Europa“ zu solchen geworden; auch dürfe es nicht zur Entstehung von Parallelgesellschaften kommen.

Die Medien überlieferten diese Worte wie amtliche Verlautbarungen, käuten sie lediglich wieder, wichen nur in ihren Überschriften voneinander ab. „Die Terroristen sind keine Flüchtlinge“ titelte die WELT, „Justizminister warnt vor Stigmatisierung von Flüchtlingen“ hieß es in der ZEIT. Der FOCUS ließ sogar die indirekte Rede weg und stellte die Meinungsäußerungen des Ministers als objektive Tatsachen dar: „Nach den Anschlägen von Brüssel findet Justizminister Maas klare Worte zu den Attentätern und der potenziellen Bedrohung durch Terroristen. Die Anschläge stehen in keiner Verbindung zum Flüchtlingszustrom, vielmehr wuchsen die Attentäter in Europa heran.“

Nirgendwo ein kritischer Kommentar oder wenigstens ein genervtes Aufstöhnen á la: Kann der Mann nicht mal eine andere Platte auflegen oder sich seinen eigentlichen Aufgaben widmen? Wer die ministerielle Stellungnahme hinterfragt sehen wollte, musste in den jeweiligen Internet-Kommentarbereich wechseln, soweit vorhanden bzw. noch nicht gesperrt.

„Wie kann Herr Maas unkontrolliert Menschen ins Land lassen und dann behaupten, dass darunter keine Terroristen sind? Das ist eine reine Verteidigungsbehauptung ohne Sinn und Verstand“, schrieb ein User. Ein anderer fügte hinzu: „Mindestens einer der Attentäter ist als Flüchtling getarnt aus Syrien eingereist, das weiß die Auslandspresse zu berichten. Der Verfassungsschutz-Chef hat übrigens auch offiziell bekanntgeben, dass man Erkenntnisse hat, dass der Flüchtlingsstrom gezielt vom IS zur Einschleusung genutzt wird, das macht die Aussage von Herrn Maas noch absurder, und man fühlt sich wirklich auf den Arm genommen.“

„Fein, dass Maas die Entstehung von Parallelgesellschaften verhindern möchte“, kommentierte ein User die zweite Äußerung des Ministers. „Ich kenne einige Städte wie Duisburg, Berlin, Hamburg oder Bremen, in denen er gleich anfangen könnte. Nur ist er leider 10-20 Jahre zu spät dran“, und ein anderer fragte: „Warum ignoriert Herr Maas diese Fakten? Sollte sich der Justizminister in diesem Land aussuchen können, welche Informationen er zur Kenntnis nimmt? Und warum tut er das, wenn dadurch möglicherweise Menschenleben gefährdet werden? Wenn eventuell bereits Opfer in Brüssel hätten vermieden werden können?“

Da weite Teile der Presse die reinste Hofberichterstattung betreiben und ihren Anspruch aufgegeben haben, Korrektiv der Macht zu sein, Stellungnahmen von Mitgliedern der Bundesregierung kritisch zu hinterfragen und zur Realität in Beziehung zu setzen, müssen die Bürger eben versuchen, sich selbst einen Reim auf die Ereignisse zu machen, eigene Schlussfolgerungen zu ziehen und ergänzende Informationen aus der „Auslandspresse“ auszutauschen. Nur das ist Heiko Maas auch nicht recht. Solche und ähnliche Kommentare sind es ja, die er pauschal als „Hasskommentare“ abqualifiziert, die er gemeldet und gelöscht haben will.

Nichts Neues von Mazyek: Ein Verwandter im Geiste von Maas, was die Zensur unliebsamer Meinungen angeht, ist der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland. Nach den Anschlägen von Brüssel forderte Aiman Mazyek in einem n-tv-Interview, Zeitungstitel wie „Terror im Namen des Islam“ dürften in Zukunft nicht mehr geduldet werden. Der Terror habe nichts mit Religion, schon gar nicht mit dem Islam zu tun. Rechtsextremisten versuchten vielmehr die Gesellschaft zu spalten, indem sie eine derartige Verbindung konstruierten.

Denkt man Mazyeks Gedanken konsequent zu Ende, ist der effektivste Kampf gegen den islamistischen Terror der „Kampf gegen rechts“. Auch dieses Interview glich eher einer amtlichen Verlautbarung, es gab keinerlei kritische Anmerkungen oder Nachfragen, konsequenterweise auch keinen Kommentarbereich.

Nichts Neues vom SPIEGEL: Rechtzeitig zu einem Osterfest, das wie kein anderes zuvor von weltweiter Terrorangst und Anschlägen  überschattet war, deren Urheber sich zumindest auf den Islam berufen, erschien der SPIEGEL mit einem Cover, das zum Fremdschämen feige war: im Mittelpunkt ein Kreuz, umringt von Donald Trump, Putin, einem christlichen Fanatiker mit Kreuzritter-Hemd und Jesusbild, Titel: „Der missbrauchte Glaube“. Links im Hintergrund dann diejenigen, um die es eigentlich in diesen Wochen und Monaten geht: die sadistischen Mörder des „Islamischen Staates“.

In derselben Woche, in der im pakistanischen Lahore 70 christliche Frauen und Kinder durch die Nagelbombe eines islamischen Religionslehrers in Stücke gerissen wurden, durften auch die Kolumnisten von SPIEGEL-ONLINE ausnahmsweise – statt des üblichen AfD-Bashings – ebenso ellenlange wie inhaltsleere Aufsätze über „Religion“ verfassen.

Nichts Neues von Jakob Augstein: Er befand, ganz im Einklang mit Maas und Mazyek, der „vorgebliche Zusammenhang des Terrors mit der islamischen Religion“ sei eine „westliche Konstruktion, derer wir bedürfen, um uns das Eigene, das wir im Terror erkennen, vom Leib zu halten“.

Nichts Neues von Georg Diez: Der bezeichnete Jesus als „Terroristen“ und verfasste eine pubertäre Schmähkritik gegen den Gott der Bibel, „der niemanden neben sich duldet und schon gar nicht den Menschen: Nach innen fordert er Gehorsam, dieser Gott, nach außen sucht er Gegner.“

Nichts Neues von Margarete Stokowsky: Für sie ist der Messias, „im Körper des kanadischen Premierministers Justin Trudeau“ zurückgekehrt, weil dieser Feminist sei und bei Gay-Pride-Veranstaltungen mitmache.

Nur Sascha Lobo tanzte ein wenig aus der Reihe, allerdings mit einer sehr bescheidenen Spätchecker- Erkenntnis, die zudem in einem wahren Texthaufen vergraben lag: „Wer genau jetzt ausschließlich  vor rechtem Terror warnt, während islamistische Faschisten soeben gemordet haben, der verdrängt Wesentliches. Man kann auch durch Ignorieren zynisch sein.“

Verfügten die Journalisten, die in diesem Land den Ton angeben, nur über einen Bruchteil jener „Empathie“, den sie in ihren Kolumnen und Kommentaren gebetsmühlenartig von der Bevölkerung für die „Flüchtlinge“ einfordern – dann würden sie nach dem furchtbaren Anschlag von Lahore etwa der Frage nachgehen, wieso Deutschland und Europa statt muslimischer Jungmänner, die immerhin reich genug sind, die Schleuser zu bezahlen, nicht die winzige und völlig verarmte christliche Minderheit Pakistans aufnehmen. Diese Menschen sind echte Verfolgte, sie werden in ihrer Heimat systematisch diskriminiert und mit dem Tode bedroht – doch das interessiert die Augsteins und Diez´ dieser Republik einen feuchten Dreck.

„Sturmgeschütz der Demokratie“ wurde der SPIEGEL einst genannt. Heute ist er ein klappriger Pickup mit aufmontiertem Maschinengewehr, besetzt von zwielichtigen Gestalten, die auf alles Mögliche feuern, nur nicht auf die schlimmsten Feinde der Demokratie.

Deutschland im Frühjahr 2016: Eine unbarmherzig sengende Sonne auf steinharter Erde und verdörrter Vegetation, ein ausgetrockneter Flusslauf, darin ein halbtotes Tier, das immer dieselben stöhnenden Laute von sich gibt, und über ihm kreisen schon die Geier…

Die sengende Sonne, das ist die Politische Korrektheit, die die Maas´ und Mazyeks über das ganze Land gespannt haben und unter der eine drückende Angst herrscht, etwas „Falsches“ zu sagen, während ringsherum ein Terror wütet, dessen Urheber und Nutznießer nicht benannt werden dürfen. Das halbtote, stöhnende Tier ist eine Politik, die durch Verblendung und Feigheit handlungsunfähig geworden ist und nur noch hohle Phrasen absondert. Der ausgetrocknete Flusslauf sind die Medien, erstarrt vor Konformismus. Und die verdorrten Pflanzen am Rande, das sind die Bürger, die sich bieten lassen, dass andere darüber bestimmen, wie und mit wem sie auf wessen Kosten und mit welchen gesellschaftlichen Konsequenzen zusammenzuleben haben.

Zwei Meter tiefer gibt es auch noch ein bisschen Leben: dort plätschert das unterirdische Bächlein der Leserkommentare, eingehegt und abgeschottet, ohne große Chance, an die Oberfläche zu gelangen und Gehör zu finden. Das ist Deutschland im Frühjahr 2016 – ein Land in Agonie, erstarrt in Zukunftsängsten, Heuchelei und Phrasenhaftigkeit, sich sprachlos, hilflos und wehrlos dem ausliefernd, was immer kommen mag.

Oliver Zimski ist Übersetzer, Sozialarbeiter und Autor. 2015 erschien sein Kriminalroman „Wiosna – tödlicher Frühling“.

Foto: Gemeinfrei via Wikimedia Commons
Leserpost (9)
Dr. Christian Rother / 03.04.2016

Herr Mazyek behauptet nicht nur, dass der Islam nichts mit dem Islamismus zu tun hat. Er will schon seit Jahren den Begriff des Islamismus streichen (so etwa in dem Artikel „Schafft den Begriff Islamismus ab!“ vom 15.09.2013 auf der Internetpräsenz des ZMD „islam.de“). Indirekt hat das jetzt auch die Präsidentin der Berliner Akademie der Künste Jeanine Meerapfel gefordet. Im Radiosalon von ARD und ZEIT vom 3.4.2016 sagte sie im Zusammenhang der Frage nach dem Verhältnis des Islam zur Gewalt: „Das Wort ‘islamistisch’ ist für mich ein Problem, weil da ist das Wort ‘Islam’ drin.“ Verzichtet man auf den Islamismusbegriff mit der Absicht, problematische Inhalte des Islam zu verdecken, verzichtet man auf einen Begriff, der hervorragend für eine Selbstkritik des Islam geeignet ist. Dass Mazyek sich stattdessen lieber in der Kunst der Verdrängung übt, ist nicht neu. Dass ihm aber die Präsidentin der Akademie der Künste hierin folgt, ist erschreckend.

Gerd Kistner / 03.04.2016

Gemach! Keine politische Korrektheit ohne Medien. Also sind Medien die sengende Sonne, d.h. die erste Gewalt im Staat und der Souverän. Das Volk, der Pseudosouverän kann sich dagegen wehren oder sich damit abfinden, es hat sich angesichts von Brot und Spielen für letzteres entschieden.

Hanna Mohrmann / 03.04.2016

Leider wahr, ich bin letztens zufällig über die Seite des Bundesamtes für Verfassungsschutz gestolpert. Da stehen die Zahlen zum Thema rechtsradikale, linksradikale, Islamisten und andere Gruppierungen. Die Zahlen sind erschreckend und man fragt sich nach der Lektüre, ob unsere Politiker überhaupt lesen was ihnen der Verfassungsschutz so vorlegt. Nach diesen Zahlen sind 43.890 der 4 Millionen Muslime in Deutschland dem Islamismus zuzurechnen. Dunkelziffer gibt es natürlich, der Salafismus gilt als staatsfeindlich, da er eine neue Gesellschaftsordnung möchte, auch hierzu umfangreiche Informationen zu finden auf der Seite des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Dagegen sind die linksradikalen 27.200 und die rechtsradikalen 21.000 zahnlose Tiger. Wenn man die in Relation zu der Einwohnerzahl Deutschlands (80 Millionen) setzt, kann man von einem “Problem von Rechts” nicht reden. Wer mehr wissen möchte, z.b. zu Straftaten und verbotenen Organsationen, dem kann ich die Seites des Bundesamtes für Verfassungsschutz nur ans Herz legen. Heiko Maas kann offensichtlich nicht lesen.

Horst Jungsbluth / 03.04.2016

So beantwortet sich auch die bisher leider nicht gestellte Frage, warum ausgerechnet in der Stadt mit der größten Mediendichte in der Bundesrepublik Deutschland, nämlich Hamburg, jahrelang unbeachtet der schlimmste Terroranschlag in der Weltgeschichte vorbereitet werden konnte.

Torsten Boysen / 03.04.2016

Ich pflichte meinem Vorredner bei. Man kann den jungen Menschen nur raten, das Land zu verlassen. Wie kann es nur sein, dass ein Bündnis von Parteien mit ihren Funktionären und Unterstützern (früher hätte man fünfte Kolonne gesagt) in den sich selbst gleichgeschaltenden Medien den Staat so fest im Griff hat, dass man gezwungen wird, mit inkompatiblen Migranten zusammen zu leben und sie finanziell zu unterstützen, ohne dass man als Bürger dazu wirklich befragt wird. Irgendwie scheinen Mütter und Väter des Grundgesetzes so manches nicht bedacht zu haben - z.B. dass die Parteien Meinung und Staat dominieren (hieß es nicht, sie sollen an der Willensbildung nur mitwirken). Das freiheitliche Deutschland, in dem ich hatte das Glück aufzuwachsen, wird es bald nicht mehr geben.

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